Platzhalter für Profilbild

Lust_auf_literatur

Lesejury Star
offline

Lust_auf_literatur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lust_auf_literatur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.08.2025

Das Ende des Phallozän ist nah?

Abschied vom Phallozän
0

Phallozän? Ich habe bei dem Begriff gleich gewisse Assoziationen und bräuchte eigentlich keine Erläuterung, aber ich möchte schon genauer sein und würde hier gerne Klemms eigene kurze Erklärung einfügen:

Der ...

Phallozän? Ich habe bei dem Begriff gleich gewisse Assoziationen und bräuchte eigentlich keine Erläuterung, aber ich möchte schon genauer sein und würde hier gerne Klemms eigene kurze Erklärung einfügen:

Der Begriff „Phallozän“ wird in „…verschiedenen Sprachen für unterschiedliche destruktive Ausprägungen des Patriarchats benutzt; ich möchte mit ihm das Zeitalter eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Patriarchats verbildlichen, das sich an die Schaltstelle aller Mächte katapultiert hat und von dort aus seine zerstörerische Kraft ausübt.“

Also falls du es noch nicht gemerkt hast, ist die Streitschrift von Gertraud Klemm feministischer Natur. Ich kenne und verfolge Gertraud Klemms Romane schon viele Jahre und sie waren für mich ein wichtiger Bestandteil meiner literarischen und feministischen Sozialisierung. Die letzten Wochen stand Klemm allerdings aus anderen Gründen im medialen Fokus, da einige ihrer Aussagen von manchen als transexklusiv und/oder transfeindlich angesehen wurden.

Ich würde ihre Streitschrift „Abschied vom Phallozän“ als einen ur-feministischen Text ansehen mit globalen und universellen Anspruch, der ganz viele Diskussionsräume öffnen will.
Dass ich bei manchen Punkten vielleicht eine andere Meinung habe, ändert für mich nichts an meiner grundsätzlichen Freude daran, dass Klemm den Mut hat, ihre visionären und feministischen Ideen in einer Streitschrift zu veröffentlichen und sich damit zu exponieren.

„„Abschied vom Phallozän“ ist ein Gedankenspiel über patriarchale Dekonstruktion, matriarchale Inspiration, humanistische Reife, über die Notwendigkeit der kolonialen Schubumkehr und über die Frage: Kann der Feminismus mehr als »smash patriarchy«? Wer wird die Welt retten, und wie?“

Ich persönlich denke, dass ich Klemms Ideen (leider?) nicht so schnell in Umsetzung erleben werden und das ein Ende des Phallozän noch lange nicht in Sicht ist und von der Mehrheit auch nicht gewünscht wird.
Aus ihrer Streitschrift nehme ich trotzdem gerne einigen Input mit, wie beispielsweise ihre Gedanken zum Thema der Kleinfamilie als Keimzelle der weiblichen Ausbeutung. Und als Atheistin kann ich die meisten ihrer Punkte zum Thema Religion mitgehen. Auch die Entwicklungen im Ökofeminismus finde ich interessant und global gesehen vielversprechend, auch wenn Klemm einräumt, dass es in der breit aufgefächerten Diskussion um diese Bewegung Moderniseriungsbedarf gibt.
Hier, genauso wie bei vielen anderen Punkten, betont Klemm ihr Bedauern über die zunehmende Zerfaserung und Zersetzung des zeitgenössischen Feminismus.


„Je tiefer ich in die ökofeministische Agenda und ihre greifbaren Erfolge eintauche, desto weltfremder und sinnloser erscheint mir der akademische Diskurs, den wir als Feminismus bezeichnen.“

Als Feminist
in habe ich die Streitschrift mit großem Interesse gelesen und mit meinen eigenen Gedanken abgeglichen. Klemm hat meinen Blick geweitet, indem sie auf bereits existierende Matriarchate weltweit schaut und deren gesellschaftliche Strukturen vorstellt.
Dass das genauso wie bei Klemms anderen Themen immer nur sehr verkürzt ausgefallen ist, fand ich etwas schade und ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass „Abschied vom Phallozän“ eine Streitschrift und kein ausführliches Sachbuch ist. Für eine weiterführende Lektüre findest du im Anhang Klemms verwendete und empfohlene Literaturliste.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.07.2025

Faszinierendes Enigma

Die Probe
0

Erst vor kurzem habe ich „Intimitäten“ von Katie Kitamura gelesen und war von der Vielschichtigkeit und Komplexität des Romans sehr begeistert. Jetzt ist Kitamuras neuer Roman „Die Probe“ erschienen, den ...

