Platzhalter für Profilbild

Monsieur

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Monsieur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Monsieur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.09.2025

Der Wahrheit nicht länger ausweichen

Die Ausweichschule
0

Wohl jeder Schriftsteller kennt jenes seltsame, manchmal quälende Phänomen: Eine Geschichte, die tief im eigenen Inneren ruht – womöglich eng verknüpft mit persönlichen Erfahrungen –, bleibt lange ungesagt. ...

Wohl jeder Schriftsteller kennt jenes seltsame, manchmal quälende Phänomen: Eine Geschichte, die tief im eigenen Inneren ruht – womöglich eng verknüpft mit persönlichen Erfahrungen –, bleibt lange ungesagt. Sie liegt verborgen, schweigt über Jahre hinweg, bis sie sich langsam, fast unmerklich, nach außen drängt. Irgendwann aber ist der Augenblick gekommen, in dem sie geschrieben werden muss. Selten jedoch ist der Kern einer solchen Geschichte so erschütternd wie bei Kaleb Erdmann, der in seinem jüngsten Werk „Die Ausweichschule“, das vom Verlag als Roman bezeichnet wird, auf den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zurückblickt. Als Elfjähriger war er damals Augenzeuge. Nun, mehr als zwei Jahrzehnte später, wagt er es, dieses Trauma in literarische Form zu bringen.
Zunächst könnte man annehmen, es handle sich um ein klassisches Projekt der Verarbeitung: Ein Autor versucht, ein einschneidendes Erlebnis durch Schreiben zu bewältigen. Doch gleich zu Beginn wird klar, dass Erdmann weit mehr beabsichtigt. Er findet eine ungewöhnliche Form, die Erlebnisse, ihre Folgen und die eigenen Reflexionen in einen Text zu verwandeln, der sich jeglicher einfachen Zuordnung entzieht. Das Buch wirkt wie eine Meta-Erzählung, beinahe wie ein Making-of zum eigenen Roman. Auslöser ist ein Dramaturg, der Erdmann für Recherchen zu einem Theaterstück zum Thema Amoklauf kontaktiert und damit alte Wunden aufreißt. Plötzlich sieht sich der Autor gezwungen, sich erneut mit einem Teil seiner Kindheit auseinanderzusetzen, der lange im Verborgenen schlummerte.
Erdmann war Teil des Geschehens, hat den maskierten Täter gesehen, die Panik gespürt und die Nachwirkungen – Medienberichte, Therapien, Gespräche – hautnah erlebt. Zugleich hat er jedoch keine unmittelbare Gewalt oder Tote mit eigenen Augen gesehen. Diese ambivalente Position wirft für ihn selbst die Frage auf, ob er überhaupt als glaubwürdiger Chronist gelten kann. Gerade diese Unschärfe führt jedoch zu einer literarischen Form, die sich von einem bloßen Augenzeugenbericht deutlich unterscheidet. Das Buch ist weder bloße Dokumentation noch reine Recherche, es ist kein Sachbuch, und es ist doch all das zugleich – erweitert um den Blick des Suchenden, Zweifelnden, Reflektierenden.
