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Veröffentlicht am 27.12.2020

So la la

home body
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Ich bin kein großer Lyrik-Fan. Tatsächlich habe ich mich außerhalb des Deutschunterrichts in der Schule damals kaum bis nie mit Poesie auseinander gesetzt. Ich hatte einfach nie den richtigen Zugang zu ...

Ich bin kein großer Lyrik-Fan. Tatsächlich habe ich mich außerhalb des Deutschunterrichts in der Schule damals kaum bis nie mit Poesie auseinander gesetzt. Ich hatte einfach nie den richtigen Zugang zu der Thematik, wurde nicht warm damit. Nachdem die Autorin Rupi Kaur aber in den letzten Jahren so bekannt und beliebt wurde und jetzt ein Buch mit dem Titel home body erschien, wollte ich doch einen Versuch wagen. Meine Vorlieben haben sich in anderen Bereichen weiter entwickelt, vielleicht ja auch in Bezug auf Lyrik? Außerdem beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit dem Thema Selbstliebe und -akzeptanz, da passte es auch inhaltlich ganz gut.

Nun, wie fasse ich mein Leseerlebnis am besten in Worte? Die Texte gefallen mir im Großen und Ganzen ganz gut. Ich habe mir, wie ihr auf den Fotos unschwer erkennen könnt, auch viele Stellen markiert, um sie später schneller wieder zu finden. Einige Texte haben mir besonders gut gefallen, zum Beispiel dieser zum Thema Produktivitätsangst. Er geht über 4 Seiten, deshalb zitiere ich ihn hier nicht komplett, sondern nur auszugsweise:

ich habe diese produktivitätsangst
dass alle anderen härter arbeiten als ich
und ich ins hintertreffen gerate
weil ich nicht schnell genug arbeite
nicht lange genug
und meine zeit vergeude

ich setze mich zum frühstück nicht hin
ich bestelle nur etwas zum mitnehmen
ich rufe meine mutter an wenn ich frei habe – sonst
dauert unsere unterhaltung zu lang

ich schiebe alles auf
was mich meinen träumen nicht näher bringt
als wären die dinge die ich aufschiebe
nicht der wahre traum

ist der wahre traum nicht eigentlich
dass ich eine mutter habe die ich anrufen kann
und einen tisch an dem ich frühstücken kann

[…] ……. Rupi Kaur, home body. S. 88 f. „produktivitätsangst“

Die meisten anderen Texte sind sehr kurz, haben nur 3 bis 5 Verse. Ich schreibe übrigens von Texten und nicht von Gedichten, da sich kaum etwas wirklich reimt.

Die Texte haben auch allesamt Botschaften, die ich mehr oder weniger selbst repräsentiere: Selbstliebe, Rücksicht auf sich selbst, Wut gegenüber gesellschaftlichen Grenzen für Frauen und andere Marginalisierte usw. Nur wenige stimmen in ihrer Aussage nicht mit meinen eigenen Überzeugungen überein. Gut gefällt mir auch die Aufmachung: Rupi Kaur hat mindestens jede zweite Seite illustriert, das Buch liegt als Hardcover gut in der Hand und laut Info-Mail des Verlags hat die Autorin „in einem Instagram-Post offenbart“, dass die Farbe des Covers „stellvertretend für ihre Hautfarbe“ steht. Das trägt noch einmal eine ganz besondere Bedeutung mit sich, finde ich, und macht das Buch sehr persönlich.

Etwas schade finde ich, dass sich nicht alle Texte wirklich an dem Titel orientieren. Wobei – andersherum wird wohl eher ein Schuh draus: der Titel home body beziehungsweise der Deutsche Untertitel zu hause in mir trifft leider nicht alle Texte. So gibt es auch Verse, in denen (Kindes-) Missbrauch verarbeitet wird oder Vergewaltigungen Erwähnung finden. Das hat zwar alles seine Daseinsberechtigung und gehört für Rupi Kaur wahrscheinlich auch zum Verarbeitungsprozess. Zu Selbst-Akzeptanz gehört auch, die Geschichte (und eventuelle Misshandlungen) des eigenen Körpers zu verarbeiten und zu akzeptieren. Es ist also völlig okay, dass Texte zu diesen Themen Raum in Textsammlungen finden. Für mich gingen Verse wie diese aber etwas am titelgebenden Thema vorbei oder waren zumindest ziemlich überraschend. Ich hatte etwas anderes erwartet, mehr in Richtung Wellness und Empowerment und weniger düster.

