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Veröffentlicht am 09.08.2021

"Rundumschlag" zu einem wichtigen Thema

Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern. Geschlechterrollen, Sexismus, Patriarchat, und Feminismus: Ein Buch über die Sozialisierung von Männern.
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Jeden zweiten oder dritten Tag tötet in Deutschland ein Mann seine Partnerin. 58% Prozent aller Frauen in Deutschland haben schon einmal sexuelle Belästigung erlebt. 70.000 Mädchen in Deutschland leiden ...

Jeden zweiten oder dritten Tag tötet in Deutschland ein Mann seine Partnerin. 58% Prozent aller Frauen in Deutschland haben schon einmal sexuelle Belästigung erlebt. 70.000 Mädchen in Deutschland leiden unter den Folgen einer Genitalverstümmelung. Zu allen diesem Verbrechen existiert eine Dunkelziffer von Fällen, die nicht entdeckt oder nicht angezeigt werden und vor allem im Bereich der häuslichen Gewalt hat die Coronapandemie die Situation nur noch verstärkt. Mit diesen und noch weiteren Themen befasst sich Sebastian Tippe in seinem Sachbuch „Toxische Männlichkeit“. Darin identifiziert er das Patriarchat und die damit verbundene Sozialisierung von Männern als Quelle eines Systems, das Frauen in allen Bereichen benachteiligt.

Nach einem Vorwort der feministischen Autorin, Gleichstellungsbeauftragten und Bloggerin Christina Mundlos, beginnt der Autor mit einer Einführung in das Thema „Geschlecht als soziales Konstrukt“. Danach wendet er sich der toxischen Männlichkeit zu und erläutert, wie diese sich konkret in bestimmten Bereichen manifestiert; als Kategorien legt er dabei Gewalttaten, den öffentlichen Raum, den Arbeitsplatz, Sexualität, Familie und Partnerschaft sowie Gesundheit fest. Im nächsten Kapitel behält er diese Einteilung weiter bei und erläutert, wie toxische Männlichkeit in jedem der Bereiche abgebaut werden kann.

Sebastian Tippe versucht in seinem Buch einen Rundumschlag und spricht dabei auch Themen wie Prostitution, Pornografie, Sexismus im Rap oder die Gender Pay Gap an. Für Leser*innen, die sich bereits mit dem Thema beschäftigt haben, ist das Meiste nicht neu; alle anderen erwartet eine ganze Menge Input und harte Fakten. Diese werden zwar durch Begriffserklärungen und Statistiken untermauert, verlangen aber auch ein großes Maß an Offenheit und Willen zur Selbstreflexion. Ein Plus ist hier jedoch, dass der Autor als Mann über toxische Männlichkeit schreibt und auch sich selbst nicht aus der Kritik nimmt. Interessant sind vor allem sein eigener und viele andere Erfahrungsberichte von Männern und Frauen am Ende des Buches.

Der Autor liefert ein wichtiges Buch über die Tatsache, dass der Abbau toxischer Männlichkeit nicht nur Frauen, sondern auch Männern nutzt. Denn Veränderungen im Risikoverhalten, ein besseres Verhältnis zur eigenen Gesundheit oder eine Verschiebung des eigenen Fokus vom Berufs- hin zum Familienleben führen letztendlich dazu, dass Männer geringerem Stress ausgesetzt sind und länger leben. Problematisch ist nur, dass vermutlich vor allem diejenigen das Buch lesen, die es eigentlich nicht mehr benötigen. Umso wichtiger ist, dass Männer zu Multiplikatoren werden, egal ob als Lehrer, Trainer im Verein oder einfach im eigenen Umfeld.

Fazit: Der Autor liefert eine gute Zusammenfassung des Themas mit Forderungen und konkreten Beispielen zur Umsetzung. Wer jedoch mehr zu einzelnen Themen wissen will, sollte zu einer detaillierteren Publikation greifen, beispielsweise zu Rebekka Endlers „Das Patriarchat der Dinge“ zum Thema Gender Data Gap.

