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Marielle_liest

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.07.2025

Zwischen Sehnsucht und Selbstverlust

Women
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Die Ich-Erzählerin zieht nach einem Entzug nach New York und verliebt sich dort zum ersten Mal in eine Frau. Finn ist 19 Jahre älter und lebt in einer festen Beziehung. Es entwickelt sich eine Affäre, ...

Die Ich-Erzählerin zieht nach einem Entzug nach New York und verliebt sich dort zum ersten Mal in eine Frau. Finn ist 19 Jahre älter und lebt in einer festen Beziehung. Es entwickelt sich eine Affäre, die schnell aus dem Gleichgewicht gerät.



Zwischen bibliothekarischer Routine und emotionaler Eskalation entfaltet sich ein Sog aus Abhängigkeit, Verlangen und Selbstverlust. Die Beziehung ist ein ständiger Drahtseilakt: erst Nähe, dann Rückzug und dann folgt wieder das nächste Hoch. Aber Finn bleibt ungreifbar – sie ist zwar irgendwie immer da, aber nie ganz. Und die Erzählerin zerreibt sich daran. Das Buch schwankt zwischen Extremen und schnell wird klar, wie man sich eine toxische Beziehung vorstellen kann.

Die Sprache ist schlicht und direkt mit kurzen Kapiteln, die wie Ausschnitte aus einem Tagebuch wirken. Dadurch entsteht Nähe mit der Protagonistin, wobei es weniger um eine klassische Handlung geht, sondern mehr um ihr Innenleben – um Orientierung, Verlust und das schwierige Ringen um Klarheit in einer komplexen Beziehung.

Wer eine romantische, queere Liebesgeschichte erwartet, wird hier nicht fündig. Women zeigt vielmehr die Realität einer einseitigen, verletzenden Beziehung – ehrlich, konsequent und ohne Beschönigung. Auch wenn manche Klischees nicht ganz vermieden werden, hat mich die emotionale Offenheit immer wieder gekriegt.

Das Buch hinterlässt zwischendurch und auch am Ende ein Gefühl der Besorgnis. Die Ich-Erzählerin kämpft mit Depressionen und Drgenkonsum, was das Leseerlebnis zusätzlich aufwühlt. Dennoch glaube ich, fast jeder von uns kann sich an manchen Passagen auch an eigene negative Beziehungs-Erlebnisse erinnern – und auch nach vielen Jahr(zehnt)en hilft es ein kleines bisschen bei der Aufarbeitung.

Veröffentlicht am 14.04.2025

Faszinierend, bereichernd und erschütternd zugleich

Das Herzflorett
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Pepsi wächst als Kind jugoslawischer Eltern in einem hessischen Dorf auf, gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern. Wir begleiten sie knapp 10 Jahre lang bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Währenddessen ...

Pepsi wächst als Kind jugoslawischer Eltern in einem hessischen Dorf auf, gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern. Wir begleiten sie knapp 10 Jahre lang bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Währenddessen können wir beobachten, wie der Einfluss und der Erziehungsstil der Eltern die Entwicklung der Kinder bestimmen und prägen - und wie Pepsi trotzdem ihren Weg geht.

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Marica Bodrožić hat mit „Das Herzflorett“ ein sprachlich zartes und zugleich so poetisches Werk erschaffen. Ich hatte während der Lektüre immer wieder ein Bild im Kopf: ein Seidentuch, das durch Dornenbüsche und Stacheldraht gezogen wird, und das dabei zwar immer wieder Fäden zieht, aber nie ganz kaputt geht.

Pepsi muss durch ihre Eltern so schlimme Gewalt erleben - körperlich und psychisch, dass es wirklich schwer zu ertragen ist. Die Worte der Mutter sind so schlimm, so grausam und so unvorstellbar. Doch Pepsi leistet stillen Widerstand.

Mich hat Pepsis Wesen tief beeindruckt: Wenn es zu schlimm wird, wird sie still, blickt in die Natur und findet dort Erlösung. Harmonie und Freundlichkeit der Welt gegenüber sind ihr Weg. Sie hat alles durchlebt – Erniedrigung, Machtmissbrauch, Brutalität – doch nie lässt sie sich von Hass, Wut oder Rachelust leiten.

Stattdessen schlägt sie in ihrem Lexikon nach, was sie nicht versteht. Und es gelingt ihr, die Gewalt der Eltern zu interpretieren und sie nicht auf sich selbst zu beziehen. Sie lernt, dass sie selbst keine Schuld trifft und dass ihre Eltern eigene Erfahrungen auf die Kinder projizieren.

Was vielleicht nüchtern klingt, ist durch die Sprache der Autorin so nah und intim aus Pepsis Augen zu sehen, dass es mich oftmals erstarren lässt. Und was für mich zurückbleibt, ist ganz ganz große Bewunderung für Pepsis wunderschönen Charakter.

Dieses Buch ist kein einfacher Roman, es ist eine seelische Grenzerfahrung - doch eine sehr lehrreiche. Große Empfehlung für alle, die fühlen wollen, wie Literatur unser Innerstes berühren kann und dass Sanftheit auch Stärke ist.

Veröffentlicht am 03.04.2025

(Schutz)hütte

Wild wuchern
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Marie und Johanna sind Cousinen. Die eine lebt mit ihrem Mann in einer schicken Wohnung in Wien. Die andere lebt ein ursprüngliches Leben in den Bergen. Früher hat die eine der anderen beigebracht, wie ...

Marie und Johanna sind Cousinen. Die eine lebt mit ihrem Mann in einer schicken Wohnung in Wien. Die andere lebt ein ursprüngliches Leben in den Bergen. Früher hat die eine der anderen beigebracht, wie man klarkommt. Heute ist es umgekehrt. Marie muss fliehen, ausbrechen und Schutz suchen bei Johanna. Und wir erfahren nach und nach, wie die beiden Mädchen zu den Frauen wurden, die sie heute sind.

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Was für eine Wucht! Die Hütte auf der Tiroler Alm eingebettet in die bebende Natur, die so mächtig ist, dass sie alles verschlingen könnte, wenn sie nur will. Beschrieben hat Katharina Köller alles so lebendig, dass ich es fühlen kann - das eiskalte Brunnenwasser, den kriechenden Nebel, die tippelnden Mäusefüsschen, das pieksende Stroh und das wilde Wuchern.

Wenn ich Herzklopfen und schwitzige Hände bekomme, weil mich Maries Schicksal so mitnimmt, wenn ich mit ihr den Berg hinauf hetze und versuche, Wurzeln zu schlagen auf der Alm. Und wenn die Tränen laufen, weil der Grund für Johannas Schweigen mich mitten ins Herz trifft. Was für eine Sprache - so nah, so echt, so intensiv, so packend.

Dieser Roman ist bitter und erbarmungslos, so ungerecht und brutal wie das Leben. Und ganz unvermittelt bekomme ich vor Augen geführt, was Genugtuung bedeutet. Warm und zäh fließt das Gefühl über meine Seele, ebnet alle Narben und verschließt die Wunden.

Warum Marie in die Berge flieht, erfahren wir ganz zum Schluss. Und glühend heiß brennt dann die Frage zwischen den Zeilen: Wer schreibt die Regeln? Wer beschließt, was richtig ist und was falsch? Das Leben passt nicht zu diesem Konzept. Das Muster verschiebt sich, es zeichnet sich neu mit jedem einzelnen Moment, in dem wir handeln - oder zur Handlung gezwungen sind.

Was für eine Wucht! Ich werde dieses Buch und Johannas Hütte auf der Tiroler Alm nicht vergessen - als wäre ich selbst dort gewesen.

Veröffentlicht am 01.04.2025

Wohin der Fluss uns trägt

Stromlinien
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Die Elbe, die Zwillinge und die Gefängnisinsel. Achtunddreißig Jahre Haft, siebzehn Jahre Schweigen.

Die Elbmädchen Enna und Jale warten sehnsüchtig auf die Haftentlassung ihrer Mutter Alea. Denn bei ...

Die Elbe, die Zwillinge und die Gefängnisinsel. Achtunddreißig Jahre Haft, siebzehn Jahre Schweigen.

Die Elbmädchen Enna und Jale warten sehnsüchtig auf die Haftentlassung ihrer Mutter Alea. Denn bei Oma Ehmi herrscht vor allem Stille. Doch am Morgen, an dem die Familie endlich zusammenfinden soll, kommt alles anders. Eine Familiengeschichte, die 1923 beginnt, durchströmt uns mit 100 Jahren Höchstspannung und verästelten Ereignissen, die alle miteinander verbunden sind - genau wie die Mädchen mit der Marsch.

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„Die Stromlinienform ist die ideale Form eines Körpers, die sich durch einen möglichst geringen Strömungswiderstand gegenüber dem […] Medium Wasser auszeichnet.“ (𝘞𝘪𝘬𝘪𝘱𝘦𝘥𝘪𝘢)

Gemäß der Definition trifft der Titel perfekt auf Jale zu. Anpassung und Höflichkeit, ja nicht anecken - so geht Jale lange Zeit gut durchs Leben. Ihre Zwillingsschwester Enna ist das Gegenteil und eine der wichtigsten Figuren des Romans. Die Rebellion, die sie verkörpert, bringt die Wellen und Strömungen in die Elbe. Doch ob die Schwestern ihrem Muster treu bleiben werden?

Ennas Perspektive wechselt sich mit anderen Familienmitgliedern ab und so reisen wir zusammen durch die Zeit, durch die Elbmarschen und mit Schiffen und Booten über die Gewässer.

Als Lesende werde ich schnell zur Detektivin und möchte tatkräftig mithelfen, die Mysterien zu klären. Dass der Roman über 500 Seiten umfasst, merke ich nur an der enormen Breite der Thematik und an den vielen Nebenflüssen und -flüsschen. Denn gelesen habe ich „Stromlinien“ tatsächlich in nur zwei Tagen - an Spannung mangelt es keineswegs.

Ich bin nicht ganz sicher, ob die vielen Perspektiven und Handlungsstränge zwingend nötig waren. Denn die Mystik der Marschen in Verbindung mit den tollen Schwestern und der Naturnähe hätten die Geschichte bereits wunderbar erzählt. Dennoch habe ich den Roman sehr gerne gelesen und mochte vor allem die spannenden Charaktere und den enormen Sog, der „Stromlinien“ ausmacht. Eine Leseempfehlung von mir!

Veröffentlicht am 29.03.2025

Ausweglos und zauberhaft

Die Oberfläche des Chaos
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Elli lebt irgendwie zwischen den Welten. Zwischen Schimmel und den banalen Wünschen eines Kindes, zwischen Müll, Urinstein und Unausgeprochenem. Ihre Welt wirkt einsam, ist aber nie leer - und die vermüllte ...

Elli lebt irgendwie zwischen den Welten. Zwischen Schimmel und den banalen Wünschen eines Kindes, zwischen Müll, Urinstein und Unausgeprochenem. Ihre Welt wirkt einsam, ist aber nie leer - und die vermüllte Messi-Wohnung ist ihr Universum. Darin begleiten wir sie für knapp 10 Jahre ihrer Kindheit und erleben zusammen mit ihr das Durchhalten und Überleben.

☂️

Jedes Kapitel ist ein kleines Wunder. Denn Elli schafft es, mich mit ihrem verblüffenden Wesen jedes Mal aufs Neue zu verzaubern. Schimmelpilze werden zu Aquarellen, Bücher werden zum Ausweg in andere Welten. Elli hat diese Gabe: Trotz ihrer durchaus erschreckenden Kindheit findet sie Schönheit im Hässlichen und Zartheit im Verborgenen.

Die Sprache des Romans hat mich sehr beeindruckt. Denn irgendwie ist sie wie Elli selbst: leise und kraftvoll, tabulos und liebevoll. Sie kommt mir ganz nah, ohne mich zu erdrücken. Und es gelingt ihr, die Welt zu beobachten, ohne sie zu verurteilen.

Trotz all dem Zauber schwebt die Traurigkeit immerzu über der Kulisse. Was würde ich Elli einen Ausweg wünschen - eine Person, die sie aus dieser Wohnung holt und vor ihrer Mutter schützt. Doch sie schafft das alles allein, empfindet trotzdem Liebe und eine unerschütterliche Fürsorge für ihre Mutter. Und in ihrem Herzen pocht das Leben, hartnäckig und trotzig.

Ein Lichtblick ist der Nachbarsjunge Jo. Trotz seiner Ecken und Kanten und trotz seines eigenen Schicksals hat Jo etwas tröstendes an sich. Für mich sind diese Passagen so intensiv, dass ich Jos Hände fühlen kann.

Alles in allem tut das Buch weh, da möchte ich nichts schön reden. Und genau deshalb lohnt es sich. Es macht sichtbar, was wir sonst übersehen. Von mir gibt es eine große Leseempfehlung für ein mutiges Buch, das mit Tabuthemen bricht und das liebe ich an Büchern am meisten. Und letztendlich sind im Chaos manchmal die größten Wunder zu finden.

Übrigens können wir uns nach dem Lesen auf Teil 2 und 3 freuen!