Profilbild von Naraya

Naraya

Lesejury Profi
offline

Naraya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Naraya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.06.2020

Gute Idee, schlechte Umsetzung

Das Buch der gelöschten Wörter - Zwischen den Seiten
5

Kaum hat Hope Turner sich ein wenig in ihrem neuen Leben eingewöhnt, überschlagen sich schon die Ereignisse. Der mysteriöse Anführer der Absorbierer, Quan Surt, bedroht nicht nur die Buchwelt, sondern ...

Kaum hat Hope Turner sich ein wenig in ihrem neuen Leben eingewöhnt, überschlagen sich schon die Ereignisse. Der mysteriöse Anführer der Absorbierer, Quan Surt, bedroht nicht nur die Buchwelt, sondern auch die reale Welt mit Terroranschlägen. Während Rufus sich auf die Suche nach dem Schurken macht, kümmert sich Hope um den Gesundheitszustand ihrer Mutter und stolpert unwillkürlich von einer Katastrophe in die nächste. Wer ist es, der die Buchwelt und damit auch Hope und ihre Freunde verraten hat? Und wird es unseren Helden gelingen, Quan Surts Identität zu lüften und ihn aufzuhalten?

Band zwei der Reihe setzt genau nach dem Ende des ersten an. Das Erzähltempo ist in diesem Band erfreulicherweise etwas höher, dennoch krankt die Handlung weiterhin an den verschiedensten Stellen. Die Basis des Romans, die unterschiedlichen Welten, die Möglichkeit, in Bücher zu reisen - das bleibt alles interessant. Leider kann nur die Umsetzung nicht halten, was Cover und blumige Werbetexte versprechen. Wo also beginnen? Vielleicht mit der 42-jährigen Protagonistin Hope? Die stolpert auf der einen Seite wie ein Kind durch ihr eigenes Leben und in die obligatorische Dreicksgeschichte, zeigt an anderer Stelle dann aber Genialität, wo niemand bisher eine Lösung finden konnte. Oder bei den ständigen retardierenden und verschleiernden Momenten in der Geschichte, die Spannung erzeugen sollen, aber irgendwann nur noch nerven? Einige Beispiele: Kryptische Aussagen werden von den Charakteren nie hinterfragt, Gespräche unterbrochen, sobald etwas Wichtiges verraten werden könnte und eine allwissende Glaskugel zeigt aufgrund absurder Regeln ausgerechnet das nicht, was die Hope unbedingt sehen müsste. Im Gegensatz dazu wird sie immer an der richtigen Stelle innerhalb von Minuten gerettet, wenn sie sich mal wieder selbst in Schwierigkeiten gebracht hat.

Wie schön könnten Ausflüge in die Buchwelt sein, wären sie nicht nur blasse Kulisse oder Vorwand für einen slapstickhaften Gag. Und so springt Hope von "Bambi" zu "Anne of Green Gables", von "Anna Karenina" zum "Zauberer von Oz" und nicht eine dieser Welten behält den Zauber des Originals. Es will der Autorin einfach nicht gelingen, Tiefe zu erzeugen und die Charaktere so zu gestalten, dass sie glaubhaft und liebenswürdig sind. Hope ist für ihr Alter viel zu kindisch, Rufus brummige Art war schon im ersten Band nicht mehr anziehend und die restlichen Figuren dürfen nacheinander in die Rolle des potenziellen Verräters schlüpfen. Leider weiß ich inzwischen nicht mehr, ob mich diese Auflösung überhaupt noch interessiert, vielleicht wäre die Geschichte besser auf einen etwas längeren Band zusammengekürzt worden. Schade, sehr schade....

  • Cover
  • Handlung
  • Fantasie
  • Erzähltstil
  • Figuren
Veröffentlicht am 11.06.2020

Schöne Mischung aus Kalender und Ratgeber

Friederikefox: Mein Pflanzen-Journal
0

Eigentlich ist sie als @friederikefox auf Instagram unterwegs und bloggt dort über Themen wie Interior, Lifestyle und Pflanzen. Nun widmet Julia Ruda einer dieser Leidenschaften ein ganzes Journal, welches ...

Eigentlich ist sie als @friederikefox auf Instagram unterwegs und bloggt dort über Themen wie Interior, Lifestyle und Pflanzen. Nun widmet Julia Ruda einer dieser Leidenschaften ein ganzes Journal, welches mit ästhetischen Fotos und zauberhaften Illustrationen von Kim Hoss überzeugt.