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Veröffentlicht am 02.08.2021

Gewohnt skurrile Fortsetzung

Giftrausch
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Sein letzter Fall hat Rechtsanwalt Paul Colossa sichtbar gezeichnet – nach dem Verlust eines Auges trägt er eine Augenklappe. Nun hat ihn ein berühmtes Musikinternat engagiert, um nach einem Skandal einen ...

Sein letzter Fall hat Rechtsanwalt Paul Colossa sichtbar gezeichnet – nach dem Verlust eines Auges trägt er eine Augenklappe. Nun hat ihn ein berühmtes Musikinternat engagiert, um nach einem Skandal einen (natürlich entlastenden) Bericht zu schreiben, ansonsten droht ihm eine hohe Vertragsstrafe. Doch leider muss Paul schon nach kurzer Zeit feststellen, dass die Gerüchte über Ritalinmissbrauch unter den Schülern durchaus wahr sind und schon ein erstes Opfer gefordert haben. Und dann gerät der Anwalt auch noch wegen seines Aussehens und seiner Verwicklung in den Fall in den Fokus eine lokalen Newsblogs.

Mit „Giftrausch“ legt Hendrik Esch den zweiten Band seiner Reihe um den chaotischen Anwalt Paul Colossa vor, der kürzlich die Kanzlei seines „Onkels“ übernommen hat. Den ersten Band „Jagdtrieb“ habe ich damals in einer Leserunde mit dem sympathischen Autor gelesen und fühlte mich blendend unterhalten. Der zweite Band erzählt nun – in gewohnt skurriler Art – die Geschehnisse weiter. Ja, die Handlung ist seltsam, übertrieben und manchmal etwas slapstickhaft, aber genau da liegt für mich auch der Reiz: ein Krimi, der sich selbst nicht so ernst nimmt. An einigen Stellen habe ich wirklich herzhaft gelacht, ich erinnere da nur an die Gerichtsszene mit Amigo!

Paul Colossa als Protagonist ist definitiv ein Chaot, ein Faulenzer, ein Frauenheld (oder eher: er wäre es gerne), aber wenn man ihn eine Weile begleitet, merkt man, er hat das Herz am rechten Fleck. Das zeigt sich auch an den Nebencharakteren, die ihn bedingungslos unterstützen. Sei es zum Beispiel sein bester Freund Attila, der sich natürlich den ein oder anderen Witz auf Pauls Kosten nicht verkneifen kann, oder das unerschütterliche „Fräulein“ Christiane.

Neben all den abenteuerlichen, witzigen Szenen gibt es jedoch auch ernste Momente. Der Druck, mit dem vor allem junge Menschen in der Musikszene umgehen müssen oder die Gefahren von Ritalin und ähnlichen Drogen werden ebenso angesprochen wie Mobbing im Internet. Nur der Schluss kam für mich etwas abrupt, macht mich aber umso neugieriger auf Band 3.

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Veröffentlicht am 28.07.2021

Geschichtslektion für die ganz Kleinen

Little People, Big Dreams. Mini – Rosa Parks
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Im Insel Verlag existiert schon seit einigen Jahren die Reihe "Little People, BIG DREAMS", in der kindgerecht beeindruckende Lebensgeschichten großer Persönlichkeiten erzählt werden. Nun liegt diese Erfolgsreihe ...

Im Insel Verlag existiert schon seit einigen Jahren die Reihe "Little People, BIG DREAMS", in der kindgerecht beeindruckende Lebensgeschichten großer Persönlichkeiten erzählt werden. Nun liegt diese Erfolgsreihe auch im Pappbilderbuch vor und liefert damit eine Version für die ganz Kleinen, die aufgrund der festen Pappseiten gerne auch etwas wilder bespielt werden darf. Das kleinere Format eignet sich dabei perfekt für unterwegs.

