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Veröffentlicht am 20.10.2020

Dramatische Familiengeschichte in Zeiten der Resistance

Das letzte Licht des Tages
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Nach ihrer Scheidung wird Liv von ihrer fast hundertjährigen französischen Großmutter Edith nach Paris verschleppt, zunächst angeblich um Liv von ihrem Trübsalblasen abzulenken. Kaum angekommen geht es ...

Nach ihrer Scheidung wird Liv von ihrer fast hundertjährigen französischen Großmutter Edith nach Paris verschleppt, zunächst angeblich um Liv von ihrem Trübsalblasen abzulenken. Kaum angekommen geht es weiter nach Reims, wo Edith geheimnisvollen Geschäften nachgeht und den Ort eindeutig besser kennt als sie vorgibt. Da Edith verschlossen wie eine Auster ist und sich zudem heftig zu quälen scheint, versucht Liv mit Hilfe der Anwaltskanzlei Cohn - in Person des jungen Julien Cohn - hinter das Geheimnis zu kommen. Was verbirgt Edith, und was hat es mit dem Weingut Chauveau auf sich, zu dem Edith eine enge Verbindung zu haben scheint?

Schlichtweg großartiger, ungemein fesselnder Roman, der auf zwei Zeitebenen die dramatische und erschütternde Familiengeschichte des Weinguts Chauveaus in der Champagne zu Zeiten des zweiten Weltkrieges erzählt. Die zwei Zeitebenen spielen sich zunächst vermeintlich unabhängig voneinander ab, auf der einen Livs Reise mit ihrer wundervollen Großmutter, auf der anderen die Geschehnisse auf dem Gut Chauveau. Die Verwicklungen der vier Menschen auf dem Weingut – Michel und seine Frau Inés sowie Michels Kellermeister Théo und dessen Frau Céline – werden wiederum aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so dass der Leser tiefe Einblicke in deren Gefühlswelt erhält. Je mehr die Geschichte voranschreitet, desto mehr verknüpfen sich beide Ebenen und umso mehr werden die Motive aller Protagonisten offenbar. Die Autorin entwirft das Leben auf dem Weingut, die Situation der Menschen unter der Nazi-Herrschaft und ihr Kampf ums Überleben bildhaft und überzeugend und verliert dabei niemals die wahren Gefühle und Motive aus den Augen. Es ist die Geschichte einer Familientragödie, eines unbeabsichtigten Verrats mit tödlichen Folgen, aber auch eine von Wiedergutmachung, von Hoffnung und nicht zuletzt von unerschütterlicher Liebe. Diese Kombination, eine spannende, vor ihrem historischen Hintergrund interessante Geschichte, die hervorragend beschriebenen Charaktere und der ungemein flüssige Schreibstil machen das Buch zu einem echten Pageturner.

Die Autorin versteht es meisterhaft, große Gefühle und Leidenschaften zu vermitteln, ohne kitschig zu werden, ihre Charaktere sind durchweg vielschichtig und durch ihre Handlungen und Emotionen zutiefst menschlich. Auch gibt es keine klare Unterscheidung von gut und böse, richtig oder falsch, die Menschen machen Fehler, handeln oft impulsiv, aus Egoismus, verletzter Eitelkeit, aber auch aus Liebe. Das beste Beispiel hierfür ist Inés, für mich sowohl tragende als auch tragische Figur. Sie bringt durch ihre Entscheidungen Dinge ins Rollen, sie polarisiert, sie hat für mich den zwiespältigsten Charakter und macht die deutlichste Entwicklung durch. Manchmal will man sie schütteln, dann wieder beschützend in den Arm nehmen, und mitunter rührt sie einen zu Tränen, wie überhaupt beim Lesen verschiedenste Emotionen freigesetzt werden. Neben ihr haben die anderen teilweise Mühe nicht zu verblassen, auch wenn sie durchaus ebenfalls intensive Persönlichkeiten haben. Inés' Wesen lässt viel Raum für Interpretationen und was-wäre-wenn-Fragen zu, ich für meinen Teil fand ihre Handlungen und Motive zwar oft sehr impulsiv, aber immer nachvollziehbar und ihr Versuch der Wiedergutmachung aller Ehren wert. Im Übrigen finde ich den Klapptentext ein wenig irreführend, denn nicht Liv recherchiert, sie wird vielmehr von ihrer Großmutter mitgerissen und erfährt eher auf Umwegen die ganze Wahrheit. Sie ist also eher passiv, während Inés aktiv agiert.

