Nähe und Distanz
ëRomane, die das Leben von Geflüchteten oder Migranten in Deutschland literarisch verarbeiten, haben sich längst als fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarktes etabliert. Sie erzählen von der ...
Romane, die das Leben von Geflüchteten oder Migranten in Deutschland literarisch verarbeiten, haben sich längst als fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarktes etabliert. Sie erzählen von der Suche nach einer neuen Heimat, während die alte Herkunft und Geschichte weiterhin präsent bleibt. Auch 2025 wird dieser Trend mit neuen Stimmen fortgeführt. Unter den aktuellen Veröffentlichungen hat es Jehona Kicaj mit ihrem Roman „ë“ sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Kicaj selbst kam als Kind mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland, und diese Erfahrung bildet den Kern ihres literarischen Debüts.
Auf vergleichsweise engem Raum schildert sie ihre Ankunft, die ersten Schritte der Eingliederung und vor allem den mühsamen Zugang zur deutschen Sprache. Anfangs noch mit hörbarem Akzent gesprochen – besonders das rollende „r“ bleibt ein Hindernis – wird Deutsch nach und nach zur eigentlichen Muttersprache, während das Albanische immer fremder erscheint. Kicaj zeigt, wie Sprache Identität verschieben und Zugehörigkeit verändern kann. Zugleich beschreibt sie das Leben ihrer Familie in der neuen Umgebung, das geprägt ist von Anpassungsversuchen, aber auch von Missverständnissen, Rückschlägen und der Erfahrung offener wie subtiler Fremdenfeindlichkeit.
Doch so sehr „ë“ von Migrationserfahrungen handelt, so auffällig ist auch die Distanz, die der Roman zum eigentlichen Ursprungsgeschehen wahrt. Kicaj hat den Kosovo-Krieg nicht unmittelbar miterlebt. Sie kennt ihn lediglich durch Erzählungen von Angehörigen oder durch mediale Berichterstattung. Diese Entfernung, die für viele vergleichbare Bücher untypisch ist, macht „ë“ zwar eigen, zugleich aber auch angreifbar. Der Roman bleibt häufig an der Oberfläche, wiederholt bekannte Muster des Genres und bietet nur selten Perspektiven, die Leser ohne persönlichen Bezug zum Kosovo überraschen oder bereichern könnten.
Gerade im Vergleich zu anderen Werken wirkt Kicajs Buch dadurch schwach. Es mangelt an prägnanten Details, die neue Einsichten eröffnen, und an erzählerischem Raffinement. Statt einer klaren Dramaturgie reiht die Autorin Erinnerungen, Eindrücke und Gedanken lose aneinander. Der Text springt durch Zeiten und Themen, ohne dass daraus eine zwingende Entwicklung entsteht. Ein Beispiel ist die ausgedehnte Episode über eine Zahnbehandlung. Anfangs sorgt sie für Irritation, doch sobald klar wird, dass es sich um ein Symbol handelt, breitet Kicaj die metaphorische Bedeutung derart ausführlich aus, dass der Leserschaft keine eigene Deutung mehr bleibt.
So bleibt am Ende der Eindruck, dass nicht jede persönliche Erinnerung automatisch literarische Kraft entfaltet. „ë“ wirkt trotz autobiografischer Grundlage eher wie ein Konstrukt, das Distanz wahrt, statt emotionale Nähe aufzubauen. Das Buch ist kurz, detailarm und berührt nur bedingt. Für Leser mit eigenen Migrationserfahrungen oder mit direktem Bezug zum Kosovo mag es ansprechend sein. Für ein breiteres Publikum aber reiht es sich eher unscheinbar zwischen zahlreichen anderen Migrationsromanen ein und vermag kaum, eine nachhaltige Wirkung zu hinterlassen.