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Veröffentlicht am 27.11.2022

Opulenter Mittelalter-Roman mit starken Protagonisten – spitzenklasse!

Die Siegel des Todes
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Schwarzwald, Anfang des 14. Jahrhunderts: Das Leben meint es nicht gut mit dem jungen Elias. Ohne Erinnerung an sein früheres Leben fristet er ein trostloses Dasein beim Schinder Utz Herrlinger, der ihn ...

Schwarzwald, Anfang des 14. Jahrhunderts: Das Leben meint es nicht gut mit dem jungen Elias. Ohne Erinnerung an sein früheres Leben fristet er ein trostloses Dasein beim Schinder Utz Herrlinger, der ihn quält und demütigt und zudem in zwielichtige Machenschaften verstrickt zu sein scheint. Das einzige, das Elias aufrecht hält und ihm Hoffnung gibt, ist die Aussicht auf Flucht und sein Medaillon, zusammen mit dem Wunsch, eines Tages das Geheimnis seiner Herkunft aufzudecken. Zunächst nicht viel besser ergeht es der jungen Ranghild, deren heimische Bauernkate überfallen und abgefackelt wird. Völlig verwirrt und verzweifelt findet sie Unterschlupf bei der Kräuterfrau Gret, bei der sie in die Lehre geht. Ranghild und Elias führen unabhängig voneinander ihr Leben, versuchen ihren Weg zu gehen in einer Welt, die ihnen nichts schenkt, und ahnen nicht, wie tief ihr beider Schicksal miteinander verknüpft ist.

Großartiger, vielfältiger, spannender und abwechslungsreicher Historienroman, so bunt und gewaltig wie ein Renaissance-Gemälde, realistisch, authentisch, so komisch wie traurig – kurzum: so facettenreich, wie ich schon lange keine Geschichte mehr gelesen habe. Jede Figur mit vielschichtiger, sehr eigener Persönlichkeit ausgestattet und in bildhafter Sprache verfasst, die einen sofort in die Geschichte hineinzieht. Ist man erst einmal eingetaucht, gibt es kaum ein Herauskommen, ich geriet förmlich in einen Sog und lebte dermaßen mit als wäre ich dabei. Die zwei Handlungsstränge um Elias und Ranghild verlaufen lange Zeit parallel nebeneinander, jede für sich autark und fesselnd und komplett aus der Sicht des jeweiligen Hauptprotagonisten erzählt. Dementsprechend fokussieren sich die Beschreibungen der Handlung, des Erlebens und des Seelenlebens in diesen Passagen, die sich über mehrere Kapitel erstrecken können, denn auch auf die jeweilige Hauptfigur. Sind die anderen Charaktere auch stark herausgearbeitet, so kreisen sie doch, hat man den Eindruck, um den jeweiligen Stern und bilden so ihren Teil der Weiterentwicklung für Elias und Ranghild.