Erst vor kurzem habe ich „Intimitäten“ von Katie Kitamura gelesen und war von der Vielschichtigkeit und Komplexität des Romans sehr begeistert. Jetzt ist Kitamuras neuer Roman „Die Probe“ erschienen, den ich sogar als noch komplexer empfunden habe.

Allein der formale Aufbau, der aus zwei unterschiedlichen Teilen und Realitäten besteht, ist interessant und lädt mich zum Identifizieren der Konstanten und der Variablen ein.
Während sich die Protagonistin in „Intimitäten“ intensiv mit den moralischen Aspekten ihres Übersetzerinnenberufs auseinandersetzt, ist die Protagonistin in „Die Probe“ eine Schauspielerin. Auch sie setzt sich intensiv mit verschiedenen Aspekten ihres Berufs auseinander.
Der Beruf der Ich-Erzählerin ist natürlich bewusst so gewählt, denn Kitamura schaut diesmal genau auf die verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben einnehmen und wie wir in diesen Rollen von anderen Menschen wahrgenommen werden.
Dabei können wir öfter feststellen, dass unsere eigenen Vorstellungen von unserem Selbstbild nicht zwangsläufig mit denen übereinstimmen, die andere von uns haben.
Damit konfrontiert zu werden kann schmerzhaft werden.
Kitamura nutzt in den beiden unterschiedlichen Teilen ihres Romans einen festen Katalysator für die Handlung: die rätselhafte Figur des jungen Xavier. Im ersten Teil überrascht er die ältere Ich-Erzählerin mit der Behauptung er wäre ihr Sohn, den sie früher weggeben hätte. Im zweiten Teil des Romans ist er tatsächlich ihr Sohn, der wieder bei ihr und seinem Vater einziehen möchte.
Xavier, die Erzählerin und Tomas, ihr Partner, ergeben zusammen ein Dreieck, das mit komplexen Beziehungsfäden miteinander verbunden ist. Dabei können die Figuren immer nur ihre jeweiligen Beziehung zum anderen erkennen, aber über die Beziehung der beiden anderen zueinander nur spekulieren. Genauso wie ich als Leser*in, die sich im Kopf der Erzählerin befindet.

Auch wenn ich „Die Probe“ jetzt nicht als einen im Kern feministischen Roman sehen würde, baut Kitamura immer wieder auch Aspekte mit ein, die das Verhältnis der Geschlechter diskutieren. Mir fällt in ihren Romanen auf, dass ihre Figuren immer sehr emanzipiert und unabhängig wirkende Frauen sind, die aber diesem Anspruch nicht vollständig gerecht werden. Sie sind mit fehlbaren Männern zusammen, sind in gewisser Weise von ihrer Zuneigung abhängig.
Was mich auch unglaublich fasziniert ist, wie ruhig und rational Kitamura ihre Erzählerin anlegt, was aber eigentlich auch nur die Performance einer Schauspielerin ist. Unter ihrer Oberfläche brodeln die Emotionen.
Das spiegelt sich in Kitamuras Erzählstil wieder, der eigentlich ruhig und beherrscht wirkt, aber eben auch nur, wenn du an der Oberfläche bleibst. Wenn du eintauchst wird es aufregend.


Wahrscheinlich eher nicht aufregend ist der Roman für dich allerdings, wenn du lieber einer stringenten Handlung folgst, die auf einen Höhepunkt oder eine Auflösung zusteuert.
Dann würde ich dir lieber Kitamuras „Intimitäten“ empfehlen, das dieses Schema vielleicht mehr erfüllt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.07.2025

Unterhaltsam und schmerzhaft zutreffend!

Das Geschenk
0

Nach dem aufsehenerregenden Roman „Trophäe“ vom vergangenen Jahr war ich sehr auf Gaea Schoeters neuen Roman gespannt. Zum Glück musste ich nicht lange warten, denn mit „Das Geschenk“ hat die flämische ...

Nach dem aufsehenerregenden Roman „Trophäe“ vom vergangenen Jahr war ich sehr auf Gaea Schoeters neuen Roman gespannt. Zum Glück musste ich nicht lange warten, denn mit „Das Geschenk“ hat die flämische Autorin schnell nachgelegt.

