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Veröffentlicht am 28.08.2025

Toller Nachwenderoman!

Adlergestell
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Mit einem Auszug aus ihrem Debütroman “Adlergestell” war die Regisseurin und Autorin bereits zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Ich dachte eigentlich auch an einen Nominierung für die Longslist ...

Mit einem Auszug aus ihrem Debütroman “Adlergestell” war die Regisseurin und Autorin bereits zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Ich dachte eigentlich auch an einen Nominierung für die Longslist des Deutschen Buchpreises, denn ich fand „Adlergestell“ ist ein toller Nachwenderoman, der aus der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart führt.
Der Titel bezieht sich übrigens nicht auf eine Verballhornung von Faberkastell, wie ich als Süddeutsche mit Allgemeinbildungslücken dachte, sondern auf die längste Straße Berlins. Sie verläuft im Bezirk Treptow-Köpenick und begleitet uns als Schauplatz in Laabs Roman durch die Zeitenwende.

An dieser Straße wächst Laabs Ich-Erzählerin und ihre Freundinnen Lenka und Chaline auf.

Zusammen knacken sie Kaugummi Automaten und spielen der Streiche aus der Telefonzelle. Es sind die 90er und der Mauerfall liegt noch nicht lange zurück.
Die Wende versprach für den Osten eine aufregende Zukunft, doch einige Jahre später ist von der Euphorie nicht mehr viel übrig.

„Kinder, deren Eltern plötzlich geschieden waren oder arbeitslos oder beides. Kleine Menschen mit großen Erwartungen, die absehbar zu großen Enttäuschungen werden würden.“

Laabs Roman ist multiperspektivisch aufgebaut, neben den längeren Passagen ihrer kindlichen und später erwachsenen Ich-Erzählerin schiebt sie immer wieder die Perspektiven von Frauen der Eltern- und Großelterngeneration. Tante Nora hat noch den Krieg erlebt, die Mutter von Chaline wurde als Leistungsturnerin von ihrem Trainer im DDR-System missbraucht, um nur zwei Einzelschicksale zu nennen.
Laabs blickt auf das Leben der Frauen, die mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen umgehen müssen.

„Erst hat die Mauer ihr Leben geteilt in ein Davor und ein Dahinter. Nun teilt der Fall der Mauer ihr Leben in ein Davor und ein Danach.“


Und die Ich-Erzählerin?
Sieht im Fersehen die poppigen Werbespots der 90er. Mit Fairy Ultra und Yogurette soll das Leben zum leichten Traum werden. Laabs zeigt entlarvend die kapitalistischen Werbelügen und Manipulation jener Zeit, die zum Konsum anregen, aber eigentlich nur Unzufriedenheit schüren.

Laabs verwendet immer wieder die Farben Rot, Grün und Blau. Es sind die Farben aus denen sich früher jedes Fernsehbild zusammensetzte. Und in die Farben Rot, Grün und Blau zerfallen die bunte Bilder wieder, wenn du zu nah ran gehst. Es sind die Farben, die du auch auf dem Cover wiederfindest.

„Oder waren wir selbst Geister? Waren wir bereits in unsere kleinsten Atome zerlegt, aufgelöst, verschwunden? Die Perlen trafen den Fußboden, schossen aus dem Zimmer und stürzten die Treppe hinunter - Blau, Rot und Grün - in die dunkle Tiefe. Ins Schwarz.“


Die Erzählerin wird erwachsen und verliert ihre Freundinnen aus den Augen, hat dafür Beziehungen mit Männern. Die Mutter am Adlergestell besucht sie selten.


Mir gefällt die konsequent weibliche Perspektive des Romans, so ganz im Kontrast zur historischen Geschichtsschreibung des Adlergestell, sehr.

„Es scheint, als hätte es nur Männer gegeben am Adlergestell. Doch beinahe unbemerkt schlugen sich auch Frauen hier durch die Geschichte.“

Die Geschichte der Ich-Erzählerin führt mich bis ins Heute, zu den aktuell brennenden Themen unserer Zeit.

Und die letzten Seiten erwischen mich noch so richtig.
„Wie ein Center Shock, mitten durchs Herz.“

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Queere, kafkaeske Liebesgeschichte

Hundesohn
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Okay, ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich dem Roman folgen konnte. Sagen wir, ich war vielleicht zu 50% on board, davon hauptsächlich bei den Grindr Chats und den Sex-Szenen.
Bei den Zeit- und ...

Okay, ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich dem Roman folgen konnte. Sagen wir, ich war vielleicht zu 50% on board, davon hauptsächlich bei den Grindr Chats und den Sex-Szenen.
Bei den Zeit- und Ländersprüngen habe ich dann doch eher in den Overflow-Modus geschaltet.

„Er vermisst unsere zerrissene Gegenwart - über alle Grenzen von Ländern, Sprache und Körper hinweg.“, wie mir Yannik vom Suhrkamplesermarketing schreibt, ist also ganz wörtlich zu nehmen.

„Hundesohn“ wird als Liebesroman der Gegenwart beworben und in der Tat erzählt der Debütroman des Politikwissenschaftlers und bereits ausgezeichneten Schriftstellers Keskinkılıç einen Countdown der Sehnsucht.
Zeko liebt Hassan und zählt die Tage bis zu ihrem Wiedersehen.
Zeko lebt in Berlin und hat sich in seinem Heimatort Adana in den Nachbarsjungen Hassan verliebt. In Hassan, der immer nach Orangen und Salz riecht und der von Zekos Großvater Hundesohn genannt wird.

Jetzt ist der Großvater tot und Zeko sucht in Berlin in jedem Mann, den er für casual sex trifft, nach Hassan. Bald wird er ihn wiedersehen.

Ich denke schon, dass ich das Grundgerüst grob erfassen konnte, klar, der Ich-Erzähler ist irgendwie komplett lost auf die junge Berliner Art mit Grindr Dates und Filzläusen.

„Hör zu, sage ich. Ich führe ein Leben im Schmutz und im Dreck und im Hass und ein Leben, das nach altem Sperma riecht, das sich unter der Bettdecke ansammelt. Ein Leben in vertrockneten Kondomen, Blutstropfen, auch ein wenig Scheiße am Finger, am Schwanz, so ein Leben führe ich, und es lässt mich die Angst vergessen.“


Ich könnte jetzt natürlich ChatGPT um ein paar geschliffene Interpretationsansätze bitten, in denen dann safe die Worte „kulturelle und religiöse Identität“ und „poetisch und radikal“ und so vorkommen, aber das möchte ich eigentlich nicht.

Du liest hier wie immer meine eigenen, in diesem Fall, vorsichtig tastenden Annäherungen an einen Text, der sich mir nicht ganz erschlossen hat.

Keskinkılıçs Erzähler ist von innerer Leere und Sehnsucht getrieben und versucht sich mit häufigen und wechselnden Sexpartnern abzulenken und zu betäuben. Außerdem fühlt er sich zwischen den Kulturen und Ländern verloren und hin- und hergerissen, seine sexuellen Vorlieben sind eine Konstante.

Aber bei den unzähligen Kafka Referenzen bin ich raus. Ich weiß aber, dass es hier viele Liebhaber*innen des Prager Schriftstellers gibt, die kommen mit „Hundesohn“ bestimmt mehr auf ihre Kosten.

„Ich weiß, dieses Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in dir, sagte Pari.“

Für mich war es das offensichtlich nicht, und gemeint ist in diesem Fall auch Zeko und „Das Schloss“. Für mich war der “Hundesohn” ein interessantes Stück zeitgenössischer und moderner Literatur, das ich nicht hätte verpassen wollen.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Spannend und unterhaltsam erzählter Roman über einen unerfüllten Kinderwunsch

Unter anderen Umständen
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Mit „Unter anderen Umständen“ von Verena Teke habe ich wieder zu einem Roman gegriffen, der sich um das Thema Kinderwunsch dreht. Genauer gesagt, um den unerfüllten Kinderwunsch in Kombination mit einer ...

