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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.07.2025

Spritzige, trashige Unterhaltung

Single Mom Supper Club
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Tamara ist oft mit ihren Kindern Anna, Charlie und Piper auf dem Spielplatz am Dreiländereck Kreuzberg, Neukölln, Treptow. An einem der Nachmittage stößt sie zu den Momfluencerinnen Lexi, Sascha, Nana ...

Tamara ist oft mit ihren Kindern Anna, Charlie und Piper auf dem Spielplatz am Dreiländereck Kreuzberg, Neukölln, Treptow. An einem der Nachmittage stößt sie zu den Momfluencerinnen Lexi, Sascha, Nana und Tugba. Sie haben sich über Insta mit ihr verabredet. Sascha ist voll schön mit ihren langen, glatten Haaren und dem coolen Styling, aber eigentlich sehen sie alle super aus und sie sind jung. So jung, dass Tamara sie in eine Zeitmaschine setzen und ihnen „die Pille danach“ in ihre Cornflakes rühren möchte. Sie fotografieren ihre Kinder beim Spielen, beim Essen und Schlafen und laden die Bilder bei Insta hoch. Alles ist nice, hell und sauber. Tamara und ihre Freundinnen vom Supperclub Antje, Kayla und Lina nennen die vier Grazien die „Cocaine Moms“. Sie sind ganz sicher die Insta-Royalties Berlins.

Manchmal fragt Tamara sich, warum sie mit Antje befreundet ist. Sie ist die einzige deutsche in der Gruppe und sie ist ätzend kritiksüchtig. Die anderen mögen sie auch nicht. Sie passt manchmal auf ihre Kinder auf, okay, hilft ihr bei der Ausländerbehörde und den Formularen, aber sie würde sie auch jederzeit problemlos beim Finanzamt anschwärzen, wenn sie wüsste, dass Tamara schwarzarbeitet.

Jochen hasst alles an Sad-Lina, ihre Haare, wie sie sich kleidet, wie sie redet, wie sie ihr Brot schneidet. Er hasst seine Arbeit, die Wohnung, in der sie leben und vor allem hasst er Georgie, Sad-Linas Sohn, der nicht von ihm ist. Sie ist froh, dass Jochen sich um sie kümmert, aber manches Mal, nach einem von Jochens Wutausbrüchen, fragt sie sich auch, ob sie eine toxische Beziehung haben.

Kayla muss zum Elternabend. Ihre Tochter Lucia braucht mehr Struktur, sagen die Lehrkräfte unisono. Es müsse jemand z Hause sein, wenn Lucia aus der Schule käme, jemand, der sie bei den Hausaufgaben unterstützt. Wie sie das schaffen soll, will Kayla wissen, wenn sie im Wechsel kellnert und putzt, um zu überleben.

Fazit: Jacinta Nandi hat eine Parodie geschaffen, die auf sarkastische Weise die gesellschaftlichen, strukturellen Beschränkungen alleinerziehender Mütter aufzeigen. Sie hat sich auf acht Frauen konzentriert, deren kultureller Hintergrund sehr unterschiedlich ist. Sie zeigt, welche Erwartungen auf Müttern lasten, ganz egal, ob sie Erziehung und Lebensunterhalt alleine stemmen müssen. Die einen versuchen durch Selbstoptimierung, Betäubungsmittel und der Hoffnung einen reichen Mann zu finden zu überleben, die anderen durch Schwarzarbeit. Der Supper Club ist der Berührungspunkt, der sie alle zusammenbringt, hier wird gekocht, gekokst und getrunken. Die Autorin hat die unterschiedlichen Charaktere großartig ausgearbeitet. Die Dialoge waren spritzig und die Sprache trashig. Die Geschichte an sich war mir zu oberflächlich, die Figuren teils stereotyp, was sicher beabsichtigt ist. Da waren einige schonungslos gezeigte Szenen, die mich haben schlucken lassen. Ich bin mir allerdings sicher, dass mein Lesevergnügen geschmälert wurde, weil ich den Humor nicht verstanden habe, denn das Buch hat viele Spitzenbewertungen bekommen. Wer also einen locker flockigen Unterhaltungsroman sucht, statt wie ich in Sinnfindung zu schwelgen, der möge dieses Buch lesen.

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Veröffentlicht am 29.07.2025

Transgenerative Traumata

Evil Eye
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Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb ...

Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb schweigt sie meistens.

Auf dem Dach eines Gebäudes, einer überfüllten Unterkunft im Westjordanland, zeigte Yaras Großmutter Teta, Yaras Mutter Meriem, das Kaffeesatzlesen. Teta war eine anerkannte Koryphäe, die auch mit großem Geschick auf der Terrasse Obst und Gemüse anbaute. Und an Meriems Hochzeitstag las Teta endlich auch aus ihrer Tasse, doch der Blick in das Porzellan verhieß nichts Gutes. Meriem bekäme viele Kinder und müsse Hürden überwinden. Tete umarmte ihre Tochter weinend. Der Verlust brannte in der Kehle und stach ins Herz. Am nächsten Tag würde Meriem mit ihrem Mann nach Amerika fliegen und von einer Gesangskarriere träumen. Tete legte ihr die goldene Kette mit Fatimas Hand um den Hals, sie werde sie vor dem bösen Blick schützen.

Fadi macht sonntags frei, dann kommen seine Eltern zum Essen. Yara rauscht dann im Eiltempo durchs Haus, um Bäder und Fliesen zu schrubben. Danach kocht sie ein mehrgängiges Menü, das erwartet ihre Schwiegermutter von ihr. Und sobald Nadja die Wohnung betritt, kontrolliert ihr strenger Blick, ob Yara all ihren Pflichten nachgekommen ist. Nadja will, dass es ihrem Sohn gut geht, dass es ihm an nichts fehlt. Fadi, die beiden Mädchen und ihr Job als Dozentin für Kunst belasten sie, aber sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, sich einen Rest Eigenständigkeit bewahren. Sie wird keinesfalls zulassen, dass sie wie ihre Mutter ans Haus gefesselt ist. Doch dann fühlt sie sich an der Uni angegriffen und schimpft eine Kollegin als Rassistin.

Fazit: Etaf Rum hat eine Geschichte über die Auswirkungen transgenerativer Traumen geschaffen. Sie schreibt fiktional über Vertreibung und Migration. Über das Fremdsein, die Entwurzelung mit sich bringt, aber auch über Aberglaube und Gottergebenheit. Yaras Eltern waren von Palästina nach Brooklyn ausgewandert. Yara leidet unter Alltagsrassismus und Vorurteilen, aber auch unter dem kulturellen und religiösen Druck der kleinen arabischen Gemeinde, der sie angehört. Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einer Familie aufwachsen, in der die Rollenbilder klar verteilt sind. Sie sieht jahrelang die Misogynie des Vaters gegen die Mutter. Der Tenor, der ihre Kindheit begleitet, ist, dass Frauen nichts wert sind und jederzeit Schande über die Familie bringen können, dann entweder verbannt oder willkürlich bestraft werden. So wie Yaras Selbstwert leidet, steigt ihr Misstrauen. Mit kurzen Wutausbrüchen versucht sie sich Luft zu verschaffen, wird dann jedoch in erheblichem Maß verurteilt. Letztendlich findet sie sich in einer ebenso toxischen Beziehung wieder wie alle Frauen vor ihr. Ich mochte die Geschichte sehr, weil sie genau die Schieflage verständlich macht, in die Frauen in patriarchalen Kulturen geraten. Ein wichtiges Thema finde ich. Der Roman hatte einige Längen und Wiederholungen und eine entsprechende Streichung einiger Passagen hätte mein Lesevergnügen durchaus verbessern können. Doch im Grunde ist der Autorin ein grundsolider Roman mit einem bewegenden Ende gelungen.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Nicht mein Geschmack

Frauen im Sanatorium
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Anna sitzt am See und denkt an ihre Mutter, ihre hellrot lackierten Nägel. Ihre Eltern mussten die Heimat verlassen. Sie gingen nach Deutschland. Für eine bessere Zukunft. Im See leben Flamingos und einen, ...

Anna sitzt am See und denkt an ihre Mutter, ihre hellrot lackierten Nägel. Ihre Eltern mussten die Heimat verlassen. Sie gingen nach Deutschland. Für eine bessere Zukunft. Im See leben Flamingos und einen, den besonders Hellen, nennt sie Pepik. Ihm erzählt sie ihre Geschichte. Die Mühe, die sie sich in Deutschland machte, in der Schule zu glänzen, später im Studium und dann auf der Arbeit. Sie war wie besessen. Ihr Vater hatte sich da schon seine eigene Wirklichkeit geschaffen, sie hieß Tatjana und stürzte ihre Mutter in die Depression.

Die Tabletten machen, dass sie sich wattig im Kopf fühlt. Sie ist seit zwei Wochen hier, wegen der Sache. Langsam, die Unsicherheit in den Beinen ausgleichend steht sie auf, es folgt die Schwimmstunde, Elif wartet auf sie. Die ist hier, weil ihr Verlobter verschwunden ist, gerade als sie das passende Hochzeitskleid gefunden hatte. Sie hatte seinen Namen nur einmal während einer Gruppensitzung erwähnt, dann nicht mehr. Elif redet viel, mit großer Vehemenz legt sie Bedeutung in ihre Worte. Alles scheint wichtig zu sein, aber Anna entdeckt, dass sie übertreibt, nicht immer die Wahrheit sagt. An dem Tag, als Elif entlassen wird, hängt Elif eine Tüte mit ihrem Notizbuch an Annas Tür.

Nach dem Essen geht Anna ins Raucherpavillon. Dort trifft sie unfreiwillig immer Marja, die beim Essen neben ihr sitzt. Marja monologisiert ihre verstorbene Mutter herbei, malt sie in den schönsten Farben, aber Anna kann nicht lange zuhören. Ein Bus hält und entlässt sieben Soldaten, die laut reden. Darunter eine Frau, die einem Soldaten ihren Ellbogen in die Seite stößt. Sie schultern die Rucksäcke und poltern die Eingangstreppe hinauf.

Fazit: Anna Prizkau hat eine unzuverlässig erzählende Protagonistin geschaffen. Die die Leserin kaum erkennen lässt, was wahr ist. Anna kam in die Klinik, weil sie von einem Auto angefahren wurde. Sie scheint das provoziert zu haben. Die Geschichte zeigt eine Kindheit mit ganz großem Leidensdruck. Anna kümmert sich um ihre depressive Mutter und muss früh eine Verantwortung übernehmen, der sie nicht gewachsen sein kann, niemand kann das. Nach Deutschland emigriert, glänzt sie durch Leistung und schlägt sich alleine durch. Privat erlebt sie erhebliche Brüche, deren Schmerz sie mit Alkohol, Drogen und Partys kompensiert. Die Kompensation ploppt, etwas in ihr bricht und es kommt zu einer Kurzschlusshandlung. In der Klinik kann ihr niemand wirklich helfen. Die Patienten bleiben sich selbst überlassen, es wird einzig ihre Mitarbeit vorausgesetzt. Anna lernt ihre Mitpatientinnen kennen. Vieles wird erzählt, aber was davon ist wahr und was Wunschdenken? Ich habe diese Geschichte zu Anfang sehr gemocht, hatte jedoch meine Schwierigkeiten, mich auf den Schreibstil der Autorin einzulassen. Sie verwendet unendlich viele Bindestriche, um Informationen einzufügen, die ich nicht gebraucht hätte. Der Text strotzt vor Fehlern in Syntax und Semantik. Und ich habe mich ernsthaft gefragt, ob das Lektorat extrem unmotiviert war oder ob ich das erste Buch gelesen habe, das mit künstlicher Intelligenz lektoriert wurde.

…oder hatte den Satz Marja selbst gesagt? S. 166

Heroin hatte ich mir davor immer schlecht und schmutzig vorgestellt, als Droge, die sich mit alten Nadeln Arme spritzten. S. 170

Mit sieben kam Veronika auf eine Mädchenschule, die Nonnen führten S. 179

Es war das erste Mal. Und letzte. S. 183

Es kommt mir fast unwirklich vor, dass das Buch von einer Redakteurin geschrieben wurde. Zumal sie eine Korrekturfahne bekommen haben muss und das so durchgewunken haben soll? Fragen über Fragen. An Satzbau und der Verteilung der Satzzeichen hat die Autorin mich verloren und die fast letzte Szene mit David hätte ich auch nicht gebraucht. Das war nicht meins.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Über weibliche Selbstermächtigung

Zwischen zwei Leben
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Und am Ende wird sie intercontinental fliegen. Bequeme Kleidung und ein leichtes Make-up werden ihr helfen, den Flug zu überstehen. Toronto wird ihr Ziel sein.

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten ...

Und am Ende wird sie intercontinental fliegen. Bequeme Kleidung und ein leichtes Make-up werden ihr helfen, den Flug zu überstehen. Toronto wird ihr Ziel sein.

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten der Gebrüder Grimm auf. Es handelt sich um Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, Gretel, Rapunzel und Rotkäppchen. Sie begleiten sie schon ihr ganzes Leben. Es sind die Stimmen, die das missverstandene Ideal-Ich repräsentieren und eigentlich gibt es sie gar nicht.

Sie hat gegoogelt „Wie lebt man allein“ (851.000 Suchergebnisse) und „Wie verlässt man seinen Mann“ (3.980.000 Ergebnisse) und jetzt steht sie hier mit zwei großen Reisetaschen. Sie schreibt auf einen Notizzettel „Ich bin weg“, Jenni. Doch dann überkommt sie die Lust des Ausprobierens und aus dem i wird ein schwungvolles y. Jenny. Und passend dazu hängt sie ihren Mädchennamen hinten an, Jenny Mäki und schon fühlt sie sich anders, ist den ersten Schritt ihrer Metamorphose gegangen. Unten wartet ihr Taxi.

Jenny Mäki ist in der neuen Wohnung angekommen. Eine leicht ungepflegte Regisseurin hat sie ihr untervermietet. Die sperrigen Dinge lässt sie dort und so blickt Jenny nun auf einige Bilder an den Wänden, das Sofa und den Couchtisch. Jetzt wird sie zuerst einmal alles gründlich reinigen, so dass einzig die Atmosphäre des über hundert Jahre gelebten Lebens in diesen Räumlichkeiten bleibt.

Sie ist gegangen, hat Jussi Jussi sein lassen. Sie hatten gute Momente und auch schlechte.

Oberflächlich betrachtet war alles gut. Sehr lange hat Jenni gedacht, das würde genügen und man könnte so leben. Ihr ist nicht aufgefallen, wie ermüdend die Gesellschaft von Trauer sein kann. S. 28

Fazit: Minna Rytisali hat ein feministisches Manifest geschaffen, verspricht der Klappentext und hält sein Versprechen. Ihre Protagonistin ist Anfang fünfzig und trennt sich ohne Ansage, dafür konsequent von ihrem Mann. Sie waren viele Jahre zusammen und haben zwei Kinder, die längst auf eigenen Beinen stehen. Jenny ist in der Mutterrolle aufgegangen. Sie hat die Annehmlichkeiten einer privilegierten Hausfrau und die Sicherheiten, die ihr Mann ihr bot, genossen. Doch als die Kinder aus dem Haus waren, fehlte es ihr an allem. Sie verschwand neben ihrem Mann und die stete Dissonanz in ihrem Inneren wurde lauter. Das Gefühl, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein, wurde zum Dauerton. Als harmoniebedürftige Frau meidet sie Konflikte und auch das Setzen nötiger Grenzen. Sobald sie alleine lebt, werden die Märchenwesen in ihrem Kopf lauter und versuchen sie zu erreichen, indem sie sie ansprechen. Und diese zauberhafte Technik der Autorin führt dazu, dass sie mich ebenso ansprechen. Und ich erfahre, wie ihre Geschichten in einer patriarchalen Gesellschaft tatsächlich waren. (Nicht wie im Märchen dargestellt) Im Laufe der Geschichte wird Jenny klar, welche Glaubenssätze sie internalisiert und sich ihnen unterworfen hat. Wie sie in den Genuss kommt, ihren Neid, die Missgunst, Wut und ihre Bewertungen gehen zu lassen und deutlich mehr Lebensqualität gewinnt. Die Sprache ist so erfrischend, die ganze Geschichte so mutmachend und augenöffnend. Das Ende so tröstlich, dass mir mein Herz ganz warm überläuft vor tiefem Verständnis für alle Frauen, die genauso unter ihrer Selbstsabotage leiden. Ein kluges, warmes, berührendes Buch über weibliche Selbstermächtigung, das ich so so gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Ein psychologisches Komplott

Schattengrünes Tal
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Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. ...

Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. Die Gäste stolpern übereinander, ein Schmerzenslaut wird ausgestoßen. Draußen hat jemand den Stecker des Generators gezogen. Simon schaut auf sein Handy, stutzt, geht ein paar Schritte von Lisa weg. Sie fragt ihn, was los ist und erhält eine schroffe Antwort.

Simon war die letzten Wochen als Projektleiter für naturgemäße Waldwirtschaft in Polen. Dort hat er fast nicht gesprochen, ist die meiste Zeit durch die unberührte Natur gelaufen und hat Flora und Fauna bewundert. Jetzt ist er wieder hier, hat zu viel gegessen und zu laute Musik gehört. Er weiß, dass Lisa es gut gemeint hat und es freut ihn, dass sie für ihn gesungen hat, aber er muss erst wieder ankommen. Als sein Handy vibriert hat, verharrte sein Blick länger als er eigentlich wollte. Eine anonyme Nachricht ließ ihn schlucken: „Alles Liebe zu deinem Hochzeitstag Simon“. Niemand seiner Freunde oder Bekannten hätte ihm anonym gratuliert. Es kann nur sie gewesen sein. Und er denkt an das Blut auf ihrer weißen Haut.

Lisa ist am frühen Morgen auf dem Weg in das Hotel ihres Vaters, die Heizung ist ausgefallen. Sie ist eigentlich für die Buchhaltung zuständig, aber wenn Not am Mann ist, springt sie auch schon mal ein. Margret kommt die Treppe herunter. Vor fünfzehn Jahren bewarb sie sich als Servicekraft, ihr Vater stellte sie ein und ihr Siegeszug begann. Lisas Mutter erkrankte mit Anfang sechzig an Demenz und wurde ins Pflegeheim ausquartiert, seitdem schläft Margret auf ihrer Bettseite. Der einzige Gast dieses Tages ist eine junge Frau, die sich nicht an dem kalten Zimmer zu stören scheint.

Fazit: Kristina Hauff hat ein psychologisches Komplott geschaffen. Die Protagonistin Lisa neigt dazu, sich für alles verantwortlich zu fühlen. Sie litt unter dem lieblosen, patriarchalen Vater, der in seiner Gunst stets Lisas Bruder bevorzugte. Sie hätte gerne mehr Zuständigkeiten im Hotel, doch ihr Vater traut ihr nichts zu. Lisa ist nähesuchend und leidet unter der teilweise abweisenden Haltung ihres Mannes. Die fremde Frau, die sich im Hotel einquartiert hat und der Kälte trotzt, hat gute persönliche Gründe. Lisa nimmt sich ihrer nichtsahnend an und verliert mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben. Ich mochte den Plot sehr. Die Sprache ist einfach gehalten. Die Autorin hat sich auf ihre Darstellerinnen konzentriert. Manches wurde zu früh vorweggenommen und hat mich um meine Neugier gebracht. Die Fremde war leider allzuschnell durchschaubar, die Art, wie sie interveniert hat schon wieder gut gezeigt. Jedes Kapitel ist abwechselnd Lisa oder Simon gewidmet und will deren unterschiedlichen Sichtweisen zeigen, dabei jedoch in der dritten Person erzählt. Insgesamt ein gut lesbarer Roman, den ich gerne allen empfehlen möchte, die sich für Geschichten mit manipulativen Menschen interessieren.

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