Und leider muss ich abschließend auch feststellen, dass sich meine Einstellung zu Lyrik nicht verändert hat. Sie ist zwischendurch ganz nett zu lesen, und manche Texte fassen auch schön in Worte, was ich mir oft genug still denke. Aber ich persönlich finde die Werke nicht so überwältigend und faszinierend, wie viele andere Leute in den letzten Monaten und Jahren sagten.
Meiner Meinung nach ist das Buch auch ziemlich teuer für so „wenig“ Inhalt. Ja, es ist ein Hardcover. Das eBook ist aber mit 9,99 € auch nicht so viel günstiger. Und 16,00 € für 192 Seiten finde ich auch dann viel, wenn es Prosa ist, also zum Beispiel ein Roman. Hier sind jedoch im Gegensatz zu Prosa die größten Teile der Seiten weiß und leer.

Positiv

gute Botschaften
ein paar sehr, sehr gute Texte
schöne Aufmachung

Negativ

überwiegend andere Themen als erwartet
ziemlich teuer für so wenig Inhalt

Fazit

Es ist natürlich Ansichtssache und jede:r hat ihre:seine eigenen Vorlieben. Für mich ist die Lyrik-Verpackung der hier behandelten Themen – und diese sind richtig und wichtig! – einfach nicht die passend. Ich persönlich lese lieber einen Roman, in dem die Themen verarbeitet werden. Für Poesie finde ich die Texte aber gut …

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 18.11.2020

Ein bisschen am Thema vorbei

Wonderlands
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Ich liebe Fantasy- und Science-Fiction-Bücher. Ich liebe Fantasy- und Science-Fiction-Filme und -Serien. Die im Untertitel von Wonderlands genannten „fantastischen Welten“ faszinieren mich. Deshalb habe ...

Ich liebe Fantasy- und Science-Fiction-Bücher. Ich liebe Fantasy- und Science-Fiction-Filme und -Serien. Die im Untertitel von Wonderlands genannten „fantastischen Welten“ faszinieren mich. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als in meinem E-Mail-Postfach ein Newsletter von der Agentur Literaturtest einging, in dem das Buch Wonderlands beworben wurde. Ob ich eventuell Interesse an einem Rezensionsexemplar hätte? Na klar hatte ich Interesse! Im Untertitel und dem Beschreibungstext wurden bekannte Geschichten genannt, das Cover gab Aussicht auf Kartenmaterial (ich mag Karten, habe sogar eine Vorlesung zu Kartografie besucht, obwohl das mit meinem Studium rein gar nichts zu tun hat) und die Seitenanzahl ließ vermuten, dass dieses Buch nur so vor Worldbuilding strotzt.

Nun ja. Vielleicht hatte ich zu hohe Erwartungen, vielleicht hätte ich auch die Leseprobe vor meiner Zusage lesen sollen. So begeistert, wie ich vermutet hatte, bin ich von Wonderlands nämlich nicht.

Das Buch erzählt in chronologischer Reihenfolge von den enthaltenen Werken, wobei sich die Einordnung am Entstehungszeitpunkt der Geschichten orientiert. Die großen Kapitel heißen „Alte Mythen und Legenden bis 1700“, „Wissenschaft und Romantik 1701-1900“, „Das goldene Zeitalter der Fantasy 1901-1945“, „Neue Weltordnung 1946-1980“ und „Das Computerzeitalter 1981-heute“. Jede Geschichte bekommt dabei eine bis zwei Doppelseiten Raum, auf denen diverse Bilder untergebracht sind. Meist ist eine Abbildung des/der Autor:in dabei, das Cover der Originalausgabe oder bei den ganz alten Texten Fotos der handschriftlichen Manuskripte. Auch Gemälde und Illustrationen, die sich der beschriebenen Geschichte oder ihren Figuren widmen, finden ihren Platz. Dazu kommen durchaus informative Texte, in denen der Inhalt knapp umrissen und der/die Verfasser:in des Werks vorgestellt wird.