So entsteht ein Text, der seine Kraft gerade aus dieser Vielschichtigkeit bezieht. Erdmann lädt seine Leser ein, Teil eines Denkprozesses zu werden. Statt eine klare Chronologie der Ereignisse zu liefern, öffnet er den Raum für Fragen, Unsicherheiten, Widersprüche. Erinnerungen erweisen sich nicht als unverrückbare Fakten, sondern als fragile Konstrukte, die sich im Nachhinein verschieben können. Erdmann beschreibt, wie er während des Schreibens immer wieder an den Punkt gelangt, vermeintlich gesicherte Erinnerungen in Frage zu stellen. Was lange als wahr galt, wirkt plötzlich brüchig. Neue Deutungen entstehen, frühere Ansichten erscheinen absurd oder zumindest fragwürdig.
Gerade diese Offenheit macht den Roman so eindrucksvoll. Ein hochbrisantes Thema – ein Schulmassaker – wird hier nicht nur von außen beschrieben, sondern von innen her ausgeleuchtet. Unterschiedliche Perspektiven werden miteinander verflochten, ohne dass am Ende ein endgültiges Resümee gezogen würde. Vielmehr zeigt sich: Der Weg der Auseinandersetzung ist selbst das Ziel. Erdmanns Versuch, mit dem eigenen Trauma ins Reine zu kommen, berührt mindestens so sehr wie seine Schilderungen des Tages selbst.
Eine besondere Stärke des Romans liegt darin, dass er auch die vermeintlichen Nebensächlichkeiten ernst nimmt. Kleine Irritationen, offene Fragen, unklare Erinnerungen – alles, was in offiziellen Berichten oder Therapiegesprächen kaum Platz findet –, werden hier zu zentralen Elementen. So erinnert er sich etwa an eine Schulsituation nach der Tat: die Frage, wer den Pinguin-Test korrigieren würde, den die Klasse kurz vor dem Amoklauf bei der später ermordeten Lehrerin geschrieben hatte. Für ein Kind mag dies banal erscheinen, doch in Wahrheit zeigt sich darin der tiefe Bruch, der Verlust von Normalität und die Unfähigkeit, das Geschehen in vertraute Abläufe einzuordnen. Gerade diese Details verleihen dem Text seine Authentizität und bringen dem Leser die menschliche Seite einer Katastrophe nahe, die sonst oft nur in nüchternen Zahlen oder reißerischen Schlagzeilen erscheint.
Besonders eindrucksvoll ist die Metapher der „Ausweichschule“: Jene Einrichtung, in die die Kinder nach der Tat gebracht wurden, um so etwas wie Normalität zurückzugewinnen, wird für Erdmann zum Sinnbild einer viel größeren Suche. Sie steht für den Versuch, einen Weg zurück ins Leben zu finden – einen Weg, der oft zu früh als abgeschlossen galt, obwohl er es nie wirklich war.
Auch für Leser, die den Amoklauf nur aus den Nachrichten kennen oder vielleicht noch zu jung waren, um ihn bewusst mitzuerleben, öffnet das Buch neue Perspektiven. Man erfährt von inneren Bewegungen, die in keiner Berichterstattung, keiner Fachliteratur und kaum in Therapien vorkommen würden. Diese unscheinbaren Momente, die nie Schlagzeilen machen, sind es, die den Roman so einzigartig und eindringlich machen.
„Die Ausweichschule“ ist damit weit mehr als eine autobiografische Spurensuche. Es ist ein literarisches Experiment, das die Grenzen zwischen Dokumentation, Fiktion und Reflexion verschwimmen lässt. In seiner schonungslosen Ehrlichkeit, in seiner Bereitschaft, auch Widersprüche auszuhalten, schafft Erdmann ein Werk, das lange nachhallt. Ein starkes, verstörendes und zugleich erhellendes Buch, das zeigt, wie Literatur selbst das Unaussprechliche in Sprache fassen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.09.2025

Vom Aufwachsen im digitalen Zeitalter

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
0

Fiona Sironics Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ wagt sich an Themen, die nicht nur aktuell, sondern hochbrisant sind. Im Zentrum steht die 15-jährige Era, die ...

Fiona Sironics Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ wagt sich an Themen, die nicht nur aktuell, sondern hochbrisant sind. Im Zentrum steht die 15-jährige Era, die als Erzählerin und Beobachterin zugleich eine Brücke schlägt zwischen Natur und digitaler Welt, zwischen persönlicher Identität und gesellschaftlicher Überforderung. Bereits zu Beginn deutet sich an, dass dieser Text nicht nach gewohnten literarischen Mustern verläuft, sondern eine ungewöhnliche Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Gesellschaftskritik und Zukunftsentwurf darstellt.
Era wächst in einer kleinen Hütte am Waldrand auf, abgeschirmt von der Außenwelt. Ihre Mutter und ihre Tante ziehen sie groß, wobei vor allem die Mutter den Rückzug ins Abseits als Schutzraum begreift. Diese Ausgangssituation verleiht dem Roman eine abgeschottete Grundatmosphäre, die sich in Eras Wahrnehmung und auch im Sprachstil niederschlägt. Gleichzeitig beschäftigt sich das Mädchen mit dem Aussterben von Vogelarten, das sie dokumentiert – ein Hinweis darauf, dass ökologische Krisen hier eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die Gefahren der digitalen Welt.
Über das Internet stößt Era auf eine Gruppe von Mädchen, die sich im Wald treffen und dort Dinge sprengen – von Festplatten bis zu elektronischen Relikten einer Vergangenheit, die längst zur Last geworden ist. Obwohl die Jugendlichen ihre Gesichter verhüllen, erkennt Era die Lichtung im eigenen Wald und sogar eines der Mädchen: Maja. Diese war früher unfreiwillig im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, da ihre Mütter als „Momfluencerinnen“ das Aufwachsen ihrer Tochter im Netz ausstellte. Nun kämpft Maja damit, die Spuren dieser aufgezwungenen Öffentlichkeit loszuwerden, indem sie ihre frühere digitale Identität buchstäblich in die Luft jagt.
Durch ihre vorsichtige Annäherung an die Clique findet Era nicht nur Anschluss, sondern auch ihre erste große Liebe – eben zu Maja. Doch die Welt, in der sich diese beiden Figuren bewegen, ist keineswegs stabil. Sie ist geprägt von ökologischen Katastrophen, von gesellschaftlichen Spannungen und einer zunehmenden Entfremdung zwischen analogem Leben und virtueller Dauerpräsenz. Ein Waldbrand von verheerendem Ausmaß bringt das ohnehin fragile Gefüge endgültig ins Wanken.
Die Stärke des Romans liegt in seiner Grundidee: Sironic verbindet digitale Themen, Fragen von Identität und Öffentlichkeit, sowie ökologische Bedrohungen zu einem Gesamtbild, das in eine nahe Zukunft verlegt ist. Dadurch treten Fehlentwicklungen, die in der Gegenwart bereits sichtbar sind, noch deutlicher hervor. Bemerkenswert ist, dass die Autorin konsequent aus der Perspektive einer Jugendlichen erzählt. Era ist in diese Welt hineingeboren, kennt sie nicht anders, und erlebt viele Dinge zum ersten Mal. Ihr Blick ist fragmentarisch, oft naiv und unpräzise.
Dieser gewählte Erzählton prägt das gesamte Buch: Die Sprache wirkt wie lose aneinandergereihte Gedankenfetzen, Grammatik und Satzbau erscheinen teilweise absichtlich brüchig. Die Leser sollen dadurch ganz in Eras Gedankenwelt eintauchen, was einerseits die Unmittelbarkeit der Figur stärkt, andererseits aber die Lektüre erheblich erschwert. Nicht alle werden sich mit diesem Stil anfreunden können – für manche wirkt er originell, für andere schlicht nervenaufreibend.
Auch die Erzählstruktur selbst folgt keiner geradlinigen Linie. Zwar gibt es einen roten Faden, doch immer wieder wird er durch absurde, unerwartete Ereignisse unterbrochen. Die Figuren wirken eigensinnig, manchmal widersprüchlich, und gerade die Mädchen changieren zwischen Trotz, Frustration und einer Art grundsätzlicher Wut. Diese „Weltwut“ scheint aus der Erfahrung heraus geboren zu sein, dass die digitale Welt, die einst Verheißung und Verlockung versprach, letztlich zur Quelle tiefer Enttäuschung geworden ist.
Besonders interessant ist der Perspektivwechsel, den Sironic vornimmt: Nicht die Jugendlichen sind hier die treibenden Kräfte einer enthemmten Selbstentblößung im Netz. Sie sind vielmehr Opfer – ähnlich wie frühere Generationen Opfer des Umweltmissbrauchs durch ihre Eltern wurden. Damit positioniert der Roman die Teenager als Leidtragende, nicht als Täterinnen einer voyeuristischen Kultur.
So spannend dieses Konzept auch klingt, die Umsetzung überzeugt nur teilweise. Der jugendlich-naive Tonfall kann je nach Lesart als klug gewählte Perspektive oder als ermüdend empfunden werden. Zudem verliert die Handlung nach dem zunächst faszinierenden Aufbau an Kraft. Spätestens ab dem Waldbrand wirkt die Geschichte zerfahren, die Spannung weicht einem oft beliebigen Ablauf von Szenen. Auch die Zukunftswelt, die Sironic entwirft, schwankt zwischen düsterer Übertreibung und überambitionierter Symbolik. Schließlich fällt auf, dass die Autorin offenbar den Wunsch hatte, eine nahezu männerfreie Welt zu gestalten. Das wirkt einerseits provokant und bricht mit Konventionen, andererseits schränkt es die Vielschichtigkeit des Romans ein. Statt neue Perspektiven zu eröffnen, entsteht mitunter der Eindruck einer gewollten und unnötigen Einseitigkeit.
Insgesamt ist „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ ein Werk, das vieles wagt: Es ist provokant, überdreht, gelegentlich anklagend und manchmal moralisch zeigend. Doch bei aller Originalität bleibt die Umsetzung zu fragmentarisch, um das volle Potenzial auszuschöpfen. Sironics Roman ist mehr Experiment als vollendetes Werk – und gerade deshalb spannend, aber auch frustrierend zugleich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.09.2025

Sterben oder leben

Haus zur Sonne
0

Thomas Melle hat sich längst mit seinen stark autobiografisch geprägten Büchern in der deutschsprachigen Literaturlandschaft etabliert. Mit „Haus zur Sonne“ erreicht dieses Schaffen nun einen neuen Höhepunkt, ...

Thomas Melle hat sich längst mit seinen stark autobiografisch geprägten Büchern in der deutschsprachigen Literaturlandschaft etabliert. Mit „Haus zur Sonne“ erreicht dieses Schaffen nun einen neuen Höhepunkt, in dem persönliche Erfahrungen und fiktionale Elemente zu einer intensiven Darstellung psychischer Erkrankung, insbesondere der Depression, verschmelzen.
Im Zentrum steht eine staatlich finanzierte Klinik, die Menschen, die an Depressionen und einer tiefen Todessehnsucht leiden, einen kontrollierten Ausstieg aus dem Leben ermöglicht. Dieser geschieht nicht abrupt, sondern auf einem Weg, der durch Halluzinationen begleitet wird. In diesen Visionen erfüllt sich den Patientinnen und Patienten eine Art letzte Wunschwelt, die ihnen eine scheinbare Alternative zur unerträglichen Realität eröffnet. Melle verknüpft diesen Rahmen mit den eigenen inneren Abgründen, die er seit Jahren literarisch bearbeitet.
Von Beginn an werden die Leser in eine Atmosphäre gezogen, die von Schwere und Düsternis geprägt ist. Das Grau, das den Erzähler umgibt, spiegelt sein letztes Kapitel im Ringen mit der manischen Depression wider. Schon früh entfaltet sich eine Sogwirkung: Die plastische Schilderung des inneren Chaos, der schmerzhaften Gedanken und der quälenden Isolation wirkt beklemmend, beinahe erdrückend. Melle gelingt es, den schmerzhaften Prozess des Krankseins nicht nur zu beschreiben, sondern fühlbar zu machen. Dabei wird deutlich, dass die Depression längst nicht mehr nur ein innerer Kampf ist, sondern auch in der äußeren Welt Spuren hinterlässt – sei es durch Entfremdung, den Verlust sozialer Nähe oder den Abbau intellektueller Fähigkeiten.
Präzise und schonungslos offen entfaltet Melle in diesem Roman sein Innenleben. Trotz der Nähe zum Autobiografischen bleibt der Text auf einer universellen Ebene lesbar. Die persönliche Erfahrung wird zu einem Sinnbild für ein weit verbreitetes Lebensgefühl, das sich in unserer Zeit verstärkt zeigt: ein Weltschmerz, der nicht individuell bleibt, sondern auch gesellschaftliche Relevanz besitzt.
So sehr die Geschichte von Hoffnungslosigkeit getragen wird, so blitzen dennoch immer wieder Momente des Lichts auf. Besonders im letzten Teil öffnet sich der Roman einer Haltung, die dem Leben neu begegnet – vorsichtig, tastend, aber spürbar positiv. „Haus zur Sonne“ ist somit nicht ausschließlich ein Buch über Verzweiflung, sondern auch eines über die Möglichkeit, trotz allem weiterzugehen.
Vergleichbare Werke gibt es viele, doch selten gelingt eine solche Verbindung aus Offenheit, Reflexion, literarischem Anspruch und menschlicher Tiefe. Melle bleibt nah bei sich, erweitert aber den autobiografischen Blick zu einer Darstellung, die über das Persönliche hinausweist. Damit gelingt es ihm, die Auseinandersetzung mit Depression auf eine künstlerische Ebene zu heben, die sowohl berührt als auch reflektieren lässt.
Die Parallelen zu Thomas Manns „Der Zauberberg“ sind unverkennbar – sowohl in der abgeschlossenen Welt der Klinik als auch in der Darstellung der Unfähigkeit, im „normalen“ Leben zu bestehen. Wo Heinz Strunk 2024 mit seinem Versuch einer modernen und bereichernden Neufassung des Klassikers scheiterte, überzeugt Melle gerade durch die Abwesenheit von Imitation. „Haus zur Sonne“ sucht nicht nach Effekten, sondern wagt einen radikalen, ehrlichen Zugang zu einem schweren Thema, der mit den Anforderungen unserer modernen Gesellschaft harmonisiert.
Der Roman ist knapp genug gehalten, um nicht ins Überbordende zu geraten, aber dicht genug, um die Wucht der Gefühle zu transportieren. Glaubwürdigkeit und literarische Qualität gehen hier Hand in Hand. Für Betroffene kann das Buch Orientierung bieten, für die Literatur ist es ein ernstzunehmender Beitrag, der nachdrücklich in Erinnerung bleibt. Für mich zählt „Haus zur Sonne“ in jedem Fall zu den stärksten Kandidaten für den Deutschen Buchpreis.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.09.2025

Kampf mit Wachs und Blumen

Wachs
0

Christine Wunnicke greift in ihrem neuen Roman „Wachs“ auf eine wahre historische Grundlage zurück und erzählt die bemerkenswerte Geschichte zweier Frauen, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts gegen ...

Christine Wunnicke greift in ihrem neuen Roman „Wachs“ auf eine wahre historische Grundlage zurück und erzählt die bemerkenswerte Geschichte zweier Frauen, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche Konventionen und Widerstände ihren eigenen Weg gehen. Im Zentrum stehen Marie Biheron und Madeleine Basseporte – zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch durch ihre Leidenschaft, ihren Eigensinn und schließlich auch durch eine Liebesbeziehung miteinander verbunden sind.
Der Roman eröffnet mit einer eindrucksvollen Szene: Die noch kindliche Marie, die ihre wahre Identität zunächst verschleiert, bittet Soldaten um eine Leiche. Ihr Wunsch: die Anatomie zu studieren, anstatt sich in das ihr zugedachte Rollenbild als Mädchen und spätere Ehefrau einzufügen. Weder der Offizier noch ihre Mutter können ihre Leidenschaft verstehen, doch Marie hält unbeirrt an ihrem Ziel fest. Über die Jahre perfektioniert sie ihr ungewöhnliches Talent – das Modellieren menschlicher Anatomie in Wachs. Diese Arbeit verschafft ihr nicht nur Anerkennung, sondern wird zu ihrer Lebensaufgabe.
Madeleine Basseporte hingegen bewegt sich in einer anderen Welt, wenn auch ähnlich unerschrocken. Ihre Hingabe gilt der Botanik. Gegen alle Erwartungen und gesellschaftlichen Schranken macht sie das Zeichnen und Erforschen von Pflanzen zu ihrem Beruf. Ihre Studien sind nicht nur Ausdruck künstlerischer Neigung, sondern auch stiller Widerstand in einer Gesellschaft, die Frauen festgeschriebene Rollen zuweist. Die Begegnung zwischen ihr und Marie markiert den Beginn einer besonderen Verbindung, die in Zuneigung und Liebe mündet. Während die Französische Revolution tobt und Köpfe buchstäblich rollen, verfolgen die beiden unbeirrt ihre persönlichen und beruflichen Ziele – scheinbar in einer eigenen, von den äußeren Ereignissen abgeschlossenen Sphäre.
Wunnicke entwirft damit keinen klassischen Revolutionsroman mit großen politischen Figuren oder dramatischen Schicksalswendungen. Vielmehr zeigt sie eine leise, beinahe schwebende Erzählung über zwei Frauen, die sich durch ihre individuelle Beharrlichkeit und ihre Leidenschaft selbst behaupten. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt die Besonderheit: Der Fokus bleibt stets auf den kleinen, persönlichen Kämpfen, die am Ende nicht weniger bedeutend erscheinen als die großen historischen Umwälzungen.
Sprachlich setzt die Autorin auf eine leichte, gut zugängliche Erzählweise. Stilistisch wie inhaltlich bleibt das Werk bewusst schlicht, fast bescheiden. Der Roman lebt in erster Linie von den beiden außergewöhnlichen Protagonistinnen und dem historischen Hintergrund. Als literarische Konstruktion wirkt „Wachs“ zwar stimmig, erreicht jedoch kaum mehr als ein solides, kurzweiliges Niveau. Tiefere sprachliche Raffinesse oder größere erzählerische Komplexität darf man nicht erwarten.
Dennoch überzeugt das Buch als angenehme Lektüre für zwischendurch. Trotz des ernsten historischen Kontexts gelingt es Wunnicke, mit Leichtigkeit zu erzählen und den Lesern hier und da sogar ein Schmunzeln zu entlocken. „Wachs“ ist damit weniger ein gewichtiger Revolutionsroman als vielmehr ein Plädoyer für Selbstbestimmung – und für die Kraft kleiner, persönlicher Träume.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.09.2025

Konstruktion von Erzählebenen

Die Holländerinnen
0

Kurz aber dennoch von bemerkenswerter Tiefe präsentiert sich Dorothee Elmigers neuer Roman „Die Holländerinnen“. Was sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche und zugleich äußerst präzise durchdachte ...