Formal ist die Geschichte in drei Bücher mit fortlaufenden Kapiteln unterteilt und erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa fünfzehn Jahren. Eingerahmt durch einen Prolog und Epilog, wobei ersterer einige Fragen aufwirft, die letzterer wunderbar auflöst. Der Autor bedient sich einer eingängigen Sprache und hat einen sehr gut zu lesenden Stil, der ausgezeichnet in die Zeit passt, in der seine Geschichte angesiedelt ist. Die vielen Begriffe, die man heute eventuell nicht mehr kennt, werden dankenswerterweise in einem ausführlichen Glossar erklärt, ebenso wie ein hilfreiches Personenregister vorangestellt ist.
In den zwei Handlungssträngen verfolgt man den Lebensweg Elias' und Ranghilds ab etwa deren 13. Lebensjahr. Bei Elias steht hierbei sein Streben, den Schleier seiner Herkunft zu lüften, im Vordergrund, Ranghilds Leben ist geprägt vom Streben nach – medizinischem – Wissen und dem Wunsch, Menschen zu heilen. Beide haben sehr ausgeprägte und eigene Charakterzüge, wobei bei beiden die herausragende Intelligenz, der Überlebenswillen und die Hilfsbereitschaft heraussticht. Interessant fand ich die sehr unterschiedlichen Lebenswege und wie sie mit schwierigen Situationen umgehen und sich als junge Menschen in einer ihnen nicht immer wohlgesonnen Gemeinschaft behaupten. Besonders Elias hat es zunächst nicht gut getroffen und muss mehr kämpfen, wird verfolgt und verhöhnt. Ranghild als Frau ist gezwungen, sich in einer Männerwelt zu behaupten und mitunter ist sie machtlos gegen rohe männliche Gewalt. Beide müssen oftmals reagieren, werden durch äußere Umstände zu Taten gezwungen oder müssen weiterzuziehen. Mir schien aber doch Elias aktiver sein Schicksal in die Hand zu nehmen, zum Beispiel als er sich gegen seinen Peiniger durchsetzt. Durch seine Hitzköpfigkeit reitet er sich allerdings gerne in Zwangslagen hinein, während Ranghild durch Argumente und Diplomatie zu überzeugen versucht. Erwähnt sei auch, dass beide das Glück haben, an wohlgesonnene Menschen zu geraten, die sehr prägend sind für ihr Weiterkommen und die ihnen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Toll fand ich außerdem, dass man als Leser einen tiefen Einblick in mittelalterliches Wissen bekommt, aber auch in das Alltagsleben der Menschen in unterschiedlichen Regionen. Beider Weg führt uns vom Schwarzwald in die wichtige Reichs- und Handelsstadt Regensburg und sogar nach Salerno, wo Medizingeschichte geschrieben wurde.

Fazit: Unbedingt lesenswerter, wunderbarer und für mich sehr stimmiger Mittelalterroman mit lebendigen Figuren, zum Eintauchen und Abtauchen bestens geeignet und mit nachhallender Wirkung. Ich fand sehr wohltuend, dass der Autor auf reißerisch-blutige Mittelalter-Klischees verzichtet und stattdessen Menschen und Handlungen beschreibt, die überzeugend wirken und gar nicht so weit weg von uns selbst sind. Das vermeintlich finst're Mittelalter ist bevölkert von ganz normalen Menschen, von Gauklern und Kaufleuten, von Studenten und Ärztinnen und von zwei jungen Leuten, die allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Weg finden und – so ganz nebenbei – das Geheimnis ihrer Herkunft lüften. Einfach toll.

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Veröffentlicht am 07.11.2022

Glück auf! Familienchronik und Geschichte einer Bergbau-Region

Die Sehnsucht nach Licht
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Louisa Steiner lebt in Bad Schlema in Sachsen und ist wie ihre ganze Familie der Tradition der sächsischen Bergleute eng verbunden. Die Geschichten von früher sind so lebendig wie eh und je, noch heute ...

Louisa Steiner lebt in Bad Schlema in Sachsen und ist wie ihre ganze Familie der Tradition der sächsischen Bergleute eng verbunden. Die Geschichten von früher sind so lebendig wie eh und je, noch heute trinkt man das Radonwasser, für das die Region und besonders Bad Schlema berühmt wurde, und noch immer denkt man an verschwundene Verwandte und Bergleute, die im Berg geblieben sind. Auch ein Großonkel Louisas, Rudolf, ist von einem Tag auf den anderen verschwunden und wird noch immer schmerzlich vermisst, vor allem von seiner Schwester Irma, Louisas Lieblingstante. Als diese ihre alte Freundin Gretchen wiederfindet, werden die alten Geschichten erneut aufgewärmt. Louisa taucht immer weiter ein in ihre Familiengeschichte und beschließt, mehr über Rudolfs Verbleib herauszufinden. Als sie feststellt, dass seine Spur nach Russland führt, bildet sich eine wundersame Reisegruppe, die sich auf den Weg nach Moskau begibt und überraschende Entdeckungen macht.

Großartige, berührende und faszinierende Erzählung über eine in ihrer Region tief verwurzelte Familie und über die Geschichte eines Ortes und seiner Bewohner. Die Autorin lässt Menschen und ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Freude und ihr Überlebenswillen, die Prachtbauten und Bergbauhütten, das Leben unter Tage und das darüber lebendig werden, man ist nicht nur einfach sofort drin, man taucht tief ein in ihre Welt, lebt, fühlt, weint und lacht mit ihnen und ist förmlich ein Teil von allem. Sehr geschickt verwebt die Autorin Gegenwart und Vergangenheit, was Louisa mühsam recherchieren und herausfinden muss, erfährt der Leser dank Rückblenden in die Vergangenheit aus der Sicht der damals lebenden Familienmitglieder. Der Leser erhält somit einen uneingeschränkten und wahrheitsgemäßen Blick auf die Geschehnisse, während die Protagonisten in der Gegenwart lediglich Teile erfahren und sich manches zusammenreimen müssen. Wunderbar ist dieses Zusammenspiel der Zeitebenen, die Fragen und Themen, die Louisa bewegen und die sie herauszufinden versucht, werden direkt im Folgekapitel in der Vergangenheit erzählt und manches Mal enthüllt sich so ein überraschendes Geheimnis. Die Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, werden dabei vom Jahr 1908 an chronologisch erzählt. Auch wenn mitunter recht große Zeitsprünge dabei sind, entspinnt sich doch sukzessive die Geschichte einer Bergbaufamilie von der Kaiserzeit über den 1. Weltkrieg, vom Dritten Reich, dem 2. Weltkrieg über die DDR bis zu Wende. Es ist die Geschichte der Steiners, der Stammbaum Louisas, ihre Herkunft, und das Streben, der Fleiß, die Loyalität und die Verbundenheit untereinander werden wie das Mettenlicht und das Album für Freunde des Bergbaus weitergereicht.

Mich faszinierte besonders die anschauliche Darstellung des Alltags, angefangen mit dem kargen Leben in der Bergarbeiter-Kate Anfang des 20. Jahrhunderts über den Schrecken der Weltkriege, die Hungerjahre in der Nachkriegszeit und dann des langsam, aber stetigen Aufstiegs und der verbesserten Lebensumstände, aber auch die Entwicklung und das Erwachsenwerden der Familienmitglieder, wie sie ihren Weg gehen und selbst Familien gründen bis hin zu Louisas Generation. Die Figuren sind durchweg alle liebevoll und authentisch dargestellt, sie überzeugen durch ihre Stärken und Schwächen und sind zutiefst menschlich. Wie ein Fels in der Brandung und eine fortwährende Konstante ist hierbei Wilhelm, Louisas Urgroßvater, Bergmann durch und durch, aufrecht, ehrlich und treu und der Mensch, dem Louisa eng verbunden ist, obwohl sie sich nicht an ihn erinnern kann. Aber durch sein Album, das er ihr vermacht hat, beginnt sie sich mit ihrer
Geschichte und der ihrer Familie zu beschäftigen und erfährt dabei auch viel über sich selbst.

Fazit: Ein wunderschönes Buch und ein spannender historischer Roman über das Leben einer Familie, die ihrer Region und ihrem Beruf zutiefst verbunden sind. Man erfährt viel über den Bergbau, es wird auch gefachsimpelt, das Ganze ist aber nie langweilig und vor allem ist diese Familiengeschichte sehr berührend. Die Geschichte lebt von der Verknüpfung von Tradition und Moderne und von ihren Menschen, die ihre Traditionen bewahren und alles am Laufen halten. Sicherlich nicht das letzte Buch der Autorin, das ich gelesen habe!

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Veröffentlicht am 26.10.2022

Eisige Schönheit – Erster Fall für Hanna Ahlander und Daniel Lindskog

Kalt und still
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Die Stockholmer Ermittlerin Hanna Ahlander ist am Boden zerstört: Ihr Chef macht ihr klar, dass sie im Revier unerwünscht ist, weil sie einen gewalttätigen Kollegen überführen wollte, und als sie nach ...