Das Buch ist dabei eine Mischung aus Jahreskalender und Ratgeber zur richtigen Pflege von Zimmerpflanzen. Zu Beginn jedes Anschnitts gibt es eine Monatsübersicht, dann folgen 5 Wochenübersichten. Da diese frei beschriftbar sind, quasi wie ein Bulletjournal, kann jederzeit im Jahr gestartet werden - super praktisch! Die Monatsübersichten bietet außerdem noch Platz für To Do's, Ziele und zwei frei wählbare Tracker. Eines Jahresüberischt darf natürlich auch nicht fehlen.

Zwischen den Kalenderseiten finden sich nun die unterschiedlichsten Pflanzenthemen: Informationen zu Schädlingen oder Krankheiten und deren Behandlung, Vorschläge für pflegeleichte Pflanzen und deren richtigen Standort, Bastelanleitungen, Tipps zum richtigen Gießverhalten und insekten- sowie haustierfreundliche Pflanzen - das sind nur einige Beispiele, die angesprochen werden. Für Anfänger werden hier defintiv alle Basics geliefert, die zur Pflanzenpflege notwendig sind.

Was das Buch noch persönlicher macht, sind Einblicke in Julia Rudas Wohnung. Ihr Stil ist wirklich ansprechend und macht definitv Lust darauf, sich selbst mit noch mehr Pflanzen zu umgeben. Sicherlich werde ich die ein oder andere Inspiration aus diesem schönen Buch mitnehmen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.06.2020

Für die Enttabuisierung der Menstruation

Periode ist politisch
0

Eigentlich wollte Franka Frei nur ihre Bachelorarbeit verfassen. Doch als sich zunehmend Professoren und auch Professorinnen weigerten, das Thema Menstruation zu genehmigen und zu begleiten und sie außerdem ...

Eigentlich wollte Franka Frei nur ihre Bachelorarbeit verfassen. Doch als sich zunehmend Professoren und auch Professorinnen weigerten, das Thema Menstruation zu genehmigen und zu begleiten und sie außerdem darauf hinwiesen, es habe keinerlei aktuelle Relevanz, begann die Autorin nachzuforschen. Aus einer rein wissenschaftlichen Recherche wurde ein weit größeres Anliegen, aus der Studentin Franka Frei eine Aktivistin für das Thema Menstruation - eine Tätigkeit, die sie rund um den Globus zu vielen spannenden Frauen schicken sollte. Von diesen Erlebnissen berichtet sie nun in "Periode ist politisch", nimmt sich aber auch wissenswerten Fakten und Zahlen an. Ihr Schreibstil ist zuweilen sehr flapsig, das erleichtert aber den Zugang zu einer Materie, die mit unglaublich vielen Tabus und Vorurteilen belegt ist.

Das Thema Menstruation betrifft etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Dennoch wird dazu kaum geforscht und wenig darüber gesprochen. Frauen verbergen ihre Monatsblutung so gut es geht, schmuggeln Binden und Tampons heimlich auf die Toilette im Büro oder Restaurant. Auch die Werbung für Periodenartikel suggeriert Dinge, die nicht der Wahrheit entsprechen. Menstruationsblut wird als klare bläuliche Flüssigkeit dargestellt und die gezeigten vornehmlich jungen hübschen Frauen sprühen während ihrer Periode geradzu vor Energie, um Reiten, Wandern oder Tennis spielen zu gehen. Die Realität sieht da ganz anders aus. Viele Frauen leiden an (teilweise undiagnostizierten) Leiden wie Zysten oder Endometriose. Ihre Periode ist so schmerzhaft, dass sie sich nur mit Mühe zur Arbeit schleppen können. An Freizeitaktivitäten ist nicht zu denken. Zusätzlich müssen sie noch neunmalkluge Bemerkungen über sich ergehen lassen: "Die Periode ist doch keine Krankheit!" oder "Ach, bist Du heute wieder schwierig, Du hast wohl Deine Tage" - mal ehrlich, welche Frau hat das noch nicht gehört? Dabei sind die Ausprägungen von Frau zu Frau unterschiedlich und, wie Franka Frei richtig bemerkt, es menstruieren nicht nur Frauen; eine Feststellung, die sie durch Verwendung des Gendersternchens im gesamten Text noch unterstreicht.

