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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2026

Main Character Syndrom

Ein unheimlich guter Mensch
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„Ein unheimlich guter Mensch“ gehört für mich ganz klar in die Kategorie Weird Girl Fiction, die aktuell so beliebt ist, weil sie eigenwillige Protagonistinnen in den Mittelpunkt stellt. Der Roman ist ...

„Ein unheimlich guter Mensch“ gehört für mich ganz klar in die Kategorie Weird Girl Fiction, die aktuell so beliebt ist, weil sie eigenwillige Protagonistinnen in den Mittelpunkt stellt. Der Roman ist schräg, bitterböse und dabei sehr unterhaltsam. Immer wieder überschreitet er die Grenze zwischen Fremdscham und Komik, sodass man gleichzeitig lachen und die Hände vor die Augen halten möchte.

Die Protagonistin Lillian ist keine sympathische Heldin im klassischen Sinn. Sie ist egozentrisch, impulsiv, unangenehm, selbstbezogen und besitzt ein Main-Character-Syndrom, das ihresgleichen sucht. Eigentlich müsste man sie furchtbar finden. Und trotzdem drückt man ihr die Daumen. Lillian möchte nämlich eigentlich nur, dass aus ihrer lockeren Affäre mit Henry endlich eine richtige Beziehung wird. Als er sie abserviert, greift sie zu fragwürdigen Maßnahmen. Als Henry dann tot aufgefunden wird, ist Lillian mittendrin in einem Chaos, das mit jeder Seite größer wird.

Wer liebenswerte Figuren sucht, ist hier vermutlich falsch. Wer aber Freude an chaotischen, moralisch fragwürdigen Protagonistinnen hat, die Katastrophen magisch anziehen und dabei für beste Unterhaltung sorgen, sollte sich dieses Buch unbedingt anschauen.

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Veröffentlicht am 26.05.2026

Interessant

Frauen und Schlaf
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Warum schlafen Frauen eigentlich so oft schlecht? Genau dieser Frage widmet sich Dr. Kirschner-Brouns in „Frauen und Schlaf“. Sie verbindet dabei wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Themen ...

Warum schlafen Frauen eigentlich so oft schlecht? Genau dieser Frage widmet sich Dr. Kirschner-Brouns in „Frauen und Schlaf“. Sie verbindet dabei wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Themen und praktischen Tipps. Das Buch zeigt, wie stark Hormone unseren Schlaf beeinflussen: Zyklus, Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahre wirken sich massiv auf die Schlafqualität aus. Gleichzeitig geht es aber auch um Mental Load und den sogenannten „Gender Sleep Gap“ – also die Tatsache, dass Frauen statistisch gesehen schlechter schlafen und häufiger unter Schlafproblemen leiden.

Besonders gefallen hat mir der lockere, fast plaudernde Schreibstil. Trotz vieler wissenschaftlicher Informationen liest sich das Buch angenehm leicht und überhaupt nicht trocken. Ich mochte außerdem die vielen kleinen Fun Facts und Aha-Momente rund um Schlaf, Erholung und unseren Körper. Man merkt, dass das Thema inzwischen endlich mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Medizin bekommt.

Hat mich das Buch nun zu einer ausgeschlafenen Mutter gemacht? Eher nicht 😅 Mit Baby sind viele der vorgeschlagenen Maßnahmen aktuell einfach schwer umsetzbar. Genau deshalb fand ich das Buch aber trotzdem spannend: Es hat mir gezeigt, warum mein Schlaf gerade so herausfordernd ist. Einige Strategien und Tipps werde ich mir definitiv für ruhigere Lebensphasen merken. Für mich war es eine interessante Mischung aus Wissenschaft, gesellschaftlicher Einordnung und alltagstauglichen Impulsen. Wer sich für Gesundheit, Schlaf oder weibliche Körperthemen interessiert, bekommt hier einen gut verständlichen Einstieg ins Thema.

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Veröffentlicht am 25.05.2026

Bitterböser Fiebertraum

She’s a Star!
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„She’s a Star“ ist ein Roman, der sich anfühlt wie ein bitterböser Fiebertraum. Schon nach wenigen Seiten war ich komplett im Bann dieser einerseits unterhaltsamen, andererseits verstörenden Geschichte ...

„She’s a Star“ ist ein Roman, der sich anfühlt wie ein bitterböser Fiebertraum. Schon nach wenigen Seiten war ich komplett im Bann dieser einerseits unterhaltsamen, andererseits verstörenden Geschichte und konnte kaum aufhören zu lesen.

Im Mittelpunkt steht Jessamyn St. Germain, eine Protagonistin, die ich gleichzeitig mögen, bemitleiden, manchmal auch schütteln und hassen wollte. Sie trifft fragwürdige, teilweise erschreckende Entscheidungen, verliert sich immer stärker in ihren eigenen Fantasien und überschreitet dabei mehr als eine Grenze. Und trotzdem habe ich mich ständig dabei ertappt, ihr irgendwie doch die Daumen zu drücken. Durch Jessamyns Rolle als unzuverlässige Erzählerin bleibt die Handlung permanent unberechenbar. Immer wieder verschwimmen Realität, Wunschdenken und Obsession miteinander, und manches, was zunächst real erscheint, entpuppt sich später als Produkt ihrer eigenen Gedankenwelt. Dadurch bleibt der Roman bis zuletzt spannend und voller Überraschungen.

Besonders gelungen fand ich den bitterbösen Humor, der sich durch die gesamte Geschichte zieht. Trotz aller Abgründe ist das Buch unglaublich unterhaltsam und entwickelt einen regelrechten Sog. Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt: Der Stil, ebenso wie die Übersetzung, liest sich sehr flüssig, sodass ich förmlich durch die Seiten geflogen bin. Spannend fand ich außerdem die literarische Ebene durch die zahlreichen Bezüge zu „Die Möwe“ von Tschechow,. Jessamyns Mischung aus Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und wachsendem Realitätsverlust hat mich stellenweise auch an „Yellowface“ erinnert, ihr Wunsch, ein glänzender Star zu werden an „Das kunstseidene Mädchen“.

Für mich ist „She’s a Star“ ein herrlich böser, kluger und gleichzeitig verstörender Roman über Ehrgeiz, Selbsttäuschung und die gefährliche Sehnsucht, gesehen zu werden, aber absolut nichts für schwache Nerven!

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Veröffentlicht am 24.05.2026

Motivierend

Wut und Wärme
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„Wut und Wärme“ ist ein sehr persönliches Sachbuch der Tekkal-Schwestern, das gesellschaftliche Werte nicht abstrakt verhandelt, sondern über gelebte Erfahrungen erzählt. Besonders gut gefallen hat mir ...

„Wut und Wärme“ ist ein sehr persönliches Sachbuch der Tekkal-Schwestern, das gesellschaftliche Werte nicht abstrakt verhandelt, sondern über gelebte Erfahrungen erzählt. Besonders gut gefallen hat mir die Struktur des Buches: Entlang zentraler Werte wie Mut, Verantwortung, Empathie oder Rebellion schildern die Tekkal-Schwestern abwechselnd, wie diese Werte ihr Leben geprägt haben und was sie ihnen heute bedeuten. So entsteht nach und nach ein Mosaik aus Kindheits- und Jugenderinnerungen, politischen Erfahrungen und persönlichen Entwicklungen.

Gerade diese Verbindung aus individueller Geschichte und gesellschaftlicher Vision macht das Buch so lesenswert. Die Schwestern schreiben offen über ihre Herkunft als Töchter einer jesidisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie, über Diskriminierung, Aufstieg und Aktivismus, aber immer auch über Zusammenhalt und Hoffnung. Dabei wirkt das Buch nie belehrend, sondern vielmehr motivierend und stärkend, der Ton ist plaudernd und liest sich flüssig. Besonders mochte ich, dass unterschiedliche Stimmen und Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen. Dadurch entsteht ein sehr lebendiger Eindruck von Schwesternschaft, die eben nicht bedeutet, immer gleich zu sein, sondern sich gegenseitig zu tragen und zu inspirieren. Viele Gedanken haben mich beim Lesen beschäftigt und mir gleichzeitig Mut gemacht, gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft von Spaltung geprägt sind.

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Veröffentlicht am 23.05.2026

Mosaik

Die Straße
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„Die Straße“ von Robert Seethaler unterscheidet sich stilistisch deutlich von seinen bisherigen Romanen. Statt einer klaren, durchgehenden Handlung entsteht hier ein Mosaik aus vielen kleinen Szenen, Begegnungen ...

„Die Straße“ von Robert Seethaler unterscheidet sich stilistisch deutlich von seinen bisherigen Romanen. Statt einer klaren, durchgehenden Handlung entsteht hier ein Mosaik aus vielen kleinen Szenen, Begegnungen und Schicksalen. Unterschiedliche Bewohner der Heidestraße treten kurz ins Zentrum, verschwinden wieder und werden später vielleicht noch einmal gestreift. Diese Struktur fand ich anfangs sehr spannend und kunstvoll umgesetzt.

Sprachlich bleibt Robert Seethaler dabei unverkennbar: reduziert, poetisch und mit einem Gespür für die stillen Momente des Lebens. Viele Beobachtungen über Einsamkeit, Sehnsucht und menschliche Verletzlichkeit haben mir gut gefallen. Allerdings hatte ich im Verlauf der Lektüre zunehmend das Gefühl, dass sich die einzelnen Episoden eher zufällig aneinanderreihen. Teilweise bleibt lange unklar, von wem gerade erzählt wird, und nicht jede Figur oder Szene entwickelt genügend Tiefe, um wirklich etwas auszusagen. Was zunächst wie ein interessantes literarisches Mosaik wirkte, verlor für mich dadurch nach und nach an Spannung.

So blieb am Ende vor allem die Bewunderung für die Sprache und die Idee des Romans, während mich die eigentliche Lektüre irgendwann nicht mehr vollständig fesseln konnte. „Die Straße“ ist sicherlich ein interessantes literarisches Experiment und ein atmosphärischer Blick auf die kleinen Dramen des Alltags, ist für mich aber nicht einer der stärksten Romane von Robert Seethaler.

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