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Veröffentlicht am 09.03.2026

Versionen eines Lebens

You and Me - Die zweite erste Liebe
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So richtig rund läuft es nicht mehr zwischen Jules und Adam. Die Schulden nehmen überhand, die Kinder sind entfremdet, man hat Geheimnisse voreinander und im Bett läuft es auch nicht mehr so richtig gut, ...

So richtig rund läuft es nicht mehr zwischen Jules und Adam. Die Schulden nehmen überhand, die Kinder sind entfremdet, man hat Geheimnisse voreinander und im Bett läuft es auch nicht mehr so richtig gut, kurz, nach 25 Jahren Ehe ist die Luft raus und der Wurm drin. Als Adam nach einem fiesen Streit mit Jules eines der selbstgemixten alten Tapes und CDs, die sie wegwerfen wollte, in einen alten Sony Recorder steckt, geschieht das Unglaubliche: Er reist in die Zeit zurück zu dem Zeitpunkt, an dem das liebevoll zusammengestellte Tape überreicht wurden. Adam wittert die Gelegenheit, ihrem Leben eine andere Wendung und ihrer Ehe frischen Aufwind zu bescheren. Er weiht Jules in das Geheimnis ein und fortan reisen sie jeder für sich zurück zu einigen Wendepunkten in ihrem Leben. Ohne es zu merken und bester Absicht ändern sie die Gegenwart und merken nicht, wie sie sich immer mehr voneinander entfernen.

Wundervolle Was-wäre-wenn-Geschichte über verpasste Gelegenheiten, über die große Liebe, die der Alltag und die Sorgen aufgefressen hat und über Vertrauen und Ehrlichkeit in der Liebe. Ganz besonders aber ist es eine Geschichte über den winzigen Flügelschlag eines Schmetterlings, der die Welt aus den Angeln heben kann, über eine einzige anders getroffene Entscheidung, die die ganze Zukunft verändert. Es ist großes Kino, wie das Autorenpaar in leisen Tönen, aber klug konstruiert und ungeheuer intensiv und mitreißend über das Ehepaar Jules und Adam erzählt, das mit seinen Zeitreisen mit nur winzigen Eingriffen in Ereignisse der Vergangenheit ihre gewohnte Welt in der Gegenwart komplett verändert. Sind es anfangs noch liebenswerte Kleinigkeiten, die anders sind, werden die Konsequenzen ihres Handelns mit der Zeit immer gravierender und betreffen bald nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kinder und andere Menschen in ihrem Umfeld, je mehr Zeitreisen die beiden unternehmen und je mehr sie dem anderen verheimlichen.

Adam und Jules sind gleichermaßen so normal wie liebenswert, mit ihren Schwächen und Macken, Selbstzweifeln und Geheimnissen. Ein Ehepaar, das sich verloren glaubt und mit Schicksalsschlägen und vergangenen Chancen hadert. Verstärkt wird ihr vermeintliches Scheitern durch Darius, Adams alten Schulfreund und ehemaligen Geschäftspartner, der inzwischen ein Firmenimperium aufgebaut hat, stinkreich und in Topform ist und auch noch Adams Arbeitgeber-Firma aufkauft, also sein Boss wird. Er verteilt Geschenke an die beiden Kinder und lässt für sie Kontakte spielen, außerdem macht er Jules Avancen und gibt Adam so das Gefühl, komplett minderwertig zu sein, und Jules, dass sie mit Adam die falsche Wahl getroffen hat. Im selben Maße, wie Jules und Adam ihre Gegenwart verändern, dringt Darius in ihre Welt ein und erobert immer mehr Raum darin, bis zum finalen Super-GAU.

Ich lebte mit Jules und Adam gleichermaßen mit und die Ereignisse im Wechsel ihrer beider Perspektiven und ihre jeweiligen Zeitreisen sind clever beschrieben. Hat der andere etwas verändert, erinnert nur er sich an die alte Version, wenn er zurückkehrt, der Partner hat die alte Version vergessen. So entstehen nach und nach neue Erinnerungen und neue Versionen ihres Lebens, die zunächst noch wie ein Update aussehen. Dennoch beginnen auch Adam und Jules zu hinterfragen, welche Version ihrer selbst und ihres Lebens sie eigentlich möchten, und gelangen so zu der Einsicht, dass sie alles aushalten können, solange sie nur als Paar und Familie zusammenhalten. Und so kommt es denn zum Showdown, in dem sich gar nicht so viel und doch alles verändert hat.

