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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.09.2020

Ein witziges und spannendes Buch

HAUSER - IMMER FESTE DRUFF!
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Die Story handelt von Hauser, einem leicht vertrottelt wirkenden Detektiv, der aber mit allen Wassern gewaschen ist. Außer wenn es um sein Äußeres- er läuft herum wie ein Papagei aus den 80igern - und ...

Die Story handelt von Hauser, einem leicht vertrottelt wirkenden Detektiv, der aber mit allen Wassern gewaschen ist. Außer wenn es um sein Äußeres- er läuft herum wie ein Papagei aus den 80igern - und das weibliche Geschlecht geht. Da wandelt er auf verlorenen Pfaden.
Hauser muss wahnsinnig viel improvisieren, um das Buch zu überleben. Denn er muss nicht nur einen Fall lösen, sondern etwa deren fünf. Aus reinem Überlebenswille verknüpft er alles miteinander, so dass er seinen Kopf am Ende gerade noch einmal aus der Schlinge ziehen kann. Er hat ja nicht irgendwelche Kontrahenten gegen sich aufgebracht, sondern alle relevanten Gangsterbosse der Frankfurter Unterwelt samt ihren schwer bewaffneten Gorillas. Jedenfalls überlebt Hauser überraschenderweise diese gefährliche Achterbahnfahrt mehr oder weniger unbeschadet. Mehr sei hier nicht verraten.
Das Buch ist wirklich witzig geschrieben, und die Geschichte wird gekonnt aufgerollt. Das ist nicht selbstverständlich bei dieser verworrenen Story. Trotz des ganzen Klamauks und den überzeichneten Figuren bleibt die Lektüre bis am Schluss spannend. Die 320 Seiten lesen sich durchwegs leicht und flüssig, und ich musste während der Lektüre oft schmunzeln. Es handelt sich ja auch um eine Krimikomödie. Wer dieses Genre mag, dem sei das Buch sehr empfohlen.

Fazit:
Ein gelungenes und witziges Buch, das auch eine gute Portion Spannung bereithält, gekonnt erzählt. Lesen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 09.09.2020

Ein außerordentliches und ergreifendes Buch

Was Nina wusste
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Dem israelische Schriftsteller David Grossman ist ein großartiges Buch gelungen. Der Leser begleitet primär drei Frauen aus der gleichen Familie bei der Entstehung eines Dokumentarfilms über ihre drei ...

Dem israelische Schriftsteller David Grossman ist ein großartiges Buch gelungen. Der Leser begleitet primär drei Frauen aus der gleichen Familie bei der Entstehung eines Dokumentarfilms über ihre drei ineinander verschlungene Lebensgeschichten. Es handelt sich bei den Frauen um die neunzigjährige Vera, ihre Tochter Nina und ihre Enkelin Gili. Vera wurde von Nina - als diese sechs Jahre alt war - getrennt und in das berüchtigte Umerziehungslager auf Goli otok während Titos Diktatur im ehemaligen Jugoslawien verschleppt. Dort wird sie schwer misshandelt. Die Trennung von der Tochter Nina und die Lagererlebnisse haben einschneidende Auswirkungen auf die drei Frauen. Sie hadern mit ihrem Schicksal und versuchen sich von dem Familientrauma zu lösen. Allen drei ist auf unterschiedlich verworrene Art bewusst, dass - wenn überhaupt- sie nur zusammen einen Ausweg aus diesem Schlamassel finden können.
Soweit der Stoff, aus dem die Geschichte gewoben ist. Das Besondere an diesem Buch ist, wie Grossman das nun umsetzt. Gili, die Dokumentarfilmerin ist, versucht über sich und die Familie eine Dokumentation zu drehen, in der die Vergangenheit noch einmal von den Protagonistinnen zusammen aufgerollt werden soll. Ziel ist für Gili primär, zu verstehen, warum sie so verkorkst ist, wie sie eben ist. Und warum sie Angst davor hat, ein eigenes Kind zu bekommen. Grossman zieht nun alle Register, um die Geschichte zu erzählen, bricht Erzählebenen, fügt diese wieder neu zusammen, arbeitet mit Rückblenden, Berichten, Filmaufnahmen, Träumen, Interviews, Notizen von Gili und vielen Gesprächen. Er schafft es sogar, ein Roadmovie in den Roman einzufügen. Und trotzdem verliert man als Leserin nie den Überblick (außer vielleicht zu Beginn des Buches, da muss man sich in diesem Erzählstil zuerst etwas zurechtfinden). Dem Autor gelingt es durch diese Vorgehensweise, die tragische Familiengeschichte packend und sehr anschaulich zusammenzufügen. Die Menschen hinter der Story und die Beziehungen zwischen den Akteuren werden dabei sehr plastisch und lebendig, so dass man als Leserin auf einmal mitten drin ist in den Geschehnissen. Trotzdem das Buch extrem konstruiert daherkommt, gelingt es Grossman zu 98 Prozent, die Leserinnen in seinen Bann zu schlagen. Man kann das Buch ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr auf die Seite legen, da es so einen starken Sog erzeugt.
Fazit: Lesen und sich nicht von dem etwas komplizierten Anfang des Buches abschrecken lassen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2020

Eine packende Geschichte - aber es fehlt etwas

Manhattan Beach
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Der knapp 500 Seiten lange Roman spielt hauptsächlich im New York der 30er und ersten Hälfte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. In der Great Depression versucht Eddie als Botengänger für irische ...

Der knapp 500 Seiten lange Roman spielt hauptsächlich im New York der 30er und ersten Hälfte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. In der Great Depression versucht Eddie als Botengänger für irische Gangstergangs seine Familie über Wasser zu halten. Dabei begleitet ihn seine kleine Tochter Anna tagtäglich in der rauen Gegend rund um die Bronx und Hells Kitchen. Ein inniges und vertrautes Verhältnis entsteht zwischen Vater und Tochter, das aber mit dem Abtauchen des Vaters in immer tiefere Gefilde des organisierten Verbrechens und dem Heranwachsen der Tochter langsam zerbricht, was am Ende zur völligen gegenseitigen Entfremdung führt. Ihre Wege trennen sich, der Vater verschwindet noch vor dem Krieg, die Familie zerbricht. Der Krieg beginnt. Nichts ist mehr wie zuvor. Anna muss sehr schnell erwachsen werden, um sich in einer von Männern beherrschten Welt zu behaupten. Das gelingt ihr unter großen Anstrengungen und Opfern. Sie kann ihren Traum verwirklichen und Taucherin in der Marinewerft werden. Soweit der Hauptstrang des Erzählung, der aber damit noch lange nicht zu Ende ist und einige Überraschungen für den Leser*in bereithält. Hinzu kommen die Lebensgeschichten vom innerlich zerrissenen Dexter Styles, dem berüchtigt-berühmten Nachtclubbesitzer, und dessen Familie, von Nell, die sich von einem Sugar Daddy aushalten lässt und vielen anderen. Mehr sei hier nicht verraten, aber alle diese Erzählsträngebwerden werden miteinander zu einer packende Geschichte verwoben.

Und trotzdem hat mich das Buch nicht ganz überzeugt. Gut recherchierten Milieustudien stehen etwas einfachen, mehrheitlich starr wirkenden Figuren gegenüber. Die Tiefe und Genauigkeit bei den Beschreibungen der Handlungsorte und Beschäftigungen der Protagonisten können nicht davon ablenken, dass die Menschen etwas Holzschnittartiges haben. Das Innenleben der Figuren in den teilweise sehr schwierigen Lebenssituationen bleibt zu fragmentarisch, so dass die Frauen und Männer zu wenig lebendig und als Personen nicht überzeugend wirken. Schade! Denn das Buch ist extrem interessant, wenn es zum Beispiel um die ehemalige Marinewerft in NYC geht und im speziellen um das Tauchen im East River. Aber auch das irische und italienische Gangster- und Nachtclubmilieu sowie das Leben der einfachen Leute in New York werden einem sehr anschaulich und lebendig geschildert. Dabei habe ich vieles über die Stadt erfahren, das ich so nicht wusste. Und da ich ehrlich gesagt ein großer New York-Fan bin, habe ich das Buch trotz der genannten Schwächen sehr gern gelesen. Es ist flüssig geschrieben und übersetzt. Und klar, die Story ist an sich sehr gut. Fazit: Für Leute, die von New Yorks fasziniert sind und auch etwas hinter die Glitzerfassaden der Geschichte dieser unglaublichen Stadt sehen wollen.

  • Cover
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Veröffentlicht am 20.08.2020

Keine leichte Kost, aber sehr lesenswert

Sie kam aus Mariupol
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In diesem Buch rekonstruiert die Autorin das Leben ihrer Mutter, die sich 1956 das Leben nimmt. Es ist die erschütternde Geschichte einer Frau, die in den Wirren der russischen Revolution im ukrainischen ...

In diesem Buch rekonstruiert die Autorin das Leben ihrer Mutter, die sich 1956 das Leben nimmt. Es ist die erschütternde Geschichte einer Frau, die in den Wirren der russischen Revolution im ukrainischen Mariupol 1920 als zweites Kind einer ehemals wohlhabenden, aber unterdessen enteigneten Familie zur Welt kommt. Die totale Verarmung und Entwurzelung der Familie ist bereits im vollen Gang. Gewalt, Krieg und Hunger gehören von Anfang an zum Alltag des kleinen Mädchens. In dieser Welt gibt es keine Sicherheit und Geborgenheit. Über all die Jahre bis zur der deutschen Besatzung der Ukraine und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gibt es für die junge Frau nur wenige Momente der Ruhe und Sicherheit. Mit der Besatzung folgt der Naziapparat auf die Gefahr der stalinistischen Diktatur. Die Deportation nach Deutschland in die Arbeitslager beginnt. Der schreckliche Alltag der als Untermenschen behandelten Ukrainer in den Lagern und Fabriken wird an Hand des Beispiels dieser Frau geschildert. Das Ende des Krieges und die Geburt der ersten Tochter - der Autorin - verbessern die Lebenssituation nur geringfügig. Während das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder langsam Fahrt aufnimmt, zerbricht die Frau und Familie vollends an ihrem Schicksal als Kriegsflüchtlinge.
Soweit eine kurze Zusammenfassung des Buches, welches ein wirklich zutiefst verstörendes Schicksal einer völlig unschuldigen Frau in den Wirren des 20. Jahrhunderts rekonstruiert. Es ist wichtig, dass gegen das Vergessen angeschrieben, gerade auch wenn man sich die aktuellen Flüchtlingsströme ins Gedächtnis ruft. Das alleine macht noch kein gutes Buch aus, aber wie diese Geschichte erzählt und einem die Menschen hinter den Schicksalen näher gebracht werden umso mehr. Natascha Wodin gibt dem Schrecken ein Gesicht, indem sie sich langsam an das Leben ihrer Mutter herantastet. Es handelt sich nicht um einen klassischer Roman, sondern - vor allem in den ersten Teilen des Buches - um die Beschreibung der dokumentarische Rekonstruktion eines vergessenen Lebens, welches exemplarisch für viele Menschen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stehen kann. Als Leser wird man langsam an diese Frau in ihrer Zeit herangeführt. Und ohne dass man es richtig merkt, wird aus dem Dokumentarischen ein sehr emotional aufgeladener Roman, der einen fesselt und nicht mehr loslässt. Ziemlich schonungslos wird dem Leser auf eine sehr geschickte und gelungene Art eine Geschichte näher gebracht, die man so gar nicht erzählen kann, weil sie so schrecklich und abstossend ist. Ich finde es wichtig, dass es solche Bücher gibt, die die Geschichte hinter den kalten Fakten dieser Zeit auf eine zugängliche Art aufarbeiten ohne zu beschönigen. Dieses Buch macht genau das. Ein ausserordentliches Schriftstück. Sicher keine leichte Kost, aber sehr lesenswert. Fazit: LESEN!

