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Maimouna19

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Veröffentlicht am 15.09.2025

schöner Familienroman

Die Rückkehr der Kraniche
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"Die Rückkehr der Kraniche" handelt von vier Frauen der Hansen-Familie aus drei Generationen und spielt in der Elbmarsch. Hier leben die Vogelwartin Grete und ihre Mutter Wilhelmine. Nach einem Schwächeanfall ...

"Die Rückkehr der Kraniche" handelt von vier Frauen der Hansen-Familie aus drei Generationen und spielt in der Elbmarsch. Hier leben die Vogelwartin Grete und ihre Mutter Wilhelmine. Nach einem Schwächeanfall muss Wilhelmine ins Krankenhaus. Gretes jüngere Schwester, Freya, lebt in Berlin und reist an, um zu helfen. Gleichzeitig flüchtet sie aber auch vor ihren eigenen Problemen in Berlin.
Auch Gretes Tochter Anne, die in Bremen studiert, findet sich ein, um ihre Großmutter zu sehen.
Relativ schnell wird klar, dass die Frauen ein recht angespanntes Verhältnis zueinander haben. Jede hat ihre eigenen Geheimnisse, Probleme, Sehnsüchte und Träume, die sie aber nicht miteinander teilen, sondern für sich behalten. Das führt natürlich zu Missverständnissen und Konflikten und verkompliziert das Verhältnis der Frauen zueinander Am liebsten würde man alle Vier schütteln und ihnen zurufen: „Mensch, redet einfach miteinander!“
Romy Fölck ist vor allem durch ihre Elbmarsch-Bücher, Kriminalromane mit Lokalkolorit, bekannt. Für mich ist „Die Rückkehr der Kraniche“, ein Familienroman, das erste Buch, das ich von dieser Autorin gelesen habe.
Jedes Kapitel ist mit dem Namen einer der vier Frauen betitelt, d.h. die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Dadurch wirken die einzelnen Charaktere sehr authentisch und man kann ihr Denken und Handeln gut nachvollziehen.
Mit „Rückkehr der Kraniche“ ist Romy Fölck ein Familienroman gelungen, der eher ruhig und nicht übermäßig spannend, da sehr vorhersehbar, ist, aber insgesamt atmosphärisch dicht und unterhaltsam mit schönen Landschafts-/Naturbeschreibungen. Insgesamt gute Unterhaltung, die einige angenehme Lesestunden beschert (und in mir Sehnsucht nach der norddeutschen Heimat aufkommen lässt).

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Fast ein Jahrhundert italienische Zeitgeschichte

Brief an Matilda
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In „Brief an Matilda – ein italienisches Leben“ schreibt Andrea Camilleri im Alter von 91 Jahren einen Brief an seine 4jährige Urenkelin Matilda, in dem Bewusstsein, dass sie diesen Brief erst lesen und ...

In „Brief an Matilda – ein italienisches Leben“ schreibt Andrea Camilleri im Alter von 91 Jahren einen Brief an seine 4jährige Urenkelin Matilda, in dem Bewusstsein, dass sie diesen Brief erst lesen und verstehen wird, wenn es ihn schon lange nicht mehr gibt. Der Brief ist eine Rückschau auf sein langes und bewegtes Leben, unsentimental, mit leichtem Hauch von Nostalgie, aber durchaus auch politisch. Matilda fungiert als Stellvertreterin für ihre Generation. Camilleri schreibt über seine Kindheit und Jugend im faschistischen Italien Mussolinis und wie er zum Kommunisten wurde. Er schreibt über seinen beruflichen Werdegang, der vom Theater über das Fernsehen bis zum Erfolg als Schriftsteller führt. Man erfährt wie er seine Liebe zur Literatur gefunden hat, wie er die italienische und europäische Politik einschätzt, erzählt aber auch von seiner Frau und großer Liebe Rosetta, von seinen Töchtern und Enkelkindern sowie wichtigen Freunden und Weggenossen.
Camilleri war mir bis dato – wie wohl den meisten deutschen Lesern – nur durch seine Kriminalromane um den Kommissar Salvo Montalbano bekannt. Umso schöner, ihn nun durch „Briefe an Matilda“, von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Er schreibt sehr unterhaltsam, anschaulich und humorvoll. Auch wenn er aufgrund seiner Gesinnung so einige Schwierigkeiten im Leben hatte, Politik und Wirtschaft kritisiert, ist er dennoch kein Pessimist, sondern glaubt an die Menschheit. Er setzt vor allem auf die jungen Menschen und hofft, dass sie es besser machen als vorangegangene Generationen.
„Brief an Matilda“ ist gleichzeitig die persönliche Lebensgeschichte Camilleris wie auch Zeitzeugnis von fast einem Jahrhundert italienischer Geschichte. Sehr lesenswert – nicht nur für Kommissar Montalbano Fans.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

systematischer Psychoterror

Die Jagd
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Sasha Filipenko erzählt in seinem Roman »Die Jagd« am Beispiel des Investigativjournalisten Anton Quinn von der Gefahr, der Journalisten ausgesetzt sind, die sich in Russland mit den Mächtigen anlegen. ...

Sasha Filipenko erzählt in seinem Roman »Die Jagd« am Beispiel des Investigativjournalisten Anton Quinn von der Gefahr, der Journalisten ausgesetzt sind, die sich in Russland mit den Mächtigen anlegen. Hier ist es der Oligarch Wolodja Slawin, dem die Enthüllungen von Anton Quinn nicht gefallen. Es ist den eigenen Ambitionen nicht sehr zuträglich, wenn man sich selbst als großen Patrioten inszeniert und eine politische Karriere anstrebt, aber sein Vermögen ins Ausland schafft und die eigene Familie das Luxusleben an der Côte d’Azur dem Leben in Russland vorzieht. Also setzt er alle Hebel in Bewegung, um Anton Quinn mundtot zu machen. Ihn einfach umzubringen, wäre allzu simpel, da gibt es doch bessere Methoden! Die Schergen Slawins beginnen Anton Quinn zu malträtieren und zu terrorisieren, erst ganz langsam, dann immer schlimmer. Von dauernder Lärmbelästigung, aufgeschlitzten Autoreifen bis hin zu übler Nachrede und Verleumdung ist alles dabei, um den Journalisten in eine Paranoia zu treiben und ihn zu brechen. Alles so geschickt inszeniert, dass man keinen Verursacher fest machen kann.
Der Roman ist in Form einer Sonate geschrieben, mit Haupt-, Zwischen- und Seitensätzen, das heißt, die Perspektive der Protagonisten wechselt von Kapitel zu Kapitel. Das macht es anfangs etwas schwierig, sich in die Geschichte einzufinden. Doch wenn man erstmal mit den vielen Akteuren vertraut ist, steckt man mittendrin in einer temporeichen, fesselnden Geschichte.
Filipenkos Erzählstil ist rasant und trieft geradezu vor Zynismus und Sarkasmus, so dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ein bedrückender und realistischer Einblick in das System Putin fern von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – und wahrscheinlich ist die Situation inzwischen noch unerträglicher als bei Erscheinen des Buches.
Ich bin ohnehin dankbar, in einem demokratischen Staat zu leben, die Lektüre von „Die Jagd“ hat diese Dankbarkeit nochmals verstärkt – uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Alltagssexismus am Beispiel Südkoreas

Kim Jiyoung, geboren 1982
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In "Kim Jiyoung, geboren 1982" erzählt Cho Nam-Joo die Geschichte von Kim Jiyoung, einer jungen Frau in Südkorea. Gleich zu Beginn erfährt man, dass die junge Frau, die inzwischen Mutter geworden ist an ...

In "Kim Jiyoung, geboren 1982" erzählt Cho Nam-Joo die Geschichte von Kim Jiyoung, einer jungen Frau in Südkorea. Gleich zu Beginn erfährt man, dass die junge Frau, die inzwischen Mutter geworden ist an einer Psychose erkrankt ist, bei der sie sich für Frauen aus ihrem engen Umfeld hält und wie diese agiert. Aus der Perspektive eines Psychologen, der die Lesenden chronologisch durch die verschiedenen Etappen ihres Lebens führt, wird gezeigt, dass ihre Psychose keine individuelle Erkrankung ist, sondern die Folge von Alltagssexismus und Diskriminierung. Beispiele aus Kindheit, Schul-und Berufszeit (allesamt haarsträubend!) sowie Statistiken und Fakten untermauern diese These.
Der nüchterne und distanzierte Schreibstil Cho Nam-Joos macht deutlich, dass es nicht um das individuelle Schicksal von Kim Jiyoung geht, sondern sie symbolisch für das Leben aller Frauen in der heutigen Gesellschaft steht.
Man würde es sich auch zu einfach machen, diese Thematik nur als ein Problem des asiatischen Raums abzutun, das es so in Europa nicht mehr gibt. Manche Formen des Alltagssexismus mögen vielleicht in Südkorea ausgeprägter sein als im Westen, aber viele der geschilderten Erfahrungen machen Frauen überall auf der Welt. Auch im ach so fortschrittlichen, aufgeklärten Europa werden Frauen immer noch bei der Jobsuche benachteiligt, nach wie vor gibt es den Gender Pay Gap, es sind in der Mehrheit die Mütter, die sich um die Kinder kümmern, etc. etc. Auf echte Gleichstellung müssen Frauen auch in der heutigen Gesellschaft wohl noch lange warten.
Mit ganz viel Wut im Bauch habe ich das Büchlein (270) Seiten in einem Rutsch durchgelesen.
"Kim Jiyoung, geboren 1982" ist nicht nur Fiktion, sondern ein wichtiger Beitrag zur Debatte über Frauenfeindlichkeit und Missstände in der Gesellschaft – ein wichtiges Buch, nicht nur für Frauen in Südkorea, sondern überall. Und es schadet auch nichts, wenn Männer dieses Buch lesen!

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Lebensfreundschaft

Morgen, morgen und wieder morgen
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In "Morgen, morgen und wieder morgen" schreibt Gabrielle Zevin über die komplizierte und langjährige Freundschaft von Sadie und Sam. Die beiden lernen sich in den 1990er Jahren als Kinder kennen. Sam ...

In "Morgen, morgen und wieder morgen" schreibt Gabrielle Zevin über die komplizierte und langjährige Freundschaft von Sadie und Sam. Die beiden lernen sich in den 1990er Jahren als Kinder kennen. Sam liegt nach einem schweren Verkehrsunfall, bei dem seine Mutter ums Leben kam, im Krankenhaus in Los Angeles. Hier lernt Sadie ihn kennen, die wegen der Krebsbehandlung ihrer Schwester dort ist. Über das Computerspiel „Super Mario“ freunden sich die beiden an.
Nach einer Enttäuschung zerbricht ihre Freundschaft und sie verlieren den Kontakt zueinander.
Jahre später, beide studieren inzwischen an der Ostküste, treffen sich Sadie und Sam zufällig wieder. Sadie hat eine Idee für ein Computerspiel und gemeinsam gründen sie ihre erste Firma, ein Spieleentwicklerstudio. Ihr erstes gemeinsames Spiel „Ichigo“ wird zu einem Sensationserfolg, weitere folgen und ihre gemeinsame Firma „Unfair Games“ wächst rasant. Dadurch entstehen aber auch Spannungen, die ihre Freundschaft erneut auf die Probe stellen.

Gabrielle Zevin beschreibt die jeweiligen Zwänge und Sehnsüchte von Sadie und Sam sowie ihre Kreativität, die sie gleichzeitig verbindet, aber auch zu Rivalen macht.
Der Roman ist in einer klaren, schnörkellosen Sprache geschrieben, es ist eine Geschichte über Wagnisse und Scheitern, über die Möglichkeit aus Fehlern zu lernen und neu anzufangen bzw. sich neu zu erfinden. Und vor allem ist es die Geschichte einer Lebensfreundschaft mit all ihren Höhen und Tiefen. Dass der Roman in die Welt der Computerspiele eingebettet ist, macht es für Leser, die der Generation der Computerspiele angehören, vielleicht sogar noch lesenswerter. Da ich keinerlei Draht zu Computerspielen habe, war das für mich eher abschreckend. Doch insgesamt ist "Morgen, morgen und wieder morgen" einfach intelligente und kurzweilige Unterhaltung und hat mir ein paar angenehme Lesestunden beschert.

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