Fazit: Wunderschön beschriebenes Gedankenspiel über verpasste Gelegenheiten und der Frage, wie würde man entscheiden, wenn man das Wissen von heute hätte. Die Autoren nehmen den Leser mit auf die Reise zurück in die Zeit der Mixtapes und gebrannten CDs, als Middle-Ager findet man sich nicht nur in der Playlist, sondern ganz besonders in Adam und Jules wieder. Ich fand es richtig schön und tauchte gerne in die verschiedenen Versionen von Adams und Jules‘ Leben ein.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Freiheit, Aufbruch, Umbruch - Die Geschichte der Lister Bücherfrauen geht weiter

Die Bücherfrauen von Listland. Der Duft des Strandhafers
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Ein halbes Jahr nach ihrem ereignisreichen Aufenthalt bei Fenja Lorenzen im Listland auf Sylt kehrt die Journalistin und Podcasterin Anna auf die Insel zurück, um nach Fenjas verschwundener Schwester Martje ...

Ein halbes Jahr nach ihrem ereignisreichen Aufenthalt bei Fenja Lorenzen im Listland auf Sylt kehrt die Journalistin und Podcasterin Anna auf die Insel zurück, um nach Fenjas verschwundener Schwester Martje zu suchen und den Fragen, die bei ihrer ersten Recherche offengeblieben sind, nachzugehen. Martjes Spur führt Anna weit in die Vergangenheit, weg von Sylt auf die nordfriesischen Schwesterinseln und bis nach Husum. In der Gegenwart führt sie das Schicksal erneut mit Fenjas Sohn Eric zusammen, in den sie sich verliebt hat, der sich aber für seine Familie entschieden hatte. Inmitten des Gefühlswirrwarrs versucht Anna herauszufinden, was damals mit Martje wirklich geschah.

Wunderschön geschriebene Fortsetzung des ersten Bandes, der in bewährter Manier auf zwei Zeitebenen die Geschichte Annas und Fenjas fortführt und aufdeckt, was damals mit Fenjas Schwester Martje geschah. Aus den Perspektiven Annas in der Gegenwart und der Martjes in der Vergangenheit kommen nach und nach die mal tragischen, mal aufregenden Ereignisse aus Martjes Leben an Licht. Originelle Einschübe sind erneut die Passagen aus der Sicht eines Hauses, der Hütte im Dünental, die die Geschichte in ihren schützenden Wänden hautnah miterlebt und kommentiert.

Die Autorin bleibt ihrem Stil treu und spinnt in gefühlvoller, nie kitschiger Manier sehr kenntnisreich und mit Liebe zu Land und Leuten und zur Literatur die Geschichte der Lister Bücherfrauen und ihrer Biografin Anna weiter. Gekonnt verwebt sie Vergangenheit und Gegenwart und führt uns Schritt für Schritt, wie Bo der Klabautermann, aus dem Nebel der Nordsee zur Erkenntnis. Annas Rechercheergebnisse in der Gegenwart stehen dabei in direktem Verhältnis zur Geschichte Martjes in der Vergangenheit, ohne dass sich das Erzählte doppelt. Wie in einer Zeitreise begegnen sich die Figuren mitunter unbewusst und im Geheimen und erst im Nachhinein hebt sich der Vorhang.

Ich mochte erneut besonders Anna und ihre kluge, ruhige und zugewandte Art, ihre Hartnäckigkeit und nichts zuletzt ihre Emotionalität. Sie ist tief verwoben mit der Geschichte der Bücherfrauen und des Landstrichs und kann nicht mehr ohne leben. In ihrer Verliebtheit zu Eric versucht sie vernünftig zu sein, kommt aber nicht gegen ihre Gefühle an. Sie ist offen für neue Erkenntnisse und Menschen und jeder bekommt einen Platz in ihrem Herzen. Ihre eigene Geschichte in der Vergangenheit wird leider gar nicht mehr erwähnt, stattdessen wird der Fokus auf Gegenwart und Zukunft gelegt. Sie ist definitiv eine starke Hauptfigur.

