Innen wie außen überzeugend
Party of Liars„Nur so durch die Seiten geflogen“ ist eine Formulierung, die man viel zu oft über Thriller liest – bei Party of Liars trifft sie allerdings wirklich zu. Das Buch entwickelt schon nach wenigen Kapiteln ...
„Nur so durch die Seiten geflogen“ ist eine Formulierung, die man viel zu oft über Thriller liest – bei Party of Liars trifft sie allerdings wirklich zu. Das Buch entwickelt schon nach wenigen Kapiteln einen starken Sog und zieht einen sofort in seine Dynamik hinein. Vor allem die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man ständig weiterlesen möchte. Dabei lebt die Spannung nicht nur von der Handlung selbst, sondern vor allem von den Perspektivwechseln. Jede Figur bringt neue Verdachtsmomente mit, verändert den Blick auf das Geschehen und sorgt dafür, dass man niemandem wirklich trauen kann.
Genau darin liegt für mich die größte Stärke des Romans: Das Misstrauen wird konsequent aufgebaut und immer wieder neu gelenkt. Kaum glaubt man, eine Figur durchschaut zu haben, tauchen neue Details auf, die alles wieder infrage stellen. Dadurch bleibt die Spannung über das gesamte Buch hinweg konstant hoch.
Besonders herausgestochen hat für mich die Nanny. Sie wirkt von Anfang an seltsam unheimlich, allerdings nicht auf eine offensichtliche oder übertriebene Weise. Eher unterschwellig und melancholisch. Immer wieder spricht sie davon, die Familie beschützen zu wollen oder etwas wiedergutmachen zu müssen, während sie gleichzeitig an diesem Haus festhält, obwohl dort längst etwas nicht stimmt. Ihre Verbindung zum Haus und zu den Ereignissen wirkte nie zufällig. Gerade im Zusammenhang mit dem Tod der Tochter hatte ich ständig das Gefühl, dass mehr hinter ihrer Geschichte steckt, als man zunächst erfährt.
Auch die anderen Figuren bleiben bewusst schwer greifbar. Kim zum Beispiel ist keine sympathische Person, aber gerade deshalb unglaublich glaubwürdig geschrieben. Ihre Eifersucht und ihr ständiger Kontrollverlust machen ihre Kapitel teilweise unangenehm, gleichzeitig aber auch authentisch. Man empfindet beim Lesen gleichzeitig Mitleid und Fremdscham, was ihre Perspektive besonders intensiv macht.
Ähnlich spannend fand ich Mikayla. Ihre Beziehung zu Sophie wirkte oft merkwürdig intensiv, fast so, als würde mehr dahinterstecken als Freundschaft. Gleichzeitig schwang zwischen ihr und Ethan immer wieder eine seltsame Spannung mit. Dass sie später mit Ethan anbändelt, verändert rückblickend viele Szenen und zeigt, wie geschickt der Roman mit Wahrnehmung spielt.
Danis Kapitel mochte ich ebenfalls sehr, weil sich nach und nach bestätigt, dass in diesem Haus tatsächlich Dinge geschehen und sie sich ihre Ängste nicht einfach einbildet.
Dani gehört zu den Figuren, deren Bedeutung sich erst langsam entfaltet.
Der Mittelteil des Buches ist etwas ruhiger als der starke Auftakt, da die Hintergründe der Figuren stärker in den Fokus rücken. Trotzdem verliert die Geschichte nie an Spannung, weil man unbedingt verstehen möchte, was jede einzelne Person verheimlicht. Gerade die Charaktere tragen den Roman auch in den ruhigeren Momenten problemlos weiter.
Im letzten Drittel zieht die Geschichte dann noch einmal deutlich an. Besonders gelungen fand ich, dass lange unklar bleibt, wer überhaupt sterben wird. Diese Unsicherheit hält die Spannung konstant aufrecht und sorgt dafür, dass die Atmosphäre immer bedrückender wird. Die Auflösung selbst hat mir ebenfalls sehr gefallen, weil sie überraschend war, ohne konstruiert zu wirken. Rückblickend ergeben viele kleine Hinweise plötzlich Sinn.
Was ich außerdem hervorheben möchte, ist das Setting. Fast die gesamte Handlung spielt nur in diesem Haus während der Party, und trotzdem entsteht nie das Gefühl von Stillstand. Im Gegenteil: Die räumliche Begrenzung verstärkt die klaustrophobische Atmosphäre enorm und macht das Haus selbst fast zu einer eigenen Figur. Gerade dadurch wirkt der Thriller besonders intensiv und geschlossen.
Für mich ein sehr gelungenes Buch, was mich die Zeit hat vergessen lassen.