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Veröffentlicht am 10.08.2020

Vier Frauenschicksale im bayrischen Nachkriegsdeutschland

Die Wunderfrauen
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Die locker erzählte, aber teilweise nicht minder tragische Geschichte über vier Frauenschicksale ist hauptsächlich Mitte der 1950er-Jahren in der bayrischen Kleinstadt Starnberg angesiedelt. Da sind Marie, ...

Die locker erzählte, aber teilweise nicht minder tragische Geschichte über vier Frauenschicksale ist hauptsächlich Mitte der 1950er-Jahren in der bayrischen Kleinstadt Starnberg angesiedelt. Da sind Marie, die Heimatvertriebene aus Schlesien; Luise, die einen Dorfladen gründet; Helga, die sich von Ihren reichen Eltern lossagt, um Krankenschwester zu werden und schließlich Annabel, die unglückliche Ehefrau eines reichen Arztes. Jede dieser Frauen ist bereits in jungen Jahren vom Schicksal hart geprüft worden. Langsam erschließt sich im sehr angenehm zu lesenden Roman die reichhaltigen Lebensgeschichten dieser Frauen. Trotz des Elends der Kriegszeiten und der Diktatur sind sie innerlich nicht gebrochen und bauen sich jede auf ihre Art ein neues Leben auf. Das ist sehr anschaulich und lebensnah beschrieben, so dass die Geschichte überzeugt und nicht aufgesetzt wirkt. Auch die Nebenfiguren sind durchwegs lebendig gezeichnet. Einzig an ein paar Stellen fand ich, dass gewisse für den Fortgang der Geschichte relevante Entwicklungen etwas zu konstruiert wirkten. Leider habe ich mir die beim Lesen nicht notiert und kann sie deshalb auch hier nicht zitieren.

Was anfangs so leicht daherkommt, hat bei genauerer Betrachtung mehr Tiefgang als man zuerst denkt. Der Roman spielt 1953/1954. der Krieg ist zwar schon einige Zeit vorbei, aber die Nazizeit ist immer noch in den Köpfen der Leute. Schlimme Erinnerungen für die Einen, verpasste Chancen für die Anderen. Eine nach wie vor innerlich durch Krieg, Nazitum, Elend und Armut tief zerrissene Gesellschaft im Aufbruch, in der sich die vier jungen Frauen behaupten müssen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Vier Frauen, die einerseits durch ihre Herkunft und Jugend sehr unterschiedlich sind, aber etwas gemeinsam haben: Sie wollen Leben, sich selbst sein und ausbrechen aus der ihnen von der Vergangenheit und von kaputten Männern aufgedrängten Welt. Und die vier Frauen haben noch etwas gemeinsam: Trotz allem haben sie den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren. Für mich lebt das Buch von dieser innere positive Kraft der vier Protagonistinnen im Spannungsfeld zu all den schrecklichen Vorkommnissen in der Vergangenheit aller Personen, die im Roman vorkommen. Es ist nicht nur eine gut lesbare Sommerlektüre, sondern ein sehr guter Roman, der diese Zeit aus dem Blickwinkeln von Frauen schildert, ohne dabei groß philosophisch zu werden. Ich bin gespannt auf den zweiten Teil.

Vier Frauen, vier Schicksale, vier Erzählstränge, die plausibel über die etwas mehr als 450 Seiten miteinander verwoben werden. Ohne großen philosophischen Firlefanz ist der Autorin ein feministisches Buch gelungen, das diese Zeit und den Aufbruch in eine neue Zeit in Deutschland anschaulich aus Frauensicht schildert. So ein Buch habe ich bis jetzt noch nicht in den Händen gehalten und auch vermisst.

LESEN!

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