Der vorliegende Band befasst sich mit der Bürgerrechtsaktivistin Rosa Parks, die im Alabama der Rassentrennung aufwuchs. Am 1. Dezember 1955 weigerte sie sich, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Mann zu räumen, was zum so genannten "Busboykott von Montgomery" und in der Folge zum Ende der Jim Crow-Gesetze führte.

Die Handlung ist natürlich stark vereinfacht, für das Alter der Zielgruppe ab etwa fünf Jahren aber ein sehr gelungener Einstieg in ein wichtiges Thema. Unterstützt wird die Botschaft noch durch die kindgerechten Illustrationen von Marta Antelo - auf den Seiten gibt es, auch für Erwachsene, einiges zu entdecken; so zum Beispiel die Fotos an der Wand, die Rosa Parks mit Bill Clinton oder Al Gore zeigen.

Im Gegensatz zur großformatigen Version fehlt die Biografie am Ende des Buches. Schade, aber aufgrund des Formates durchaus verständlich. Als Vorleser*in empfiehlt es sich daher, vorher selbst etwas zu recherchieren, um die Fragen des Kindes auch beantworten zu können. So lernen auch die Großen noch etwas dazu, eine tolle Sache!

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Veröffentlicht am 28.07.2021

Indigene Weisheit vs. Wissenschaft

Geflochtenes Süßgras
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Das Süßgras, nach seinem Duft auch Vanillegras genannt, gehört zu den wichtigsten Kulturpflanzen der indigenen Völker Nordamerikas. Ihm widmet Robin Wall Kimmerer nun ihr neustes, in deutscher Sprache ...

Das Süßgras, nach seinem Duft auch Vanillegras genannt, gehört zu den wichtigsten Kulturpflanzen der indigenen Völker Nordamerikas. Ihm widmet Robin Wall Kimmerer nun ihr neustes, in deutscher Sprache erschienenes Buch. Darin vereint sie indigene Weisheit mit Wissenschaft und spiegelt damit auch ihre eigene Person wider, denn die Autorin ist Botanikerin und Mitglied der Citizen Potawatomi Nation. Am eigenen Leib erfährt sie den Widerspruch zwischen der Wissenschaft, die nur an rein objektiven Feststellungen interessiert ist und dem indigenen Verständnis, welche Pflanzen eine höhere und vor allem auch emotionale Bedeutung beimisst.

Die Struktur des Buches folgt den verschiedenen Stadien des Süßgrasanbaus, vom Pflanzen, über das Hegen und Pflücken bis zum Ernten und Verbrennen. Jeden Schritt verbindet die Autorin dabei mit passenden Geschichten aus der indigenen Kultur, mit biologischen Betrachtungen über bestimmte Arten und die Umwelt im Allgemeinen, aber auch mit ihrer persönlichen Biografie. So beschreibt sie beispielsweise ihre Gedanken zum Muttersein oder den eigenen Weg zurück zu ihren indigenen Wurzeln, auf dem es ihr auch gelingt, den Blickwinkel ihrer Studierenden zu verändern.

In „Geflochtenes Süßgras“ geht es jedoch um weitaus mehr, als die namensgebende Pflanze. Es ist vor allem ein Wegweiser über den richtigen Umgang mit der Natur, bei vielen indigenen Völkern das „Prinzip der Ehrenhaften Ernte“ genannt. Dieses besagt, vor der Ernte um Erlaubnis zu fragen, dankbar zu sein, nur so viel zu nehmen, wie man braucht und nie mehr als die Hälfte. Darüber hinaus nicht die erste Pflanze zu nehmen, die man sieht (es könnte ja die letzte sein) und demzufolge auch nicht die letzte. Ernten, ohne Schaden anzurichten, etwas an die Natur zurückgeben und vor allem: Teilen – Prinzipien, die wir heute wohl mit dem Wort „Nachhaltigkeit“ zusammenfassen würden. Dementsprechend beginnt und endet die indigene Schulwoche auch nicht mit dem „Pledge of Allegiance“, sondern dem „Thanksgiving Address“, einer traditionellen Danksagung der Onondaga.