Die verschiedenen Autor:innen, die an Wonderlands mitgewirkt haben, die übrigens am Ende des Buches in einer Übersicht kurz vorgestellt werden, verdeutlichen in ihren Texten auch, warum die beschriebenen Werke relevant für die Geschichte und Entwicklung des Genres Fantastik – also Fantasy und Science Fiction – sind. Dadurch eignet sich Wonderlands sicher hervorragend als Nachschlagewerk für bedeutsame Werke der Fantastik-Literatur. Es erinnert mich deshalb in seinem Aufbau ein bisschen an 66 Bücher, von denen alle sagen, dass du sie gelesen haben musst von Alexandra Fischer-Hunold, das ich vor etwa drei Jahren gelesen und rezensiert habe. Nur, dass es bei Wonderlands einen thematischen Schwerpunkt gibt.

Was mir bei all diesen Informationen aber zu kurz kam, war das Worldbuilding. Die Welten, die die jeweiligen Autor:innen erschufen, der Weltenbau, der diesem Buch seinen Namen gab – das ging in den Zusammenfassungen von Inhalt und Lebensgeschichte unter. Immerhin geht es doch um die Welten und nicht um die Figuren und Autor:innen, oder? Das steht doch im Titel! Und gerade diese Thematik bietet die Möglichkeit, Karten zu verwenden.

Tolkiens Der Herr der Ringe-Welt ist wohl eines der bekanntesten Beispiele aus Wonderlands, für das umfassendes Kartenmaterial existiert. Warum es dann nicht verwenden, wenn die Welt von Mittelerde im Fokus stehen soll? Stattdessen hat man eine Skizze von dem Turm von Isengard abgedruckt. Von 100 genannten Werken wurde nur für elf (!) davon Kartenmaterial eingebunden. Diese gehören zum Beispiel zu George R. R. Martins Game of Thrones, Ursula K. Le Guins Der Magier der Erdsee, C. S. Lewis‘ Die Chroniken von Narnia, Edwin A. Abbotts Flächenland und Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel. Dabei sind das nicht immer Welt- oder Landkarten. Beim Flächenland ist es der Grundriss eines Hauses, bei der Schatzinsel wird die Schatzkarte dargestellt und nicht die ganze Welt.

Neben dem Titel ist auch der Untertitel etwas irreführend, beziehungsweise wird das Werk dem Untertitel ebenfalls nicht gerecht. Es werden viele moderne Namen genannt: J. K. Rowling, Stephen King, Haruki Murakami. Da aber die chronologische Entwicklung von fantastischen Welten dargestellt werden soll (jedenfalls vermute ich das, denn auf die Details der jeweiligen Welten wird ja nur sehr oberflächlich eingegangen), beginnt der Zeitstrahl bei dem Gilgamesch Epos um 1750 vor Chr. Wer sich also nicht für ältere, alte und sehr, sehr alte Texte interessiert, sondern eher auf aktuelle und moderne Welten hofft, wird mit einer Enttäuschung rechnen müssen.

Für mich liegt der Fokus von Wonderlands definitiv zu sehr auf der Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke und auf dem „wer schreibt bei wem ab“. Ich hätte mir mehr Details – insbesondere in Form von Kartenmaterial – über die einzelnen Welten gewünscht.


Positiv:
- informative, kurze Texte zum jeweiligen Werk
- nachvollziehbarer chronologischer Aufbau
- gut als Nachschlagewerk zur Entwicklung der Science Fiction/Fantasy geeignet

Negativ:
- Cover ist irreführend: zu wenig Kartenmaterial
- Untertitel ist irreführend: weniger moderne, mehr alte Werke
- Es wird kaum über die Welt gesprochen: am Titel und Thema vorbei!

