Der Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung
Im Herzen der KatzeJina, die Ich-Erzählerin von „Im Herzen der Katze“ ist die 1985 in Deutschland geborene Tochter iranischer Eltern. Sie sitzt in Frankreich vor ihrem Laptop, als sie durch die sozialen Medien vom Tod ihrer ...
Jina, die Ich-Erzählerin von „Im Herzen der Katze“ ist die 1985 in Deutschland geborene Tochter iranischer Eltern. Sie sitzt in Frankreich vor ihrem Laptop, als sie durch die sozialen Medien vom Tod ihrer 23jährigen Namensvetterin Jina Mahsa Amini erfährt. Die junge Frau wurde am 16. September 2022 von der iranischen Sittenpolizei in Teheran wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die strengen Kleidervorschriften verhaftet. Schlägen und Misshandlungen ausgesetzt, fiel sie in ein Koma und verstarb wenige Tage später.
Der Tod Aminis löst Proteste und Kundgebungen für Freiheit und Selbstbestimmung im Iran aus. Jina, die Ich-Erzählerin verfolgt die Ereignisse über Instagram, besorgt um ihre Schwester Roya und deren Tochter Nika, die im Iran leben und sich den Protesten angeschlossen haben.
In Rückblenden erfahren die Lesenden/Hörenden von Jinas Reisen in den Iran. 2010 ist sie erstmalig in das Heimatland ihrer Eltern gereist, hat dort ihre Verwandten kennengelernt und eine Reise durch das Land unternommen. Sie erzählt von ihren gebildeten Tanten, die ein modernes, selbstbestimmtes Leben führten, bis das Mullah-Regime die Rechte von Frauen immer mehr einschränkte. Bei ihrer Rundreise durch das Land erfährt sie großzügige Gastfreundschaft und lernt die reiche Kultur des Iran kennen, wird aber auch Zeugin von Repression, Bespitzelungen und Bevormundung.
Jina Khayyer hat es mit ihrem Debütroman verdientermaßen auf die Longlist des Buchpreises 2025 geschafft. „Im Herzen der Katze“ ist nicht nur ein länderübergreifender Familienroman, der das Leben von 3 Generationen iranischer Frauen schildert, der Liebe zu ihrer Heimat, der Zerrissenheit und Entwurzelung der im Ausland Lebenden, der Unterdrückung der im Iran Lebenden und ihren – nicht ungefährlichen – Wegen, sich einen letzten Rest von Freiheit zu bewahren. Das Buch ist gleichzeitig eine Schilderung von Land und Leuten, von beeindruckenden Landschaften und jahrtausendealter Kultur. Neben diesen Eindrücken der Ich-Erzählerin erhalten die Lesenden/Hörenden auch einen Einblick in die politischen und historischen Ereignisse des Iran, über das Schah-Regime, die grüne Revolution bis hin zum menschenverachtenden Mullah-Regime der Gegenwart.
Auch wenn der Erzählstil von Khayyer neutral ist, ist man den Frauen sehr nahe, fühlt und leidet mit, bewundert sie für ihren Mut und ihre Stärke, ihren Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung auch unter Lebensgefahr.
Sehr gut gefallen hat mir, dass hin und wieder persische Wendungen (inkl. Übersetzung ins Deutsche) benutzt wurden. Sie machen die Geschichte sehr authentisch und zeigen, was für eine melodiöse, bildreiche und poetische Sprache das Farsi ist. Noch deutlicher wird das in der Hörbuchversion, wunderbar vorgelesen von Pegah Ferydoni.
Insgesamt ist „Im Herzen der Katze“ ein großartiger Roman über Zugehörigkeit, Stärke, Sehnsucht und Freiheit, gleichzeitig poetisch und erschütternd aktuell. Klare Lese-/Hörempfehlung.