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Veröffentlicht am 07.01.2026

Ein Orkan an Gefühlen

Das Verhalten ziemlich normaler Menschen
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„Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ hat mich schon während des Lesens so berührt, dass ich mir nebenher direkt einmal angeschaut habe, was K.J. Reilly schon sonst so geschrieben hat und da habe ...

„Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ hat mich schon während des Lesens so berührt, dass ich mir nebenher direkt einmal angeschaut habe, was K.J. Reilly schon sonst so geschrieben hat und da habe ich mich auch direkt angesichts eines noch verfügbaren Audible-Guthabens auf meinem Konto dazu verleitet gesehen, mir das Hörbuch zum Jugendroman „Words we don’t say“ (bisher wohl noch nicht übersetzt) anzuschaffen und während ich dieses Buch dann eben auf Deutsch zu Ende gelesen habe, habe ich zur gleichen Zeit den anderen Roman auf Englisch gehört – und wen „Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ zu begeistern wusste, der wird auch an „Words we don’t say“ sicherlich Freude haben.

Auch wenn der jugendliche Asher im „Verhalten ziemlicher Menschen“ als Hauptfigur auftritt, hat die tragende Rolle hier für mich doch der persönliche Umgang mit Trauer. Nach dem seine Mutter, bei einem durch einen betrunkenen Fahrer verursachten Autounfall, gestorben ist, findet sich Asher, inzwischen völlig aus der Bahn geworfen, erst in der einen Trauergruppe wieder und trotz allem Widerwillen besucht er sehr schnell gleich mehrere solcher Gruppen mit demselben Schwerpunkt, in denen er zunächst zwar immer sehr aufmüpfig auftritt, aber sich dann doch auch zu öffnen beginnt und vor Allem auch interessiert den weiteren Teilnehmenden gegenüber auftritt, zu denen sich sehr einzigartige Freundschaften entwickeln.

Ich mag es ja sehr, wenn grade in derlei Romanen (im Bereich der Erwachsenenliteratur war dies für mich auch ganz schön in „Mein drittes Leben“ von Daniela Kriens erkennbar) mittels Gesprächen mit Nebenfiguren deutlich wird, dass jeder Mensch seine eigenen Päckchen zu tragen und Schicksalsschläge zu verwinden hat und dass man nicht alleine mit solchen Erfahrungen ist, dass man weder der Erste noch der Letzte ist, der Verluste zu betrauern hat, und wie tröstlich es sein kann, sich da einfach mal auszutauschen und vor Allem: seine Gedanken auch mal rauszulassen.
In diesem Fall werden all diese Punkte besonders akut dargestellt, da die Figuren eben an diese Trauergruppen angebunden sind und doch auf ganz unterschiedliche Weisen betroffen sind, aber eben alle doch auch die gleichen Trauerphasen durchlaufen.

Dabei vermochte es der Roman, auch in mir ganz verschiedene Emotionen auszulösen, ob es nun eine gewisse Traurigkeit war, wenn ich mich an eigene Verluste erinnert sah, oder Freude ob einiger „Lichtblicke“ im Leben der Figuren, und zuweilen war ich auch sauer auf Asher, der, sich so nachvollziehbar seine Trauer und seine Wut auf den Unfallfahrer auch war, grade anfangs, vom Rachegedanken getrieben, auch Anderen gegenüber selbst absolut nicht korrekt verhielt: da dieser Punkt gleich zu Beginn aufs Tapet kommt, nehme ich da nun nicht groß was vorweg, wenn ich erzähle, dass Asher sich von seiner damaligen Freundin getrennt hat und nun online eine andere Persona kreiert hat, mit der er quasi die Tochter des Unfallverursachers scammt, auf die er vor Allem deswegen ebenfalls wütend ist, weil ihr Vater noch lebt. Also da wird Trauer, nebst Rachegedanken, auch sehr auf Andere projiziert und Menschen verletzt, die nicht direkt mit dem Todesfall in Verbindung stehen.