Fazit
Diese Sammlung von Worldbuilding-Beispielen ist als Nachschlagewerk durchaus sehenswert: Kurze informative Texte vermitteln knapp den jeweiligen Inhalt und verdeutlichen, warum ein Werk wichtig für die Geschichte von Fantasy- und Science-Fiction-Texten ist. Dazu ist auch abwechslungsreiches Bildmaterial enthalten. Die Texte behandeln die beschriebenen Welten für meinen Geschmack aber viel zu oberflächlich. Ich hätte mir gerade bei diesem Thema auch mehr Karten gewünscht – z. B. Tolkiens Welt bietet sich dafür geradezu an. Das ist meiner Meinung nach eine verpasste Gelegenheit.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.10.2020

Ich bin sehr enttäuscht von diesem Roman

Die Gabe der Sattlerin
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Ich habe mich gefreut, als ich die Zusage für meine Teilnahme an der Lesejury-Leserunde zu Die Gabe der Sattlerin bekam. Es ist schon etwas her, dass ich einen historischen Roman gelesen habe, und etwas ...

Ich habe mich gefreut, als ich die Zusage für meine Teilnahme an der Lesejury-Leserunde zu Die Gabe der Sattlerin bekam. Es ist schon etwas her, dass ich einen historischen Roman gelesen habe, und etwas Abwechslung konnte ich gut gebrauchen. Da ich weiß, dass historische Romane oft etwas länger brauchen als andere, um die Geschichte in Gang zu bringen, hat mir die Leseprobe auch zugesagt – obwohl sie endete, bevor die Handlung so richtig beginnen konnte. Leider hat der Rest des Buches meine Erwartungen nicht wirklich erfüllen können.

Was habe ich erwartet?
Cover, Titel und Klappentext verweisen auf eine weibliche Protagonistin, die sich aus einer ungewollten Verlobung befreit und ihren eigenen Weg in der Welt sucht. Sie hat scheinbar eine Gabe, die sie von anderen Menschen unterscheidet, und ist hoch zu Ross unterwegs. Der Klappentext deutet außerdem an, dass sie ein neues Leben beginnt.
Meine Erwartungen gingen also in Richtung einer Coming of Age-Handlung mit einer jungen Frau im Fokus, deren Wunsch nach Selbstbestimmung von der damaligen Gesellschaft nicht vorgesehen ist. Ich habe mir detaillierte Einblicke in das Handwerk einer Sattlerin gewünscht und gehofft, dass von Liebesgeschichten abgesehen wird.

Was bietet das Buch tatsächlich?
Ich bin ziemlich enttäuscht, um es direkt zu sagen. Während die gesamte Verpackung der Geschichte – Titel, Cover, sogar der Klappentext und die Leseproben-Kapitel – betonen, dass Charlotte die Protagonistin dieses Romans ist, habe ich einen völlig anderen Eindruck gewonnen.

Meiner Ansicht nach rückt Schiller im Lauf der Zeit viel mehr ins Zentrum der Geschichte als Charlotte. Dieser Roman fühlt sich an wie eine Fantasie des Autors über die Entstehungsgeschichte von Schillers „Die Räuber“. Als solche versetzt er die historische Person Schiller in ein Szenario mit fiktiven und weiteren historischen Figuren. Er beschreibt detailliert, wie Schiller an bestimmten Szenen seines Stücks arbeitet, welche Sätze er gerade schreibt. Er findet einen Weg, Schiller in ein Räuberlager zu schicken, damit dieser sieht, wie es wirklich ist. Charlotte ist mehr eine Nebenfigur, die nicht einmal ausschlaggebend für die Entwicklung der Geschichte ist. In einer einzigen Szene scheint ihre Anwesenheit wichtig für den weiteren Verlauf zu sein, da sie eine Information weitergibt. Ansonsten hätte man ihre Figur auch einfach weglassen können.

Das finde ich nicht nur sehr schade, sondern ich bin ziemlich verärgert darüber. Schließlich sollte sie die Protagonistin sein! Und die Gabe, von der im Titel die Rede ist? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was damit gemeint sein soll. Vielleicht ist es ihr Handwerk. Vielleicht die Tatsache, dass ihr alles zuzufallen scheint, ohne, dass sie sich wirklich anstrengen müsste. Immerhin ist sie allein, ohne Wechselkleidung oder größere Mengen Lebensmittel oder Geld unterwegs, und obwohl sie mehreren (auf den ersten Blick) zwielichtigen Gestalten begegnet, inklusive einer waschechten Räuberbande, gerät sie nicht ernsthaft in Gefahr. Dennoch, eine Gabe habe ich nicht entdecken können. Warum gibt man einem Buch einen Titel, der total in die Irre führt? Meine Erwartungen gingen also in eine völlig andere Richtung als die Handlung des Romans. Und das hätte ganz einfach vermieden werden können, indem man einfach mit dem wirbt, was das Buch tatsächlich enthält.

Schade finde ich auch, dass alle Männer in Charlottes Umfeld ihr scheinbar an die Wäsche wollen. Schiller selbst hat vielleicht noch ein etwas intellektuelles Interesse, okay. Aber der Herzog, einige Mitglieder der Räuberbande, der Sohn des Gestütsleiters, ein italienischer Händler, ihr Verlobter, der ganz eindeutig von Consent noch nie gehört hat – es ist einfach zu viel und zu unrealistisch. Es hat auch auf den Handlungsverlauf überhaupt keinen Effekt, dass ihr die Männer zu Füßen liegen. Wenn es irgendwie relevant wäre, könnte ich das ja noch verstehen, aber es spielt überhaupt keine Rolle. Warum also die Person, die angeblich (aber nicht wirklich) im Fokus steht, zum Objekt degradieren, obwohl man sie als stark und unabhängig darstellen will? Diese Entscheidung seitens des Autors ergibt für mich – wie so manche anderen – einfach keinen Sinn. Generell spielen Frauen in diesem Roman kaum eine Rolle. Charlotte, ihre Schwestern, die Schatzwärtin des Herzogs und ein, zwei weitere Frauen, die wichtig genug waren, um einen Namen zu bekommen, sind als Einzige halbwegs relevant. Und dass ich mir die Namen dieser Frauen nicht merken konnte, sagt, glaube ich, so einiges darüber aus, wie wichtig sie wirklich sind und wie oft sie auftauchen.

Dazu kommt der Schreibstil. Wie schon gesagt legen historische Romane ein anderes Tempo vor als zum Beispiel Jugendromane oder Urban Fantasy: alles dauert etwas länger. Und das ist in Ordnung. Hier jedoch hat die Spannung so viele und so große Durchhänger, dass ich es kaum geschafft habe, mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen. Im letzten Drittel wurde es dann vorübergehend etwas angenehmer zu lesen, als die Handlung rapide angezogen wurde und alles Schlag auf Schlag ging – dazu gleich mehr. Insgesamt habe ich aber sehr viel länger gebraucht als sonst und damit den für die Leserunde geplanten Zeitrahmen immer wieder überschritten.

Kommen wir zum Ende. Oh, das Ende! Es ist endlich etwas passiert! Aber: wenn Tempo und Spannung bis zu diesem Punkt mehr oder weniger durchgehend schwach und schlapp am Boden kriechen, dann ist es schon auffällig, wenn alles plötzlich ganz schnell gehen muss. Das Ende ist das schlechteste, das ich seit längerer Zeit gelesen habe! Es ist zu abrupt, es führt die losen Fäden der Geschichte zu schluderig zusammen, es löst die Probleme der Handlung zu oberflächlich auf.

Diese Probleme werden, natürlich, von Männern gelöst. Charlotte erzählt einer Person ein Geheimnis und diese Person heckt einen Plan aus, der alle Eventualitäten berücksichtigt und alle Beteiligten zufriedenstellt. Innerhalb weniger Seiten. Genau genommen erfahren wir Leser:innen von diesem Plan erst, als Person A (männlich) Person B (männlich – Schiller, um genau zu sein) von der Erfolgreichen Umsetzung erzählt.
Charlotte erfährt erst viel, viel später durch einen Brief davon. Sie ist nämlich zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr in das Geschehen involviert. Nein, Charlotte ist inzwischen wieder zuhause. An dem Ort, den sie zu Beginn des Romans auf der Flucht vor der Verlobung verlassen hat. Denn wisst ihr was? Ihre Schwester hat sich in Charlottes Ex-Verlobten verliebt und die beiden sind ihr hinterher gereist, um sie wieder nach Hause zu holen. Natürlich lässt Charlotte da alles stehen und liegen, obwohl sie eine gute Anstellung und vielleicht sogar Freunde gefunden hatte. Die Frau, die am Anfang als so freiheitsliebend und selbstbewusst dargestellt wurde, geht einfach wieder zurück nach Hause, als klar wird, dass ihr Ex-Verlobter nicht mehr hinter ihr her ist? Also bitte.

Schließlich gibt es noch ein Glossar am Anfang und eine Danksagung am Ende des Buches. Das Glossar ist das einzige, was mir wirklich gut gefällt an diesem Roman. (Okay, das Cover ist zwar generisch, aber auch sehr schön. Es passt eben einfach nicht zum Inhalt.) Im Glossar sind die Figuren aufgelistet und es steht auch drin, wer fiktiv ist und wen es tatsächlich gegeben hat. Das fand ich gut gelungen. Die Danksagung ist ein anderes Kaliber. Statt einfach Danke zu sagen und die Personen zu benennen, die bei der Entstehung des Romans eine Rolle gespielt haben oder dem Autor persönlich wichtig sind, verwendet er diesen Platz im Buch, um seine Entscheidungen zu rechtfertigen.
Was ich ziemlich amüsant finde (im negativen Sinn): der Autor schreibt, und hier zitiere ich, „Man muss sich heute etwas einfühlen in die Sprache der Zeit. […] Wagt man das, ist es erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt. - Fürs Schreiben eines Romans kann das allerdings sehr hinderlich sein. Der Text soll ja nicht plötzlich zu antiquert klingen.“ Er dankt seiner Frau, dass sie darauf achtete, „dass es zu keinen sprachlichen Auswüchsen kam“. Meiner Meinung nach hat das nicht funktioniert. Ich kenne die anderen Bücher des Autors nicht. Aber wenn er in diesem Werk keine antiquierten sprachlichen Auswüchse sieht, dann hab ich auch nicht das Bedürfnis, mehr von ihm zu lesen.

Kurz zusammengefasst
Ich bin ziemlich enttäuscht von der Handlung und den Entscheidungen, die der Autor für diese Geschichte getroffen hat. Diese Enttäuschung hätte vermieden werden können, indem Autor und Verlag und/oder Agentur das Buch mit dem beworben und beschrieben hätten, was es tatsächlich auch beinhaltet. Und indem man dem Buch einen Titel gibt, der einen Sinn hat. Ich frage mich wirklich, was diese "Gabe" sein soll und wenn jemand eine Antwort darauf hat, würde ich mich darüber freuen.
Spannung ist meistens nicht vorhanden und die absurd rasche Auflösung am Ende, die absolut nicht zum Rest der Geschichte passte, war neben den ersten paar Kapiteln der einzige Teil des Romans, an dem ich nicht gelangweilt war. Sprachlich ist Die Gabe der Sattlerin kein Meisterwerk, aber okay. Besonders, wenn man beachtet, dass es ein historischer Roman ist und diese gern etwas schwülstig geschrieben sind – auch, wenn der Autor beteuert, er habe dies vermieden.

Ich würde diesem Buch nur einen von fünf Sternen geben. Da es zwischendurch aber doch ein paar kleine Momente gab, in denen mir das Lesen wirklich Spaß gemacht hat – Momente, in denen Charlotte im Fokus stand, in denen ihre Entscheidungen wichtig waren und in denen sie neue Erfahrungen machte – und weil ich die Idee, die im Klappentext beschrieben wurde wirklich gut finde, obwohl ihr Potenzial absolut nicht genutzt wurde, ringe ich mir einen zweiten Stern ab.

  • Cover
  • Handlung
  • Charaktere
  • Erzählstil
  • Thema
Veröffentlicht am 21.09.2020

Wunderschön illustriert und lehrreich

Einstein
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Den ersten Kontakt zu Torben Kuhlmanns wunderschön illustrierten Mäusebüchern hatte ich in der Uni. In meinem Studienfach Buchwissenschaft beschäftigten wir uns mit Augmented Reality und Kuhlmanns „Lindbergh“ ...


Den ersten Kontakt zu Torben Kuhlmanns wunderschön illustrierten Mäusebüchern hatte ich in der Uni. In meinem Studienfach Buchwissenschaft beschäftigten wir uns mit Augmented Reality und Kuhlmanns „Lindbergh“ war eines der untersuchten Bücher. Nach dem Seminar habe ich meiner Schwester und meinem Neffen das Buch geschenkt und meine Begeisterung weitergegeben. Jetzt ist mit „Einstein“ schon das vierte Mäusebuch da und ich konnte es kaum erwarten, hineinzuschauen.