Fazit: Ein großartiges, ein emotionales Buch, dessen Geschichte einen nicht los lässt und nachhallt. Ein rundum gelungenes Gesamtpaket, das mich animiert hat, mir sofort weitere Bücher der für mich unbekannten Autorin zu besorgen. Auch wenn man die Zusammenhänge schon ein wenig ahnt, ist es einfach pures Lesevergnügen, und sehr gut fand ich auch die weitreichenden Bezüge zur Gegenwart. Für alle Fans des Familien-, Liebes- und geschichtlichen Romans, zum Abtauchen und Mitleben!

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Veröffentlicht am 01.10.2020

Dritter Fall für die Fallanalytiker Grall und Wyler

Rache, auf ewig
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Nach ihrer Suspendierung vom LKA haben Jan Grall und Rabea Wyler sich mit einer Agentur für Fallanalyse selbständig gemacht. Da weder die Agentur noch ihrer beider Leben so richtig rund laufen, nimmt Rabea ...

Nach ihrer Suspendierung vom LKA haben Jan Grall und Rabea Wyler sich mit einer Agentur für Fallanalyse selbständig gemacht. Da weder die Agentur noch ihrer beider Leben so richtig rund laufen, nimmt Rabea irgendwann einen DHL-Shop mit auf, damit Geld hereinkommt. Gerade als Jan wieder mit seiner Geliebten Anita, einer BKA-Beamtin, anbandelt, muss diese nach Sylt, wo die grausam zu Tode gekommene Leiche eines Großindustriellen gefunden wurde. Als Anita entführt und Jan vom BKA hinzugezogen wird, stecken Rabea und er plötzlich mitten in einem neuen Fall, der noch viele weitere Schrecken für die beiden bereithält und bei dem der Täter ihnen immer einen Schritt voraus ist...
Sehr spannender und auch sehr blutiger Thriller um die beiden Fallanalytiker Grall und Wyler, der kaum Zeit zum Durchatmen lässt. Der Prolog beginnt schon mit einem Paukenschlag und zeigt, wes Geistes Kind der Täter ist, auch wenn das Geschehen um Grall und Wyler anfangs eher gemächlich in Gang kommt und die beiden erst später in den Fall eingebunden werden. Natürlich erhält das Ganze eine sehr persönliche Note durch das emotionale Verhältnis Gralls zur Ermittlerin, aber auch und vor allem durch die hervorragenden Beschreibungen aus der Perspektive des Täters und seiner Motive. Der Autor versteht es sehr gut, tiefe Einblicke in die verschiedenen, teilweise sehr gestörten Psychen seiner Protagonisten zu geben und spart auch nicht an zahlreichen Details zu Folter-und Tötungsmethoden. Er erweckt einen Serienkiller zum Leben, der einem Angst einjagt. Seine Figuren sind dabei aber bei Weitem nicht einseitig oder simpel gestrickt, sondern vielschichtig konstruiert, und ihre Handlungen und Motive sehr gut nachvollziehbar.
Für mich war von allen Figuren Jan Grall der interessanteste Charakter. Durch seine Hypersensibilität kann er Vieles erspüren, was anderen verborgen bleibt, und er kann sich einfach unglaublich gut in andere Menschen und vor allem in Täter hineinversetzen. Mit seinen Vermutungen und Analysen liegt er immer richtig und er lässt nicht eher locker, bis er jedes Detail hervorgekramt und geprüft hat. Sein berufliches Fach finde ich per se schon spannend, seine Vorgehensweise jedoch ist, wenn auch oft unorthodox, geradezu unheimlich effektiv. Rabea fällt zunächst einmal durch unkontrollierte Aggressionen auf, sie ist schwer traumatisiert aus den vorgerigen Fällen hervorgegangen und in meinen Augen nicht mehr fähig, diesen Beruf auszuüben. Durch ihre Unbedachtheit kommen außerdem beide in Lebensgefahr, was freilich auch der Intelligenz des Täters geschuldet ist. Dennoch trägt auch sie mit Hartnäcktigkeit und Mut zur Lösung des Falles bei und ist durchaus eine Sympathieträgerin. Außerdem ist der Charakter des Täter sehr gut dargestellt, seine Motivation und seine akribische und methodische Vorbereitung zeugen von großer Intelligenz, was man fast schon bewundern muss. Die ganze Zeit über ist er den Ermittlern mehr als einen Schritt voraus, und es ist allein Jan Gralls analytischen Fähigkeiten geschuldet, dass es schließlich zum großen Showdown kommt, bei dem Täter, Opfer und Ermittler aufeinandertreffen.
Fazit: Sehr blutiger und spannender Thriller und dritter Fall für Grall und Wales, der nichts für Zartbesaitete ist. Die Geschichte verweist oft auf die vorherigen Fälle der beiden, diese spielen vor allem bei der traumatisierten Wyler eine große Rolle und erklären ihre Handlungen. Doch auch wenn man die Vorgängerbände nicht kennt, lässt sich diese Geschichte sehr gut herunterlesen, was vor allem an dem packenden Erzähstil und den Ermittlungsmethoden der Fallanalytiker liegt. Ein Pageteurner und für Thriller-Fans ein absolutes Muss!

