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Veröffentlicht am 16.05.2025

Detailliert recherchierter und literarischer Tatsachenroman

Die letzten Tage
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Im April 1945, kurz vor Kriegsende, errichtete der NS-Kreisleiter Johann Braun im niederösterreichischen Schwarzau ein illegales „Standgericht“. Unterstützt von sogenannten „Sonderkommandos“ (bestehend ...

Im April 1945, kurz vor Kriegsende, errichtete der NS-Kreisleiter Johann Braun im niederösterreichischen Schwarzau ein illegales „Standgericht“. Unterstützt von sogenannten „Sonderkommandos“ (bestehend u. a. aus Volkssturm und Hitlerjugend) und unter dem Vorwand, „politisch unzuverlässige“ Personen zu bestrafen, ließ er Männer und Frauen verhaften, verurteilen und hinrichten.

Ist das ein Stoff für einen einen unterhaltsamen, fiktionalisierten Roman? Der österreichische Schriftsteller Martin Prinz hat über diese Frage länger nachgedacht, wie er in den Nachbemerkungen erklärt.

“Keine Fiktion könnte dem je gerecht werden, was Kermer über die Schicksale der Opfer dokumentiert hatte.”

Und dennoch ist Schweigen keine Alternative. Und ein unterhaltsamer Roman ist „Die letzten Tage“ wahrlich nicht geworden, dafür aber vielleicht ein lesenswertes und wichtiges Mosaikstück für ein besseres Verstehen.

Prinz stützt sich für „Die letzten Tage“ auf umfangreiche Recherchen, insbesondere auf die Protokolle und Zeugenaussagen des Volksgerichtshofprozesses von 1947. Er vermischt historische Dokumente mit literarischer Gestaltung, um die Mechanismen von Machtmissbrauch und Gewalt in den letzten Kriegstagen aufzuzeigen .

Der Roman stellt die Sprache und Rechtfertigungen der Täter in den Mittelpunkt, wodurch die Leser die Abgründe menschlichen Handelns nachvollziehen können.

Immer wieder stoße ich auf die Formulierungen „wisse er nicht“, „hat den Auftrag gegeben“, „nicht sicher“ und „nicht gesehen“. Prinz arbeitet deutlich heraus, wie die Beteiligten die Verantwortung leugnen und/oder weiterschieben.

Und natürlich will im Nachhinein auch niemand ein Nazi gewesen sein!

“Dies allein beweise schon, dass er nur bei der SA gewesen sei, weil er immer schon großes Interesse für Sport gehabt habe und sich als Sportler und Soldat fühle, nicht jedoch als fanatischer Nationalsozialist.”

Besonders nachdenklich macht es mich, dass einige durchaus zugeben, ein Gefühl des Unrechts gespürt zu haben. Aber warum erhebt niemand Einwände gegen das Standgericht? Warum werden die Urteile dann auch noch vollstreckt? In der Zusammenstellung der Texte zeigt sich die verdrehte Gedankenwelt der Täter.

„Und nachdem Braun mit dem Befehl gekommen sei, ein solches Standgericht zu errichten, habe er ihm das glauben müssen.“

Die letzten Tage ist somit nicht nur ein historischer Roman, sondern auch ein Stück literarischer Aufklärungsarbeit, das die dunklen Kapitel der österreichischen Geschichte beleuchtet und zur Reflexion über Verantwortung und Erinnerungskultur anregt.

Nach dem Krieg wurden die Mitglieder des Standgerichts – Braun, Wallner und Weninger – vom Volksgericht als Kriegsverbrecher angeklagt. Braun und Wallner wurden 1948 hingerichtet, Weninger beging 1946 Suizid in der Haft.

Ich muss sagen, dass mir das Lesen des Romans teilweise schwerfiel. Das lag zum einen natürlich an der Schwere des Thema, zum anderen aber auch an der Authentizität der historischen Texte, die für mich rein stilistisch nicht so einfach erfassbar waren. Zusätzlich haben mich die vielen Namen einfach überfordert und es fiel mir schwer den Überblick über die vielen Zeugenaussagen und die Zusammenhänge zu behalten.

Mit diesem kleinen Disclaimer möchte ich dir den Roman aber trotzdem empfehlen, wenn du dich thematisch mit der Aufarbeitung des dritten Reiches beschäftigen möchtest!

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Veröffentlicht am 16.05.2025

Gesellschaftskritisch, sehr spannend und ziemlich creepy

Das fünfte Kind
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Es gibt gleich mehrere Gründe, warum ich diesen Roman der britischen Schriftstellerin unbedingt lesen wollte. Zum einen habe ich (soweit ich mich erinnere) noch gar keinen Roman der 2013 verstorbenen ...

Es gibt gleich mehrere Gründe, warum ich diesen Roman der britischen Schriftstellerin unbedingt lesen wollte. Zum einen habe ich (soweit ich mich erinnere) noch gar keinen Roman der 2013 verstorbenen und mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Autorin gelesen.
Und zum anderen spricht mich genau dieser Titel natürlich aus privaten Gründen ganz persönlich an. Wenn Elternschaft und Familie als Thema in der Literatur aufgegriffen werden, was in den Romanen, die mich ansprechen sehr häufig der Fall ist, handelt es sich meist um traditionelle Kleinfamilien mit selten mehr als einem oder zwei Kindern. Die Großfamilie und ihre ganz speziellen Herausforderungen an ihre Mitglieder werden viel seltener so spezifisch bearbeitet.

In dem bereits 1988 erschienen Roman „Das fünfte Kind“ wissen Harriet und David bereits vor der Hochzeit, dass sie eine große Familie gründen wollen. Um nicht zu sagen eine sehr große Familie in einem sehr großen Haus.
Damit stellt sich das von Lessing als bieder und aus damaliger Sicht spießig beschriebene Paar komplet gegen den Zeitgeist. Die Geschichte spielt in den 70ern im Londoner Umfeld und die Pille hat die typische Familiengröße reduziert und ermöglicht, ja postuliert förmlich die sexuelle Freiheit für alle Geschlechter.

Aber Harriet und David sind verliebt und sich ihrer Sache sicher. Und ihr Plan scheint aufzugehen. Gleich nach der Hochzeit wird Harriet schwanger, was die junge Familie in finanzielle Bedrängnis bringt, aber Davids reicher Vater hilft gerne.
Nach dem ersten Kind folgen in sehr schneller Taktung weitere, und das große Haus wird ein beliebter und heimeliger Treffpunkt für Verwandte und Freund:innen.

„Sie buken Brot, bis das ganze Haus danach roch. Das war das Glück, auf die alte Art.“

Lessing beschreibt hier einen Lebensstil, den ich heute auch wieder vermehrt als Sehnsuchtsort wahrnehme, auf Instagram repräsentiert durch unter dem Stichwort „Cottage Core“.

Es läuft also für alles nach Plan, Harriet und David könnten glücklicher nicht sein, das Paar wird im Freundeskreis beneidet.
Dann wird Harriet schwanger mit ihrem fünften Kind…

…und diesmal ist alles anders. Schon die Schwangerschaft ist eine einzige Tortur. Der ungewöhnlich starke Fötus martert die mittlerweile ausgelaugte Mutter mit seinen Tritten. Harriets Mutter ist über die erneute Schwangerschaft ihrer Tochter wenig erfreut, da ein großer Teil des Haushaltes und der Kinderbetreuung auf ihren Schultern lastet. Finanziell wird es eng und David arbeitet so viel wie nie zuvor. Das Paar entfremdet sich.

Als der kleine Ben schließlich geboren wird, zeigt sich schnell, dass der Traum von der glücklichen Großfamilie ausgeträumt ist, denn Ben ist…anders.

Lessing lässt die Frage nach dem Grund von Bens Andersartigkeit nicht wirklich offen, wie es vielleicht in einem zeitgenössischen Roman heute gelöst wäre. Beispielsweise in Lionel Shrivers Roman „Wir müssen über Kevin reden“ ist nicht klar, ob die Ablehnung der Mutter Kevins Grausamkeit erst verursacht hat, oder ob Kevin einfach böse geboren wurde. Bei Lessing hingegen lese ich da sehr viel weniger Ambivalenz heraus. Dabei ist Ben nicht böse im soziopathischen Sinn, sondern er wird vielmehr als andersartige Kreatur nicht menschlichen Ursprungs beschrieben.
In der Figur von Ben erkenne ich natürlich einen Stellvertreter für alle, die möglicherweise nicht das Kind sind, das sich die Eltern – bewusst oder unbewusst – gewünscht haben. Ben steht für den Kontrollverlust und der Nicht-Planbarkeit der mit dem Elternwerden einhergehen. Bens Wildheit und Fremdartigkeit passen nicht mit den Strukturen einer kleinbürgerlichen Gesellschaft zusammen und so ist es auch für Harriet unmöglich ihn entsprechend zu erziehen.
Lessing zerstört die Davids und Harriets Illusion, sie wären anders als andere Paare und Eltern. Am Ende ist ihre Familie genauso wenig ein Ort der Idylle wie bei allen anderen.

Anders als erhofft fand ich in „Das fünfte Kind“ gar nicht so viel Analyse und Beschreibungen des Lebens in einer Großfamilie. Dennoch hat mich dieser Roman komplett gefesselt und in seinen Bann gezogen.
Das lag genauso an der Geschichte selbst, wie auch an der zeitlichen Distanz, mit der ich sie fast 40 Jahre nach ihrem Erscheinen lese. Lessings Schreibstil ist zeitlos verzaubernd und spannend, allerdings wären einige Darstellungen heute vermutlich nicht mehr in dieser Art vorstellbar.

Ich fand „Das fünfte Kind“ gesellschaftskritisch, sehr spannend und irgendwie auch ziemlich creepy.
Ich kann mir gut vorstellen, noch weitere Romane von Doris Lessing zu lesen.

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Humorvolle Gesellschaftskritik mit kleiner Bitternote

Der Duft des Wals
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„Der Duft des Wals“ ist der erste Roman des fankokanadischen Drehbuchautors und Übersetzers Paul Ruban. Er wurde in Kanada zu einem Überraschungserfolg.
Kein Wunder, denn auch ich fand den Roman äußerst ...

„Der Duft des Wals“ ist der erste Roman des fankokanadischen Drehbuchautors und Übersetzers Paul Ruban. Er wurde in Kanada zu einem Überraschungserfolg.
Kein Wunder, denn auch ich fand den Roman äußerst unterhaltsam und süffig mit einem bittersüßen Nachgeschmack.

Der Duft des Wals ist in diesem Fall wie auf dem Klappentext angekündigt, der Duft des Verfalls, denn der Wal liegt verwesend am Strand.
Oder eigentlich ist bereits auf Grund der Verwesungsgase explodiert und hat sich überall am Strand verteilt.
Und nicht nur am Strand, sondern auch in und auf dem luxuriösen All-inclusive- Resort des tropischen Urlaubsparadieses, das den Schauplatz des Roman bildet.
In diesem Resort platziert Paul Ruban allerlei verschiedene Figuren mit ihren mehr oder minder schwierigen Problemen, die sich dort eigentlich eine Auszeit vom Alltag erhoffen.
Allen voran das Ehepaar Judith und Hugo mit ihrer Tochter Ava, deren Ehe in einer schweren Krise steckt. Aber wo eigentlich ein paar schwül-heiße Tage und entspannte Drinks am Pool die Leidenschaft wieder neu entflammen sollten, ist der Geruch des Wals bald nur noch mit einer unangenehmen Nasenklammer zu ertragen.
Die Tochter Ava versucht sich in der Zwischenzeit mit einem wirklich omnipräsenten „Etch A Sketch“ (wohl eine Art Zaubertafel) die Zeit zu vertreiben.
Neben dieser kleinen, kurz vor der Trennung stehenden Familie hat sich Ruban noch ein paar andere liebenswerte und skurrile Figuren ausgedacht: das schwer verliebte ältere Hotelfaktotum Waldemar soll sich um die Bereitung des Gestanks kümmern, ein narkoleptisches Zimmermädchen ist dabei Objekt seiner Begierde. Die bußfertige Stewardess Céleste arbeitet daran eine alte Schuld abzutragen, um endlich einen Geist loszuwerden.

Natürlich liegt die Analogie des nicht zu vertreibenden Geruchs des Wals auf der Hand. Es ist das gestankgewordene Unbehagen, das auf universeller Ebene durch unseren moralisch zweifelhaften Lebensstil ausgelöst wird.
Ruban baut immer wieder kleine Andeutungen ein, die das unterstreichen: die zerstörte Natur durch den Tourismus, die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte, die ungleiche Verteilung von Ressourcen. Und auf der individuellen Ebene der Figuren sind es die Gefühle und Probleme, die irgendwann nicht mehr geleugnet oder unterdrückt werden können.


Obwohl mich der Roman wirklich sehr gut unterhalten hat, bin ich am Schluss nicht ganz zufrieden. Das Ende finde ich grundsätzlich stimmig, ist mir aber persönlich zu überhastet und zu überfrachtet ausgearbeitet worden.

Trotzdem ist „Der Duft des Wals“ meiner Meinung nach ein sehr empfehlenswerter Roman voll mit humorvoller Gesellschaftskritik mit einer kleinen Bitternote im Abgang.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Kritisches Gesellschafts- und Familienporträt aus Taiwan

Geisterdämmerung
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Kevin Shih-Hung Chen(陳思宏) ist ein in Taiwan geborener Schriftsteller und Journalist, dessen Karriere allerdings als Schauspieler begann. Er hat bereits sieben Bücher in China und Taiwan veröffentlicht, ...

Kevin Shih-Hung Chen(陳思宏) ist ein in Taiwan geborener Schriftsteller und Journalist, dessen Karriere allerdings als Schauspieler begann. Er hat bereits sieben Bücher in China und Taiwan veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Heute lebt und arbeitet der Autor in Berlin.

Auch sein Roman „Geisterdämmerung“ bewegt sich zwischen Taiwan und Deutschland und ist insgesamt das Porträt einer dysfunktionalen Familie.
Der jüngste Sohn Tianhong dieser Familie war nach Deutschland gezogen, hat sich dort verliebt und geheiratet.
Allerdings hat er seinen Mann ermordet und kam deswegen für einige Jahre ins Gefängnis.

Als Tianhong nach seiner Gefängnisstrafe in sein Heimatdorf Yongjing in Taiwan zurückkehrt, hat sich in der ländlichen Region viel verändert. Auf den Chrysanthemenfeldern seiner Erinnerung stehen nun verwahrloste Motels, Unkraut wuchert und der lokale Markt wurde durch einen Supermarkt ersetzt
Die Eltern sind tot und die Leben seiner Schwestern und seines Bruders sind weitergelaufen und haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Unglücklich und gescheitert sind sie alle.

Die dritte Tochter Shuqing wurde zwar als Kind bevorzugt behandelt, ist aber als Erwachsene von großem Selbsthass zerfressen und hat einen brutalen und lieblosen Ehemann, der sie schlägt.

Sujie hat nach einem verstörenden Vorfall in der Kindheit vermutlich ein Angststörung und verlässt nicht mehr das Zimmer oder öffnet die Vorhänge. Seit Jahren. Wie lebendig begraben. Oder wie ein Geist.

Shumei lebt prekär und hasst ihren Ehemann.

„Ihren Mann mit eigenen Augen sterben zu sehen, war Shumeis größter Ansporn, selbst weiterzuleben.“

Die jüngste Schwester hat vor vielen Jahren Selbstmord begangen.

„Wie konnte nur so etwas passieren? Kein einziges der Chen-Kinder hatte es mit der Heirat gut getroffen. Was war nur geschehen, dass Tianhong sogar zum Mörder geworden war?“

Es sind die vielen lange verborgenen Familiengeheimnisse und vergessenen Erinnerungen, die Kevin Chen nach und nach In Rückblenden am Tag von Tianhongs Rückkehr entschlüsselt. Es ist auch der Tag des Geisterfestes, der die Rahmenhandlung für die Zusammenführung der Geschwister bildet.

Stilistisch ist das sehr raffiniert erzählt, denn es kommen nicht nur die Lebenden in wechselnder Besetzung zu Wort, sondern auch die Geister.

„Auf dem Land wimmelte es von Geistern, die in den Erzählungen der Menschen lebten.“

Mosaikförmig setzt sich so ein Bild der Vergangenheit und der Ereignisse zusammen, die in der Gegenwart immer noch lange Schatten werfen.
Verbotene und versteckte Homosexualität ist dabei ebenso ein Thema wie Missbrauch, gewalttätige Beziehungen und soziale Ungerechtigkeit.


Trotz der vielschichtigen Themen, die Chen aufgreift, fällt der Roman für mich nur in die Kategorie „mittelmäßig gerne gelesen“. Seine Erzählweise und die Vermittlung des Inhalts war mir persönlich oft zu grob und ungenau. Auch den Figuren hätte meiner Meinung eine genauere Beobachtung ihrer Motivation und inneren Gefühlswelt gut getan.

In Kombination mit dem umfangreichen Figurenarsenal hatte der Roman dadurch für mich einige Längen, obwohl er abwechslungsreich und geschickt aufgebaut ist. Dass ein hilfreiches Personenverzeichnis am Ende angehängt ist, hatte ich dann leider erst nach dem Lesen bemerkt.

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Veröffentlicht am 11.05.2025

WTF, das war gut

Es währt für immer und dann ist es vorbei
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Ich habe dieses Frühjahr relativ viele Neuerscheinungen gelesen. Darunter waren für mich viele gute Bücher und einige sehr gute Bücher. Und vereinzelt Highlights (und einige Flops).
Jetzt ist mir mit „Es ...

Ich habe dieses Frühjahr relativ viele Neuerscheinungen gelesen. Darunter waren für mich viele gute Bücher und einige sehr gute Bücher. Und vereinzelt Highlights (und einige Flops).
Jetzt ist mir mit „Es währt für immer und dann ist es vorbei“ noch ein ganz besonderes Highlight begegnet, wenn nicht sogar DAS Highlight, dass mir noch länger im Gedächtnis bleiben wird!

Dass mich der kurze Roman emotional so hart anfasst, hätte ich eigentlich gar nicht erwartet, weil, äh… die Erzählerin ein Zombie ist und das Setting postapokalyptisch.
But well, ich denke ja auch immer noch manchmal an „Die Straße“ von Cormac McCarthy.

Also die Erzählerin ist schon länger ein Zombie in einer postapokalyptischen Welt und von Hunger getrieben tötet und verspeist sie ab und zu einen der verbliebenen Menschen.

„Zombies, das waren früher Drogensüchtige, oder Leute vorm Fernseher, vor Spielkonsolen.
Jetzt sind Zombies Zombies. Und Konsumenten Konsumenten.“

Aber das ist eigentlich nur ein Nebenschauplatz. Anne de Marcken konzentriert sich vielmehr voll auf die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Protagonistin.

Was bleibt vom vergangenen Leben, wenn die Ewigkeit vor dir liegt?

„Die Welt ist groß und leer, aber in mir ist eine viel größere Leere. Der Hunger macht mich weiträumig, bodenlos.“

Ziellos zieht die Erzählerin durch eine zerstörte und dunkle Welt. Sie hat sich die Brust ausgehöhlt und an der Stelle des Herzens eine tote Krähe hineingesteckt und dort eingeschlossen.
An diese Krähe denkt sie, will sie in sich behüten und spricht mit ihr.

„Ich habe das Gefühl in meiner Brust vielleicht als Krähe beschrieben. Jetzt ist das Gefühl selbst das Ding. Ein zusammengefaltetes Ding mit Federn, das in meinem unverrotteten Fleisch verrottet.“

Es sind starke Kontraste, mit denen de Marcken arbeitet. Zärtliche Szenen und Gedanken setzt sie neben brutale und gewalttätige Szenen.
Die Erinnerungen der untoten Erzählerin an ihr früheres endliches Leben stehen im Gegensatz zu ihrer düsteren und endlosen Unsterblichkeit.

Heidelbeeren pflücken, Sommer, Licht und Leben gegen Dunkelheit, Leere und Sinnlosigkeit.
Ein in Romanform gegossenes „Memento mori“.

Anne de Marcken beschreibt atmosphärisch eine Trauer und Leere in ihrer Figur, die mit der Unendlichkeit vor Augen umso schwerer wiegt.
Die Erzählerin adressiert ein mir unbekanntes und vor allem ein verlorenes Du. Der ganze Roman atmet Verlust und kann und will natürlich als Metapher gelesen werden.

Und trotz diesem Gefühl der Leere und der Traurigkeit ist die Geschichte nicht hoffnungslos oder gar nihilistisch. Im Gegenteil, es ist ein Gefühl und die Erinnerung an Zärtlichkeit und Liebe, die letztendlich nach all der Verheerung geblieben sind.

Es ist die Sehnsucht nach dem Du und die Liebe, die als unsterblicher Rest von Menschlichkeit in dem Zombie geblieben ist, und die mich komplett fertig macht. Ich wünschte, dass wäre das, was uns allen irgendwann am Ende noch bleibt.


Auch wenn dich Romane mit Zombieapokalypsen normalerweise vielleicht nicht ansprechen, empfehle ich dir dringend dieses für mich sehr besondere und emotionale literarische Herzstück. Für mich wirklich eine der glänzenden und herausragenden Neuerscheinung aus dem Frühjahrsprogramm. Ich hoffe, dass noch viele Leser*innen dieses Buch entdecken werden!

Mit dem Schriftsteller Clemens J. Setz konnte für den Roman ein sensibler Übersetzer gewonnen werden, der die Prosa von Anne de Marcken verlustfrei und in bester Weise unsichtbar aus dem Englischen ins Deutsche übertrug.

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