systematischer Psychoterror
Sasha Filipenko erzählt in seinem Roman »Die Jagd« am Beispiel des Investigativjournalisten Anton Quinn von der Gefahr, der Journalisten ausgesetzt sind, die sich in Russland mit den Mächtigen anlegen. ...
Sasha Filipenko erzählt in seinem Roman »Die Jagd« am Beispiel des Investigativjournalisten Anton Quinn von der Gefahr, der Journalisten ausgesetzt sind, die sich in Russland mit den Mächtigen anlegen. Hier ist es der Oligarch Wolodja Slawin, dem die Enthüllungen von Anton Quinn nicht gefallen. Es ist den eigenen Ambitionen nicht sehr zuträglich, wenn man sich selbst als großen Patrioten inszeniert und eine politische Karriere anstrebt, aber sein Vermögen ins Ausland schafft und die eigene Familie das Luxusleben an der Côte d’Azur dem Leben in Russland vorzieht. Also setzt er alle Hebel in Bewegung, um Anton Quinn mundtot zu machen. Ihn einfach umzubringen, wäre allzu simpel, da gibt es doch bessere Methoden! Die Schergen Slawins beginnen Anton Quinn zu malträtieren und zu terrorisieren, erst ganz langsam, dann immer schlimmer. Von dauernder Lärmbelästigung, aufgeschlitzten Autoreifen bis hin zu übler Nachrede und Verleumdung ist alles dabei, um den Journalisten in eine Paranoia zu treiben und ihn zu brechen. Alles so geschickt inszeniert, dass man keinen Verursacher fest machen kann.
Der Roman ist in Form einer Sonate geschrieben, mit Haupt-, Zwischen- und Seitensätzen, das heißt, die Perspektive der Protagonisten wechselt von Kapitel zu Kapitel. Das macht es anfangs etwas schwierig, sich in die Geschichte einzufinden. Doch wenn man erstmal mit den vielen Akteuren vertraut ist, steckt man mittendrin in einer temporeichen, fesselnden Geschichte.
Filipenkos Erzählstil ist rasant und trieft geradezu vor Zynismus und Sarkasmus, so dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ein bedrückender und realistischer Einblick in das System Putin fern von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – und wahrscheinlich ist die Situation inzwischen noch unerträglicher als bei Erscheinen des Buches.
Ich bin ohnehin dankbar, in einem demokratischen Staat zu leben, die Lektüre von „Die Jagd“ hat diese Dankbarkeit nochmals verstärkt – uneingeschränkte Leseempfehlung!