Das letzte Kapitel widmet sich dem „Verbrennen“ und somit der Zerstörung der Natur, verkörpert durch den Windigo, einen rachsüchtigen Geist, der von Menschen Besitz ergreift und sie zu Kannibalen macht. Ein erschreckend passendes Sinnbild auch für die „Umsiedlungspolitik“ der USA, die die indigenen Völker von dem Land vertrieb, auf dem sie schon immer gelebt hatten und ihre Kinder zur Umerziehung in Internate schickte. Es ist nicht vorstellbar, wie viel Wissen, wie viel Kultur und wie viele Sprachen bereits verloren gegangen sind und weiterhin verloren gehen.

Fazit: Ein wichtiges Buch, in dem Robin Wall Kimmerer ihre Geschichten wie Süßgras zu einem Zopf flechtet, bei dem mir aber manchmal der Bezug der einzelnen Kapitel zueinander fehlt

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Veröffentlicht am 28.07.2021

Bewegender Roman über die Schattenseiten des "American Dream"

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
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Die Geschwister Lucy und Sam, Kinder chinesischer Einwanderer, sind in den staubigen Hügeln Kaliforniens unterwegs – im Gepäck die verwesende Leiche ihres Vaters. Nach dem Verlust der Mutter ist nun auch ...

Die Geschwister Lucy und Sam, Kinder chinesischer Einwanderer, sind in den staubigen Hügeln Kaliforniens unterwegs – im Gepäck die verwesende Leiche ihres Vaters. Nach dem Verlust der Mutter ist nun auch er verstorben und die beiden kämpfen allein ums Überleben. Doch erst müssen sie die notwendigen zwei Silberdollar finden, um ihrem Ba ein würdiges Begräbnisritual zu ermöglichen. Diese Suche führt sie durch unwegsame Landschaften und in menschliche Abgründe – und vor allem zu den Geheimnissen ihrer Familie.

In ihrem Debütroman erzählt die Autorin C Pam Zhang die Handlung aus unterschiedlichen Perspektiven. Mal folgen wir Lucy, sehen mit ihre Augen und erleben durch sie, wie es ihr nach dem Tod ihres Vaters ergeht. Das Verhältnis zu Sam ist nicht immer einfach, denn die Geschwister haben nicht dieselben Erwartungen an das Leben und werden von unterschiedlichen Sehnsüchten angetrieben. Es finden aber auch Rückblenden in die Vergangenheit statt, als die Eltern der beiden sich kennenlernten und sogar der verstorbene Ba kommt zu Wort. Die Sprache ist dabei atmosphärisch und poetisch und fängt sowohl die Landschaft als auch die Emotionen der Charaktere ein. Interessant ist auch, dass die Kapitelüberschriften (bis auf eine Ausnahme) nur aus einem einzigen Wort bestehen, sich mehrfach wiederholen und so stets eine andere Bedeutung erhalten.

Eine konkrete zeitliche Einordnung vermeidet die Autorin bewusst, indem sie – in Tradition von Murakamis „1Q84“ die ersten beiden Ziffern der Jahreszahlen durch ein X ersetzt. Ihr Roman steht zwar klar in der Tradition des klassischen Western und spielt auf den kalifornischen Goldrausch an, bricht aber diese Anklänge auch wieder auf und formt daraus etwas Neues. „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ ist eine Geschichte über die Vernichtung indigener Völker in den USA, die Kolonisierung und die Ausbeutung des Landes. Ebenso ist es aber auch eine ganz persönliche Historie über Identität, Rassismus und Armut und das Trauma einer Einwandererfamilie über verschiedene Generationen hinweg.

Fazit: Ein bewegender Roman über die Tatsache, dass der „American Dream“ nicht für jeden dieselben Chancen bereithält

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