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Maimouna19

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Der Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung

Im Herzen der Katze
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Jina, die Ich-Erzählerin von „Im Herzen der Katze“ ist die 1985 in Deutschland geborene Tochter iranischer Eltern. Sie sitzt in Frankreich vor ihrem Laptop, als sie durch die sozialen Medien vom Tod ihrer ...

Jina, die Ich-Erzählerin von „Im Herzen der Katze“ ist die 1985 in Deutschland geborene Tochter iranischer Eltern. Sie sitzt in Frankreich vor ihrem Laptop, als sie durch die sozialen Medien vom Tod ihrer 23jährigen Namensvetterin Jina Mahsa Amini erfährt. Die junge Frau wurde am 16. September 2022 von der iranischen Sittenpolizei in Teheran wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die strengen Kleidervorschriften verhaftet. Schlägen und Misshandlungen ausgesetzt, fiel sie in ein Koma und verstarb wenige Tage später.
Der Tod Aminis löst Proteste und Kundgebungen für Freiheit und Selbstbestimmung im Iran aus. Jina, die Ich-Erzählerin verfolgt die Ereignisse über Instagram, besorgt um ihre Schwester Roya und deren Tochter Nika, die im Iran leben und sich den Protesten angeschlossen haben.
In Rückblenden erfahren die Lesenden/Hörenden von Jinas Reisen in den Iran. 2010 ist sie erstmalig in das Heimatland ihrer Eltern gereist, hat dort ihre Verwandten kennengelernt und eine Reise durch das Land unternommen. Sie erzählt von ihren gebildeten Tanten, die ein modernes, selbstbestimmtes Leben führten, bis das Mullah-Regime die Rechte von Frauen immer mehr einschränkte. Bei ihrer Rundreise durch das Land erfährt sie großzügige Gastfreundschaft und lernt die reiche Kultur des Iran kennen, wird aber auch Zeugin von Repression, Bespitzelungen und Bevormundung.
Jina Khayyer hat es mit ihrem Debütroman verdientermaßen auf die Longlist des Buchpreises 2025 geschafft. „Im Herzen der Katze“ ist nicht nur ein länderübergreifender Familienroman, der das Leben von 3 Generationen iranischer Frauen schildert, der Liebe zu ihrer Heimat, der Zerrissenheit und Entwurzelung der im Ausland Lebenden, der Unterdrückung der im Iran Lebenden und ihren – nicht ungefährlichen – Wegen, sich einen letzten Rest von Freiheit zu bewahren. Das Buch ist gleichzeitig eine Schilderung von Land und Leuten, von beeindruckenden Landschaften und jahrtausendealter Kultur. Neben diesen Eindrücken der Ich-Erzählerin erhalten die Lesenden/Hörenden auch einen Einblick in die politischen und historischen Ereignisse des Iran, über das Schah-Regime, die grüne Revolution bis hin zum menschenverachtenden Mullah-Regime der Gegenwart.
Auch wenn der Erzählstil von Khayyer neutral ist, ist man den Frauen sehr nahe, fühlt und leidet mit, bewundert sie für ihren Mut und ihre Stärke, ihren Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung auch unter Lebensgefahr.
Sehr gut gefallen hat mir, dass hin und wieder persische Wendungen (inkl. Übersetzung ins Deutsche) benutzt wurden. Sie machen die Geschichte sehr authentisch und zeigen, was für eine melodiöse, bildreiche und poetische Sprache das Farsi ist. Noch deutlicher wird das in der Hörbuchversion, wunderbar vorgelesen von Pegah Ferydoni.
Insgesamt ist „Im Herzen der Katze“ ein großartiger Roman über Zugehörigkeit, Stärke, Sehnsucht und Freiheit, gleichzeitig poetisch und erschütternd aktuell. Klare Lese-/Hörempfehlung.

