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Veröffentlicht am 27.05.2026

Eine Autorin, die mehr Aufmerksamkeit verdient

Die Frau im Zug
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Iris Carr befindet sich mit Freunden in einem Hotel in einem kleinen, nicht näher bezeichneten Örtchen in Europa. Nach einem Streit lässt sie die anderen jedoch ohne sie abfahren und macht sich allein ...

Iris Carr befindet sich mit Freunden in einem Hotel in einem kleinen, nicht näher bezeichneten Örtchen in Europa. Nach einem Streit lässt sie die anderen jedoch ohne sie abfahren und macht sich allein auf die lange Rückreise nach England. In ihrem ersten Zug nach Triest lernt sie Miss Froy kennen, Gouvernante einer reichen Familie und auf dem Weg zu ihren Eltern und Hund Sock. Die beiden Frauen freunden sich an, doch als Iris nach kurzem Schlaf erwacht, ist Miss Froy verschwunden. Doch nicht genug: alle Mitreisenden im Abteil behaupten, es habe nie eine Miss Froy gegeben – auch deren ehemalige Arbeitgeberin, die Baroness. Doch Iris kann ihre neue Freundin nicht einfach im Stich lassen und macht sich im Zug auf die Suche.

„Die Frau im Zug“ von Ethel Lina White erschien im Original bereits im Jahr 1936 und wurde von Leni Sobez ins Deutsche übersetzt. Für diese Neuauflage wurde die Übersetzung der 1996 veröffentlichten deutschen Ausgabe noch einmal überarbeitet. Es existiert im Übrigen auch eine Verfilmung von Alfred Hitchcock mit dem Titel „Eine Dame verschwindet“. Der Großteil des Romans spielt an Bord des Zuges nach Triest.

Iris ist eine interessante Protagonistin. Sie ist eine reiche Erbin, die inzwischen keinerlei Familie mehr hat. Als Ersatz umgibt sie sich mit einer ganzen Horde von Freunden, welche die übrigen Hotelgäste und das Personal mit ihrem lauten, arroganten Verhalten zur Verzweiflung bringen. Iris selbst ist gewohnt, mit Geld um sich zu werfen, weil es ihr nicht wichtig ist. Sich selbst bezeichnet sie als selbstsüchtig und auf das eigene Wohlbefinden fixiert, doch diese Charaktereigenschaften werden in Frage gestellt, als sie sich gegen einen ganzen Zug stellt, um eine Frau zu retten, die sie gerade erst kennengelernt hat.

Man muss zugeben, dass der Kriminalfall an sich nicht unbedingt der komplexeste ist, denn es ist recht schnell klar, wo die arme Miss Froy sich wohl befinden muss. Dafür überzeugt „Die Frau im Zug“ aber mit seiner Protagonistin Iris und mehreren kleineren Nebenhandlungen über die Mitreisenden. Ethel Lina White verdient auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit!

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Veröffentlicht am 20.05.2026

Was für ein Debütroman!

Yesteryear
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Nach außen hin führt die christliche Influencerin Natalie Heller Mills ein perfektes Trad Wife-Leben auf ihrer Farm. Ein gut aussehender Ehemann mit Cowboy-Image, fünf Kinder (und ein sechstes unterwegs), ...

Nach außen hin führt die christliche Influencerin Natalie Heller Mills ein perfektes Trad Wife-Leben auf ihrer Farm. Ein gut aussehender Ehemann mit Cowboy-Image, fünf Kinder (und ein sechstes unterwegs), die natürlich zuhause unterrichtet werden. Doch hinter der Fassade steckt ein wahres Unternehmen aus Nannies, einer Produzentin und jeder Menge Farmhelfer. Als ein Skandal Natalies sorgsam kuratiertes Image zu zerstören droht, passiert etwas Seltsames: eines Morgens wacht sie auf und findet sich in einer anderen Realität wieder, ohne moderne Errungenschaften und mit fremden Kindern. Kann Natalie sich dort zurechtfinden?

„Yesteryear“ ist der Debütroman der Redakteurin, Autorin und Podcasterin Caro Claire Burke und wurde von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn ins Deutsche übersetzt. Erzählt wird aus Natalies Perspektive und die ist wirklich keine sympathische Protagonistin. Ihren Follower*innen gegenüber gibt sie sich sanftmütig und spielt die gute Ehefrau und Mutter. Das steht jedoch in starkem Kontrast zu ihrem inneren Monolog, in dem sie eigentlich jede Person um sie herum abwertet. Diese Haltung beginnt zu bröckeln, als Natalie sich plötzlich in der Vergangenheit wiederfindet.

Vordergründig beschäftigt sich der Roman mit den sog. Trad Wife-Influencerinnen, deren Existenz eigentlich schon ein Widerspruch in sich ist, denn welche traditionelle Ehefrau hätte in der Vergangenheit das Recht gehabt, sich ein solches Imperium aufzubauen? Es wird aber auch eine Vielzahl anderer Themen angesprochen: Gehören Kinder vor die Kamera? Und was geschieht, wenn sie das irgendwann nicht mehr wollen? Warum wollen Menschen sich unbedingt mit Personen im Netz identifizieren, deren wahres Leben sie gar nicht kennen? Warum hassen sie aus denselben Gründen? Was darf Religion und wie lebt man sie?

Ich kann nicht sagen, dass ich Natalie im Verlauf der Handlung näher gekommen bin, aber es wurde deutlich, wie ihr eigenes Glaubens- und Wertesystem funktioniert. Die Wendung am Ende fand ich überraschend, aber auch schlüssig und ich bin gespannt, was wir in Zukunft noch von Caro Claire Burke lesen werden.

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Veröffentlicht am 11.05.2026

Eine gelungene Fortsetzung

Malacarne
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Monza, 1940. 4 Jahre ist es nun her, seit Maddalena sich für ihre Freundin Francesca geopfert hat und in eine Anstalt gesperrt wurde. Seitdem hat Francesca nichts mehr von ihr gehört, obwohl sie ihr zahlreiche ...

Monza, 1940. 4 Jahre ist es nun her, seit Maddalena sich für ihre Freundin Francesca geopfert hat und in eine Anstalt gesperrt wurde. Seitdem hat Francesca nichts mehr von ihr gehört, obwohl sie ihr zahlreiche Briefe geschrieben hat. Als sie erfährt, dass alle diese Briefe von ihrem Vater zurückgehalten wurden, ist Francesca eines klar: Sie muss Maddalena nach Hause holen und ihr sagen, dass sie sie niemals vergessen hat. Doch Italien steht kurz vor dem Kriegseintritt und die Zeiten sind schwer. Kann die Freundschaft der beiden jungen Frauen den Faschismus überstehen?

„Malacarne“ ist die Fortsetzung von „Malnata“ von Beatrice Salvioni – ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe. Auch dieser zweite Band wurde von Anja Nattefort ins Deutsche übersetzt. Während der Titel des ersten Buches sich auf Maddalena bezog, die im Ort nur als die „Malnata“ („die Unheilbringende“) bekannt ist, ist „Malacarne“ (eine durch und durch Verkommene) nun der Spitzname, den Francesca ertragen muss. Und das nur, weil sie leben möchte, wie sie es für richtig hält und an ihrer Freundschaft zu Maddalena festhalten will.

Als sie noch jünger waren, bestand die Freundschaft von Maddalena und Francesca aus gemeinsamen Streichen und Abenteuern unten am Fluss. Nun sehen sie sich einem ganzen System gegenüber, das Andersartigkeit in jeder Art und Weise bestraft. Seien das Frauen, die unverheiratet mit einem Mann zusammenleben oder Ladenbesitzerinnen, deren Ehemann Jude ist. Inmitten dieser Umbrüche entwickelt jede der beiden Frauen ihren eigenen Weg, mit der Situation umzugehen. Maddalena hat in der Anstalt Schlimmes erlebt und erkauft sich mit vorgetäuschter Liebe den Schutz eines Faschisten. Francesca hingegen treibt die Wut aus dem Elternhaus und schließlich in den Widerstand.

Es war schön, die beiden Frauen wiederzusehen, auch wenn sie es in diesem Buch nicht leicht haben. Besonders interessant ist es, mitzuerleben, wie Francesca sich ohne Maddalena entwickelt hat, die ja früher immer die Führung übernahm. Nun ist es an ihr, Mut zu fassen und vielleicht auch Maddalena zu zeigen, worauf es in diesen Zeiten ankommt.

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Veröffentlicht am 04.05.2026

Spannender Reihenauftakt

Mord in der Pension Möwennest
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Schon seit mehreren Wochen wartet Schwester Agnes in ihrem Kloster in High Dallow auf einen Brief ihrer Freundin Frieda, die auch einmal Novizin dort war. Zuletzt hatte sie in der Pension Möwennest in ...

Schon seit mehreren Wochen wartet Schwester Agnes in ihrem Kloster in High Dallow auf einen Brief ihrer Freundin Frieda, die auch einmal Novizin dort war. Zuletzt hatte sie in der Pension Möwennest in Gore-on-Sea gelebt und soll dort eines Tages überraschend ausgezogen sein. Doch Schwester Agnes ist sich sicher, dass Frieda sich trotzdem bei ihr gemeldet hätte. Also legt sie ihr Klosterleben nach 30 Jahren ab und mietet sich unter ihrem bürgerlichen Namen Nora Breen im Möwennest ein. Sie muss unbedingt herausfinden, was mit ihrer Freundin geschehen ist. Doch schon bald geschieht in der Pension mit ihren seltsamen Bewohnern ein Mord.