Mit „Unter anderen Umständen“ von Verena Teke habe ich wieder zu einem Roman gegriffen, der sich um das Thema Kinderwunsch dreht. Genauer gesagt, um den unerfüllten Kinderwunsch in Kombination mit einer Kinderwunschbehandlung. Es scheint ein Themenkomplex zu sein, der mich 2025 besonders beschäfftigt, vielleicht weil ich jetzt endlich bereit bin, mich damit auch literarisch zu auseinanderzusetzen. Mit „Hunger“ von Tine Høeg oder „Hello Baby“ von Kim Eui-kyung möchte ich zwei Romane nennen, die sich explizit mit den Belastungen einer Kinderwunschbehandlung widmen.

Und auch bei Verena Teke steht der Kinderwunsch, der mit jedem erfolglosen Menstruations- und/oder Behandlungszyklus immer quälender wird, im Mittelpunkt.
Ihre Ich-Erzählerin Hanna ist endlich mit einem Traummann zusammen, für den ihr Kinderwunsch, wie auf so viele Männer, nicht abschreckend wirkt, sondern der sich für die Kinderplanung nicht mehr viel Zeit lassen will. Taner ist ein paar Jahre jünger als Hanna, aber diese Jahre machen für die Biologie einer Frau den entscheidenden Unterschied. Hanna ist schon 37, die Zeit drängt also, wie ihr Umfeld nicht müde wird zu betonen.

Und tatsächlich, das was bei anderen Paaren scheinbar so mühelos und natürlich passiert, passiert bei Hanna und Taner nicht. Hanna wird nicht schwanger.
Nach einem Jahr beschließen sie, sich in einer Kinderwunschklinik unterstützen zu lassen.
Aber die niedrig invasiven Methoden bringen keinen Erfolg und die Ärztin rät den beiden zur künstlichen Befruchtung.

Dabei beschreibt Teke die Zeit der Behandlung sehr detailliert und wie ich finde erfreulich zutreffend und genau. Besonders gut gefällt mir, wie nachvollziehbar Teke Hannas Gefühl des Kontrollverlusts und der Machtlosigkeit herausarbeitet. Sie beschreibt, wie der Wunsch nach einer intakten Schwangerschaft als ersten Schritt auf dem Weg zum Kind, so stark werden kann, dass er ins Irrationale abdriftet.

„Unter anderen Umständen“ ist dabei wunderbar leicht lesbar geschrieben und unterscheidet sich damit von dem intellektuelleren „Hunger“ von Høeg. Definitiv übt Teke dezente feministische Gesellschaftskritik, wobei der Fokus klar mehr auf Hannas Emotionen und den spannenden Elementen des Romans liegt. Auch die moralischen Fragen, die Teke gegen Ende des Romans aufwirft, sind mehr als Anregung zu verstehen, als dass sie wirklich diskutiert werden. Das möchte ich hier aber als positiven Aspekt anführen und nicht als Kritik.

Okay, und ja krass der Schluss! Verena Teke weiß, wie man einen Roman mit einem Paukenschlag beendet!

Trotz des belastenden Themas ist Verena Teke hier meiner Meinung nach ein akkurat erzählter, unterhaltsamer und äußerst spannender Roman gelungen, der mir sehr gefallen hat. Seine Leichtigkeit macht ihn auch für Leser*innen empfehlenswert, die keine Berührungspunkte mit Kinderwunsch (-Behandlungen) haben und sich gerne dem Thema nähern wollen.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Atmosphärisch, rätselhaft und introspektiv

Dunkelholz
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Natalja Althauser ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin und nach einem Theaterstück und einem Sachbuch ist „Dunkelholz“ ihr erster Roman.
Aufmerksam wurde ich auf ihr Debüt natürlich (!) durch das ...

Natalja Althauser ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin und nach einem Theaterstück und einem Sachbuch ist „Dunkelholz“ ihr erster Roman.
Aufmerksam wurde ich auf ihr Debüt natürlich (!) durch das megaschöne Cover und den vielversprechenden Titel in der Verlagsvorschau.

Beides passt, wie ich finde, perfekt zu der dunklen und etwas rätselhaften Atmosphäre des Romans.

Zentrum des Romans ist eine Frau in einer Hütte im Wald. Eine Frau, die sich zum Nachdenken zurückgezogen hat und die die Einsamkeit sucht.
Für mich ist die Frau auch eine Mutter, die in einer schwierigen Beziehung zu ihrer Tochter steht und die darum kämpft sie nicht zu verlieren.
Oder hat sie sie schon verloren?

Althauser hat einen Roman geschrieben, der in vielen Punkten wenig konkret wird, sondern der sich ganz auf seine Atmosphäre und die Gefühlswelt seiner Ich-Erzählerin verlässt.

Für mich funktioniert das sehr gut, ich kann mir aber vorstellen, dass das vielleicht nicht für alle Leser*innen gilt.

So erfahre ich auch nicht genau, warum die Tochter der Erzählerin im Gefängnis ist. Aus den Rückblenden bekomme ich nur Bruchstücke, die sich nur zu einem vagen Bild zusammensetzten lassen.
Mehr erfahre ich von den Gefühlen der Frau, von ihrer Gedankenwelt und aus ihrer Vergangenheit.
Diese älteren Bruchstücke vermischen sich mit ihrem jetzigen Leben im Wald. Dort lebt sie nicht so abgeschieden wie sie dachte, sondern lernt einen Mann kennen.
Und auch ihr Mann Markus, der Vater ihrer Tochter, spielt in ihrem Leben noch immer eine wichtige Rolle, auch wenn sie sich getrennt haben.

Ebenfalls eine große Rolle spielt die Beziehung zu ihrer Tochter. Aus den Erinnerungen der Erzählerin erfahre ich von den großen Schwierigkeiten in der Pubertät des Mädchens und später der jungen Frau. Die Erzählerin fühlt sich als Mutter ungenügend und fragt sich nach ihrem Anteil am Schicksal ihrer Tochter. Hatte sie auf deren mentale Probleme und Versuche, sich von der Mutter abzugrenzen, nicht richtig reagiert? Hat sie den großen Graben zu verschulden, der jetzt zwischen ihnen liegt?

“Was gibt man auf, wenn man einen anderen Menschen in diese Welt setzt? Was bleibt? Worum ringt man in dem nagenden Wissen, nicht sein Bestes zu geben, nicht genügen zu können, egal, wie viel man gibt?”

Schön finde ich auch, wie sich die Beziehung zwischen der Frau und dem Mann im Wald entwickelt. Althauser zeigt an verschiedenen Stellen, dass Liebe und Verantwortung füreinander auch auf unkonventionellen Wegen und unerwartete Art gelebt werden kann.
Und das wir auf andere Menschen angewiesen sind und mit dem ständigen Spannungsfeld aus Gemeinschaft und dem Wunsch nach Unabhängigkeit zurecht kommen müssen.

Ich fand „Dunkelholz“ atmosphärische und gekonnt erzählt, würde es dir aber nur empfehlen, wenn du auch gerne viel Introspektion mit wenig konkreter Handlung liest.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Krass abgefahren und dystopisch - ein klassischer Murata

Schwindende Welt
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Etwas konsterniert stelle ich beim Aufblättern von „Schwindende Welt“ fest, dass der „neue“ Roman von Sayaka Murata in Japan bereits 2015 erschienen ist. Er ist also im Werk der international renommierten ...

Etwas konsterniert stelle ich beim Aufblättern von „Schwindende Welt“ fest, dass der „neue“ Roman von Sayaka Murata in Japan bereits 2015 erschienen ist. Er ist also im Werk der international renommierten japanischen Schriftstellerin zeitlich vor den Romanen „Die Ladenhüterin“ und „Das Seidenraupenzimmer“ einzuordnen, die beide ebenfalls auf Deutsch erschienen sind.

Aber beim Lesen habe ich schnell bemerkt, dass das Erscheinungsjahr eigentlich egal ist, denn „Schwindende Welt“ ist ein typischer Murata und genauso zeitlos aktuell, wie die beiden anderen Romane, die ich kenne.