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Veröffentlicht am 16.09.2020

Opulenter historischer Roman – die Geschichte des ehemaligen Sklavenmädchens Freya

Das Erbe der Päpstin
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Die vierzehnjährige Freya lebt als Sklavin zusammen mit Mutter und Schwester bei den Wikingern, als das Unglück über sie hereinbricht: In Notwehr und weil er ihre Mutter getötet hat, ersticht sie den Stammesfürsten ...

Die vierzehnjährige Freya lebt als Sklavin zusammen mit Mutter und Schwester bei den Wikingern, als das Unglück über sie hereinbricht: In Notwehr und weil er ihre Mutter getötet hat, ersticht sie den Stammesfürsten Björn. Da dies das sichere Todesurteil bedeutet, flieht sie zusammen mit ihrer Schwester Asta, als Junge verkleidet. Sie beschließt, ihren Großvater Gerold zu finden, von dem sie hofft, dass er in der Heimatstadt ihrer Mutter, dem friesischen Dorstadt, noch immer lebt. Auf verschlungenen Wegen, immer in Angst vor Verfolgern, gelangen sie tatsächlich nach Dorstadt, wo sie bei der gutmütigen Jutta unterkommen. Diese verrät Freya, als sie nach einem Überfall der Dänen im Sterben liegt, dass Gerold seinerzeit nach Rom aufgebrochen ist. Und so macht sich Freya mit ihrem Freund Kasimir auf nach Rom. Sie findet Gerold tatsächlich – er ist der Chef der päpstlichen Garde und der engste Vertraute des Papstes, der in Wirklichkeit eine Frau ist…

Ein schlichtweg großartiger, überwältigender Roman über eine junge Frau, die auf ihrem gefahrvollen Weg durch das frühmittelalterliche Europa guten wie schlechten Menschen begegnet, tiefe Freundschaft und alles verzehrenden Hass erfährt, die tötet und heilt, die klug und mutig allen Gefahren und ihrem Schicksal trotzt und dabei die Liebe findet. Dabei trifft Freya auch die Päpstin Johanna, wie sie selbst als Mann verkleidet, um dadurch Wissen zu erwerben und Wege zu gehen, die ihr als Frau verwehrt bleiben. Johanna inspiriert und fördert ihre Leidenschaft für Bücher und vor allem für medizinisches Wissen, das Freya klug und effizient zu nutzen weiß. Trotz aller Gemeinsamkeiten und Parallelen zu Johannas Lebensweg ist Freya doch eine sehr eigenständige Protagonistin, und die Autorin versteht es meisterhaft, aus ihr einen starken, vielfältigen Charakter zu formen, der alles für die Ihren tut, oft mit sich hadert und auch das eine oder andere Mal die falsche Entscheidung trifft. Darüber hinaus zeichnet sie mit bildhafter Sprache ein farbenprächtiges, sehr anschauliches und authentisch anmutendes Bild des frühen Mittelalters – einer Welt, in der Frauen per se dem Manne untertan sein und ihm gehorchen sollen – bestens verkörpert von Freya Schwester Asta. Freya als weibliche Sklavin steht da zunächst am untersten Ende der Skala. Wie sie sich herauskämpft, wie sie widrigen Umständen immer wieder entflieht und Ungerechtigkeiten einfach nicht hinnimmt, ist einfach wahnsinnig spannend und fesselnd.

Formal eingerahmt in einen Prolog und einen Epilog, die jeweils einen größeren Zeitsprung überbrücken, spielt sich die Geschichte ansonsten hauptsächlich während den Jahren 854 bis 867 ab. Aus verschiedenen Perspektiven, wobei Freya jedoch den größten Anteil hat, erzählt die Autorin von den Geschehnissen und beleuchtet nebenbei das politische Geschehen und die Machtverhältnisse jener Zeit. Für eine junge Frau kommt Freya bemerkenswert weit herum und trifft interessante Zeitgenossen. Sie gerät auch häufig in Lebensgefahr, und oft ist es Zufall und ihr Instinkt, der ihr und anderen das Leben retten. Dabei legt die Autorin nicht nur viel Wert auf realistische Beschreibungen der Lebensumstände der Menschen, was zum Beispiel medizinische Behandlungen, Geburten oder auch der Alltag in Dörfern und Städten und die Wikingerüberfälle angeht, sondern auch auf die Gestaltung der anderen Figuren, deren Persönlichkeiten hervorragend herausgearbeitet sind. Ich habe besonders mit Kasimir und auch einigen anderen mitgelebt und musste mich leidvoll von einigen verabschieden. Am meisten jedoch fiebert man mit den Hauptfiguren Freya und später dann auch Aristid mit, und der Fokus der Geschichte liegt dabei ganz klar auf ihr. In diesem Buch passiert einfach immer irgendetwas, lange Zeit der Besinnung ist Freya nicht beschieden, und mehrere überraschende Wendungen führen zu sehr unvorhergesehenen Ereignissen. Wie gut, dass alles doch ein versöhnliches Ende nimmt!

Fazit: ein hervorragend recherchierter, von der Päpstin Johanna inspirierter und inspirierender Roman über eine junge Frau in einer von Gewalt, aber auch von Wissensurst und Aufbruchstimmung geprägten Welt. Das Buch kommt im Übrigen sehr gut gebunden und mit einem sehr schönen Umschlag daher, kleiner Wermutstropfen waren einige Schwächen beim Lektorat – ohne diese wäre es perfekt gewesen. Das tut aber natürlich dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch, die Geschichte um Freya ist ein echter Pageturner und für alle Fans des opulenten historischen Romans schlichtweg ein Muss!

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Veröffentlicht am 31.08.2020

Komplexer Kriminalfall mit preußisch-bayrischem Ermittler

Der falsche Preuße
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München, Königreich Bayern, 1894: Seit einem Jahr ist Hauptmann Freiherr Wilhelm von Gryszinski, seines Zeichens Sonderermittler und Brigade-Kommandant des Königlich Bayrischen Gendameriekorps, nun schon ...

München, Königreich Bayern, 1894: Seit einem Jahr ist Hauptmann Freiherr Wilhelm von Gryszinski, seines Zeichens Sonderermittler und Brigade-Kommandant des Königlich Bayrischen Gendameriekorps, nun schon in München und muss sich dort vor allem mit den verschiedenen Möglichkeiten von Körperverletzungen mit dem Maßkrug herumschlagen. Seinen Tatortkoffer hat er bislang noch nicht zum Einsatz gebracht. Das ändert sich, als eine unbekannte Leiche in den Maximiliansanlagen an der Isar gefunden wird, mit zerschossenem Kopf und einem merkwürdigen Federumhang bekleidet. Zusammen mit seinem engagierten Team beginnt Gryszinski zu ermitteln und stößt bald auf den gebürtigen Preußen Lemke. Dieser ist wiederum auch für das Königreich Preußen von Interesse, und so findet sich Gryszinski unverhofft in der Doppelrolle als bayrischer Ermittler und preußischer Spion wieder…