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Veröffentlicht am 27.10.2025

Überraschend unoriginell und langweilig

HEN NA IE - Das seltsame Haus
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In Uketsus „Das seltsame Haus“ wird der auf Okkultismus spezialisierte, freiberufliche Autor (und Ich-Erzähler der Geschichte) von einem Bekannten gebeten, sich den Grundriss eines Hauses anzusehen, das ...

In Uketsus „Das seltsame Haus“ wird der auf Okkultismus spezialisierte, freiberufliche Autor (und Ich-Erzähler der Geschichte) von einem Bekannten gebeten, sich den Grundriss eines Hauses anzusehen, das dieser zu kaufen beabsichtigt, dessen Grundriss aber einige Merkwürdigkeiten aufweist. Mit Hilfe eines befreundeten Architekten nimmt er sich dieser Aufgabe an.
Allein durch die Betrachtung der seltsamen Pläne dieses Hauses (später kommen weitere Häuser mit ähnlichen Merkmalen dazu) zieht der Architekt dann derart abstruse Schlussfolgerungen, dass sich einem die Haare sträuben.
Im weiteren Verlauf der Geschichte kommen noch Familiengeheimnisse, Folklore und rituelle Morde dazu, sehr verwirrend und ebenso wenig plausibel wie die Theorien zu den Grundrissen der Häuser.
Die Geschichte wird in Dialogform erzählt, angereichert durch (zu) viele Skizzen. Es bleibt kaum Raum zum Miträtseln oder Spekulieren, Erklärungen werden direkt mitgeliefert und die Dialoge beschreiben oft, was man ohnehin aus den Skizzen ersehen kann. Die Sprache ist insgesamt sehr schlicht, auch die Charaktere bleiben recht farblos. Das Buch hat mich an keiner Stelle gepackt oder gefesselt, von Spannung oder Tiefgang keine Spur.
„Das seltsame Haus“ ist der Debütroman von Uketsu, dem geheimnisvollen japanischen (Internet) Autor und maskentragendem YouTuber. In Deutschland kennt man ihn vor allem durch seinen zweiten Roman „Seltsame Bilder“, mit dem er die „Sketch Mystery“ hier bekannt gemacht hat.
Meine Erwartungen an „Das seltsame Haus“ waren recht hoch, da ich „Seltsame Bilder“ gelesen hatte und begeistert war von diesem erfrischend neuen und unkonventionellen Genre des „Sketch Mystery“. „Das seltsame Haus“ blieb leider weit hinter meinen Erwartungen zurück, war überraschend unoriginell und langweilig. Für mich war es eines der schlechtesten Bücher, das ich seit langem gelesen habe, eine unausgegorene, hanebüchene Geschichte, True Crime-, Horror- und Mystery-Elemente wild zusammengewürfelt. Uketsu-Fans werden es mögen, für mich war es nichts.
Wer sich mit dem Genre „Mystery Crime“ beschäftigen möchte und das Buch noch nicht kennt, dem empfehle ich „Seltsame Bilder“.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Zynismus der materialistischen Gesellschaft

Das Game
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In „Das Game“ erzählt Joseph Incardona die Geschichte von Anna Loubère und ihrem Sohn Léo. Die beiden leben in bescheidenen Verhältnissen irgendwo an der französischen Atlantikküste. Mit dem Verkauf von ...

In „Das Game“ erzählt Joseph Incardona die Geschichte von Anna Loubère und ihrem Sohn Léo. Die beiden leben in bescheidenen Verhältnissen irgendwo an der französischen Atlantikküste. Mit dem Verkauf von Brathähnchen versucht Anna, mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Bei einem Unfall wird ihr Verkaufswagen geschrottet, die Versicherung findet Gründe, den Schaden nicht begleichen zu müssen. Damit hat Anna ihre finanzielle Existenzgrundlage verloren und Schulden häufen sich an. Ihr Sohn Léo überredet sie, an einer Gameshow teilzunehmen, da er mit seinen 13 Jahren zu jung ist, um selbst mitzumachen. Nach einigem Zögern stimmt Anna in ihrer Verzweiflung letztendlich zu und wird Kandidatin bei „Das Game“. Bei dieser Fernsehshow zur besten Sendezeit treten 20 Kandidaten gegeneinander an. Ihre einzige Aufgabe ist es, ihre Hand so lange wie möglich an einem Auto zu belassen. Wer am längsten aushält, dem winkt eben dieses Auto im Wert von 50.000 Euro als Gewinn. Annas anfängliche Befürchtungen bewahrheiten sich – die Show wird live übertragen und ist brutal, die Kandidaten werden vorgeführt und bloßgestellt, ihre Würde bleibt auf der Strecke. Einzige Ziele der Show sind Werbung für die Autoindustrie und hohe Einschaltquoten, die Kandidaten sind nur Mittel zum Zweck.
Diese Art Shows gibt es zuhauf, z.B. DSDS, The Biggest Loser, GNTM, Das Dschungelcamp, um nur einige zu nennen.. Sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: gewöhnliche Menschen oder auch „Möchte-Gern“-Promis werden vorgeführt, lächerlich gemacht. Dank Voyeurismus und Schadenfreude funktionieren diese Konzepte immer und sorgen für Einschaltquote.
Der Roman ist rasant geschrieben, mit bissiger Ironie und sarkastischer Schärfe beschreibt Incardona wie gnadenlos und zynisch unsere konsumorientierte (Medien-)Gesellschaft mit Menschen umgeht. Gleichzeitig geht es aber auch um nicht gerade vom Glück begünstigte Menschen, die versuchen, ihre Würde in einer derart materialistischen Welt zu wahren.
Joseph Incardona ist ein Schweizer Schriftsteller und Drehbuchautor und hat zahlreiche Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Comics geschrieben. Im deutschsprachigen Raum ist er weitestgehend unbekannt, einen Namen hat er vor allem in der französischsprachigen Schweiz und in Frankreich. Neben „Das Game“ sind bisher nur seine Romane „Asphaltdschungel“, „One-way-Ticket ins Paradies“ und „Nächster Halt“ in deutscher Übersetzung erschienen.
Ein temporeicher, intelligenter Schreibstil, aktuelle Themen (Medien-/Autokrise, Klimadebatte, Überforderung, Verzweiflung, Mobbing) realistische Beschreibung der Charaktere machen diesen Roman zu einem echten Pageturner. Für mich war „Das Game“ der erste Roman von Joseph Incardona, aber sicher nicht das letzte seiner Bücher, das ich gelesen habe

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Schuldig, weil unangepasst?

In der Hitze eines Sommers
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Im New York, Mitte der 60er Jahre versucht Ruth Malone, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Haushalt und Erziehung so gut sie kann zu bewältigen. Ihr Mann, von dem sie erst seit kurzem getrennt lebt, ...