Die Stockholmer Ermittlerin Hanna Ahlander ist am Boden zerstört: Ihr Chef macht ihr klar, dass sie im Revier unerwünscht ist, weil sie einen gewalttätigen Kollegen überführen wollte, und als sie nach Hause kommt, verkündet ihr ihr Freund, dass er sie wegen einer anderen verlässt. Tief verletzt zieht sie sich in das Ferienhaus ihrer Schwester Lydia im idyllischen und tief verschneiten Örtchen Åre zurück, dem Ort ihrer Kindheit. Dort wird gerade ein Mädchen vermisst, und um sich abzulenken, beteiligt sich Hanna an der Suche. Als sie einige Informationen an den leitenden Ermittler Daniel Lindskog und sein Team heranträgt, erkennen die Polizisten, sowieso chronisch unterbesetzt, ihr Potential. Ehe sie sich‘s versieht, steckt sie mitten in den Ermittlungen und in einem Fall, der komplexer ist als zunächst angenommen…

Sehr spannender und solide aufgebauter Krimi in den Bergen Nordschwedens. In der eisigen Schönheit der Welt in der Nähe des Polarkreises ist ein Mädchen verschwunden und bei Minus zwanzig Grad empfiehlt sich kein längerer Aufenthalt in der Natur. In bewährter Manier entwirft die Erfolgsautorin ihre Figuren und schafft ein interessantes neues Ermittlerduo, das sich aufs Trefflichste ergänzt und doch sehr individuelle Züge besitzt. Sowohl Hanna als auch Daniel sind zwei hochintelligente Ermittler, die so sehr für ihren Job brennen, dass das Privatleben zur Nebensache wird, die sich aber dennoch innerlich zerreißen, um allem und jedem gerecht zu werden. Und Gerechtigkeit ist immens wichtig für sie. Auf dieser Zerrissenheit zwischen Job und Privatem liegt ein besonderer Fokus in der Geschichte und zeigt sehr gut die hervorstechendsten Charaktereigenschaften, die diese beiden Persönlichkeiten ausmachen. Beide sind mit einem schwierigen Verhältnis zu ihren Eltern belastet und haben Probleme in der Partnerschaft. Zudem wurden und werden beide mit Gewalt konfrontiert, Hanna als – noch immer schwer traumatisiertes – Opfer und Daniel, der gegen sein hitziges Temperament ankämpft und ganz schön austicken kann. Pikanterweise verkörpert Daniel damit genau den Typ Mann, den Hanna aufs Tiefste verabscheut. Dieses Aufreiben zwischen zwei Welten, das Hadern mit sich und der Umgang mit anderen und sich selbst nimmt einen Großteil des Plots ein.

Die Geschichte ist gut aufgebaut und zeigt von Anfang an einen sich stetig aufbauenden Spannungsbogen. Die Spannung wird hierbei sowohl ermittlungstechnisch als auch psychologisch erzeugt und lebt ein großes Stück weit von den verschiedenen Perspektiven, aus denen erzählt wird und die dem Leser Einblicke in zerrüttete Familien und zweifelhafte Gesellschaftsstrukturen gibt und die scheinheilige Doppelmoral in Privat- und Berufsleben aufzeigt. Bis etwa zur Mitte des Buches laufen denn auch zwei Handlungsstränge parallel nebeneinander, einmal Hannas private Situation und ihr eigener Fall um die Reinigungsfrau Zuhra und zum anderen Daniels Ermittlungen im Fall Amanda. Nach und nach verknüpfen sich beider Leben und in dem Maße wird auch immer deutlicher, dass und wie alles zusammenhängt. Ich fand sehr wohltuend, dass die Autorin weitgehend auf blutig-reißerische Action verzichtet und den Leser durch ihre vielschichtigen Charaktere mit sensiblem Innenleben und tiefen Einblicken in menschliche Abgründe fesselt. Ihre sehr bildhaften Beschreibungen der lokalen Verhältnisse lassen alles vor dem geistigen Auge auferstehen und man spürt förmlich die Eiseskälte draußen und in den Herzen. Die Lösung des Kriminalfalls selbst kann man bei aufmerksamem Lesen durchaus erahnen, was aber dem Lesevergnügen keineswegs Abbruch tut.

Fazit: Gut gelungener Auftakt in die neue Reihe vor atemberaubender Kulisse. Die Erfolgsautorin beweist einmal mehr ihr Erzähltalent und legt einen atmosphärisch dichten Krimi mit einen interessanten neuen Ermittlerteam vor, das hohes Entwicklungspotential hat. Meiner Meinung nach dürften die nächsten Fälle gerne verschachtelter und komplexer werden, aber alles in allem ein empfehlenswertes Buch, das Lust auf weitere Fälle macht.

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Veröffentlicht am 16.09.2022

Kunstsammler und eine junge Kunstschätzerin im viktorianischen England

Die Kunstschätzerin
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Die junge Eleanor Sheffield hat es gerade nicht leicht: Ihr Vater, ein Kunstexperte, ist verstorben und sie soll seine Firma, die Betreuung reicher Sammler und die Restauration von wertvollen Kunstgegenständen, ...

Die junge Eleanor Sheffield hat es gerade nicht leicht: Ihr Vater, ein Kunstexperte, ist verstorben und sie soll seine Firma, die Betreuung reicher Sammler und die Restauration von wertvollen Kunstgegenständen, übernehmen. Im viktorianischen England ein schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen. Ihr Onkel Lewis leidet an beginnender Demenz und der einzige Mitarbeiter macht keinen Hehl daraus, dass er sie als Frau dafür völlig ungeeignet findet. Da betraut der verstorbene Vater ihrer Jugendliebe sie post mortem mit einem delikaten Auftrag: Sie soll entscheiden, ob seine Sammlung an seinen Sohn Harry gehen oder einem Museum vermacht werden. Dafür soll sie die moralische Gesinnung und Zuverlässigkeit Harrys prüfen. Schnell stellt sie fest, dass dies ein vertrackter Auftrag ist, denn die Firma hat Schulden, ihre Stellung in der Gesellschaft leidet und zudem hegt sie noch Gefühle für Harry.

Das Buch entführt in die Welt der Kunst, der Kunstsammler und Mäzene, des Kunstraubs und der Raubkunst, der geneigte Leser erfährt viel über echte und gefälschte Kunst und vor allem über die Beziehung zwischen Mann und Frau und die Lage der Frauen in der strengen viktorianischen Gesellschaft. Die Autorin hat einen eingängigen und gut lesbaren Stil, wenn auch ihre Sprache mitunter etwas gestelzt daherkommt. Dies wiederum passt aber zur Epoche und es darf im Buch auch gelacht werden. Die Geschichte hat mich sofort gefesselt und ich fand ihre Beschreibungen bildhaft und detailliert. Die Autorin zeichnet ein authentisches Bild der viktorianischen Ansichten und Moralvorstellungen, steht diesen jedoch, wie mir scheint, keinesfalls kritisch gegenüber. Ihre Protagonistin ist demnach auch keine Rebellin, sie ist angepasst, keusch und zurückhaltend. Durch ihren Vater hat sie großes Wissen als Kunstbegutachterin erworben, was per se ungewöhnlich ist, doch dieses Wissen ist auch nur in Ordnung, wenn man es als Frau zur Unterstützung für den Mann anwendet. Selbstständig zu sein, gar eine Firma zu leiten, für eine Familie zu sorgen ist unerwünscht. Eleanor versucht dies zwar mit all ihrer Kraft, und sie stellt sich dabei in meinen Augen sehr gut an, scheitert jedoch. Erst als sie wieder männlichen Beistand hat, ändert sich dies, sie kann als Kunstmäzenin arbeiten und ihr Ruf ist wieder hergestellt.

Eleanor als Person rief zwiespältige Gefühle in mir hervor. Zum einen ist sie eine sympathische, bescheidene, gutherzige und kluge Person, die Mitgefühl für ihre Mitmenschen hat und sich um die Ihren sorgt. Man folgt ihr gerne auf ihrem Weg und wünscht ihr alles Glück der Welt. Sie versucht mit all der ihr zur Verfügung stehenden Mittel das Unternehmen weiterzuführen, ihre Entscheidungen waren in meinen Augen sehr mutig, werden jedoch von den Männern im Buch in Frage gestellt. Egoismus ist ihr völlig fremd, und kritische oder negative Gefühle wie Eifersucht unterdrückt sie heldenhaft. Große Kraft findet sie in ihrem Glauben, etwas, das für meinen Geschmack mit Psalmenzitaten, Gebeten und Bitten um Gottes Beistand etwas zu sehr betont wurde. Die folgenschwerste Entscheidung trifft sie aus Stolz, einer der sieben Todsünden, und folgerichtig muss sie dafür büßen. Ihre Zweifel und zwiespältigen Gefühle kommen sehr gut herüber, sie möchte gern alles richtig machen und hinterfragt häufig ihre eigenen Entscheidungen. Wenn sie etwas herausfindet, behält sie es eher für sich. Für mich war es, als gestehe sie sich selbst keinen eigenen Willen zu, stattdessen strebte sie danach zu heiraten und darin ihre Erfüllung zu finden. Dies wiederum entspricht vollkommen dem Kodex der Zeit und sie somit der Idealvorstellung der viktorianischen Frau. Interessanterweise steht sie damit in krassem Gegensatz zu ihrer Mutter, die ihre eigene Entscheidung getroffen hat, indem sie ihre Familie und die ihr zugedachte Rolle verließ.

Recht gelungen fand ich die Darstellung der weiteren Charaktere, Harry als die zweite Hauptfigur blieb zwar mitunter etwas blass, war zwischenzeitlich aber durchaus geheimnisvoll, und die anderen sind gut herausgearbeitet und haben Persönlichkeit, allen voran Eleanors Onkel Lewis, ihre Haushälterin Orchie und ihre Freundin Maguerite. Durch die Ich-Erzählweise hat der Leser auch ausschließlich die Perspektive Eleanors, die nicht eben objektiv ist. Über einige wie etwa Marguerite hätte ich gerne mehr erfahren und mitunter war die Handlung etwas statisch. Alles in allem ging für mich die Geschichte aber auf und trotz einiger Längen im mittleren Teil war sie auch recht spannend.

Fazit: Wer Romantik á la Jane Austen, das Aufspüren eines Geheimnisses oder Gesellschaftskritik erwartet, ist hier falsch. Die Protagonistin ist eine sympathische Figur, deren Aktivität eher bestraft wird und die erst in der ihr zugedachten Rolle wieder aufblüht. Dies scheint ganz im Sinne der Autorin zu sein, denn starke und autonome Frauen kommen gar nicht oder nur am äußersten Rande vor. Für mich aber schön zu lesen und mit interessanten neuen Erkenntnissen über Kunst und die Sammelleidenschaft der Viktorianer.

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Veröffentlicht am 01.09.2022

Cassie Raven ist wieder da – Forensik-Krimi at its best

Wer mit den Toten spricht
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Cassie Raven, Sektionsassistentin aus Leidenschaft, hat gerade erfahren, dass die Geschichte um den Tod ihrer Eltern, die sie von ihrer polnischen Großmutter erfahren hat, vollkommen erstunken und erlogen ...

Cassie Raven, Sektionsassistentin aus Leidenschaft, hat gerade erfahren, dass die Geschichte um den Tod ihrer Eltern, die sie von ihrer polnischen Großmutter erfahren hat, vollkommen erstunken und erlogen ist. Stattdessen wurde ihre Mutter ermordet und ihr Vater des Mordes verurteilt. Das muss sie erst einmal verdauen. Da treten ihre Gäste in der Leichenhalle fast in den Hintergrund, vor allem, als auch noch ihr Vater auftaucht und behauptet, unschuldig zu sein. Um alles auf die Reihe zu kriegen, braucht sie einmal mehr die Hilfe der spröden Polizistin Flyte, die ihre eigenen Päckchen mit sich herumträgt.

Die Autorin bleibt ihrem Stil treu – zum Glück! – und konstruiert einen Forensik-Krimi, der mehrere Handlungsstränge und damit Fälle in sich vereint. Der Forensik-Fall scheint zunächst recht harmlos und nicht besonders ermittlungsintensiv, erweist sich aber als zunehmend komplex. Das Wichtigste ist jedoch, dass er die beiden so unterschiedlichen Frauen Cassie und Flyte wieder einmal zusammenbringt und sie sich dadurch weiter aneinander annähern. Wie im ersten Band wird die Geschichte abwechselnd aus Cassies und aus Flytes Sicht erzählt, die Kapitel jeweils passend überschrieben, und je mehr der Fall voranschreitet, desto häufiger werden Flytes Anteile. Dadurch erhält man als Leser naturgemäß tiefen Einblick in die Psyche der beiden Frauen und ihrer Traumata und weiß somit erst einmal mehr als die Protagonisten. Der Fokus liegt diesmal stärker auf Cassies privatem Fall und ihrer Vergangenheit, der Aufarbeitung und Aufklärung des Mordes an ihrer Mutter, als auf den Forensikfällen, und ihre Nachforschungen hierzu nehmen einen großen Raum ein. Aber auch Flytes seelischer Schmerz ist sehr greifbar, und in dem Maße wie sich beide öffnen und den Ermittlungen voranschreiten, in dem Maße bröckelt auch Flytes stahlharter Panzer.

Ich fand es ausnehmend gut, dass auch hier wieder Cassies Arbeit in der Rechtsmedizin viel Platz einnehmen und detailliert beschrieben wird. Cassie liebt ihre Arbeit und ihren Arbeitsplatz, sie ist gewohnt sensibel und einfühlsam und behandelt die ihr zugeteilten Toten mit Respekt und spricht mit ihnen. Und die Toten sprechen mit ihr, was den einen oder anderen Hinweis auf die Lösung bietet. Cassies Visionen, Geistes- und Erinnerungsblitze oder wie man es auch immer nennen mag überfallen sie zu den unmöglichsten Zeiten und tragen einen großen Teil zur Lösung und Erkennung der Wahrheit bei. Ist es bei Flyte eine Aufarbeitung, ist es bei Cassie ein knallharter Kriminalfall, beide helfen sich gegenseitig mit ihrem Fachwissen. Ich fand es einmal mehr bezaubernd, wie sich beide zwischendurch immer beäugen und sich fragen, wieso sie sich für die andere so ins Zeug legen. Die beiden haben auf jeden Fall das Potential auf eine lebenslange Freundschaft!

Der Autorin gelingt es erneut, vielschichtige Charaktere, einen sehr gut konstruierten, verschachtelten Krimi und einen herrlichen Plot zu verfassen, wobei sie die Spannung eher subtil aufbaut, doch mit jedem Kapitel steigert bis hin zum doch recht überraschenden Ende. Man trifft lieb gewonnene Figuren wieder, wie zum Beispiel Cassies Großmutter, und erfährt Neues aus ihrem Leben. Humorvoll und sensibel und unglaublich eingängig fesselt die Autorin mit ihrem Schreibstil und mit ihrer Geschichte.

Fazit: Absolut lesens- und lohnenswerter Krimi, wobei sich die Lektüre des ersten Bandes vorweg auf jeden Fall empfiehlt. Man kann sicherlich der Geschichte auch so folgen und erfährt auch so vieles über die ungewöhnlichen Protagonisten, jedoch versteht man die Zusammenhänge besser, denn dieser Band schließt gerade in Bezug auf Cassies Leben nahtlos an den Vorgänger an. Für mich eine sehr gelungene Fortsetzung der Reihe, die die Lust, mehr über Cassie Raven und Phyllida Flyte zu lesen, erneut gesteigert hat.

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