Mit der Figur der Martje hingegen wurde ich nicht so richtig warm. Anders als beim ersten Band mit Fenjas Mutter und Großmutter konnte ich nicht so mit ihr mitleben, weil ich ihre Entscheidung oftmals nicht nachvollziehen konnte. Sie handelt inkonsequent und egoistisch, ist defensiv und in meinen Augen zwar eigenwillig, aber nicht unbedingt willensstark. Etwa verwischt sie bewusst ihre Spuren nach dem Unglück und verschwendet dabei keinen Gedanken an ihre sich sorgende Familie, dann wieder vermisst sie sie und fragt sich, wie es ihnen wohl geht. Dabei müsste sie nur Kontakt aufnehmen. Warum sie keinen Weg zurück mehr sieht, erschloss sich mir nicht. Auch Gespräche zur Lösung ihres Vaterkonflikts und jegliche weitere Annäherungsversuche blockt sie immer wieder ab und versinkt stattdessen in Selbstmitleid und Trauer. Von Männern lässt sie sich fast willenlos benutzen, wie sie überhaupt ein sehr getriebener Mensch ist. Die Erkenntnis, dass sie eben wie die Frauen ihrer Familie auch eine Lister Bücherfrau ist, kommt ihr erst im hohen Alter. Ihre langsame Entwicklung und wenig ausgeprägte Selbsterkenntnis trübten phasenweise das Lesen ihrer Passagen etwas.

Fast schon ein bisschen zu flott ging es mir auf das Ende zu, bei dem sich alles zum Guten wendet. Ein bisschen mehr hintergründiges Drumherum hätte nicht geschadet. Sehr berührend fand ich aber die Wiedervereinigung der beiden Schwestern in ihrer Heimat und ihre verzeihende Zuneigung.

Fazit: Dieser zweite Band um die Lister Bücherfrauen ist ein schönes Wiedersehen lieb gewonnener Figuren und stilistisch einwandfrei. Die Geschichte liest sich sehr gut und man verfolgt gerne Annas Recherchen und die Ereignisse auf zwei Zeitebenen. Mit kleinen Abstrichen eine gelungene Fortführung der Familiengeschichte rund um die Lister Bücherfrauen und eine Hommage an den wilden, rauen und urigen Landstrich ihrer Heimat und ihrer Kultur.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Über das Glück in der zweiten Lebenshälfte

Wir Freitagsmänner
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Für den Mittfünfziger Henri Albers läuft es gerade nicht so rund. Er hat bei seiner Scheidung nichts behalten außer jeder Menge Schuldgefühle, sein Arzt diagnostiziert Wechseljahre und verordnet eine komplette ...

Für den Mittfünfziger Henri Albers läuft es gerade nicht so rund. Er hat bei seiner Scheidung nichts behalten außer jeder Menge Schuldgefühle, sein Arzt diagnostiziert Wechseljahre und verordnet eine komplette Lebensumstellung und zu allem Überfluss bekommt sein Bart Löcher. Wird er etwa alt? Als er bei einem missglückten Date zufällig auf seine Traumfrau trifft, setzt er alles daran, sie näher kennen zu lernen. Wie gut, dass sie Life Coach ist! Wenn das mal nicht der perfekte Aufhänger ist, um sich von ihr sein Leben optimieren zu lassen. Leider läuft nicht alles so wie geplant.