Im New York, Mitte der 60er Jahre versucht Ruth Malone, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Haushalt und Erziehung so gut sie kann zu bewältigen. Ihr Mann, von dem sie erst seit kurzem getrennt lebt, sucht nach Anzeichen von Vernachlässigung, um ihr die Kinder wegnehmen zu können. Ihr Freiheitsdrang und ihr Job in einer Bar sprechen sowieso schon gegen sie. Sie ist so ganz anders als die Hausfrauen ihrer Nachbarschaft, trägt sexy Kleidung, ist immer perfekt geschminkt, hat verschiedene Liebhaber, geht oft aus und trinkt zu viel.
Eines Tages sind ihre beiden Kinder, die 4jährige Cindy und der 6jährige Frank, verschwunden. Nach kurzer Zeit, mit einigem Abstand voneinander, werden die Leichen der ermordeten Kinder aufgefunden. Aufgrund ihres unangepassten Lebensstils und ihres Auftretens ist für Polizei und Öffentlichkeit relativ schnell klar, dass Ruth die Mörderin ihrer Kinder sein muss, da sie ihren Eskapaden im Wege standen.
Es gibt keine Beweise für Ruths Täterschaft, doch die Ermittler liefern immer neue Indizien, scheuen sich auch nicht, entlastendes Material zu unterschlagen und versuchen, Ruth zu einem Geständnis zu drängen.
Nur dem Boulevardreporter Pete Wonicke, der Ruth zunächst ebenfalls verurteilt, kommen bald große Zweifel. Er recherchiert auf eigene Faust, deckt die Machenschaften der Polizei auf und stört sich an den reißerischen Boulevardschreibern.
Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall und wird aus zwei Perspektiven – die der Mutter Ruth und die des Journalisten Pete - erzählt. Ruths Perspektive ist die einer verzweifelten und unglücklichen Frau, ihre Bedürfnisse und Ängste werden nicht wahrgenommen, ihr Verhalten missinterpretiert und gegen sie verwendet. Für die breite Öffentlichkeit, inkl. Polizei und dem Großteil ihrer Nachbarschaft ist sie einfach nur eine „Schlampe“, das Gegenteil einer treusorgenden Mutter.
Auch wenn man gespannt ist, wer der Täter ist, „In der Hitze der eines Sommers“ ist nicht einfach ein Krimi. Es ist vielmehr die Analyse eines gesellschaftlichen Klimas, das beherrscht ist von Vorurteilen. Wer sich nicht gemäß der gängigen Norm verhält, muss einfach schuldig sein. Und daran hat sich auch bis heute, 60 Jahre später, wohl nicht viel geändert. Aufrüttelndes, berührendes Buch, leider noch immer aktuell.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Eher langweiliger Krimi

Lokalausgabe
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Lisi Badichi ist Lokalreporterin bei einer kleinen israelischen Zeitung in Be'er Scheva. Sie hat das Auftreten eines Elefanten im Porzellanladen, ist nicht gerade grazil, hat riesige Füße, ihr Markenzeichen ...

Lisi Badichi ist Lokalreporterin bei einer kleinen israelischen Zeitung in Be'er Scheva. Sie hat das Auftreten eines Elefanten im Porzellanladen, ist nicht gerade grazil, hat riesige Füße, ihr Markenzeichen sind große Plastikohrringe und in der Zeitungsredaktion wird sie „Lisi die Bekloppte“ genannt. Sie erledigt ihre Arbeit mit Engagement und Sorgfalt, ist sich für nichts zu schade, nimmt jeden Termin wahr, zu dem sie geschickt wird und schreibt entsprechende Artikel über die Veranstaltungen, seien sie auch noch so unwichtig.
Als sie an der Party im Hause eines Richters teilnimmt, um über dieses „gesellschaftliche Ereignis“ zu berichten, wird dessen Gattin im Garten ermordet. Lisi steckt mittendrin in diesem Fall und stellt ihre eigenen Ermittlungen an.Shulamit Lapids „Lokalausgabe“ wurde 1996 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet hat und die Autorin gilt neben Batya Gur als bekannteste Krimi-Autorin Israels.
Ich kann das nach der Lektüre von „Lokalausgabe“ kaum nachvollziehen. Die Menge der Personen - Lisis Familie und Kollegen, sowie die vielen Verdächtigen, dazu noch die ungewohnten israelischen Namen – machten die Geschichte anfangs sehr unübersichtlich. Die Handlung war dann aber eher einfach gestrickt und vorhersehbar. Für meinen Geschmack gab es zu viele Längen und Wiederholungen, von Spannung keine Spur, eher gähnende Langeweile. Ich habe das Buch nur bis zum Schluss gelesen, da der Erzählstil recht humorvoll war und man doch irgendwie einen Einblick in die israelische Gesellschaft und das Alltagsleben der frühen 90er Jahre erhalten hat.

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