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Veröffentlicht am 16.01.2022

Gelungene Gesellschaftskritik

Inmitten der Nacht
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Amanda und Clay haben mit ihren Kindern Rose und Archie ein abgelegenes Ferienhaus in Log Island gemietet, um dort einen ruhigen Urlaub zu verbringen. Doch auf einmal stehen Ruth und G.H. vor der Tür, ...

Amanda und Clay haben mit ihren Kindern Rose und Archie ein abgelegenes Ferienhaus in Log Island gemietet, um dort einen ruhigen Urlaub zu verbringen. Doch auf einmal stehen Ruth und G.H. vor der Tür, die Hausbesitzer. Sie bitten um Unterschlupf und berichten Unglaubliches: In New York gab es einen Blackout, das Leben an der ganzen Ostküste ist lahmgelegt und aus Angst flohen die beiden in ihr Feriendomizil. Was ist in New York geschehen? Und können Amanda und Clay dem fremden Ehepaar wirklich vertrauen?

Die Handlung von „Inmitten der Nacht“ wird von einem allwissenden Erzähler geschildert, der immer wieder zwischen den einzelnen Charakteren hin- und herspringt und somit einen Einblick in die Psyche und Gedankenwelt jedes einzelnen von ihnen bietet. Das ist besonders interessant, weil so deutlich wird, mit welchen Vorurteilen sich die Erwachsenen gegenübertreten, während sich die beiden Teenager Rose und Archie nur wenig am nächtlichen Auftauchen ihrer Vermieter zu stören scheinen.

Das Aufeinandertreffen der Familie mit dem Ehepaar ist umso brisanter, da die beiden Schwarz sind. Vor allem Amanda hat sofort Vorbehalte, fühlt sich bedroht und findet es noch dazu überhaupt nicht plausibel, dass „solche Leute“ genug Geld besitzen sollen, sich ein luxuriöses Ferienhaus zu leisten. Es reinigen? Ja, das macht in ihren Augen mehr Sinn. Umgekehrt hat jedoch auch Ruth jede Menge Vorbehalten gegen die reichen Weißen, ihren Lebensstil und ihre Erziehung. Definitiv ein interessanter Blick auf und Kommentar über die US-amerikanische Gesellschaft. Der Roman fand sich übrigens auf Barack Obamas Liste der besten Bücher 2021 wieder – was umso amüsanter ist, wenn man die Seitenbemerkungen zu seiner Präsidentschaft im Text kennt.

„Inmitten der Nacht“ lies sich von Beginn an schwer einschätzen. Es begann wie ein Psychothriller, dann kamen immer mehr dystopische Elemente dazu (Stromausfall, keine Verbindung zur Außenwelt, Explosionen) bis alles schließlich beinahe in magischen Realismus überging (riesige Gruppen von Rehen und Flamingos im Garten, ausfallende Zähne). Das Ende bleibt dabei leider völlig offen.

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Veröffentlicht am 13.01.2022

Absturz in den Wahnsinn

Der fürsorgliche Mr. Cave
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Der Antiquitätenhändler Terence Cave fühlt sich verflucht. Bereits zwei nahe Angehörige hat er durch unnatürliche Todesfälle verloren und dann stirbt auch noch sein 15-jähriger Sohn Reuben bei einer Mutprobe. ...

Der Antiquitätenhändler Terence Cave fühlt sich verflucht. Bereits zwei nahe Angehörige hat er durch unnatürliche Todesfälle verloren und dann stirbt auch noch sein 15-jähriger Sohn Reuben bei einer Mutprobe. Cave bleibt zurück, als alleinerziehender Vater von Reubens Zwillingsschwester Bryony und ihm ist eines klar: seine Tochter muss um jeden Preis beschützt werden. Was mit einer guten und verständlichen Intention beginnt, nimmt bald jedoch wahnhafte Züge an und selbst Terences Schwiegermutter Cynthia kann das drohende Unheil nicht mehr abwenden.

Nach dem „Comfort Book“ und der „Mitternachtsbibliothek“ ist „Der fürsorgliche Mr. Cave“ mein dritter Roman von Matt Haig. Erzählt wird aus der Perspektive des Protagonisten Terence in der Vergangenheits- und Ichform und zwar in einem Brief, den er rückblickend für seine Tochter schreibt. Als Leser*innen befinden wir uns also die meiste Zeit im Kopf des Antiquitätenhändlers – und das ist wirklich nicht angenehm. Nur einmal wechselt das Geschehen kurz in die Außensicht, um eine zentrale Stelle zu schildern; dieser Kunstgriff ist dem Autor gut gelungen.

Abgesehen davon muss ich leider sagen, dass ich mir eine etwas andere Art von Geschichte erwartet hatte; eine, die sich mehr mit dem Prozess des Trauerns und der gesamten Familie auseinandersetzt. Was aber letztendlich erzählt wird, ist Terences langsamer Abstieg in den Wahnsinn. Natürlich ist auch das auf eine gewisse Art nur eine Form dessen, was Verlust mit uns macht, aber eben in seiner extremsten Weise. Mr. Craves Gedanken zu folgen, ist stellenweise wirklich unangenehm. Das kann ich zwar durchaus als literarisch gut umgesetzt anerkennen, aber eine Beziehung lässt sich so zu den Charakteren nur schwer aufbauen. Terence selbst ist völlig verblendet, weshalb wir Tochter Bryony auch nicht objektiv wahrnehmen können. Cynthia ist zwar eine stärkere Figur, kommt aber nur selten zu Wort.

Schade finde ich auch, dass wieder einmal der deutsche Titel nicht die Kraft und Bedeutung des Originals hat. Dieser lautet „The Possession of Mr Cave“ und trägt einen doppelten Sinn in sich: Einmal die Tatsache, dass Terence Bryony behandelt, als sei sie sein persönlicher Besitz. Und auf der anderen Seite fühlt er sich wörtlich, als habe Reubens Geist von ihm Besitz ergriffen. Der deutsche Titel hingegen birgt ein Versprechen, das die Handlung nicht einlösen kann.

Hat mir das Buch gefallen? Nur teilweise. Werde ich die Bücher des Autors weiterhin lesen, weil ich seinen Kampf für die Akzeptanz von Depressionen und psychischer Krankheiten im Allgemeinen unterstützenswert finde? Auf jeden Fall.

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Veröffentlicht am 03.01.2022

Endlich "back to the roots"

Rue de Paradis
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Luc Verlains Leben verläuft endlich wieder in normalen Bahnen. Gerade hat er sogar Urlaub, denn die Geburt seiner ersten Tochter mit Kollegin Anouk steht unmittelbar bevor. Doch dann ordnet sein neuer ...

Luc Verlains Leben verläuft endlich wieder in normalen Bahnen. Gerade hat er sogar Urlaub, denn die Geburt seiner ersten Tochter mit Kollegin Anouk steht unmittelbar bevor. Doch dann ordnet sein neuer Vorgesetzter Laurent Aubry an, dass Luc mit ihm gemeinsam in einem kleinen Ort am Cap Ferret einige Hausbesitzer zum Aufgeben bewegen soll, die sich nicht mit dem Abriss ihrer Häuser abfinden wollen und diese besetzt halten. Dort angekommen werden beide zu allem Überfluss auch noch mit den Anwohnern von einer verheerenden Flut eingeschlossen.

„Rue de Paradis“ ist bereits der 5. Band um Kommissar Luc Verlain aus der Feder von Alexander Oetker. Nachdem der Autor seinen Ermittler im letzten Abenteuer zu einem Flüchtigen in bester James Bond-Manier gemacht hatte, kehrt er in diesem wieder zum klassischen Regionalkrimi zurück. Und den „Klassiker“ nimmt er sogar wörtlich, denn seine Handlung spielt bewusst auf Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ an – und spoilert übrigens auch dessen Ende für diejenigen, die den Roman noch nicht gelesen haben.

Oetkers Krimihandlung nimmt auf eine reale Flut im französischen La Faute-sur-Mer im Jahr 2010 Bezug. Während des Schaffensprozesses ereignete sich dann im Juli 2021 die Hochwasserkatastrophe in Deutschland, die vor allem das Ahrtal und den Rhein-Erft-Kreis mit voller Wucht traf. Diese Parallele macht den Roman noch eindringlicher, weil er schildert, was viele Menschen erleben mussten, die gerade einmal „um die Ecke“ wohnen. Dabei bleibt der Autor jedoch stets respektvoll und zeigt Größe, indem er einen Teil seiner Einnahmen des Buches für Betroffene spendet.

Ich bin froh, dass Alexander Oetker nach dem etwas abstrusen vierten Band wieder zu seinem altbewährten Schema zurückgekehrt ist. Luc Verlain zeigt sich zwar genervt vom neuen, besserwisserischen Schreibtischhengst als Vorgesetztem, steht aber gleichzeitig an der Schwelle in ein neues Leben als Vater und pflegt weiterhin eine enge Beziehung zu seinem kranken Vater Alain. Einzig die Auflösung des Mordfalls hält am Ende ein paar Überraschungen zu viel parat – allerdings war das auch Agatha Christie nicht fremd.

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Veröffentlicht am 29.12.2021

Ratgeber mit Nachgeschmack

Überwintern. Wenn das Leben innehält
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Als ihr Mann kurz vor ihrem Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert und operiert werden muss, wird Katherine May zum ersten Mal bewusst, dass sie ihn verlieren könnte. Zu dieser Angst kommt eine weitere ...

Als ihr Mann kurz vor ihrem Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert und operiert werden muss, wird Katherine May zum ersten Mal bewusst, dass sie ihn verlieren könnte. Zu dieser Angst kommt eine weitere Tatsache. Vor einer Woche hat sie ihren Job aufgegeben und die Zukunft ist ungewiss. Die Autorin spürt es deutlich: der Winter kommt – und nun versucht sie, sich anzupassen und zu überwintern.

In „Überwintern“, einem Mix aus Autobiografie und Sachtext, begleiten wir die Autorin Katherine May durch mehrere Winter ihres Lebens. Ausgehend von den Ereignissen in der Gegenwart, blickt sie auch auf Vergangenes zurück, wie zum Beispiel eine Reise während ihrer Schwangerschaft oder ihre Überforderung als junge Mutter. Dabei lässt sie immer wieder auch Exkurse einfließen, zum Beispiel über Bienenvölker oder den Effekt von kaltem Wasser auf den Organismus. Hauptsächlich geht es jedoch um Mays Strategien, den Winter in ihr zu überwinden, indem sie sich Ruhe gönnt und Dinge unternimmt, die ihrer Seele guttun.

Dieses Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Auf der einen Seite ist der Wunsch der Autorin nach Entschleunigung und Zeit für sich selbst verständlich, auf der anderen Seite kann ich ihre Schlüsse daraus nicht nachvollziehen. May macht zum Beispiel keinen Hehl daraus, dass sie nicht an Therapien glaubt. Für mich hingegen wäre das einer der ersten Impulse, wenn ich an mir Anzeichen einer Depression entdecke. Stattdessen suggeriert das Buch, man müsse nur in die Kirche oder zum Eisbaden gehen, schon ginge es einem besser. Ist der Sohn in der Schule unglücklich, unterrichtet man ihn eben zuhause.

Mir ist klar, dass die Autorin nur ihre eigenen, nicht perfekten Wege aus dem Winter erzählt, aber dennoch bleibt ein gewisser Nachgeschmack. Nicht jeder hat die Kapazitäten, einfach den Job zu kündigen oder das Kind zuhause zu behalten. Gestört hat mich außerdem, dass die Autorin Handlungsfäden beginnt und sie dann nicht weiterführt, so dass wir nicht wissen, wie eine Situation für sie ausgegangen ist. Irritiert hat mich dabei auch, dass der zu Beginn so bedeutsame Ehemann für den Rest des Buches quasi keine Rolle mehr spielt.

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Veröffentlicht am 27.12.2021

Absolute Wohlfühlreihe!

Was ich dir bedeute - Burlington University
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Rickie Ralls ist schon eine ganze Weile an der Zwillingsschwester seines Freundes und Mitbewohners Dylan Shipley interessiert. Was er jedoch nicht weiß: Er und Daphne hatten sich einander schon einmal ...

Rickie Ralls ist schon eine ganze Weile an der Zwillingsschwester seines Freundes und Mitbewohners Dylan Shipley interessiert. Was er jedoch nicht weiß: Er und Daphne hatten sich einander schon einmal angenähert und sogar verabredet, doch Rickie tauchte damals nicht auf. Diese Erfahrung und die traumatische Beziehung zu ihrem Exfreund haben Daphne misstrauisch gemacht, weshalb sie sich keinesfalls mehr auf Rickie einlassen will. Der hingegen hat mit eigenen Dämonen zu kämpfen, denn seit einem mysteriösen Unfall fehlen in seiner Erinnerung 6 Monate seines Lebens.

„Was ich dir bedeute“ gehört zur True North-Reihe der Autorin Sarina Bowen und setzt den Handlungsstrang um die jüngeren Mitglieder der Shipley-Familie fort. Der Großteil spielt auch
wieder auf dem Hof der Familie, was den Charme der Romane ausmacht. Beide Hauptcharaktere kennen wir bereits aus vorherigen Bänden, wobei Daphne zum Glück deutlich weniger spröde wirkt als bisher. Ihre Perspektive wechselt sich mit der des lebenslustigen Rickie ab, der in dieser Geschichte noch an Tiefgang gewinnt und neue Facetten seiner Persönlichkeit zeigt.

Das große Thema der Handlung sind dieses Mal Traumata. Daphne hat eine Beziehung hinter sich, die ihr immer noch Angst einjagt und ihre gesamte Zukunft gefährden könnte. Rickie hingegen fehlt eine große Menge an Erinnerungen; sein Unfall an der Militärakademie wies einige Ungereimtheiten auf und wenn er sich davon befreien will, muss er unbedingt herausfinden, was wirklich geschehen ist. Und beide zusammen müssen sich darüber klar werden, ob sie die gemeinsame Vergangenheit und Rickies Vergessen überwinden können.

Positiv aufgefallen ist mir in diesem Band vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der ein männlicher Protagonist zur Therapie geht und wie problemlos das von seinem Umfeld aufgenommen wird. Auch seine Offenheit in Bezug auf die eigene Pansexualität hat mir gut gefallen. Daphne hingegen zeigt, dass trotz der Familienidylle die eigenen Karriereträume nicht an den Grenzen der Shipley-Farm enden müssen und dass sie bereit ist, diese auch ohne männliche Unterstützung zu verfolgen. Absolute Wohlfühlreihe!

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