Herrlicher Roman über einen Mann in den besten Jahren, der die Midlife-Crisis erfolgreich hinter sich gebracht hat und nun Angst hat, aufs Abstellgleis abgeschoben zu werden. Mit wunderbarer Leichtigkeit, aber auch der nötigen Schwermut, nie seicht, sondern sehr tiefgründig und immer empathisch erzählt der Autor von Henri, dem es eigentlich ganz gut geht, der aber nicht komplett immun gegenüber dem allgemein herrschenden Drang zur Selbstoptimierung ist. Da er ein selbstreflektierter Mensch ist, fallen die Salven von außen auf fruchtbaren Boden. Sein Arzt und sein besten Freund Felix verordnen ihm ein gesalzenes Gesundheitsprogramm, seine Frau macht ihm gehörig Schuldgefühle wegen seines Seitensprungs und der Chef im Verlag möchte ihm seinen Job aufs Auge drücken. Alles Dinge, die Henri eher nicht braucht. Schon nützlicher sind die Tipps von Traumfrau und Life Coach Emily, in deren Praxis er sich einschleicht. An sich will er sie nur zu einem Date überreden, aber dann erweisen sich ihre Tipps und Anregungen als ungeheuer hilfreich für sein neues Lebensgefühl. Und so erkennt er, dass er nicht nur ein Freitagsmann ist, sondern je nach dem auch mal ein Mittwochs-, Donnerstags- oder Sonntagsmann sein darf.

Der Autor versteht es meisterhaft, in sehr eingängigem, lockerem Stil die alltäglichen Geschehnisse und Gedanken Henris zu erzählen, mit einer guten Prise Humor und immer voller Sympathie mit seinem Helden seine Kümmernisse, Selbstzweifel und Gefühlsausbrüche aufs Trapez zu bringen, ohne ihn zu verurteilen. Durch die Ich-Perspektive kommt man als Leser Henri sehr nah, man lebt mit ihm mit und er wird zu einem guten Freund. Im Laufe des Buches kann man so verfolgen, wie Henri reift, wie er wieder Selbstbewusstsein bekommt und letztlich lernt, was ihm guttut und was nicht. Auch die anderen Figuren sind bestens beschrieben, besonders Henris bester Freund Felix sorgt für einiges Schmunzeln und macht ebenso eine positive Entwicklung wie auch Jenny, Henris Ex, die zum Glück von ihrem nervigen und belehrenden Schuldgefühle-Einreden wegkommt.

Ein kurzer Exkurs sei dem Cover gegönnt, das mit leuchtenden Farben und dem Dachskopf sofort ins Auge sticht. Mir gefiel es sehr gut und ich habe länger darüber nachgedacht, was man dem Leser da wohl mitteilen wollte. Henri ist eher kein Frechdachs und auch kein junger Dachs, schon eher ein Meister Grimbart, der mit dem Ergrauen des Bartes langsam, aber sicher seinen Platz im Leben gefunden hat, der aber noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Der Dachs steht symbolisch oft für Selbstentdeckung und persönliche Entwicklung, was in dem Zusammenhang sehr gut zu Henri passt.

Fazit: Das mit seinen knapp 290 Seiten eher dünne Buch erweist sich als intensive und zu Herzen gehende Geschichte, die immer kurzweilig und kompakt und bisweilen auch überraschend daherkommt und bis zum einigermaßen hoffnungsvollen Ende bestens unterhält. Henri ging mir ins Herz, ließ mich lachen und schmunzeln und gerührt ein Tränchen verdrücken. Nicht nur für Freitagsmänner ein wunderbarer Roman über Selbstbestimmung und das Schmieden des eigenen Glücks.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Von Rache und Überleben in den Schrecken eines unbarmherzigen Krieges

TINTE und SCHWERT
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Südbaden im Frühjahr 1618: Während der junge und ungestüme Grafensohn Heinrich von Hohenfels versucht, als Söldner im Heer von Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz angeworben zu werden, will der fromme ...

Südbaden im Frühjahr 1618: Während der junge und ungestüme Grafensohn Heinrich von Hohenfels versucht, als Söldner im Heer von Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz angeworben zu werden, will der fromme und belesene Bauernbursche Jacob Wolffen ins Priesterseminar aufgenommen werden. Währenddessen sehen sich in der böhmischen Stadt Pilsen die heilkundigen Hebammen Anna und ihre Mutter einem priesterlichen Hexenjäger ausgesetzt. Bei all dem wirft der 30jährige Krieg seine Schatten voraus und so treffen die drei in den Wirren des Krieges aufeinander. Jacob wird von Heinrich gefangen genommen und als Schanzknecht an das Heer des Söldnerführers Ernst von Mansfeld verkauft, seine Familie ausgelöscht. Als von Mansfeld Pilsen erobert und besetzt, treffen Jakob und Anna aufeinander. Beide haben ein gemeinsames Ziel: Rache an ihren Peinigern.

Großartiges und sehr emotional beschriebenes Sittengemälde einer Zeit, in der Moral und Ethik über Bord geworfen werden und in der jeder auf sich allein gestellt zusehen muss, wie er überlebt. Meisterhaft gelingt es dem Autor, die Schrecken des Krieges, die Schlachten, das Blut, die Raserei, das Elend und all die Verzweiflung lebendig werden zu lassen. Seine sehr bildhafte Sprache passt sich phänomenal den Ereignissen an: in ruhigeren Zeiten gemächlich, derbe beim einfachen Volk und bei wild gewordenen Soldaten, abgehackt und wirr im Kriegsgeschehen. Durch die Sprache gewinnt oder verliert die Geschichte an Tempo, ohne jedoch an Spannung und Intensität einzubüßen. Der Leser wird von der ersten Zeile an und unmittelbar mitten ins Geschehen hineingeworfen.

Dieser erste Band bildet den rundum gelungenen Auftakt einer Trilogie um den jungen, sehr frommen katholischen Jacob Wolffen, Sohn eines Tagelöhners, der verschleppt wird und zunächst sterben will, sich dann aber als Gottes Werkzeug bei der Rache an den Mördern seiner Familie sieht. Er liebt Gott und Bücher, Gewalt und Waffen sind ihm fremd. Ihm direkt gegenübergestellt ist der ungestüme, impulsiv handelnde Grafensohn Heinrich, der die niederen Stände verachtet, selbst aber sein ganzes Leben lang nach der Anerkennung seines Vaters dürstet. Während seine Waffen Schwert und Degen sind, sind Jacobs Waffen Tinte und Feder. Durch seine Fähigkeiten steigt er vom Schanzknecht zum Schreiber auf.

Die hervorragend herausgearbeiteten Charaktere der Figuren sind nicht uneingeschränkt sympathisch. Sie sind Kinder ihrer Zeit mit all ihrem Aberglauben, ihrem Fatalismus und ihrer Frömmelei, und auch sie werden korrumpiert durch die Grausamkeit des Krieges. Besonders Jacob polarisiert: Erscheint er lange Zeit als frömmelnder Schwächling, der sich nichts traut und sich alles gefallen lässt, wird er durch seine Rachegelüste zum eiskalten Mörder und Verräter. Bei aller Grausamkeit entwickelt er großen Mut, er wird Schreiber, sammelt Informationen und empfindet große Empathie mit Anna und hilft ihr und auch anderen der gebeutelten Pilsener Menschen. Außerdem glaubt er aus mir unerfindlichen Gründen an das Gute in seinem Landsmann Ulrich, der aus demselben Ort wie Jacob, Bachthal, stammt, mit ihm verschleppt wurde, ebenfalls seine Familie verlor und als Schanzknecht neiderfüllt auf Jacob schaut.

In fortlaufenden Kapiteln mit treffenden Überschriften erzählt der Autor die Geschichte sehr lebendig und anschaulich aus den vier Perspektiven von Jacob, Heinrich, Anna und des Söldnerführers Ernst von Mansfeld, welcher dem Leser bereits im Prolog begegnet und der exemplarisch für den harten, durch den Krieg geprägten Soldaten steht. Skrupel- und rücksichtslos, aber auch taktierend und schlau kocht von Mansfeld sein eigenes Süppchen mit dem einzigen Ziel, Ruhm und Beute zu scheffeln. Das ist auch Heinrichs Ziel, der dabei allerdings mehr als einmal seinen eher unzulänglichen Verstand offenbart und der sich mehr durch unbedachte Grausamkeit hervortut. Die starke Figur der Anna, die als Hexe verdächtigt wird und sich prostituieren muss, um zu überleben, und die damit ebenfalls exemplarisch für die besonderen Schrecken der Frauen steht, ging mir besonders nahe. Sie agiert mit Mut und Pragmatismus und ist ebenso skrupellos, wenn es um ihr Überleben und ihre Rache geht. Auch alle anderen Protagonisten bestechen durch ihre sehr detailliert herausgearbeiteten Charaktereigenschaften und sind es wert, dass man einen zweiten Blick auf ihre Persönlichkeit wirft.

Fazit: Hervorragend recherchierter, detailgetreuer und fesselnd erzählter Historienroman und gelungener Auftakt zur Trilogie um die Erlebnisse einzelner Personen in den Wirren und Schrecken des 30jährigen Krieges. Dieser erste Teil vom Juni 1618 bis Juni 1619 umfasst mit rund einem Jahr den Beginn der Auseinandersetzung zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union als zunächst noch reinem Glaubenskrieg. Dass der Autor seine Erfahrungen aus der Reenactment-Gruppe einfließen ließ, merkt man deutlich an den sehr bildhaft beschriebenen Schlachtszenen. Nichts für zarte Seelen und nichts für Einsteiger ins Genre, da manche Szenen allzu blutrünstig und realistisch beschrieben werden. Ich für meinen war vollkommen gepackt und warte sehnsüchtig auf Teil 2!

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Kampf zwischen Gut und Böse, verpackt in einer feurigen Liebesgeschichte

Imperia - you let the fire in
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Die junge Jara lebt in Imperia, einer Stadt, die ausschließlich von Frauen bewohnt wird. Als Tochter der Führerin Timere wird sie zur Kriegerin ausgebildet, einer Kampfmaschine, die jegliche Gefühle zu ...

Die junge Jara lebt in Imperia, einer Stadt, die ausschließlich von Frauen bewohnt wird. Als Tochter der Führerin Timere wird sie zur Kriegerin ausgebildet, einer Kampfmaschine, die jegliche Gefühle zu unterdrücken hat. Timere regiert mit eiserner Hand und duldet keinerlei Kritik. Als Jaras beste und einzige Freundin Tohru verhaftet und in den sogenannten Randbezirk verbannt wird, setzt Jara alles daran, sie zu retten. Im Randbezirk stellt sie fest, dass es eine Welt außerhalb Imperias gibt, in der Frauen und Männer gemeinsam leben, und dass sich Widerstand gegen Imperia gebildet hat. Jara lernt eine völlig neue Welt kennen und alles, was sie bisher kannte, wird auf den Kopf gestellt.

Debütroman der Autorin und gelungener Auftakt einer Trilogie um eine junge Kriegerin, die eine neue Welt und die Liebe kennenlernt und für die alles, was sie bisher als wahr erachtet hat, ins Gegenteil verkehrt wird. Auch wenn Jara unterschwellig spürt, dass etwas nicht stimmt, trifft sie die Erkenntnis, dass ihr Leben eine Lüge war, wie ein Schlag ins Gesicht.

Der Fokus der Geschichte liegt auf dem Kampf Gut gegen Böse, die von den gegensätzlichen Städten Imperia und Luces verkörpert werden. Während Imperia kalt und künstlich ist, in getrennte Bezirke aufgeteilt ist und die Bewohnerinnen eine klar zugewiesene Aufgabe haben, ist Luces bunt und natürlich, die Menschen sind gesellig und freundlich und alle bringen sich in die Gemeinschaft ein. Das dystopische Imperia wird von der tyrannischen Timere regiert, die gottgleich herrscht, keine anderen Götter neben sich duldet und die jegliche Emotionen unterdrücken lässt, da sie sie als Schwäche ansieht. In Luces hingegen gibt es einen demokratisch gewählten Rat und die Menschen sind tolerant gegenüber jedweder Lebens- und Liebesform. Da ist es kein Wunder, dass Jara zunächst vollkommen überfordert ist von den vielen, für sie widersprüchlichen Eindrücken, die auf sie einprasseln.