Kurz aber dennoch von bemerkenswerter Tiefe präsentiert sich Dorothee Elmigers neuer Roman „Die Holländerinnen“. Was sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche und zugleich äußerst präzise durchdachte Konstruktion des Textes. Die eigentliche Handlung wird nicht in klassischer Erzählform vermittelt, sondern erscheint den Lesern als Bericht. Eine namenlose Schriftstellerin, deren beruflicher Erfolg angedeutet wird, trägt im Rahmen eines Vortrags die Aufzeichnungen einer Reise in einen südamerikanischen Urwald vor. Auslöser für diese Expedition war die Bitte eines bekannten Theatermachers, ihr bei der Erarbeitung eines Kriminalfalls behilflich zu sein: Zwei Holländerinnen sind in dieser abgeschiedenen Gegend spurlos verschwunden. Es geht dabei jedoch nicht nur um die bloße Nachahmung einer realen Recherche für ein Schauspiel, sondern vielmehr um den Versuch, Kunst in ihrer ganzen Tiefe und Vielschichtigkeit greifbar zu machen.
Die Erzählerin begibt sich jedoch nicht allein in die Wildnis. Begleitet wird sie von einer Gruppe weiterer Reisender, die ebenfalls Teil des Projekts werden. Während das ursprüngliche Ziel – die Rekonstruktion des Verschwindens – zunächst den Anstoß liefert, tritt es im Verlauf zunehmend in den Hintergrund. Denn die Mitreisenden beginnen, ihre eigenen Lebensgeschichten preiszugeben. Schlag auf Schlag eröffnen sich neue Erzählungen, die sich übereinanderlegen und die Schriftstellerin nicht nur tiefer in den Dschungel führen, sondern zugleich in die unauflösbaren Verwicklungen menschlicher Existenz. Abgründe, Geheimnisse und Widersprüche tun sich auf, die weit über die äußere Reise hinausweisen.
Die literarische Raffinesse Elmigers zeigt sich vor allem in der vielschichtigen Konstruktion des Romans. Da der Text ausschließlich aus dem Bericht der Schriftstellerin besteht, wird alles in indirekter, vermittelter Rede erzählt. Diese Form wirkt zunächst ungewohnt und mitunter sperrig, entfaltet jedoch nach einer kurzen Eingewöhnung ihren eigenen Reiz. Die Distanz, die dadurch entsteht, ist kein Mangel, sondern ein bewusst eingesetztes Stilmittel: Sie schafft eine Sprachfärbung, die dem Werk seine besondere Note verleiht.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Roman nahezu ohne klassische Hauptfigur auskommt. Zwar fungiert die Schriftstellerin als berichtende Instanz, doch sie selbst tritt kaum als handelnde Figur auf. Stattdessen übernehmen die Erzählungen der Begleiter die Führung. Eine Geschichte geht in die nächste über, Figuren aus einer vorangegangenen Episode beginnen selbst wieder zu erzählen. Auf diese Weise entsteht ein „Bericht im Bericht“, der das Werk zu einem literarischen Geflecht aus mehreren Erzählebenen macht. Elmiger jongliert gekonnt mit diesen Überlagerungen, sodass die Vielzahl der Stimmen und Episoden nicht zerfasert, sondern in eine komplexe, aber stringente Gesamtarchitektur mündet.
Gerade durch diese Bauweise entfaltet „Die Holländerinnen“ eine neuartige Komplexität, die Elmiger bis zum Ende souverän durchhält. Die vielen kleinen Anekdoten und Episoden verdichten sich nicht nur zu einem Gesamtbild, sondern beginnen dieses am Ende beinahe zu sprengen: Das Erzählte läuft über, wird mehr als die Summe seiner Teile. Der Kriminalfall um die verschwundenen Holländerinnen, der an einen True-Crime-Stoff erinnert, bleibt dabei eher Kulisse. Er dient als Bühne, auf der unterschiedliche Formen von Existenz, Realität und Fiktion zusammentreffen – teils realistisch, teils surreal.
Insgesamt ist „Die Holländerinnen“ ein Roman, der vor allem durch seine Erzählweise fasziniert. Das Ineinandergreifen von Einzelgeschichten und die Verknüpfung zu einem großen Ganzen eröffnen eine neue Perspektive auf Literatur. Nicht jede Episode ist gleich stark, manche Themen wie Kapitalismus oder Kolonialismus werden eher angerissen als vertieft. Dennoch überzeugt die Ausführung durch Präzision und Geschlossenheit. Es ist kein gefälliger Roman, den man leicht „liebgewinnt“, sondern ein Experiment, das herausfordert – und gerade deshalb zur näheren Beschäftigung einlädt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere