Profilbild von Naraya

Naraya

Lesejury Star
offline

Naraya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Naraya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.04.2023

Eine gefundene Familie

Das dritte Licht
0

Irland in den 80er Jahren. An einem Sonntagmorgen wird ein junges Mädchen zu entfernten Verwandten gebracht. Ihre Mutter steht kurz vor der Geburt, weitere Geschwister warten zuhause. Die kinderlosen Kinsellas ...

Irland in den 80er Jahren. An einem Sonntagmorgen wird ein junges Mädchen zu entfernten Verwandten gebracht. Ihre Mutter steht kurz vor der Geburt, weitere Geschwister warten zuhause. Die kinderlosen Kinsellas sollen die Kleine bei sich behalten, „so lange sie wollen“ und sie bei der Arbeit auf dem Hof einsetzen. Zunächst bleibt das Mädchen schüchtern und zurückhaltend; sie weiß nicht, was sie von diesen neuen Menschen zu erwarten hat. Doch dann erlebt sie so glückliche und unbeschwerte Tage wie noch nie zuvor – aber auch diese Familie hat ein trauriges Geheimnis.

„Das dritte Licht“ ist eine Erzählung (oder ein kurzer Roman) der Irin Claire Keegan. Ursprünglich im Jahr 2013 auf Deutsch erschienen, handelt es sich hier um eine von der Autorin überarbeitete Neuausgabe, übersetzt wurden beide Versionen von Hans-Christian Oeser. Die Geschichte wird von der namenlosen Protagonistin in der Ich-Perspektive und der Gegenwartsform erzählt. Dem Alter des Mädchens entsprechend erhalten wir so einen naiven, aber ungetrübten Blick auf die Ereignisse.

Im Verlauf der Handlung geben die Figuren immer mehr über sich preis. Die Familie der Protagonistin hat kaum Geld, da der Vater es stets verspielt. Um ihre vielen Kinder kümmert die Mutter sich nur notdürftig und mit wenig Geduld. Es ist traurig, mitanzusehen, wie das Mädchen bei den Kinsellas zu Beginn jeden Moment damit rechnet, für irgendetwas bestraft zu werden. Das Ehepaar hingegen präsentiert sich bodenständig und ruhig, beide bringen der Kleinen echte Zuneigung entgegen. So entsteht ein starker Kontrast zwischen einer Familie, die ihre Kinder nicht zu schätzen weiß und einer anderen, die sich wünscht, sie hätte eigene.

„Das dritte Licht“ umfasst nur etwa 100 Seiten, aber auf diesen findet sich so viel Schmerz und gleichzeitig Hoffnung auf ein anderes, ein besseres, ein weniger einsames Leben. Und auch, wenn an sich nicht viel geschieht, entschädigt hierfür die wunderbare Sprache. Bei einem Spaziergang mit Kinsella am Meer sagt dieser zu seiner Pflegetochter: „Sieh mal, wo vorher nur zwei Lichter waren, sind jetzt drei.“ Eine tolle Metapher für diese gefundene Familie.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.04.2023

Der Kanon als Gewohnheitstier

Muss ich das gelesen haben?
0

Alles fing mit YouTube-Videos über Literatur an – verständlich, witzig und so für alle zugänglich. Warum ist der Kanon eigentlich so männlich, weiß, hetero, christlich und able-bodied? Und weshalb soll ...

Alles fing mit YouTube-Videos über Literatur an – verständlich, witzig und so für alle zugänglich. Warum ist der Kanon eigentlich so männlich, weiß, hetero, christlich und able-bodied? Und weshalb soll ich überhaupt (Klassiker) lesen? Diese und viele andere Fragen beantwortet Kabarettistin und Autorin Teresa Reichl nun in ihrem Buch „Muss ich das gelesen haben?“ Dabei berichtet sie auch von den eigenen Erfahrungen im Germanistikstudium, wenn sie Lehrende mit einer von diesen Fragen konfrontierte und spricht so sicherlich vielen Jugendlichen aus der Seele, die mit der Auswahl der Literatur in der Schule hadern.

Nach einem Vorwort gibt es zunächst eine kurze Einführung in den Literaturbegriff. Anschließend beantwortet die Autorin die Frage, warum wir überhaupt lesen sollten; neben den positiven Auswirkungen auf unser Gehirn, steht hier die Entwicklung von Empathie für andere Perspektiven im Vordergrund. Zudem zeigt, so Reichl, klassische Literatur uns auf, wo wir als Gesellschaft herkommen und wie bestimmte -ismen (Rassismus, Sexismus, Klassismus etc.) immer weitertransportiert werden.

Das zweite Kapitel ist dann eine konsequente Fortsetzung, in dem sich Teresa Reichl damit beschäftigt, warum wir lesen, was wir lesen, warum bspw. Goethe und Schiller dabei so im Fokus stehen und warum der Kanon ein „Gewohnheitstier“ ist. Im letzten Abschnitt folgt schließlich der interessanteste Teil: Was sollen wir stattdessen lesen? Hier schlägt die Autorin Komödien, Literatur marginalisierter Autor*innen und neue Literaturformen vor.

„Muss ich das gelesen haben?“ ist in sehr lockerem Ton verfasst. Die Autorin, und eben auch Kabarettistin, schreibt, wie sie spricht und ergänzt ihren Text mit zahlreichen witzigen Fußnoten, die ich persönlich nicht gebraucht hätte. Zudem ist die Frage, welche Zielgruppe sich hier angesprochen fühlen soll. Jugendliche, die nicht lesen, erwartet hier eine wahre Textwand, die kaum Abschnitte und nur eine einzige Grafik hat. Geübte Leser und Lehrkräfte schreckt möglicherweise der Stil des Buches ab. Dennoch: ein wichtiges Thema, kurz und knackig präsentiert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.04.2023

Eine großartige Sammlung

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter
0

Das Tanka ist die älteste Gedichtform Japans, aus welchem das bekanntere Haiku hervorging. Es besteht in seiner Grundform aus einer Folge von 5-7-5-7-7 Moren, einer Einheit, die nicht mit Silben gleichzusetzen ...

Das Tanka ist die älteste Gedichtform Japans, aus welchem das bekanntere Haiku hervorging. Es besteht in seiner Grundform aus einer Folge von 5-7-5-7-7 Moren, einer Einheit, die nicht mit Silben gleichzusetzen ist. Je nach Sprache besteht eine kurze Silbe aus einer More, eine lange aus zwei oder sogar drei. Ein Tanka fängt den Augenblick ein und hält ihn mit präzisen Worten und Rhythmus fest.

Ein bekannter Großmeister des Tanka ist Wakayama Bokusui (1885-1928), dessen Originalwerk in 15 Bänden – teilweise posthum – erschienen ist. In der vorliegenden Ausgabe „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ wurden von Eduard Klopfenstein über 250 Fünfzeiler ausgewählt und übersetzt. Jedes Tanka ist so genau wie möglich datiert, hin und wieder ist auch der entsprechende Kontext vorangestellt, zum Beispiel eine Reise oder der Tod des Vaters. Zudem wird zu jedem Gedicht die Position innerhalb der großen Werkausgabe angegeben und vereinzelt sogar die originale Kalligrafie des Dichters abgedruckt.

Wakayama Bokusui verfasste die Tanka über sein eigenes Leben, Klopfenstein nennt dies die „Entdeckung des modernen Ich“ (S. 133). Thema sind hauptsächlich Naturbegegnungen durch alle Jahreszeiten mit den unterschiedlichsten Pflanzen, Tieren, Landschaften und natürlich dem Fuji als Motiv. Doch der Dichter spricht auch von der Liebe, zum Beispiel zu seiner (verheirateten) Geliebten Sonoda Saeko, der späteren Trennung und seiner Heirat mit Ōta Kishiko. Seine Tankas handeln auch von tiefen seelischen Krisen, seiner Alkoholabhängigkeit und ständigen Geldsorgen.

Die Tanka wirken ungemein zeitlos, der Zugang zu ihnen gelingt mühelos. Mal transportiert Wakayama Bokusui seine Gefühle beim Anblick der Natur, mal betrachtet er die eigene Person mit Ironie und Humor. Eduard Klopfensteins gelungenes Nachwort liefert den nötigen Kontext und teilt das Werk in fünf Lebensphasen ein. Den Vorwurf der Betroffenheitslyrik weist er zurück, denn der Dichter spricht zwar von sich selbst, reduziert und konzentriert aber seine Aussage durch das Tanka und macht sie so zu einer allgemeingültigen. Eine großartige Sammlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2023

Thriller mit Humor

Suzukis Rache
0

Herr Suzuki führt ein normales Leben als Mathematiklehrer, bis seine Frau bei einem Autounfall von einem betrunkenen Fahrer getötet wird und er Rache schwört. Dazu heuert er bei „Furoirain“ (=„Fräulein“) ...

Herr Suzuki führt ein normales Leben als Mathematiklehrer, bis seine Frau bei einem Autounfall von einem betrunkenen Fahrer getötet wird und er Rache schwört. Dazu heuert er bei „Furoirain“ (=„Fräulein“) an, der Organisation, die Terahara Senior, der Vater des Unfallverursachers leitet – ein zwielichtiges Kartell, das seinen Profit aus Betrügereien, Entführungen und Schlimmerem schlägt. Dort soll Suzuki Terahara Junior seine Loyalität beweisen und zwei Menschen töten; eine gute Gelegenheit für ihn, selbst zuzuschlagen.

Doch dann wird dieser vor seinen Augen auf die Straße gestoßen und überfahren – was für eine Ironie! Verantwortlich ist der „Pusher“, ein berüchtigter Killer. Den soll Suzuki verfolgen und an das Kartell ausliefern, doch als er dessen Familie kennenlernt, ist er sicher: dieser Mann kann kein Killer sein! Er versucht, die Meldung an das Kartell hinauszuzögern und gerät in einen irrwitzigen Kleinkrieg.

„Suzukis Rache“ ist der zweite Thriller von Kotaro Isaka, der ins Deutsche übersetzt wurde. Zeitlich ist er vor „Bullet Train“, aber im selben Universum angesiedelt. Die Erzählperspektive wechselt zwischen zahlreichen Charakteren hin und her, was der Handlung ein rasantes Tempo und spannende Einblicke verleiht. Neben Suzuki treffen wir auf zwei Auftragskiller, den „Wal“ und die „Zikade“ und obwohl wir einen düsteren Thriller vor uns haben, in dem es auch allerhand Gewaltszenen gibt, ist die Handlung an vielen Stellen unglaublich humorvoll. Das liegt zum einen an den Verwicklungen zwischen den drei Figuren und ihren Aufträgen sowie an witzigen, oft ins Slapstickhafte übergehenden Szenen, die wir auch schon aus „Bullet Train“ kennen.

Die Romane von Kotaro Isaka sind nicht unbedingt sprachliche Meisterwerke, aber sie erfüllen ihren Zweck: Sie unterhalten ganz herrlich und stellen dabei das Thriller-Genre kräftig auf den Kopf. Dabei lassen sie zwischendurch auch ernste Momente nicht vermissen, zum Beispiel wenn Herr Suzuki in eiskalten Killern etwas Menschliches, Verletzliches entdeckt oder diese sogar ihren Beruf in Frage stellen. Ich hoffe sehr auf weitere Übersetzungen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2023

Erschreckend realistische Dystopie

Institut für gute Mütter
0

Nur 2 Stunden hat Frida ihre Tochter Harriet allein gelassen, doch die Nachbarn melden sie der Kinderschutzbehörde. Harriet wird ihr entzogen, lebt von nun an beim Vater und seiner neuen Frau und Frida ...

Nur 2 Stunden hat Frida ihre Tochter Harriet allein gelassen, doch die Nachbarn melden sie der Kinderschutzbehörde. Harriet wird ihr entzogen, lebt von nun an beim Vater und seiner neuen Frau und Frida wird verurteilt. Nur, wenn sie sich bereit erklärt, an einem 1-jährigen Trainingsprogramm teilzunehmen, bekommt sie möglicherweise ihr Kind zurück. Und so zieht sie mit anderen Frauen in ein altes College, wo Demütigungen und Schuldzuweisungen von nun an ihre täglichen Begleiter sein sollen.

„Institut für gute Mütter“ ist der Debütroman der Autorin Jessamine Chan und wurde von Friederike Hofert aus dem Englischen übersetzt. Erzählt wird, zumeist chronologisch, aus der Sicht der Protagonistin Frida in der dritten Person und der Gegenwartsform. Hin und wieder springt die Handlung aber auch in die Vergangenheit zurück und beleuchtet wichtige Wendepunkte in Fridas Leben. Wo wäre sie heute ohne die Scheidung? Wäre sie eine bessere Mutter geworden, wenn ihre eigene etwas mehr Zuneigung zu ihr gezeigt hätte? Hätte sie bessere Chancen, wenn sie nicht die Tochter chinesischer Einwanderer wäre?

Obwohl es sich um eine Dystopie handelt, erscheint alles sehr realitätsnah und im Bereich des Möglichen. Im Trainingszentrum entwickeln sich zwischen den Frauen schnell Allianzen, aber auch Feindschaften. Manche haben sich nur Kleinigkeiten zu schulden kommen lassen, andere ihre Kinder misshandelt und eingesperrt. So oder so ist der Umgang mit den Frauen erschreckend, sie sollen umerzogen werden, wie Maschinen funktionieren und sich mit Sätzen wie „Ich bin eine schlechte Mutter, aber ich lerne, eine gute zu sein“ selbst erniedrigen.

Bleibt der Erfolg aus, werden die Frauen bestraft – was umso wütender macht, wenn wir im erfahren, wie vergleichsweise locker es im Camp für die Väter zugeht. Geübt wird stets an erschreckend echt wirkenden Roboterkindern, die im Aussehen und Alter dem eigenen Kind gleichen. Sie können Schmerzen fühlen und echte Emotionen empfinden – eine Tatsache, die noch eine neue thematische Dimension hinzufügen: Dürfen wir so mit Maschinen umgehen, nur weil sie nicht, wie wir, menschlich sind?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere