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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2024

Empfehlenswert und aufregend!

Eskalationsstufen
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Warum geht sie nicht einfach? Warum lässt sie sich das gefallen? Ich würde ja einfach abhauen!

Ja, einfach.
Von außen sieht es immer so einfach aus. Einfach gehen, oder noch besser, einfach gar nicht ...

Warum geht sie nicht einfach? Warum lässt sie sich das gefallen? Ich würde ja einfach abhauen!

Ja, einfach.
Von außen sieht es immer so einfach aus. Einfach gehen, oder noch besser, einfach gar nicht erst so eine Beziehung anfangen.

Wir sprechen von gefährlichen, gewaltvollen Beziehungen. Nicht nur körperliche Gewalt sondern auch psychische Gewalt wie emotionale Erpressung, Manipulation und Gaslighting.

Ein hartes aber wichtiges Thema das Rieger für ihren neuen Roman gewählt hat, denn nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern weltweit werden Männer gegenüber ihren (Ex-)Partnerinnen gewalttätig bis hin zum Femizid. Die Dunkelziffer ist bei Gewalt in Beziehungen besonders hoch.

Riegers Protagonistin Julia ist eine liebenswerte, junge Frau, die gerne zeichnet und beruflich sehr engagiert ist. Sie hat einen kleinen Freundeskreis und eine lockere und offene Fernbeziehung, deren Unverbindlichkeit sie bewusst genießt.
Als sie bei einer Vernissage den Maler und Künstler Joe trifft, ist sie elektrisiert. Das sofortige Interesse des souverän wirkenden Mannes schmeichelt ihr und die immense körperliche Anziehung macht es ihr leicht, auf Joes Annäherungsversuche einzugehen.
Nicht zufällig erinnert mich der Beginn der Liebesgeschichte von Julia und Joe an die toxischen Narrative mancher beliebter spicy Romancegeschichten.

Der Mann mit der gequälten Seele und der tragischen Vergangenheit, der nur mit der wahren Liebe einer reinen Frau gerettet werden kann.
All das trifft auch auf Joe und Julia zu. Aber was in einer Geschichte und in der Phantasie vielleicht noch einen gewissen Reiz hat, entpuppt sich im echten Leben oft als Ausgangspunkt für eine toxische Beziehung.

Julia spürt auch bald, dass ihre Beziehung zu Joe nicht gesund ist und nicht auf Augenhöhe stattfindet, doch da greift bereits ihre psychische Abhängigkeit zu Joe. Die nächsten Eskalationsstufen sind schnell erreicht.

Rieger schildert Julias Gedankengänge konsequent und psychologisch nachvollziehbar aus der Ich-Perspektive. Das lässt mich ihre Geschichte besonders gegen Ende atemlos und intensiv miterleben.

Der Titel „Eskalationsstufen“, wie auch die Einteilung der Kapitel, orientieren sich am 8-Stufen-Model einer Risikobeziehung von Jane Monckton Smith, wie in ich in Riegers Anmerkungen nachlesen kann. Durch diesen Aufbau bekommt der Roman etwas modellhaftes, konstruiertes, was mich aber nicht stört.
Vielmehr können Roman wie „Eskalationsstufen“, oder auch das geniale „Malus“ von Simone Hirth, helfen, diese Muster bekannter zu machen und zu verdeutlichen, dass Betroffene Gewalt durch ihre (Ex-) Partner durch ihr Verhalten nicht „einfach“ verhindern können.

Eine kleine Kritik gibt es für die Kurzbeschreibung, die im Gegensatz zum gelungenen Klappentext meiner Meinung nach schon zu viel, oder besser gesagt eigentlich alles vom Inhalt vorweg nimmt.

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Veröffentlicht am 20.02.2024

Perfekter, gesellschaftskritischer und literarischer Abenteuerroman

Trophäe
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Spannend as hell, berauschend und nicht mehr aus der Hand zu legen. So muss ein guter Roman.
„Trophäe“ hat all diese Eigenschaften und noch ein paar mehr. Zu der sogerzeugenden Story addieren sich gesellschaftskritische ...

Spannend as hell, berauschend und nicht mehr aus der Hand zu legen. So muss ein guter Roman.
„Trophäe“ hat all diese Eigenschaften und noch ein paar mehr. Zu der sogerzeugenden Story addieren sich gesellschaftskritische Ansätze und ein Blick in die Seele des Archetypen des weißen Mannes.

Besagter weiße Mann ist einer von Schoeters Protagonisten und heißt Hunter White.
Hunter White!?! I mean….

Dieser Name in einem Roman über Jagd, Afrika und weiße Allmachtsfantasien ist Program.

„Denn nur er, Hunter, und niemand anderes, steht ganz oben in der Nahrungskette.“

Schoeter lässt ihren Roman in einer nicht näher genannten Gegend von Afrika spielen, in der es eine artenreiche Savanne gibt. Der Amerikaner Hunter White ist ein passionierter Jäger und reist regelmäßig in das Gebiet um seltene Tiere zu schießen und die Trophäen zu Hause seiner Trophy-Wife zu übergeben.
Da er über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, ist der Erwerb von Jagdlizenzen, selbst der seltensten Tiere, wie Nashörner, für ihn kein Problem.
Das Land und die Naturreservate verdienen an den seltenen und teueren Jagdlizenzen gutes Geld, das wiederum in den Schutz von seltenen Tieren investiert werden kann.
Das ist natürlich nicht die einzige ethische Fragestellung, die Schoeters in ihrem bereits preisgekrönten Roman aufwerfen wird. Es geht ans Eingemachte und nicht nur Hunter, sonder auch ich als Leser*in werde nah an die Grenze von Gut und Böse geführt, als sein Jagdorganisator Van Heeren ihm eine ganz spezielle Beute anbietet…

Eine Jagd auf Leben und Tod beginnt und ich verfolge sie atemlos!

„Die Befriedigung liegt nicht so sehr im Töten, sondern in der Unterwerfung der Beute: in der Bestätigung unserer Vorherrschaft über alles andere Leben.“

Diese Jagdszenen sind mit die actionlastigsten und spannendsten, die ich in letzter Zeit gelesen habe! Das ist für mich Abenteuerliteratur in besten Sinn des Wortes. Hart, dramatisch und gnadenlos.
In dieser Hinsicht erinnert mich Schoeters Roman an „Nordwasser“ von Ian McGuire, ebenfalls ein perfekter, fesselnder Abenteuerroman.

Schoeters bedient gleichzeitig das Klischee von der geläufigen Vorstellung von Afrikanischer Wildheit und druchbricht es. Es ist ein schmaler Grat, keine Vorurteile zu reproduzieren, sondern sie durch Übertreibung offenzulegen, was Schoeters in meinen Augen gelingt.

Klar, dass es nach all der Aufregung von mir eine deutliche Leseempfehlung für diesen Roman gibt, und zwar uneingeschränkt!

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Veröffentlicht am 17.02.2024

Emotionale Familiengeschichten im american style

Leuchtfeuer
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Das blumige Cover verrät bereits einiges über die Tonlage des Romans: wunderschön, dramatisch und mit einem Hauch von Kitsch.

Das ist nicht zwangsläufig der Geschmack von allen Leserinnen, mir selbst ...

Das blumige Cover verrät bereits einiges über die Tonlage des Romans: wunderschön, dramatisch und mit einem Hauch von Kitsch.

Das ist nicht zwangsläufig der Geschmack von allen Leserinnen, mir selbst hat der Roman allerdings sehr gut gefallen.

Bereits das erste Kapitel ist fulminant dramatisch und stimmt auf den weiteren emotionalen und bittersüßen Verlauf der Geschichte ein.
Drei Jugendliche haben betrunken und selbstverschuldet einen Autounfall, bei dem eine von ihnen tödlich verletzt wird. Die beiden überlebenden Geschwister Theo und Sarah tragen schwer an dieser Schuld. Die Entscheidung, nicht über die tragische Nacht zu sprechen, wird die Verarbeitung und ihr weiteres Leben sehr beeinträchtigen.

„Auf der Tonspur des Lebens läuft der Todesschrei eines Mädchens in Dauerschleife. Man kann ihm nicht entkommen.“

Shapiro spannt den Erzählbogen sehr weit, der Roman umfasst mehrere Jahrzehnte, zwischen denen sie nicht linear wechselt und ihr Protagonist
innenpalette ist breit gefächert. Neben der Familie von Theo und Sarah, gibt es noch die Familie von Waldo, einem sensiblen Jungen, der sich mit 10 Jahren mit dem gealterten Vater der erwachsenen Geschwister Sarah und Theo anfreundet.

Für mich persönlich ist diese zarte, ungewöhnliche und lang andauernde Freundschaft zwischen Ben und Waldo das wahre Herzstück des Romans und die Kirsche auf der Torte.

Auch das Spektrum an Themen, die Shapiro auffächert, ist äußerst weitreichend. Von zerbröselnden Ehen, nicht verarbeitende Traumata, Krebs, Alzheimer und disfunktionalen Eltern-Kind Beziehungen wird alles abgedeckt.
Das ganze im einem very american Vorort Setting.
Verbrämt wird das ganze mit einer leicht esoterisch anmutenden „Alles ist verbunden“ Botschaft, die dem Roman eine gewisse Tiefe verleihen soll.

Für mich war diese Fülle an Dramatik und Bedeutungsschwere nicht überladen, sondern sehr lesenswert. Ich fand, Shapiro spielt perfekt mit der emotionalen Klaviatur und hat einen wunderschönen und unterhaltsamen Roman geschaffen, der natürlich optimal für eine Verfilmung geeignet ist. Auch die visuelle Version würde ich mir sofort mit einem großen Vorrat von Taschentüchern anschauen.

Du magst emotionale und dramatische Familiengeschichten im american style?
Dann ist „Leuchtfeuer“ eine Empfehlung für dich!

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Veröffentlicht am 17.02.2024

Stark zwischen den Zeilen

Krummes Holz
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Hammer, was für ein starkes Debüt! Gerade habe ich „Krummes Holz“ beendet und habe Fragen.
Fragen, die mich beschäftigen und Gedanken, die in meinem Kopf rollen. Gedanken über Väter und Liebe und Geschwister ...

Hammer, was für ein starkes Debüt! Gerade habe ich „Krummes Holz“ beendet und habe Fragen.
Fragen, die mich beschäftigen und Gedanken, die in meinem Kopf rollen. Gedanken über Väter und Liebe und Geschwister und besonders über die Möglichkeit von zarter, vorsichtiger Annäherung trotz großem, emotionalem Gepäck.

Den Balast aus der Vergangenheit haben sie alle, die Figuren in Julja Linhofs Roman: Malene, Leander und natürlich der Ich-Erzähler Jirka.
Jirka ist ein junger Mann und er kehrt nach einigen Jahren der Abwesenheit auf den Hof zurück, auf dem er aufgewachsen ist.
Es ist Hochsommer, die Böden sind ausgetrocknet und es ist heiß.
Ich brauche ein paar Seiten, bis ich vollständig in das Setting eingetaucht bin und die Personen zugeordnet habe.
Malene ist Jirkas ältere Schwester und führt gemeinsam mit dem Vater den heruntergewirtschafteten Hof. Leander ist der Sohn des verstorbenen Gutshofverwalters und ein enger Jugendfreund der beiden Geschwister.

Als Jirka auf dem Hof ankommt, scheint sich niemand wirklich zu freuen. Der Vater ist nicht da, und Malene ist sauer, denn sie hat den Hof die letzten Jahre fast alleine geführt und hätte ihn gebraucht. Die alte Großmutter ist dement und lebt in ihrer eigenen Welt oder in der Vergangenheit.

Malene und Jirka, beide sind gezeichnet von dem Wissen, die größte Enttäuschung für den Vater zu sein.

Malene reagiert mit Wut, Jirka, der Erzähler, mit Flucht.

“Ich lerne durch Malenes Aufbäumen, selbst still zu bleiben, den Kern zu schützen. Ohne Schichten. Stattdessen bleibe ich mein Leben lang auf der Flucht vor Konflikten.”

Und dann gibt es noch Jirka und Leander….



Was für mich die große Faszination dieses Romans ausmacht, ist das Geschehen zwischen den Zeilen. Es gibt Geheimnisse, es gibt Verletzungen, es gibt Vergangenheit, doch nichts davon wird ausgeschrieben.

Es gibt leise, subtile Andeutungen einer Kindheit voller Gewalt und erzieherischem Druck durch den despotischen Vater.
Es gibt Andeutungen von traumatischen Ereignissen in der Vergangenheit.
Es gibt auch Andeutungen von Liebe, die nie ausgesprochen wurde.

Das alles hängt zwischen den Zeilen und über der heißen flirrenden Luft des Hofes.

Sprachlich punktet Linhof für mich literarisches Hochwertigkeit. Ich lese ihren doppelbödigen Stil unglaublich gerne, er ist gleichzeitig kraftvoll und verletzlich. Mag ich sehr, sehr gerne!

„Seine Augen schimmern im Kerzenlicht, und es ist wieder dieser Blick, der mich trifft und aufbricht.“

Und ja, es wird Enthüllungen geben, aber Linhof schafft es, nicht die Ereignisse in den Vordergrund zu rücken, sondern die Gefühle ihrer Figuren. Das mag ich und es ist eine ungewohnte Abwechslung zur sonstigen voyeuristischen Ausschlachtung traumatischer Geschehnisse (die ich aber natürlich auch mag).

„Krummes Holz” ist für mich eines der stärksten Debüts dieses Jahr, so far. Und natürlich eine Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Mehr als fesselnde Spannungsliteratur

Notizen zu einer Hinrichtung
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Dieser Roman mit dem Wahnsinnscover ist ohne Frage ein Stück fesselnder Spannungsliteratur. Aber er ist noch mehr. „Notizen zu einer Hinrichtung“ ist polarisierend, erzeugt bei mir Reibung, bringt mich ...

Dieser Roman mit dem Wahnsinnscover ist ohne Frage ein Stück fesselnder Spannungsliteratur. Aber er ist noch mehr. „Notizen zu einer Hinrichtung“ ist polarisierend, erzeugt bei mir Reibung, bringt mich zum Nachdenken.

Kukafka skizziert in ihrem Roman das Leben von Ansel Packer, einem Mörder, der im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartet. Im Stil von Dead Man Walking zählt ein Countdown seine letzten Stunden bis zur Vollstreckung.
Dazwischen werden in Rückblicken die verschiedenen Lebensabschnitte von Packer an Hand von Mädchen und Frauen erzählt, die seinen Weg kreuzten und beeinflussten.
Angefangen bei seiner Mutter, die, selbst Opfer eines gewalttätigen Ehemannes und prekären Lebensumständen, ihn und seinen Bruder ganz früh verlassen hat. Kukafka legt deutlich dar, wie Packer bereits als Kind durch männliche Gewalt und das Verlassen werden traumatisiert wurde.

Auch wenn Kukafka keine einfachen Antworten auf die Frage nach dem Ursprung der Gewalt vorgibt, bedient sie sich doch öfters einiger Stereotypen und stellt sie gleichzeitig subtil in Frage. Das erzeugt die Reibung.

Packer ist als Figur so angelegt, dass Leser*innen Mitleid, ja fast Verständnis, für seine schrecklichen, unenschuldbaren Taten empfinden können. Das provoziert mich und weckt in mir Widerspruch.
Gleichzeitig macht Kukafka klar, dass Packer eine Wahl hatte, und sich für seine Taten entschieden hat und dafür auch verantwortlich ist.

“Manchmal bist du sicher, dass du nichts anderes bist als der flüchtige Moment zwischen Tun und Nichttun. Handeln oder Harren? Wo liegt der Unterschied? Wo ist die Wahl? Wo verläuft die Grenze zwischen Regung und Regungslosigkeit?”

Zweifellos beherrscht Kukafka die Klaviatur des unterhaltsamen Erzählens und auch wenn mir die emotionalen Beschreibungen und manipulativen Stilmittel manchmal eine Spur to much sind, kann ich mich der Faszination ihres Romans nicht entziehen.

Viele Mechanismen der Täter Rezeption, besonders wenn es um junge weibliche Opfer handelt, erkennt sie und benennt sie auch und verwendet sie gleichzeitig selbst.

“Da draußen existieren unzählige Männer, die Frauen gern Schmerzen zufügen würden, aber die Leute halten Ansel Packer für was Besonderes, weil er es getan hat.”

Alles in allem habe ich „Notizen zu einer Hinrichtung“ sehr gerne gelesen, es hat mich teilweise gezielt provoziert und mit seinem Schluss die volle Bandbreite eines emotionalen Epilogs ausgespielt.

Das war sehr gute Unterhaltung.

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