In „Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ findet nun ein Roadtrip statt, an dessen Ende Asher seiner Rache freien Lauf zu lassen vorhat, wobei dieses Vorhaben bei mir von Anfang an ein mehr als flaues Gefühl auslöste, denn in dieser Hinsicht verstand die Erzählart es vorzüglich, mir als Leserin mehr als deutlich vor Augen zu führen, wie festgefahren Asher in dieser Gedankenwelt war, dass er erstmal auch gar nicht berücksichtigte, dass sein Racheplan grad auch seinen kleinen Bruder, um den er sehr besorgt war, an eine ähnliche Stelle wie ihn führen könnte – oder eben die Kinder des Unfallverursachers.
„Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ wartet zum Ende hin noch mit einem kleinen Wendepunkt auf, wobei ich nicht weiß, ob ich den als überraschend bezeichnen soll, denn wirklich unerwartet kam der für mich nicht; das war prinzipiell etwas, mit dem man auch hatte rechnen können; Menschen, die sich aktuell in Trauer befinden, würde ich vermutlich nicht unbedingt zu diesem Buch raten, sofern sie nicht klar kommunizieren, dass sie es als hilfreich empfinden, über anderer Leute Umgang und Empfindungen mit und in diesen Phasen zu hören/lesen, denn hier sterben zudem auch einfach Alte, Junge, Kranke, Gesunde… und manche plötzlich, manche langwierig. In den Gesprächen der Trauergruppe(n) kommt da halt echt so ziemlich alles vor.

Generell ist es aber ein sehr nachdenklich machendes, bewegendes Buch, nicht nur für Jugendliche mit einer wichtigen Thematik und wie gesagt, wer diesen Roman dann gerne mochte, dem würde ich auch „Words we don’t say“ ans Herz legen, auch sehr berührend und aber mehr von inneren Monologen anstatt von Gespräch(sgrupp)en und einem stärkeren Fokus auf Freundschaft anstelle auf Trauer geprägt.

Veröffentlicht am 07.01.2026

Starke Protagonistin, letztlich unnötig schwach gemacht

Sing, wilder Vogel, sing
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War ich eingangs doch sehr neugierig auf diesen Roman gewesen, der meine historischen und kulturgeschichtlichen Interessen bereits im Vorfeld stark anzusprechen schien und dessen Beginn mich auch auf Anhieb ...

War ich eingangs doch sehr neugierig auf diesen Roman gewesen, der meine historischen und kulturgeschichtlichen Interessen bereits im Vorfeld stark anzusprechen schien und dessen Beginn mich auch auf Anhieb sehr in den Bann zog, krankte er letzten Endes meines Erachtens doch auch ein klitzekleines bisschen an diesem neueren Phänomen, das mir in den letzten Jahren häufiger mal die Freude am Lesen etwas vergällt hat: nämlich dem übertriebenen Einbauen verschiedener Handlungsstränge voller Bewegung, das Erzählungen schnell zur Karikatur verkommen lässt. Im Falle von „Sing, wilder Vogel, sing“ war dies nicht ganz so extrem, sondern für mich lediglich im Schluss des Romans zu erkennen, der einen merkwürdigen Showdown offenbarte, der für mich nicht zum ruhigeren Inhalt zuvor passte, in dem Honora eher als Figur dargestellt wurde, die zwar bereits von Anfang an als kämpferische Außenseiterin gezeichnet wurde, aber im Verlauf der Handlung doch auch immer selbstsicherer nach außen auftrat, die auch durchaus für sich selbst einstand.

Gut, da hatte die Handlung zwar dauerhaft auch einen kleinen Beigeschmack von „Die Frau muss von einem Mann gerettet werden“, jedoch war meiner Meinung nach jenes Aroma sehr viel deutlicher präsenter, dass Honora sich durchaus selbst behaupten könnte, so dass ich sie eher als potentielle Galionsfigur des Feminismus sah; für mich war das eine Frau, wie sie sich auch in der Suffragettenbewegung hätte wiederfinden können. Da hoffte ich auch, zum Schluss eine klare Befreiung von all diesen oberflächlichen Konventionen zu sehen, die halt manchmal immer noch durchschienen, auch wenn Honoras Umfeld gemeinhin eher aus von der Gesellschaft Ausgeschlossenen und Diskriminierten bestand (und grade deswegen war es mir dann auch zu viel, dass später noch eine weitere solche männliche Figur als nahezu tragende Rolle eingeführt wurde, wobei dieses Auftreten für mich eben auch dieser, von mir eingangs auch mitgemeinten, völligen Überzeichnung entsprach).

Ich habe also sehr mit ihr mitgefiebert und Honora an sich auch als starke Frauenfigur empfunden, ihre Emotionen und auch ihre gewisse innere Zerrissenheit habe ich gut nachvollziehen können, aber wieso Jacqueline O`Mahony sie schließlich doch in ihrem Auftreten so abgeschwächt hat, dass sie da eher zur Nebenrolle ihrer eigenen Geschichte verkam, ist für mich persönlich so erstmal nicht nachvollziehbar und mit dem Auftreten des neuen Protagonisten stand ich da gedanklich eher weniger bei Honora als am Seitenrand, wo ich hoffte, dass jetzt bitte nicht noch mehr Klischees bedient werden würden.

Generell habe ich diesen Roman aber sehr gemocht, zumal es auch authentische historische Ereignisse gab, die da verwoben wurden, und Honora war eben auch eine durchaus faszinierende Hauptfigur, aber während des ersten Viertels hatte ich doch damit gerechnet, dass „Sing, wilder Vogel, sing“ sich zu einem meiner Jahreshighlights 2025, und noch mehr: zu einem meiner All-time Favourites, entwickeln würde. Wenn ich es 2030 nochmals in die Hand nähme, würde ich es bestimmt auch erneut ganz gerne lesen, aber nach aktuellem Stand ist dabei auch davon auszugehen, dass ich die Geschichte bis dahin ohnehin weitgehend vergessen habe und es dann für mich so ein „Fandest du damals doch nicht so schlecht, lies es halt nochmals“-Buch ist, was ich eher aus Langeweile oder grad aus Ermangelung an verfügbarer, für mich noch völlig unbekannter Lektüre, aus dem Regal gezogen haben werde. Zumindest werde ich es wohl aber auch dauerhaft in meinem Bücherregal behalten und vier Sterne kann ich hier auch noch ohne jeglichen Zweifel vergeben.

Veröffentlicht am 20.01.2025

Manisch, aber ohne jedwede Romantik

Love Letters to a Serial Killer
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Dieses Buch hatte mich neugierig gemacht, weil es mit einer ähnlichen Prämisse startete wie „The Innocent Wife“ von Amy Lloyd: Frau verliebt sich in mutmaßlichen Mörder; zugegeben „The Innocent Wife“ war ...

Dieses Buch hatte mich neugierig gemacht, weil es mit einer ähnlichen Prämisse startete wie „The Innocent Wife“ von Amy Lloyd: Frau verliebt sich in mutmaßlichen Mörder; zugegeben „The Innocent Wife“ war da direkt ein wenig drastischer und konfrontierte das Lesepublikum sofort mit einer, „für ihre große Liebe“, emigrierenden Frau und einer angefochtenen Verurteilung, während sich „Love Letters to a Serial Killer“ rund um den ursprünglichen Prozess abspielte – so sehr mich die Ich-erzählende Protagonistin auch mehr und mehr nervte, war es doch interessiert, wie extrem hier deutlich wurde, dass sie sich, noch von vorherigem „Liebeskummer“ (in Anführungszeichen, weil der betreffende Mann sie wohl auch eher als Kurzzeit-Affäre denn als Ex bezeichnen würde) geprägt, in die Idee einer Beziehung verrannte und generell stark depressiv war. Zum Einen empfand sie als begeistertes Mitglied eines True-Crime-Forums die Vorstellung eines Verbrecherkontaktes von vornherein als emotionalen Kick und schien sich dabei bereits hinter dem Vorwand „ich wollte den Mörder angesichts seiner Taten nur wüst beschimpfen“ zu verstecken; kein Spoiler, denn nur schon der Titel verrät ja bereits, dass der Inhalt ihrer Schreiben eine romantische Richtung einschlägt. Zum Anderen gibt sie später, als es darum geht, den Prozess vor Ort als Zuschauerin zu verfolgen, kaum weniger als Lloyds weibliche Hauptfigur auf, ist dabei aber weiter eher von Williams Schuld als von seiner Unschuld überzeugt und weiß auch Nachfragen nicht zu beantworten, wie sie sich ihre Zukunft mit William denn weiter vorstellen würde, egal, ob er nun schuldig gesprochen (und dann vermutlich zum Tode verurteilt) oder eben nicht werden würde. Da gab es nie diese Überzeugung von seiner Unschuld und kein ausgemaltes „dann leben wir glücklich bis ans Ende unserer Tage“.

Tatsächlich habe ich die ganze Zeit damit gerechnet, dass irgendwer endlich mal auf Hannah und ihr obsessives Verhalten aufmerksam werden würde und (anstelle sie in ihrem Verhalten zu bestärken) auch die offizielleren Stellen rund um den Prozess informieren würde, denn sie gehörte ganz offensichtlich vor sich selbst beschützt – zumal sie später auf Indizien stößt, dass, sollte William unschuldig sein, vermutlich jemand aus dessen Familie der wahre Mörder ist, aber weil sie es auch für irgendwie möglich hält, dass die von ihr ansonsten verdächtigten Kerle einfach auch nur an Williams Unschuld glauben (wollen) und verzweifelt nach Beweisen hierfür suchen: natürlich sucht sie ganz demonstrativ deren Nähe und verbringt auch alleine und einzeln Zeit mit diesen, um in Gesprächen noch genau auf die von ihr gesammelten Indizien hinzuweisen, die dafür sprechen, dass man William diese Mordserie einfach nur in die Schuhe geschoben hat. Den, geschweige denn dessen Anwälte, setzte sie natürlich hingegen über nix davon in Kenntnis.

„Love Letters to a Serial Killer“ erzählt in meinen Augen da vornehmlich die Geschichte einer suizidalen Stalkerin; und auch das auf eine Art, die mich eher nervte. Mir war es, um ehrlich zu sein, sehr schnell völlig egal, ob William oder einer seiner Verwandten nun der Killer war: stattdessen hoffte ich, dass sich die Geschichte der Ich-Erzählerin möglichst bald dadurch erledigt haben würde, dass Hannah noch abgemurkst werden würde. Egal wie viele Seiten noch vor mir lagen: der Rest hätte ja auch noch auktorial erzählt werden können, oder personal vom Täter, aber Hannah als Erzählstimme war einfach viel zu sehr „oh, Honey“ (Gruß geht raus an die HIMYM-Drehbuchcrew).
Andererseits: ab dem Moment, an dem mich Hannahs Figur so sehr ermüdet hatte, gewann die Handlung für mich dann auch an Spannung, da ich bei jedem Einzelkontakt zu einem anderen Verdächtigen drauf wartete, dass er sie jetzt „harhar, haste mich erwischt – und jetzt Pech gehabt“ auch umbringen würde, aber da gab es wieder und wieder Treffen, bei denen nichts passierte und angesichts derer ich ständig dachte: „Hannah, du solltest vielleicht nicht allein mit einem mutmaßlichen Serienkiller da rumhängen und dem dabei alles anvertrauen, was dir grad so auffällt, dass es für dich wahrscheinlich macht, dass er ebenso gut wie William schuldig sein könnte.“

Ein Happy End habe ich für mich aufgrund Hannahs Auftreten schon von vornherein ausgeschlossen; wie erwähnt: sie war zu keinem Zeitpunkt absolut von Williams Unschuld überzeugt, verteidigte ihn nie vehement und hatte auch keine Vorstellung davon, wie ihre Romanze nach dem Prozess weitergehen sollte; immerhin da war sie reflektiert genug, dass es nicht für eine vertrauensvolle, ebenbürtige Beziehung spricht, so sehr am Partner zu zweifeln, als dass man dem bei dessen Freispruch noch geradeaus in die Augen blicken könnte – und bei einer Verurteilung hätte sich das mit dem von ihr ersehnten heilen Familienleben, um das sie ihre alten Freundinnen und Kolleginnen doch so beneidete, ebenso erledigt.
Wirklich überraschend fand ich das Ende dann auch nicht, aber auch das fiel für mich nun eher unter „konstruierte Dämlichkeit“; ich denke, so schnell will ich erstmal keine Romane mehr lesen, in denen Frauen sich in ihren Knast-Brieffreund verlieben, der vielleicht ein Mörder ist, vielleicht aber auch nicht, aber wer sich für einen solchen Trope interessiert, dem würde ich dann doch eher den Titel von Amy Lloyd anraten, was vor Allem daran liegt, dass dort die Figuren nicht allesamt so extrem farblos sind; in diesem Coryell-Roman gibt es auch insgesamt nicht einen Charakter, der irgendeinen Reiz ausübte; selbst Williams angebliches Charisma kam für mich gar nicht rüber und auch die ausgetauschten Briefe empfand ich eher klinisch-nüchtern. (Grade da hätte ich angesichts des gewählten Buchtitels doch sehr viel mehr Liebe drin erwartet.)

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Veröffentlicht am 07.08.2024

Ist man je zu alt, um noch dazuzulernen?

Pi mal Daumen
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Der Klappentext von „Pi mal Daumen“ verspricht das „Porträt einer selbstlosen Frau“ und die Erzählung der „späten Selbstfindung einer Großmutter“ und hätte ich nicht angesichts der Autorin zunächst blind ...

Der Klappentext von „Pi mal Daumen“ verspricht das „Porträt einer selbstlosen Frau“ und die Erzählung der „späten Selbstfindung einer Großmutter“ und hätte ich nicht angesichts der Autorin zunächst blind einen Blick in den Anfang des Romans geworfen, würde es mich krass verblüfft haben, dass hier der junge Oscar als Ich-Erzähler auftritt und wir die gemeinte Frau und Großmutter aus seinem Blickwinkel dargestellt bekommen. Die Buchbeschreibung hätte mich da eigentlich entweder einen neutralen Erzähler oder Moni als Erzählerin erwarten lassen.
Oscar ist 16, adelig, hochintelligent und hat nicht nur schon vor Langem beschlossen, Mathematik studieren zu wollen, sondern sein Studium komplett durchgeplant – Moni ist Anfang 50, prollig, hochempathisch und hat sich nun (heimlich) für das Mathematikstudium eingeschrieben, von dem sie schon seit Langem träumte: Gleich bei ihrer ersten Begegnung nimmt sie Oscar ein wenig unter ihre Fittiche, der keinen Hehl aus seiner Überzeugung macht, ihre Einschreibung würde nur kurzzeitig Bestand haben, zumal Mathematik zu den Studienfächern zählt, die prinzipiell einen enormen, und rapiden, Schwund an Studierenden haben. Oscar bleibt unsicher, ob Moni sich nicht doch einfach nur unbefugt ins Auditorium geschlichen hat, und ist völlig verärgert, dass Moni dem Studium nicht so viel Raum einräumt wie er; Moni ist es hingegen unverständlich, wie Oscars Eltern ihren „Kleinen“ so einfach allein in die große, weite Welt hinaussenden konnten, denn Oscar hat nicht nur eindeutige autistische Züge, sondern ihm ist auch anzumerken, in welch geschützter privilegierter Blase er aufgewachsen ist und wie wenig er vom „normalen“ Durchschnittsleben weiß.

Damit wartet „Pi mal Daumen“ also mit zwei Hauptfiguren auf, von denen man denkt, dass sie definitiv voneinander profitieren könnten (Moni könnte etwas mehr an sich denken anstelle sich ständig für Andere aufzuopfern; Oscar könnte hingegen sozialer werden), von denen man aber auch bezweifelt, ob sie nicht doch viel zu sehr Feuer und Eis sein werden als dass sie einen längeren Kontakt zueinander halten, von einer Freundschaft aufzubauen ganz zu schweigen, könnten.
Tatsächlich entwickelt sich die Freundschaft hier wohl auch hauptsächlich aus Monis Mutterinstinkt und Oscars Faszination für Moni, hinter deren Studium er ein Geheimnis sieht, das er unbedingt ergründen will, und die er zwar zu dumm für die Uni hält, die zu seiner Überraschung aber doch auch häufig „Geistesblitze“ hat oder über zig Ecken und Kanten denkend zu den richtigen Ergebnissen kommt. Auch Moni zweifelt an ihrer Intelligenz; in ihrer Familie wären nunmal alle dumm; wobei Oscar nach den ersten Begegnungen mit Monis Enkeln Zweifel an dieser Theorie zu entwickeln beginnt, was ihn in Folge nur weiter herausfinden lassen will, wieso man dort in der Familie so bestimmt darauf pocht, mit Zahlen einfach nix anfangen zu können.

„Pi mal Daumen“ zeigt definitiv eine persönliche Weiterentwicklung beider Figuren, wobei mich Oscars Über-Frage „Wer ist Moni überhaupt?“ immer weniger interessiert hat; da hat es mich schließlich sogar ein bisschen genervt, dass er Monis Biografie so genau enthüllen wollte – war zwar schön, dass er neben der Mathematik da eindeutig auch noch ein anderes Interesse entwickelte, aber zum Einen wirkte Moni auf mich von Anfang an nicht dumm, sondern eher da genial-raffiniert, wo Oscar eben genial-rational war, und zum Anderen blieb mir auch unklar, was er eigentlich teils sehr aufwändig herauszufinden hoffte. Da gab es diverse Szenen, in denen ich dachte, er könnte auch einfach mal fragen – kurioserweise erhält er einige Antworten letztlich tatsächlich genau so, und zwar völlig beiläufig. Klar spiegelt das auch Oscars eigene Entwicklung wider, von einem, der sich eigenbrötlerisch durch zig alte Unterlagen in Archiven wühlt, zu einem, der Betreffende auch einfach mal bzgl. seiner Fragen zu deren Lebensläufen anspricht und sozusagen „sozialgesellschaftlicher“ agiert, aber mir war das alles zum Ende hin etwas zu langgezogen. Auch der (meiner Meinung nach letztlich einfach überflüssige) Epilog hat mir völlig missfallen; mit einem Teil davon hatte ich schon frühzeitig gerechnet, aber (kein Spoiler! auch wenn’s vielleicht so klingt) Mehrdimensionalität passte zwar zum mathematischen Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zog, jedoch erschien mir eher ein Mischmasch aus verschiedenen, auch spirituellen, Ebenen kreiert worden zu sein, der einfach nur „literarisch wunderschön“ klingen sollte; generell hat mich der Schluss des Romans eh ein wenig enttäuscht. Das war eines dieser Enden, das mir so vorkam als habe der/die Verfassende irgendwann selbst gemerkt, dass sich die Handlung inzwischen reichlich zog und sie nun zu einem flotten Abschluss kommen lassen wollen, und dabei dann leider alles etwa zerhackt.

Ich habe „Pi mal Daumen“ wirklich gerne gelesen, bis fast zum Schluss, aber der Schlussteil hat es mir dann doch reichlich verhagelt; mein Bronsky-Lieblingsroman wird dies deswegen definitiv nicht werden; ich runde in meiner persönlichen Lesewertung (3,8*) da ganz knapp auf vier Sterne auf.

Veröffentlicht am 20.07.2024

Plötzlich ohne Tochter, aber mit unbändiger Trauer

Mein drittes Leben
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In „Mein drittes Leben“ berichtet die verwaiste Mutter Linda, selbst erst knapp 40 Jahre alt, von dem krassen Einschnitt, den der Unfalltod ihrer 17jährigen Tochter Sonja für ihr Leben bedeutet hat, und ...

In „Mein drittes Leben“ berichtet die verwaiste Mutter Linda, selbst erst knapp 40 Jahre alt, von dem krassen Einschnitt, den der Unfalltod ihrer 17jährigen Tochter Sonja für ihr Leben bedeutet hat, und gibt zudem Einblick in ihr eigenes Aufwachsen bis hin zum Erwachsen- und vor Allem Mutterwerden ebenso wie in die gemeinsame Zeit mit ihrer Tochter; die drei titelgebenden Leben beziehen sich also auf erstens ihre kinderlose Zeit, zweitens die Zeit, in der ihre Tochter lebte und nun drittens diesen neuen Abschnitt nach dem Tod der Tochter.

Gleich zu Beginn wird man mit der räumlichen Trennung konfrontiert, die unlängst zwischen Linda und ihrem Mann Richard, Sonjas Vater, vollzogen wurde bzw. eher ausschließlich von Linda durchgeführt wurde, die – es lässt sich nicht anders umschreiben – in und mit all ihrer Trauer aus Leipzig aufs Land geflüchtet ist, wo sie sich zwar komplett von der Außenwelt zurückzuziehen versucht, aber mit der Zeit doch auch zarte Bande neuer Bekanntschaften knüpft. So erlebt man als Lesende*r mit, wie sich Linda von der stillen, trauernden Frau ohne jegliches Zeitgefühl, für die alle Tage gleich belanglos vorübergehen, zu einer Frau entwickelt, die, aufmerksam das Geschehen um sich herum beobachtend, langsam wieder zurück in ein aktives Leben kriecht.
Linda als Hauptfigur ist hierbei von der Autorin sehr multidimensional dargestellt, wobei ich immer noch nicht weiß, ob sie mir nun sympathisch ist. Eingangs fand ich sie eher anstrengend, da sie Richard nicht nur vorzuwerfen schien, dass er mit seiner Trauer völlig anders umging, ohne dass die Beiden sich je über ihren gemeinsamen Verlust unterhalten zu haben schienen; nein, als dessen zweite Frau gab sie zwischen den Zeilen doch auch freimütig zu, dass sie ihm von Anfang an übelgenommen hatte, dass er sich absolut innig um seine Kinder aus der ersten Ehe kümmerte, während er zugleich Zweifel hatte, ob Linda und er überhaupt ein gemeinsames Kind bekommen sollte, da er doch deutlich älter als sie war und er seine Familienplanung eigentlich schon als abgeschlossen betrachtet hatte. Richard, dessen erste Frau ihm gegenüber sogar gewalttätig geworden war und die sich kaum um ihre Kinder scherte, hatte sich mit Linda dafür auf eine Frau eingelassen, die zwar unbedingt eine Familie haben wollte, der es aber auch viel wichtiger zu sein schien, selbst Kinder zu gebären, anstelle Richards Kinder zumindest als ihre Stiefkinder anzuerkennen und eine echte Bindung zu diesen aufzubauen: Insgesamt hatte ich da nach der anfänglichen Lektüre einer die ersten 57 Seiten umfassenden Leseprobe bereits den Eindruck einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Verbindung; auch nach dem Auslesen des kompletten Buchs glaube ich nicht an ein mögliches Funktionieren des Paares Linda/Richard, das für mich im Rahmen einer Freundschaft dauerhaft funktionieren könnte, aber für mich auf romantischer Ebene schon von ihrem Kennenlernen an nie mehr als eine Art Zweckgemeinschaft hatte sein können.

In dieser Erzählung, in der sich Linda von allen, auch von ihm, distanziert hat, stellt sich Richard zügig als jemand heraus, der die Liebe und die Intimität einer Partnerschaft vermisst, und sich da bereits neu zu orientieren begonnen hat, wobei die von ihm ins Auge gefasste Dame auch ständig so beschrieben wird, dass allzu offensichtlich ist, dass Richard zu Beziehungen neigt, die ihm zumindest auf Dauer nicht guttun, so dass „Mein drittes Leben“ zwar ganz unterschwellig immer fragte, ob Linda und Richard letztlich wieder zusammenfinden könnten, mich aber immer „besser nicht“ denken ließ.

„Mein drittes Leben“ ist insgesamt ein sehr ruhiges Buch, ähnlich wie es eben auch Linda ist; der Roman gleicht einem an den Rändern ins Expressionistische aufbrechenden Stillleben; und es macht im Verlauf nicht nur Linda weiter nachdenklich, der sich Stück um Stück die sonstigen Tragödien „zerbröselnder“ Menschen um sich herum enthüllen. Nimmt sie es Anderen zu Beginn noch übel, dass deren Kinder leben und diese sich „freuen“, dass keines ihrer Kinder verunglückt ist, bemerkt sie zum Einen immer mehr Leid, das ihr hingegen erspart blieb, was Betroffene umgekehrt ihr ebenso vorhalten könnten und muss zum Anderen auch erkennen, dass grade neue Bekanntschaften weder Ahnung davon haben, dass sie ein Kind verloren hat, noch dass sie weiß, ob diese Menschen nicht doch auch schon Ähnliches bis Gleiches erlebt haben.
Das Leid-Thema ist hier ein sehr großes: steckt dahinter ein Sinn, müssen wir Leid erleben, müssen wir alle einen Umgang damit erlernen, soll persönliches Leid uns etwas lehren? Wie viel bedeutet uns das Leben noch, wenn ihm das uns Bedeutsamste genommen wird; können wir ihm je wieder Bedeutung geben, es ausfüllen, oder ist diese Lücke ein Schwarzes Loch, vor dem uns nichts bewahren kann und dessen Ränder wir nicht sichern können?

Mich hat es sehr berührt, grade dass letztlich auch die Lebenswirklichkeiten anderer Figuren gespiegelt wurden und aufgezeigt, dass doch auch alle ein Päckchen zu tragen haben; ich glaube, das vergisst man in eigene Trauer versunken sehr schnell, ebenso wie das nicht jeder dieselbe Art der Trauer durchlebt, selbst wenn man vom selben Trauerfall betroffen ist, und das wurde hier meiner Meinung nach sehr gut aufgezeigt.
„Mein drittes Leben“ habe ich als sehr eindrückliche Lektüre empfunden, aber allen, die grad selbst noch akut in einem Loch, ob größer oder auch kleiner, stecken, würde ich dann doch noch dazu raten, mit dem Lesen dieses Romans erst dann zu beginnen, wenn das Licht am Ende des Tunnels zumindest schon ganz deutlich zu erkennen ist. Es ist halt einfach keine aufheiternde, oder gar fröhliche, Lektüre, sondern letztlich immer noch die traurige Geschichte einer Mutter, deren Teenie-Tochter tödlich verunglückt ist.