Auch der Blick in andere Länder darf in diesem Buch nicht fehlen. So trifft die Autorin Frauen aus Indien, Pakistan oder Bangladesh, die es sich zum Ziel gesetzt haben, mit dem Tabu der Menstruation aufzuräumen. Während für deutsche Frauen die Periode zwar lästig und schmerzhaft sein kann, bedeutet sie in anderswo auf der Welt den Verlust der Arbeitskraft und damit des dringend benötigten Einkommens. Oft gilt die Frau während ihrer Tage als unrein und darf entsprechend nicht mit anderen in Berührung kommen. Dies führt sogar dazu, dass Mädchen ab der ersten Blutung häufig nicht mehr zur Schule gehen können, weil Periodenartikel zu teuer für die Familie sind. Zudem müssen sie für die Dauer ihrer Menstruation isoliert von ihrer Familie im Freien oder extra dafür gebauten Menstuationshütten verbringen. Was es für diese jungen Mädchen bedeutet, ohne den Schutz ihrer Familie ständig Angst vor Vergewaltigungen haben zu müssen und welche Chancen ihnen ohne Schulbildung bleiben, das kann man sich gut ausrechnen. Ein Thema ohne aktuelle Relevanz? Wohl kaum.

Doch Franka Frei leistet in ihrem Buch noch mehr. Sie nimmt Trumps Wahlkampf ebenso unter die Lupe wie die verschiedensten historischen Theorien zum Wesen der Frau. Sie räumt mit Mythen rund um das Thema auf und erklärt noch einmal die biologischen Grundlagen. Ein wichtiges und spannendes Buch über einen ganz natürlichen Vorgang, dem wir alle unsere Existenz verdanken und der daher dringend enttabuisiert werden muss. Denn Periode, das beweist die Autorin, ist mehr als nur eklig und unbequem, sie ist politisch.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.05.2020

Ein wichtiges Buch

Unsichtbare Frauen
0

"Für die beharrlichen Frauen - bleibt verdammt noch mal schwierig!" Mit dieser Widmung beginnt Caroline Criado-Perez ihr Sachbuch. "Schwierig", das ist vermutlich noch eines der netteren Worte, das sich ...

"Für die beharrlichen Frauen - bleibt verdammt noch mal schwierig!" Mit dieser Widmung beginnt Caroline Criado-Perez ihr Sachbuch. "Schwierig", das ist vermutlich noch eines der netteren Worte, das sich sicherlich jede Frau schon einmal anhören durfte, die es wagte, in den heutigen Zeiten darauf hinzuweisen, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bei Weitem nicht so fortgeschritten ist, wie wir uns gerne einbilden. Mit "Unsichtbare Frauen" gibt sie nun die entsprechende faktische Munition für solche Diskussionen an die Hand. Das Buch befasst sich mit der so genannten Gender Data Gap; diese drückt aus, dass eigentlich alle Bereiche unseres Lebens daran orientiert sind, was für den Durchschnittsmann am besten funktioniert. Die Frauen, aber auch Männer, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen (1,85m, 75kg) kommen dabei oft zu kurz.

Bereits die Einleitung des Buches macht abwechselnd erstaunt, erschrocken und wütend und verspricht keine einfache Lektüre. Anhand zahlreicher, durch Fakten belegte Beispiele und wissenschaftlicher Studien zeigt die Autorin auf, wie systematisch bei der Planung und Durchführung in verschiedensten Gebieten stets der Mann als Standard angenommen wird. Dabei unterstellt sie keinen bösen Willen, sondern erklärt anschaulich, was es bedeutet, Frauen in diese Gleichung nicht mit einzubeziehen. Dabei behandelt sie die unterschiedlichsten Themen: Autobau und Medizin, Politik und alltägliches Berufsleben, unbezahlte Care-Arbeit (Kinderbetreuung und häusliche Pflege) und Produktdesign. Um ehrlich zu sein: Das Ausmaß ist erschreckend.

Es beginnt bei "Kleinigkeiten" wie dem Pianobau, der mit der Konzeption für die durchschnittliche männliche Handspanne dazu führt, dass genau diese deutlich häufiger zu Starpianisten werden als Frauen oder Männer mit einer kleineren Handspannen. Extrem bedenklich wird es auf dem Fachgebiet der Medizin, in dem Frauen oft nicht einmal Teil wissenschaftlicher Studien sind. Zu marginal seien die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, das falle nicht ins Gewicht - so werden sogar Medizinerinnen zitiert. Das führt am Ende dazu, dass es deutlich mehr Studien zu Viagra und erektiler Dysfunktion gibt, als zu Menstruation oder Geburt. Vor allem in letzterem Fall führt dies oft zur Gefährdung, und in Entwicklungs- und Schwellenländern sogar zum Tod der Frauen im Kindbett. In diesem Kontext ist dann auch nicht weiter verwunderlich, was über die Konstruktion von Flüchtlingslagern berichtet wird. Diese fördern durch ihren Aufbau und ihre Gestaltung weltweit die sexualisierte Gewalt an Frauen.