Eine wunderbare, in herrlich schnörkeliger, antiquierter Sprache verfasste Geschichte und ein komplexer Fall! Obwohl der Schreibstil durchaus gehoben ist und sich aufgrund der teilweisen ungewöhnlichen Ausdrücke und Formulierungen nicht locker-flockig herunterlesen lässt, gewöhnt man sich schnell daran und taucht umso tiefer ein in einen ungewöhnlichen Fall mit faszinierenden Figuren und einem Ermittler, den es meines Erachtens so noch nicht gegeben hat. Die ganze Geschichte steckt voller merkwürdiger Dinge, Erfindungen und wundersamer Überraschungen, teilweise skurriler Charaktere und bemerkenswerter Innovationen. Der historische Hintergrund sowie die vielschichtig gezeichneten Figuren machen die Geschichte zu etwas sehr Besonderem, und die Autorin versteht es meisterhaft, diese Zeit aufleben zu lassen und Situationen, Menschen und Hintergründe authentisch und liebenswert darzustellen.
Mit dem Preußen in Bayern, Wilhelm von Gryszinski, prallen zwei Welten aufeinander, die sich in unterschiedlichen Szenen und Dialogen und nicht zuletzt in seiner Person manifestieren. Auf der einen Seite das Preußentum, geprägt von Zurückhaltung, Askese, Pünktlichkeit, Fleiß, militärischem Gehorsam und absoluter Loyalität, auf der anderen Seite die bayrische Gemütlichkeit, die Spezlwirtschaft, die Brauhausmentalität, das gute Essen. Niemand vereint all diese Eigenschaften besser als Hauptmann und Kommandant Gryszinski beziehungsweise weiß, wie sich das Beste aus beiden Welten herauszuholen lässt. Und dennoch gerät er mehrfach in Gewissenskonflikte, ist er doch sowohl in der Preußischen Tradition noch sehr verhaftet als auch der bayrischen Lebensart sehr zugeneigt. Er steht mehrfach vor der Entscheidung sich für eine Seite zu entscheiden, was ihm sichtlich schwerfällt. Zudem treibt ihn sein erster richtiger Mordfall mächtig um, anfangs wirkt er mitunter leicht überfordert, dann jedoch siegt sein (preußischer?) Stolz und Gerechtigkeitssinn, und trotz der bayrisch-preußischen Zwickmühle, in der er steckt, will er den Mord unbedingt aufklären. Sein Konflikt wird verstärkt durch den Hauptverdächtigen Eduard Lemke, ebenfalls von Geburt her Preuße, aber von sehr zweifelhafter Herkunft und zwielichtigem Charakter, und dem Auftrag des preußischen Gesandten, Lemke des Landesverrats zu überführen, was seiner Ansicht nach über dem eigentlichen Mordfall steht. Je tiefer Gryszinski in Lemkes skurrile Welt eindringt, umso mehr verschärft sich seine Zwickmühle. Bei der Aufklärung stehen ihm zum Glück seine eifrigen Mitarbeiter, der herrliche Urbayer Voglmaier mit seinen Spezln und Eberle mit seiner schwäbischen Verbissenheit zu Seite. Auch Amtsarzt Dr. Meyerlein trägt mit seinen Erfindungen und geradezu modernen Methoden sehr zu den Ermittlungen bei. Gryszinski scheut sich auch nicht, seine Haushälterin sowie seine beiden preußischen Freunde einzubinden und wird im Laufe des Falles mutiger und pfiffiger, verzichtet sogar zugunsten wichtiger Befragungen auf sein geliebtes deftiges Essen, reist in die eher ungeliebte Heimatstadt Berlin und erwehrt sich mehrerer Anschläge auf sein eigenes Leben. Man fiebert so sehr mit ihm mit, dass man eigene Überlegungen zum Fall fast vergisst.

Fazit: Herrlicher, gut konstruierter Kriminalfall aus dem alten München des 19. Jahrhunderts, mit liebenswerten Charakteren und einem Ermittler, der seines Gleichen sucht. Wer ist denn nun der „falsche Preuße“? Lemke, Gryszinski oder jemand ganz anderes? Dies ließ sich für mich nicht final klären, weist aber auf die beiden Welten hin, in denen sich die Hauptfiguren in dieser Geschichte bewegen. Die bildhaften Beschreibungen von historischem Umfeld und der Ermittlungsmethoden machen deutlich, in welch einer aufgeklärten Zeit der Innovationen Gryszinski ermittelt, wobei er zwischen Tradition und Moderne hin und her pendelt und doch nie seine Menschlichkeit und Empathie verliert. Ich wünsche mir, bald mehr von ihm zu lesen und kann es kaum erwarten, die lieb gewonnen Figuren wieder zu treffen!

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Veröffentlicht am 24.08.2020

Hochemotionaler dritter Fall für Helle Jespers

Helle und der falsche Prophet
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Kriminalkommissarin Helle Jespers kann selbst im Urlaub im milden Südfrankreich nicht richtig abschalten. Als sie der Anruf ihres Kollegen erreicht, der eine Tote meldet, ist sie beinahe froh, dass etwas ...

Kriminalkommissarin Helle Jespers kann selbst im Urlaub im milden Südfrankreich nicht richtig abschalten. Als sie der Anruf ihres Kollegen erreicht, der eine Tote meldet, ist sie beinahe froh, dass etwas passiert, doch dann ist sie mehr als geschockt, denn die Tote ist Merle, eine alte Schulfreundin ihres Sohnes Leif. Angeblich hat sie Selbstmord begangen. Daran glaubt Helle keine Sekunde und startet deshalb zu ihren berüchtigten Alleingängen. Wo ist Merles Handy, und was hat sie mit einem jungen Pärchen in einem nicht gemeldeten, roten Pickup zu tun? Helles Vorgesetzte pfeifen sie zurück, doch dann wird in Kopenhagen in einer Jugendherberge ein junger Mann tot aufgefunden, und wieder ist das Pärchen involviert…

Dritter Fall für die eigenwillige Kommissarin Helle Jespers aus dem abgelegenen norddänischen Städtchen Skagen. Auch wenn man die Vorgänger-Bände der Kommissarin nicht kennt, kommt man sehr gut in die Geschichte hinein, was vor allem am sehr eingängigen und unprätentiösen Schreibstil der Autorin und ihrer hervorragenden Beschreibung der Charaktere liegt. Die Geschichte lebt meines Erachtens vor allem von der extrem menschlichen und sympathischen Hauptfigur und den generell sehr tiefgründig gezeichneten anderen Figuren. Es gibt eine zwar eine recht klare gut-böse-Aufteilung, dennoch sind die Persönlichkeiten der Figuren vielschichtig und die Autorin versteht es sehr gut, Emotionen zu beschreiben und den Leser diese miterleben zu lassen. Der Fall selbst ist nicht besonders komplex, Helle kommt oft durch Geistesblitze auf die Hintergründe und geht dann diesen nach. Sie hat einfach ein herausragendes Gespür für Menschen und handelt oft intuitiv. Es geht weniger darum, der schrittweisen Aufdeckung, sprich den Ermittlungen der Polizei, zu folgen, oder um ein Psychoduell als vielmehr darum, eine emotionale Verbundenheit mit den Protagonisten herzustellen. Der Leser gewinnt durch die verschiedenen Perspektiven der Leser tiefe Einblicke ins Geschehen und in die Gefühlswelt der Protagonisten und weiß immer mehr als die Kommissarin. Dennoch wird eine gewisse Spannungskurve gehalten, man fiebert vor allem mit den Figuren mit, die persönlich betroffen sind.

Formal ist die Geschichte in drei Teile eingeteilt, die die Geschichte ziemlich genau in drei gleiche Teile gliedert, deren Übergänge wichtige, für den Fortgang der Handlung einschneidende Ereignisse markieren. Die drei Hauptperspektiven Helle/Polizei, das Pärchen beziehungsweise Nick und Jemi sowie der Polizist Willem sind jede für sich spannend und der Leser weiß dadurch immer mehr als die Kommissarin, was ebenfalls einen Teil der Spannung ausmacht. Sehr gut sind die Zerrissenheit und die Zweifel der Personen dargestellt, die Grundstimmung ist zwar nicht düster, aber dennoch spürt man oftmals die Verzweiflung und den Kampf, den die Protagonisten ausfechten. Mir hat hier besonders Polizist Willem gefallen, der das Bindeglied zwischen beiden Welten darstellt und sich als äußerst mutig erweist. Bei ihm war man sich manchmal nicht sicher, wie er sich entscheiden wird, und es war spannend zu beobachten wie er sich behauptet. Mitunter hätte ich mir bei einigen anderen Figuren wie beispielswiese Jemi oder Hiob noch tiefere Einblicke gewünscht. Einiges an Motivationen und Hintergründen bleibt offen, und so bietet der Schluss zwar eine gute Auflösung, die Entwicklung der Figuren hätte aber meines Erachtens umfassender sein können.

Fazit: Gelungener dritter Band um die supersympathische Kommissarin mit den oftmals eigenwilligen Methoden. Für Fans natürlich ein Muss, doch auch Einsteiger können die Geschichte gut lesen. Wer einen komplexen Kriminalfall mit ausgeklügelten Ermittlungsmethoden erwartet, wird eher enttäuscht sein. Wer jedoch emotionale Verstrickungen und lebendige Charaktere mag, wird diesen Band verschlingen.

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