Jess Kidd war mir bisher für ihre Einzelromane bekannt. Mit „Mord in der Pension Möwennest“ legt sie nun einen Krimi vor, der als Auftakt einer Reihe geplant ist. Die deutsche Übersetzung verfasste Werner Löcher-Lawrence. Die Geschichte wird aus der Perspektive der Protagonistin Nora erzählt; wir wissen also selbst über den Mordfall und Friedas Verschwinden nur so viel, wie sie selbst und das rät herrlich zum Miträtseln ein. Die Autorin legt auch immer wieder falsche Fährten aus, so dass die Lektüre bis zum Ende spannend bleibt.

Der Krimi lebt vor allem von der skurrilen Mischung an unterschiedlichen Personen, die sich im Möwennest eingefunden haben. Da ist zum Beispiel Wirtin Helena und ihre Tochter Dinah, die nicht sprechen will. Dazu ein zwielichtiger Geschäftsmann, ein junger Kriegsrückkehrer und seine Frau, ein Marionettenspieler mit seinem Hund und ein sehr stiller Fotograf. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, die Nora bei ihren Ermittlungen rund um Friedas Verschwinden und den Mord in der Pension herausfindet. Der örtliche Inspektor Rideout hält hingegen gar nichts von ihrer Herumschnüffelei und für ihn war es sowieso kein Mord, sondern Selbstmord. Aber Nora wäre nicht Nora, wenn sie sich so einfach abschütteln ließe.

Ein wirklich schöner Reihenauftakt mit einen Ermittlerduo, das sich wohl oder übel zusammenraufen muss. Gut gefallen hat mir auch, dass „Mord in der Pension Möwennest“ vor schwierigen Themen nicht zurückschreckt.

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Ein bedeutsamer Roman

So, in etwa, ist es geschehen
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Eigentlich soll es für Amata Haller nur nach Timmendorfer Strand gehen, wo ihre Mutter auf sie wartet. Jedes Jahr am 3. Mai treffen sie sich dort, um Amatas Großvater zu gedenken, der zu den Überlebenden ...

Eigentlich soll es für Amata Haller nur nach Timmendorfer Strand gehen, wo ihre Mutter auf sie wartet. Jedes Jahr am 3. Mai treffen sie sich dort, um Amatas Großvater zu gedenken, der zu den Überlebenden der Cap Arkona gehörte – einem Schiff, das am 3.5.1945 mit 7500 KZ-Häftlingen an Bord von der britischen Royal Air Force bombardiert und versenkt wurde. Für diese wichtige Verabredung hätte Amata einen Mietwagen reservieren sollen, es aber vergessen. Doch dann bietet ihr Chef Heinz Brockhaus an, sie mit dem Auto dorthin zu fahren. Die beiden kommen ins Gespräch (naja, eigentlich spricht nur Heinz), stehen im Stau, halten an Raststätten – und am Ende ist Heinz tot und Amata im Gefängnis, wo sie auf ihren Gerichtstermin wartet.

Der Ausgang ist uns schon bekannt, wenn wir beginnen, Sharon Dodua Otoos neusten Roman „So, in etwa, ist es geschehen“ zu lesen. Der Titel beschreibt dabei sehr genau, was uns erwartet; in dieser Geschichte geht es jedoch nicht darum, „was“ passiert ist, sondern vielmehr „wie“ und vor allem „warum“. Die Handlung ist dabei sehr raffiniert aufgebaut. Zunächst ist da ein Brief von Amata an die fiktive Herausgeberin des Buchs, Nkechi. Dann folgt Amatas Schilderung der Ereignisse und schließlich zwei Anhänge: ein Transkript einer Audiodatei - denn Amatas Handy hat versehentlich alles aufgezeichnet – und ihr Geständnis.

Der Roman löst vielerlei Reaktionen in mir aus. Zunächst bin ich überrascht über Amata, die fast schon stolz auf den Mord an ihrem Chef zu sein scheint. Sie bereue nichts, sagt sie, doch ihre Schilderung des Tages bleibt zunächst recht sachlich. Ja, Brockhaus war sicherlich anstrengend, doch ihn gleich umbringen? Erst das Transkript der Audiodatei und ein Rückblick auf ihr bisheriges Leben enthüllt einen Teil des riesigen Berges an Mikroaggressionen, Diskriminierung bis hin zu Hass, den Amata als Schwarze Frau erfahren musste. Und plötzlich erscheint es beinahe folgerichtig, dass Heinz nicht mehr am Leben ist.

„So, in etwa, ist es geschehen“ ist ein bedeutsames Buch und ich habe das Gefühl, nicht klug genug zu sein, um all seine Anspielungen und Implikationen zu verstehen. Einen kleinen Ausblick kann ich erhaschen, als ich in einer Satzkonstruktion eine Parallele zu Paul Celans bekanntestem Gedicht „Die Todesfuge“ entdecke. Ich wette aber, es ist noch viel mehr in diesem nicht einmal 150 Seiten langen Text versteckt. Und wir alle sollten, nein müssen, ihn lesen!

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