Caroline Criado-Perez liefert hier ein wichtiges Sachbuch, das sich nicht nur Frauen zu Gemüte führen sollten. Durch die vielen Fakten, Zahlen und Studien ist es jedoch nicht immer gefällig zu lesen - möglicherweise hätte hier eine andere Aufteilung oder das Einfügen von Diagrammen die Lektüre etwas erleichtert. Auch mit der Lösung des Problems bleibt die Autorin vage, wenn auch durchaus logisch: Die Sichtbarkeit der Frauen muss in allen Bereichen des Lebens erhöht werden. Nur da, wo Frauen in Entscheidungen eingebunden sind, haben sie letztendlich auch die Macht, die Gender Data Gap zu verkleinern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.05.2020

Lange Einleitung zu Band zwei

Das Buch der gelöschten Wörter - Der erste Federstrich
4

​Was geschieht wohl mit all den Wörtern, die wir im Laufe unseres Lebens löschen? Dieser Frage geht Mary E. Garner in ihrer Reihe "Das Buch der gelöschten Wörter" nach. Protagonistin ist dabei die Londonerin ...

​Was geschieht wohl mit all den Wörtern, die wir im Laufe unseres Lebens löschen? Dieser Frage geht Mary E. Garner in ihrer Reihe "Das Buch der gelöschten Wörter" nach. Protagonistin ist dabei die Londonerin Hope Turner. In ihrem Job für eine Partnervermittlung verhilft sie einsamen Herzen zu einem Happy End - sie selbst ist nun jedoch schon seit einigen Jahren Single. Eines Tages rettet sie sich vor dem Regen in eine Buchhandlung, in der sie einen seltsam vertrauten Duft wahrnimmt und in der ein mysteriöser Mann quasi vor ihren Augen verschwindet. Dann lernt sie auch noch Rufus Walker kennen, der ihr Unglaubliches offenbart: Die Buchhandlung ist ein Portal in die Welt der Bücher, in der sowohl Menschen als auch Romanfiguren miteinander leben. Und Hope selbst hat eine wichtige Fähigkeit, die das Überleben dieser Welt sichern kann.

Die Idee des Romans klingt zunächst großartig, wenn auch nicht ganz neu. Eine Welt, in der all unsere liebsten Charaktere zum Leben erwachen, welche Leseratte wünscht sich das nicht? Und so ist Hope auch ganz aufgeregt, als sie zum ersten Mal in die Welt von Jane Austen reist. Nach und nach lernt sie immer mehr Figuren kennen und entwickelt sogar eine Freundschaft zu Guinevere aus der Artussage, die sich hier ganz modern Gwen nennt und von ihrem Lancelot die Nase voll hat. Aber auch Lassie und die Grinsekatze, Pinocchio und Gepetto, Robin Hood und König Löwenherz und viele andere sind mit von der Partie. Leider gelingt es der Autorin nicht, dieses eigentlich tolle Konzept richtig umzusetzen. Die Charaktere sind oft nur Schatten ihrer selbst, Persiflagen auf Kosten eines schnellen Lachers oder ohne jegliche Kontur. Nur Gwen, die sich nach einem Ausbrucht aus ihrer Rolle sehnt oder Anna Karenina, die ihre eigenen Ziele verfolgt, bilden hier eine Ausnahme.

Zunächst war ich auch angenehm überrascht, dass mit Hope einmal eine Frau jenseits der dreißig im Fokus steht. Leider verliert diese sich bald in kindischen Schwärmereien für den mysteriösen Unbekannten, einem sentimentalen Aufeinandertreffen mit ihrem Ex-Freund sowie in Streitereien mit Mentor Rufus. Der entspricht in seiner Darstellung als immer grummeliger, bärtiger, höchst geheimnisvoller Mann jedem Klischee. Hinter all diesen Nebenschauplätzen tritt der eigentliche Kern der Geschichte immer mehr zurück. Zudem liest sich der gesamte Band wie das, was er eigentlich auch ist: eine lange Einleitung zu Band zwei. Denn gerade, als es richtig spannend wird und die Handlung endlich Fahrt aufgenommen hat, ist das Buch auch schon zu Ende. Übrig bleibt ein fieser Cliffhanger, der natürlich zum Weiterlesen verführen soll. Seltsamerweise schafft die Autorin trotz aller Kritikpunkte genau das: Ich will weiterlesen, meine eigenen wilden Theorien überprüfen und mehr über diese verlockende Welt erfahren. Und das ist doch auch etwas wert, oder?

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Fantasie