Die Figur der Jara ist der Autorin meines Erachtens außerordentlich gut gelungen und ich habe sofort mit ihr mit gelebt und gelitten, sie ist authentisch und mitreißend und ihre Persönlichkeit ist gut herausgearbeitet. Besonders schön fand ich den Erkenntnis-Prozess, den Jara durchmacht, aus einem emotionslosen Leben kommend öffnet sie sich mehr und mehr für die alternative Lebensweise, sie passt sich an und stürzt sich in den Kampf für die Freiheit. Auch ihre Selbstzweifel, ihre Verzweiflung und ihr Mut kommen sehr gut rüber, sie ist selbst reflektiert und empathisch. Neben ihr blieb manch andere Figur eher blass, die in meinen Augen mehr Potential gehabt und von der ich mir eine tiefergehende Beschreibung gewünscht hätte. Auch ihrem männlichem Gegenstück Aidan konnte ich merkwürdigerweise nicht allzu viel abgewinnen, ich fand ihn anstrengend und in seiner Widersprüchlichkeit nicht wirklich authentisch. Die beiden als Paar haben mich insgesamt nicht restlos überzeugt.

Grundsätzlich ist die Geschichte gut erzählt und fesselnd, und besonders das offene Ende macht Lust auf die Fortsetzung. Sprachlich gesehen ist es eingängig geschrieben, wenn auch nicht unbedingt abwechslungsreich. Manche Wendungen werden recht häufig wiederholt, Tohru etwa grinst oft frech. Stilmäßig passt es zu einem Jugendbuch, Amazon gibt als Altersempfehlung zwischen 16 und 18 Jahren an. Sehr schön fand ich die Bedeutung von Namen. In Imperia wird den Verbannten der Name genommen, die Person wird zur Namenlosen und verliert damit ihre Persönlichkeit und verkümmert. Nahezu jeder Name hat eine Bedeutung, dabei bedient sich die Autorin aus verschiedenen Sprachen. Luces etwa ist die Stadt des Lichts und der Hoffnung, vor Timere zittern alle und die Menschen in Luces haben gemäß ihrer Gabe Namen. So besitzt Aidan seinem Namen gemäß die Gabe des Feuers, was wiederum den sehr passenden Untertitel erklärt.

Dennoch gab es für mich ein paar Längen und Schwächen. Die Autorin entwirft zwei interessante, gegensätzliche Welten, in der Menschen mystische Gaben besitzen und die durch Magie entworfen und geschützt werden. Wie die Magie funktioniert, bleibt jedoch zu oberflächlich, ebenso wie die psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte des Lebens in Luces und Imperia. Vielleicht ist dies aber auch den Vorlieben der jugendlichen Zielgruppe geschuldet. Von den Gaben war ich sehr fasziniert und hätte mir gewünscht, mehr darüber zu erfahren. Mir erschloss sich nicht, wieso Jara ihre Gabe nicht annimmt und ausbaut, und auch was es mit ihrer Fähigkeit, Emotionen in Farben wahrzunehmen, auf sich hat, wird nicht näher erläutert.

Vorab und auch hinten im Buch wird vor den spicy Liebes- und den brutalen Gewaltszenen gewarnt, weil sie triggern könnten. Beides hält sich in meinen Augen in vernünftigen Grenzen. Die spicy Szenen sind durchaus feurig und detailverliebt geschrieben, ich fand sie nur übertrieben häufig und teilweise etwas langatmig. In der Wiederholung liegt eben auch eine gewisse Langeweile und es nutzt sich ab. Erst spät kommt nach einer längeren Ruhepause in der Geschichte wieder Spannung auf, nämlich dann, wenn man sich zum Aufbruch nach Imperia rüstet.

Fazit: Grundsätzlich hat mir die Geschichte gut gefallen und besonders Jara hat es mir angetan. Sie ist eine starke Hauptfigur und ein vielschichtiger Charakter. Das clever gemachte offene Ende tut sein Übriges, dass man auf jeden Fall wissen will, wie es weitergeht. Passt sehr gut für die jugendliche Leserschaft, ältere Semester haben aber sicher auch ihre Freude dran. Ich hoffe sehr, dass wir als Leser in den Folgebänden noch tiefer in die Magie der Gaben und die Funktionsweise der beiden gegensätzlichen Städte eintauchen dürfen.

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