Und im Gegensatz zu „Die Ladenhüterin“ kratzt Murata in diesem „neuen“ Roman wieder hart an der Schmerzgrenze. Wenn du schon Texte von ihr gelesen hast, weißt du vielleicht, was ich meine…

Murata überschreitet einfach literarisch moralische und ethische Grenzen und macht sie so erst sichtbar. Ihre Geschichten sind teilweise grotesk und surreal abgefahren, dabei aber in einer heiteren, naiven Art erzählt, die selbst für asiatische Literatur ungewöhnlich ist.


In „Schwindenden Welt“ hat sich die Gesellschaft dahingehend weiterentwickelt, dass Menschen nur noch durch künstliche Befruchtung gezeugt werden. Sex gilt als überholt, und gilt zwischen einem verheirateten Paar als Inzest.


„Schwangerschaft und Geburt erfolgen, losgelöst von den Bedingungen der romantischen Liebe, mittels wissenschaftlicher Methoden.“


Muratas Ich-Erzählerin ist entsetzt, als sie herausfindet, dass sie selbst das Ergebnis eines primitiven Aktes ihrer Mutter ist und widernatürlich gezeugt wurde.
Als Amane heranwächst entdeckt sie allerdings ihre Lust am der körperlichen Liebesakt, wobei es ihr schwerfällt zwischen Masturbation zu einer Fantasiefigur und dem realen Akt mit einem Mann zu unterscheiden.
Ihre Sexpartner sind durch den Akt, den sie nur Amane zuliebe vollzogen haben, allerdings meistens verstört.

Murata dekliniert hier durch, wie willkürlich und veränderlich das ist, was in unserer Gesellschaft als normal angesehen wird, v.a. in sexueller Hinsicht.

„Egal wo ich bin, macht mich der Gedanke, normal zu sein, völlig verrückt. Normalität ist der schrecklichste Wahnsinn, den es gibt. Meinst du nicht auch?«“


Ich würde sagen, das ist eines der wiederkehrenden Hauptthemen in Muratas Roman. Amane wechselt dann im Laufe des Romans mit ihrem Mann in eine noch weiter entwickelte Gesellschaft namens “Experimenta” und wird dort mit ihren verdrängten Kindheitsprägungen durch ihre Mutter konfrontiert.

Wieder muss Amane sich an eine neue Definition von “normalen” gesellschaftlichen Zusammenleben anpassen.

Der ganze Roman ist stark durchdrungen vom Thema Sexualität und dem Verschwinden von sexueller Intimität aus dem Zusammenleben.

Murata greift hier das vor allem in Japan seit den 2010er Jahren in den Medien diskutierte „Zölibatssyndrom“ auf. Fast 50 Prozent der Frauen zwischen 16 und 24 Jahren hätten laut offizieller Erhebung kein Interesse an intimen Beziehungen und würden sexuelle Kontakte sogar ablehnen (Quelle: Wikipedia)
In “Schwindende Welt” gilt es als Weiterentwicklung, romantische Liebe mit virtuellen Figuren zu finden. Die Kleinfamilie ist ohne Sex ebenfalls dabei sich auszulösen und die Gesellschaft in Muratas Roman entwickelt sich immer mehr zu einem Zusammenschluss aus genderneutralen Individuen, die allerdings keinerlei Individualität mehr besitzen.

Muratas Stil würde ich als eher schlicht und naiv distanziert bezeichnen, was aber die Trennung der Menschen von ihren Gefühlen unterstreicht. Auch Amane und ihre Freundinnen sind durch ihre emotionale Abspaltung gekennzeichnet.
Und Murata treibt die verdrehte Logik und die Handlung, die dadurch entsteht, bewusst auf die Spitze.
Das ist schon manchmal krass grenzwertig, abgefahren und zeigt wie starr auch meine eigenen Vorstellungen von Familie und Sexualität sind.

Für Murata-Fans ist der Roman definitiv ein Muss, für Einsteiger
innen empfehle ich lieber “Die Ladenhüterin” für den sanfteren Einstieg.

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