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Veröffentlicht am 25.11.2022

Reise in die Vergangenheit

Die Sehnsucht nach Licht
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Nach „Was uns erinnern lässt“ und „Wo wir Kinder waren“ habe ich mich sehr gefreut, als ich den neuen Roman von Kati Naumann entdeckt habe. Ich mag ihre Geschichten, die aus dem aktuellen Geschehen heraus ...

Nach „Was uns erinnern lässt“ und „Wo wir Kinder waren“ habe ich mich sehr gefreut, als ich den neuen Roman von Kati Naumann entdeckt habe. Ich mag ihre Geschichten, die aus dem aktuellen Geschehen heraus den Blick in die Vergangenheit wagen und den Fokus auf ganz bestimmte Gegenden richten. Die Autorin arbeitet mit hoher Sensibilität die kritischen Ereignisse im gewählten Setting heraus und verbindet diese geschickt mit ihren sympathischen Charakteren.

Im neuen Roman bewegen wir uns in der Bergbauregion im Dreieck zwischen Schneeberg, Schlema und Aue, südöstlich von Zwickau. Als jüngstes Mitglied der Bergmannsfamilie Steiner beschließt Luisa für ihre Großtante Irma Nachforschen zu deren einst verschollenen Bruder Rudolf anzustellen. Einmal angefangen, gräbt sie tief in die Familiengeschichte hinein und fördert so manches Geheimnis zu Tage. Ganz nebenbei wird der mehrfache Auf- und Abstieg der Region im Wandel behandelt, zeitweise Kurort, mal sowjetische Besatzungszone, durchgehend mehr oder weniger intensiv ausgebeutete Bergbauregion. Interessant war für mich darüber hinaus die Entwicklung des Gesundheitsschutzes im Bergbau. Mit dem Wissen um heutige Möglichkeiten ist vieles erschreckend. Dennoch gab es einfache Mittel und Regeln sowie den Zusammenhalt der Kumpel, wodurch tatsächlich Leben im noch sehr gefährlichen Bergbau gerettet werden konnten.

Begleitet wird die Familienforschung von Traditionen und Weisheiten der Bergmannswelt. „Ein Bergmann ist ehrlich” und “Wir lassen keinen zurück” seien hier nur beispielhaft genannt. Besonders schön finde ich das allabendliche Anzünden der Leuchter, damit die Bergleute nach Hause finden. Ich stelle es mir schön vor, beim Nachhausekommen die Leuchter im Fenster zu sehen und zu wissen, dass hinter dem Fenster meine liebe Familie auf mich wartet. Darüberhinaus trägt auch das gemeinsame Klöppeln von Spitze und das Geschichtenerzählen zu dieser heimeligen Atmosphäre bei. Insgesamt entsteht ein positives Gefühl von Heimat, dem ich mich bedingungslos hingeben kann.

Summa summarum bin ich mal wieder begeistert von Kati Naumann. Die Geschichte bringt gelesene Wärme in diese kalte Jahreszeit. Wenn man unsere aktuelle Krisenlage mit den beschriebenen Krisen des Schlematals vergleicht, erscheint das eigene Schicksal doch gleich in einem anderen Licht. Als kleines Highlight zwischendurch fügt die Autorin ein verbindendes Element zum Vorgänger-Roman ein, indem sie der kleinen Irma einen Nachziehhund der Firma Langbein an die Hand gibt. Ich liebe so etwas.

Ganz klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 10.11.2022

Außenseiterin oder Retterin in einer dunklen Zeit

Das Gesetz der Natur
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Mit dieser faszinierenden Geschichte begeben wir uns in eine nicht allzu ferne Zukunft, bewegen uns im Amerika nach einer enormen Katastrophe. Bildung, speziell das Lesen, ist für die Allermeisten verloren ...