Der kurze Roman hat mich überrascht, denn er ist so ganz anders als Schoeters’ vorheriger Roman, und er spielt in Deutschland. Diesmal hat sich Schoeters für eine sehr politische und gesellschaftskritische Parabel entschieden.

Die Ausgangslage klingt aber nach wie vor abenteuerlich: der Präsident von Botswana hat die Nase gestrichen voll von der europäischen, genauer gesagt, von der deutschen Superioritäteneinstellung. Er will sich von Nationen, die nicht mit den örtlichen Konsequenzen leben müssen, nicht mehr vorschreiben lassen, wie er in seinem Staat den Arten- und Umweltschutz handhaben soll.
Er schickt 20.000 Elefanten als Geschenk nach Deutschland.
Mit den Details, wie das praktisch bewerkstelligt wurde, hält sich Schoeters nicht auf. Wie gesagt, der Roman liest sich wie eine pointierte, satirische Parabel und nicht wie ein ausgeschmückter Belletristikroman.

Auch bei der Frage, was das Elefantengeschenk für gesellschaftliche und politische Folgen für Deutschland hat, kommt Schoeters schnell auf den Punkt.

Schon bald kippt die Stimmung von einer fast freudigen „Wir schaffen das“- Mentalität zu Unmut über die vermeintlichen Einschränkungen und Verteilungsungerechtigkeiten der Elefantenbelastung.
Es liegt mehr als auf der Hand, dass die Elefanten eine Analogie zu unserem Umgang mit Flüchtlingen und Migration sein könnte.

Es ist toll, wie Schoeters herausarbeitet, dass die Elefanten eine große Chance für nachhaltigen gesellschaftlichen Umbruch und Veränderungen bieten, von denen sowohl die Bevölkerung wirtschaftlich und ökologisch profitieren könnte, sofern sie bereit für ein paar Anpassungen wäre.

Allerdings bleiben das „könnte“ und „wäre“ im Konjunktiv, wie du dir bestimmt denken kannst…

Mir persönlich hätte wahrscheinlich eine subtilere Übermittlung der Botschaft ein bisschen besser gefallen. Schoeters macht ihre Punkte sehr deutlich und nutzt manchmal sogar noch zusätzliche Erklärungen, beispielsweise wenn sie ihre neu ernannte Ministerin für Elefantenangelegenheiten erklären lässt, warum Frauen erst in Krisensituationen für gewichtige Ämter in Betracht kommen. Trotzdem mag ich es sehr, dass Schoeter auch das Geschlechterthema mit einfließen lässt.

„Das Geschenk“ hatte auf mich nicht die gleiche Faszination wie „Trophäe“, den ich einfach erzähltechnisch spannender fand.
Aber als politische Parabel ist der Roman wirklich großartig, unterhaltsam und schmerzlich zutreffend!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.07.2025

Ein Buch für Gerechtigkeit und gegen das Vergessen

Lilianas unvergänglicher Sommer
0

„In Mexiko werden täglich zehn Femizide verübt“
Eine der ermordeten Frauen war die 20-jährige Liliana Rivera Garza, die einzige Schwester von Cristina Rivera Garza, die heute Soziologin, Historikerin und ...

„In Mexiko werden täglich zehn Femizide verübt“
Eine der ermordeten Frauen war die 20-jährige Liliana Rivera Garza, die einzige Schwester von Cristina Rivera Garza, die heute Soziologin, Historikerin und Schriftstellerin ist. In „Lilianas unvergänglicher Sommer“ bearbeitet sie den Femizid an ihrer Schwester, die 1990 von ihrem Ex-Freund ermordet wurde. Er entzieht sich bis heute durch Flucht einer Strafverfolgung.

“Ich will Gerechtigkeit. Es war nicht ihre Schuld, / egal, wo sie war / oder welche Kleidung sie trug. Ich will Gerechtigkeit für meine Schwester. Der Vergewaltiger bist du.”

Mit ihrem Buch möchte Cristina Rivera Garza von ihrer Schwester erzählen und an sie erinnern, aber vor allem auch darauf aufmerksam machen, dass jeden Tag überall auf der Welt Frauen von Männern getötet werden.

„Die Unterwerfung weiblicher Körper birgt demnach eine Lektion: eine Pädagogik, die die Normalisierung von Grausamkeit propagiert, welche wiederum hilft, das patriarchale System aufrechtzuerhalten.
Femizid ist in diesem Kontext ein Hassverbrechen und richtet sich gegen Frauen, allein weil sie Frauen sind.“


Cristina Rivera Garza, die mit ihrer Familie in Mexiko aufgewachsen ist und heute in den USA lebt, begibt sich nach Jahrzehnte wieder auf die Spuren jenes Sommers. Sie versucht die Ermittlungsakten des Falls zu beschaffen, und beginnt die vielen Dokumente und Notizbücher, die ihre Schwester hinterlassen hat, durchzugehen.
Außerdem spricht sie mit Freund*innen von Liliana und mit ihren Eltern über die Vergangenheit.

In dem preisgekrönten Buch, das zuletzt mit dem Pulitzer-Preis 2024 ausgezeichnet wurde, erinnert sie an die intelligente, kreative und lebenshungrige junge Frau, die Liliana war und lässt sie mit Auszügen ihrer geschriebenen Briefen und Texten für mich lebendig werden.
„Lilianas unvergänglicher Sommer“ ist aber auch ein bewegendes Buch über Trauerarbeit, die sich über Jahrzehnte erstreckt.

“Kann man das Leben genießen, während man trauert?
Diese allzu bekannte Frage taucht ein ums andere Mal in der Ewigkeit des Kummers auf. Über Schuld wird viel gesprochen, aber zu wenig über Scham.”

Es ist ein Buch, das vom Weiterleben ohne die geliebte Schwester, Tochter und Freundin erzählt und es hat mich sehr berührt.

„Seit dreißig Jahren vermisse ich Liliana jeden Tag, und jede Stunde in jedem Tag. Jede Minute in jeder Stunde. Jede Sekunde.“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.07.2025

Klang ohne Echo

Die Geschichte des Klangs
0

Dieser schmale Roman hat nur 104 Seiten und ist großzügig gesetzt. Ich konnte ihn also ziemlich zügig durchlesen.
Jetzt ist es natürlich so, dass die Länge oder die Lesedauer eines Buches nichts über ...

Dieser schmale Roman hat nur 104 Seiten und ist großzügig gesetzt. Ich konnte ihn also ziemlich zügig durchlesen.
Jetzt ist es natürlich so, dass die Länge oder die Lesedauer eines Buches nichts über dessen Qalität für mich aussagt. Gerade kurze Romane bestechen oft mit einer starken Verdichtung und Intensität.
„Die Geschichte des Klangs“ gehörte für mich leider nicht in diese Kategorie.
Der Roman selbst ist in zwei Teile gegliedert. Der ersten Teil hat eine Rahmenhandlung im Jahr 1984, in der Lionel Worthing die Geschichte seiner Jugendliebe erzählt. Mit dem Musikstudenten David hatte er 1916 einen Sommer verbracht und diese Zeit hat sein weiteres Leben beeinflusst. Jetzt als alter Mann denkt er an diese einzigartigen Freundschaft und Liebe zurück und ordnet sie ihm Rückblick auf sein Leben ein.

“Ich hatte nicht die Schuldgefühle, die manche Männer in meiner Generation gehabt hätten. Ich liebte David und dachte nicht weit darüber hinaus. Mein Irrtum war die Annahme, David sei der erste von vielen. Eine erste Kostprobe der Liebe.“

Im zweiten Teil erzählt Shattuck die Geschichte von Annie, die in einer langweiligen Leben und einer lieblosen Ehe feststeckt. Sie findet in ihrem Haus die versteckten Wachszylinder, die im Sommer 1916 von Lionel und David während ihrer Forschungsreise im Maine von ländlicher Folkmusik gemacht hatten.
So gelangen die musikalischen Aufzeichnungen nach Jahrzehnten wieder zu Lionel, bei dem sie viele Erinnerungen freisetzen.

Diese Geschichte birgt einiges an melancholischem Potential, das aber bei mir nur teilweise freigesetzt wird. Es ist eine Geschichte über verpasste Chancen und nicht gelebten Möglichkeiten, aber die Tragik, die dahinter steckt, kommt für mich nicht wirkungsvoll zur Geltung. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass Shattuck nicht wirklich atmosphärisch erzählt, was dann zusammen mit der Kürze des Romans bei mir keine echte Stimmung aufkommen lässt.

Um damit, wie im Klappentext beschrieben „die Rätsel der menschlichen Seele zu erkunden“, war mir nicht so wirklich möglich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere