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Veröffentlicht am 13.04.2024

Unterhaltsamer Regionalkrimi

Mord unterm Reetdach
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Sympathische Protagonisten, Sylt Feeling und ein stimmiger Fall – für mich ein gelungener Auftakt einer neuen Krimireihe
Der Immobilienmakler Kristan Dennermann will gerade ein zum Verkauf stehendes Haus ...

Sympathische Protagonisten, Sylt Feeling und ein stimmiger Fall – für mich ein gelungener Auftakt einer neuen Krimireihe
Der Immobilienmakler Kristan Dennermann will gerade ein zum Verkauf stehendes Haus prüfen, da stolpert er direkt über die Leiche des Besitzers. Von Neugier getrieben fängt er an, eigene Nachforschungen zu betreiben. Und ist plötzlich sowohl Verdächtigter als auch Zielscheibe der Intriganten.
Eingebettet ist das Ganze in eine Sylter Wohlfühlatmosphäre. Landschaften und Orte werden bildhaft beschrieben. Dies geschieht vor allem der Sicht eines überaus menschlichen und sympathischen Immobilienmaklers. Hierin liegt für mich gleichzeitig das Risiko des Buches: Die Geschichten aus dem Makleralltag sind fast zu präsent. Wenn aus dem Krimi eine Reihe wird, kann das schnell zu viel werden.
Der Krimi an sich ist schlüssig und macht Spaß zu lesen. Die einzelnen Personen könnten noch ein bisschen vielschichtiger ausgearbeitet sein. Sie sind doch sehr auf ihre für das Buch notwendigen Eigenschaften beschränkt. Die Hauptperson Kristan ist zum Glück als Charakter greifbarer. Da finde ich es tatsächlich schade, dass er ausgerechnet Kochen als Hobby hat. Es kommt mir so vor, als wolle man bewusst auf jeden Zug aufspringen, der gerade „in“ ist. Das hat das Buch eigentlich gar nicht nötig.
Alles in allem ist „Mord unterm Reetdach“ ein gelungener Regionalkrimi. Ich würde – sehr gerne direkt vor Ort – weitere Bücher rund um Kristan Dennermann lesen.

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Veröffentlicht am 07.04.2024

Wie wird man glücklich?

Mit den Jahren
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So richtig warm werde ich nicht mit dem Buch – auch nicht mit den Protagonisten. In einzelnen, teilweise minutiös detaillierten Beschreibungen tauchen wir ein in die Gedankenwelt von Jette, Lukas und Eva. ...

So richtig warm werde ich nicht mit dem Buch – auch nicht mit den Protagonisten. In einzelnen, teilweise minutiös detaillierten Beschreibungen tauchen wir ein in die Gedankenwelt von Jette, Lukas und Eva. Letztere sind ein Paar, Eltern von 2 Kindern und leben mehr oder weniger nebeneinanderher. Sie haben sich verloren über die Jahre. Eva ist mir am nahbarsten. Haushalt am Laufen halten, Verantwortung für Kinder und Beruf, es ist ein unermüdlicher Kreislauf. Sie sehnt sich nach Veränderung und kann diese gleichzeitig nicht wirklich benennen. Jette ist ihr Gegenentwurf, alleinstehend, kinderlos, frei (?). Und mit einer ebensolchen Sehnsucht nach (einem anderen) Leben. Lukas schließlich ist Künstler, unabhängig in der Familie, auf seine Art bemüht aber sich doch stets weg duckend und weg laufend.
Lukas und Eva treffen unabhängig voneinander auf Jette und beginnen ihre Leben mit Jette zu teilen. Warum es ausgerechnet Jette ist, bleibt mir schleierhaft. Jette wirkt, ebenso wie Lukas und Eva, als Person unglaublich blass. Jede(r) einzelne wird auf seine Gedanken rund um Lebensideale, verpasste Gelegenheiten und Möglichkeiten reduziert. Diese Gedankenspiralen sind toll beschrieben, reichen aber für mich nicht aus, um mich mit Begeisterung ins Buch zu stürzen. Zu langatmig ist es mir bisweilen, zu uninteressant und absolut zu sexlastig. Schade, denn es steckt so viel Weisheit und Nachdenkenswertes in den Zeilen.

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Veröffentlicht am 10.03.2024

Herzensprojekt

Der ehrliche Finder
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Das kleine Büchlein ist ein absolutes optisches Highlight. Man spürt überhaupt, dass es ein Herzensprojekt der Autorin ist.
Jimmy und Tristan werden zufällig Freunde. Jimmy ist ein Außenseiter, der gerne ...

Das kleine Büchlein ist ein absolutes optisches Highlight. Man spürt überhaupt, dass es ein Herzensprojekt der Autorin ist.
Jimmy und Tristan werden zufällig Freunde. Jimmy ist ein Außenseiter, der gerne Dinge sammelt und einen geregelten Ablauf benötigt. Und plötzlich tritt Tristan in sein Leben. Ein geflüchtetes Kind, der die Sprache lernen und Fuß fassen will in der neuen Heimat.
An einem Tag wird die ganze Geschichte dieser Freundschaft erzählt. Tristans Schicksal wird vorsichtig angedeutet, seine Verletzungen und Ängste werden in Einzelsituationen sichtbar. Und Jimmy – der nimmt ihn so wie er ist. Endlich jemand, dem er seine Welt zeigen kann. Die beiden Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Ihre Erfahrungen klaffen weit auseinander und trotzdem brauchen und helfen sie einander. Und dann kommt dieser Tag, der alles verändert….
Die Stärke des Buchs liegt im Grunde im Nicht-Ausgesprochenen. Wir erfahren das Schicksal von Tristans Familie aus kleinen Gegebenheiten und spüren die große Geschichte dahinter. Es sind einzelne Momente, die im Gedächtnis bleiben.

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Veröffentlicht am 03.03.2024

Was Heimat für einen Menschen bedeutet

Das Jahr ohne Sommer
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Das Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Denn es besteht für mich gefühlt aus zwei sehr ungleichen Teilen.
Die Ich Erzählerin berichtet zunächst aus kindlicher Sicht, wie es ihr ergangen ist in zwei ...

Das Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Denn es besteht für mich gefühlt aus zwei sehr ungleichen Teilen.
Die Ich Erzählerin berichtet zunächst aus kindlicher Sicht, wie es ihr ergangen ist in zwei Welten. Die Eltern sind Republikflüchtlinge, deren Flucht schief geht. Sie kommen ins Gefängnis und werden später in die BRD freigekauft. Das Kind verbleibt erst bei der Großmutter und zieht dann nach. Staunend lernt es gleichzeitig mit seinen Eltern, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Der Vater ist dabei überangepasst, die Mutter (gesundheitlich) überfordert. Die Stärke und gleichzeitig Schwäche dieses Teils ist dabei das reine dokumentieren des kindlichen Erlebens (und dies wirklich sehr genau – ich erkenne mich an vielen Stellen wieder!), selten jedoch seiner Gedanken. Das Mädchen wandelt zwischen den Welten, ist mal in Ost, mal in West. Hat hier die Eltern, die auf der Suche sind, da eine Großmutter, die ihr Halt und Geborgenheit gibt. Lebt den Alltag im Westen, die Ferien im Osten („Gleichzeitig passierte ich bei meinen Reisen nach Leipzig eine Grenze, die nach wie vor unüberwindlich war, …“). Und das alles sehr gleichmütig, wenig hinterfragend, eher ausweichend.
Was das bei ihr auslöst, erfahren wir erst im letzten Teil. Und das mit einer Wucht und Tiefe, die ich mir schon früher gewünscht hätte. Wir lesen von einer völlig entwurzelten Jugendlichen zur Wendezeit („Sprach ich in dieser Zeit mit Menschen aus dem Osten, hörte ich erste abschätzige Bemerkungen über Wessis. Sollte ich mich angesprochen fühlen?“). Einer Jugendlichen, deren Wertegerüst nie richtig wachsen konnte zwischen den Welten. Einer jungen Frau, die immer auf der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit ist.

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Veröffentlicht am 24.02.2024

Herausfordernde, erschöpfende Lektüre

Ein falsches Wort
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Vigdis Hjorth schafft es, mit intensiven Worten und Wiederholungen das manchmal schwer auszuhaltende Bild einer dysfunktionalen Familie zu zeichnen.
Die Ich Erzählerin Bergljot - inzwischen längst erwachsen ...

Vigdis Hjorth schafft es, mit intensiven Worten und Wiederholungen das manchmal schwer auszuhaltende Bild einer dysfunktionalen Familie zu zeichnen.
Die Ich Erzählerin Bergljot - inzwischen längst erwachsen und Mutter dreier Kinder – wächst mit drei Geschwistern auf. Doch sie und ein Bruder gehören irgendwie nicht richtig zur Familie. Man ahnt früh, dass in der Kindheit etwas sehr Verstörendes vorgefallen ist. Bergljot hat keinen Kontakt mehr zu den Eltern. Und doch gibt es über Erbschaftsangelegenheiten immer wieder Berührungspunkte. Als der Vater stirbt, eskaliert das Ganze.
Wie bei einer Zwiebel enthäutet die Autorin nach und nach das Geschehen und lässt Bergljot dabei immer wieder durch die Hölle gehen. Es geht um Schuld und um Anerkennung des Geschehens. Therapie, Alkohol, immer dieselben Gespräche, immer derselbe Wunsch, immer dieselbe Enttäuschung. Dieses zermürbende Gefühl wird auf mich als Leserin direkt übertragen. Endlose Wiederholungen. Starke, kurze Sätze, die auf den Punkt genau sitzen („Vater war stolz auf sein hübsches Eigentum, Mutter strahlte vor Angst“). Und als Wiederholung der Wiederholung: Theaterstücke, Gedichte, Randgeschichten, die die Verzweiflung (auch der Leserin) steigern.
Diese Buch zeigt eindrucksvoll, wie Kindheitstraumata (nach)wirken, wie viel es braucht, um diese verarbeiten zu können.
Ein extra Stern geht an die Übersetzerin Gabriele Haefs. Ich stelle es mir unglaublich schwierig vor, den Rhythmus des Buchs und die Worte so punktgenau zu treffen.

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