Mit dieser faszinierenden Geschichte begeben wir uns in eine nicht allzu ferne Zukunft, bewegen uns im Amerika nach einer enormen Katastrophe. Bildung, speziell das Lesen, ist für die Allermeisten verloren gegangen. Der tägliche Kampf ums Überleben ist in den Vordergrund gerückt.

Mittendrin befindet sich Gaia. Sie lebt fernab der Städte mit zwei Männern und ein paar Tieren versteckt im Wald. Ihr Erscheinungsbild entspricht nicht annähernd der Norm. Es kommt, wie es kommen musste. Sie wird entdeckt und abgeführt. Nur ihre Fähigkeit zu lesen bewahrt Gaia vor dem sicheren Tod. So beginnt für Gaia eine lange Reise, eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod bzw. zwischen Gut und Böse auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt.

Die Atmosphäre ist düster. Das Leben ist wenig attraktiv. Einige wenige Männer beherrschen die Massen. Wer nicht in die Norm passt, gehört zu den Geächteten. Bis auf die Obrigkeit ist die Bevölkerung in Anonymität versunken. Selbst einige Hauptfiguren des Romans sind namenlos. Gaias Reise erinnert an die Heimkehr des Odysseus aus dem Trojanischen Krieg, manche Gegenden, die sie durchquert, haben etwas von Mordor.

Trotz der durchgehend negativen Schwingungen, der Gewalt sowie der vielen Toten, die den Weg der Reisenden pflastern, ist der Roman attraktiv. Vielleicht ist es Gaias Streben nach Gerechtigkeit oder es sind ihre Unterstützer, die sich über Gepflogenheiten der Ächtung hinwegsetzen und Gaia einfach helfen. Auch Gaias Entwicklung ist für mich attraktiv zu verfolgen, nicht weil es eine durchweg positive ist, sondern weil sie glaubwürdig erscheint.

Insgesamt habe ich das Gesetz der Natur gern gelesen. Der Schreibstil beflügelt das Lesen, die Hässlichkeit der Gesellschaft ist in schöne Worte gefasst, die hundertfünfundsiebzig Kapitel jagen nur so dahin. Abschließend schenkt uns die Autorin einen genialen Cliffhanger, sorgt somit dafür, dass ich mit Sicherheit auch den zweiten Teil lesen werde.

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Veröffentlicht am 04.11.2022

So bleibt der Grill auch im Winter heiß

Weber's Wintergrillbibel
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Die Wintergrillbibel ist ein großformatiges, sehr schön bebildertes „Kochbuch“ für alle Grillfans, die auch im Winter nicht auf ihr Hobby verzichten wollen. Nachdem einige Basics betrachtet sind, werden ...

Die Wintergrillbibel ist ein großformatiges, sehr schön bebildertes „Kochbuch“ für alle Grillfans, die auch im Winter nicht auf ihr Hobby verzichten wollen. Nachdem einige Basics betrachtet sind, werden Würzmischungen, Soßen, Chutneys und Dips thematisiert. Danach kommen die eigentlichen Rezepte, die in passende Kapitel einsortiert sind.

Die Vielfalt, die hier vom Grill geboten wird, ist einfach erstaunlich. Natürlich gibt es zu jeder Fleischsorte Gerichte, auch Fisch und Meeresfrüchte sind mit von der Partie. Besonders sind für mich die Kapitel zu Salaten, Suppen und Backwaren vom Grill. Toll, was alles möglich ist.

Die Rezepte selbst folgen jeweils einer einheitlichen Struktur. Der Rezepttitel wird jeweils von ein paar einleitenden Sätzen, die schon gleich Appetit machen, begleitet. Auch das zugehörige Ergebnisbild sieht lecker aus. Bevor man dann einsteigt in die verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitung, kann man sich hinsichtlich Zutaten, Vorbereitungs-, Grill- und Ruhezeit sowie Grillmethoden orientieren. Ergänzt werden die zahlreichen Rezepte mit Geschmacks-Upgrades und weiteren Rezepten für übrig gebliebene Mengen. So gibt es zum Beispiel im Anschluss an die gut zum Weihnachtsfest passende Lammkeule, ein Lamm-Tortilla oder sogenannte Winter Rolls, die das restliche Lammfleisch aufbrauchen. Diesen leckeren Ansatz zur Vermeidung von Verschwendung begrüße ich sehr.

Ich bin schwer begeistert. Mit ein bisschen Muße und Disziplin kann mit diesem Buch wirklich jeder wie ein Profi grillen. Die Rezepte sind nicht nur lecker, sondern sehen auch richtig gut aus. Zudem hat man eine dermaßen große Auswahl an Rezepten, so dass man auch in allen Preiskategorien ansprechende Gerichte findet. Dabei können alte Bekannte unter den Zutaten verwendet werden oder aber neue Sachen wie das Trendgemüse Knollenziest. Einziger Wermutstropfen ist die baldige Erweiterung des eigenen Grillequipments für das perfekte Ergebnis.

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Veröffentlicht am 01.11.2022

Die Wogen eines Menschenlebens

Lektionen
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Roland Baines ist der Sohn eines Militäroffiziers in Libyen, der mit elf Jahren nach England ins Internat geschickt wird. Getrennt von den Eltern erhält er dort neben der schulischen Ausbildung Klavierunterricht, ...

Roland Baines ist der Sohn eines Militäroffiziers in Libyen, der mit elf Jahren nach England ins Internat geschickt wird. Getrennt von den Eltern erhält er dort neben der schulischen Ausbildung Klavierunterricht, stellt sich als überdurchschnittliches Talent heraus. Doch einschneidende Ereignisse in der Folge entfremden Roland von seinem Talent und lassen ihn eine Weile ruhelos durch sein Leben irren. Glücklos endet leider auch seine erste Ehe, die sogar mit einem Kind, seinem Sohn Lawrence, gesegnet war.

Wir begleiten Roland sein gesamtes Leben bis ins hohe Alter. Er bewältigt die Hürden des Lebens, jeweils ein bisschen neben der Spur oder ein ein wenig zu spät. Auf mich wirkt Roland zu unentschlossen und wenig motiviert, eigene Wünsche zu formulieren, sich durchzusetzen. Dabei besitzt er mehrere Talente, die Roland aus meiner Sicht hätte weiterverfolgen können. Leider lässt er sich von den Enttäuschungen seines anfänglich jungen Lebens so weit herunterziehen, dass er sein gesamtes Leben unterhalb der sich bietenden Möglichkeiten verbringt.

Trotz seiner allgemeinen Erfolglosigkeit mochte ich Roland irgendwie. Er ist alles andere als ein Strahlemann, aber fürsorglich und ein Familienmensch. Dafür, dass er so jung von der Familie fortgeschickt worden ist, hat Roland sich als Vater und noch mehr als Großvater gut gemacht. Ich mochte zudem seine Gedanken zu seinen eigenen Lebenslagen und zu den jeweiligen Gesellschaftsumständen im Laufe der Zeit.

Ian McEwan bettet die Geschichte um seinen Antihelden Roland Baines in die Weltgeschichte ein, verbindet einzelne Charaktere aus Rolands Umfeld mit berühmten Protagonisten der Historie. So erinnern sich geneigte Lesende an die Weiße Rose, den Blauen Reiter, an die Kuba Krise, die DDR mit dem späteren Mauerfall, an Margaret Thatcher und auch Boris Johnson. Ian McEwan verwebt die wichtigsten historischen Ereignisse vom Zweiten Weltkrieg bis hin zur Corona-Krise geschickt mit dem Leben der kleinen Leute, mit Rolands Leben.

Manchmal erschien mir das Leben des Antihelden etwas langatmig, die Kapiteleinteilung war mir insgesamt zu lang, manchmal mühselig. Aber so ist das Leben, manchmal anstrengend, wenig erfolgreich und eben mühselig. Diese realistische Darstellung hatte was erfrischendes, auch wenn das natürlich weniger Action mit sich bringt und den Lesefluss etwas ausbremst.

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Veröffentlicht am 01.11.2022

Für mich zu geradlinig und perfekt, um wahr zu sein

Frau in den Wellen
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„Familie bedeutet nicht, dass du dich ausruhen kannst, es ist genauso ein möglicher Katastrophenplatz wie die Welt da draußen. Du bist involviert auf Lebenszeit.“, so drückt es Megumi, eine Freundin aus ...

„Familie bedeutet nicht, dass du dich ausruhen kannst, es ist genauso ein möglicher Katastrophenplatz wie die Welt da draußen. Du bist involviert auf Lebenszeit.“, so drückt es Megumi, eine Freundin aus dem internationalen Freundeskreis der Protagonistin Joni aus.

Joni ist eine Karrierefrau mit Kindern, allerdings ganz anders als ich es erwartet hatte. Der Roman ist keine Beschreibung, wie man Familie und Beruf unter einen Hut bekommt, es ist vielmehr eine Darstellung des Preises, den man selbst und die Familienmitglieder für eine richtige Karriere bezahlen. Das Leben ist zwar luxuriös, aber auch unendlich durchgetaktet. Ein Termin jagt den nächsten, zwischendurch bleiben oft nur wenige Stunden für Privates. Wenn das Ganze weltumspannend stattfindet, wird nicht unerheblich viel Lebenszeit verwendet, um das jeweils nächste Ziel zu erreichen. Es ist ein extravagantes Nomadenleben. Um nicht ständig allein zu sein, braucht es überall auf der Welt tolerante Freunde, die spontan diese wenigen Stunden ausfüllen. Joni ist in der glücklichen Lage, das Alles perfekt organisiert zu bekommen und überall mit offenen Armen empfangen zu werden.

Doch wo bleibt ihre Familie, wie erleben die Kinder ihre Mutter? Genau das wird hier in einem neutralen Blickwinkel betrachtet. Es beginnt mit Jonis Aufwachsen bei den 68er-Eltern, geht über in eine überstürzte Liebe zum Vater ihrer Kinder. Wir tauchen kurz in die DDR-Diplomatie ein. Warum das Alles berichtet wird, muss man sich selbst zusammenreimen. Hier und da hätte ich mir etwas mehr Erläuterung gewünscht, um die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu stärken. Dafür begegnen wir unzähligen Freunden und Bekannten, die Jonis Leben bereichern. Das alles betrachten wir lediglich von Außen als schönes gemeinsames Mahl oder als wunderbaren Ausflug. Wie das Innenleben von Joni und ihrem Umfeld aussieht wird kaum bis gar nicht thematisiert. Vielleicht ist es zu schmerzhaft, sich damit auseinander zu setzen, aber genau das hätte ich noch viel lieber gelesen.

Das Gelesene insgesamt wirkt mir dadurch zu perfekt, zu glatt und damit nicht glaubwürdig. Es liest sich wie eine Illusion, wie man als Karrierefrau sein Leben vielleicht fortschreibt, bevor die Kinder da sind. Denn trotz Trennung vom Vater der Kinder ist alles irgendwie harmonisch, ohne jegliche Zwistigkeiten. Das setzt aus meiner Sicht eine überbordende, ja schon unmenschliche Rationalität bei allen Beteiligten voraus, um dieses beste Leben für Joni und ihre Familie zu gestalten.

Obwohl sich der Roman angenehm hat lesen lassen, konnte mich die Autorin dennoch nicht überzeugen. Das Gelesene ist so weit weg, von dem, was ich in meinem Arbeitsumfeld im Zusammenhang mit Kindern erlebe, dass ich die Schwelle zum Glauben an die Realität der „Frau in den Wellen“ nicht überschreiten kann.

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