In dieser Geschichte folgen wir einer kleinen Maus, die leider eine große Käsemesse verpasst hat und sich nun auf die Suche nach einer Möglichkeit macht, die Zeit zurückzudrehen. Dabei begegnet sie nach einer Weile Albert Einstein, der damals noch im Patentamt zu Bern arbeitete und seine großen Theorien und Ideen noch nicht entwickelt hatte. Tatsächlich könnte man nach dem Lesen von „Einstein“ überlegen, ob es nicht vielleicht die kleine Maus war, die Einstein seine Ideen in den Kopf gesetzt hat …

Inhaltlich ist die Geschichte wieder sehr charmant geschrieben und die mathematischen Probleme sind kindgerecht eingebunden, ohne wirklich mathematisch und kompliziert zu werden. Ich mag, wie mit der Zeit gespielt wird: hat die Taschenuhr, die der Maus geschenkt wird, vielleicht deshalb eine Delle, weil sie die Uhr während einer Zeitreise in die Vergangenheit fallen lässt? Auch der Schweizer Dialekt der heimischen Mäuse wird stellenweise sehr amüsant eingebaut.

Die Bilder sind wieder einmal wahnsinnig schön. Ich mag es, bei jeder neuen Betrachtung einer Doppelseiten-Illustration ein neues Detail zu entdecken. Die Kombination aus Aquarellfarbe und Buntstiftenhat mir schon immer sehr gefallen und Kuhlmann setzt es klasse um. Auch das Farbschema, mit dem der Künstler arbeitet, gefällt mir sehr. Viele Kinderbücher, die heute produziert werden, haben schrille, intensive Farben, die für mein Empfinden oft „too much“ sind. Hier wird mit gedeckten Farben und überwiegend mit Erdtönen gearbeitet. Das finde ich sehr ansprechend.

Fazit
Ich mag die Art dieser Buchreihe: eine charmante Geschichte mit lehrreichem Ansatz für Kinder, verpackt in atemberaubend schöne Illustrationen. „Einstein“ steht kein bisschen hinter den bisherigen Büchern von Torben Kuhlmann zurück und ich bin gespannt, welche historische Figur er sich als nächstes vornimmt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.09.2020

Ein Slice of Life-Jugendroman

Das Salzwasserjahr
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Das Salzwasserjahr - ein Titel, der wirklich neugierig macht. Er war ausschlaggebend dafür, dass ich mich mit diesem Buch genauer beschäftigt und es schließlich auch gelesen habe. Ein bisschen irreführend ...

Das Salzwasserjahr - ein Titel, der wirklich neugierig macht. Er war ausschlaggebend dafür, dass ich mich mit diesem Buch genauer beschäftigt und es schließlich auch gelesen habe. Ein bisschen irreführend ist er aber auch, wenn man genauer drüber nachdenkt: so viel Salzwasser - abgesehen vom Meer - gibt es in der Geschichte gar nicht.

Ich fand es schön, wie nüchtern und normal dieser Junge sein Jahr in Australien beschreibt. Gleichzeitig lebt das Buch von seiner großartigen Sprache - Worte und Phrasen, die mich immer wieder kurz haben innehalten lassen. Dabei war die Sprache nicht hochtrabend oder besonders elitär, aber auch nicht dumpf und beinahe schon stumpfsinnig, wie leider viele Jugendbücher aus der Perspektive von Jugendlichen geschrieben werden; als ob der erwachsene Autor glaubt, dass junge Menschen nur "ey Alter" und "Digga" sagen. Das ist hier gar nicht so. Stattdessen wirkt die gewählte Sprache absolut authentisch jugendlich und intelligent. Das fand ich sehr angenehm zu lesen.

Inhaltlich passiert gar nicht so viel, deshalb würde ich das Buch wohl am ehesten als Slice of Life bezeichnen: "Das Salzwasserjahr" lässt uns LeserInnen an einem Jahr im Leben des Protagonisten teilhaben, ohne Davor und Danach. Das hat den Nachteil, dass ich nicht erfahren habe, wie es mit (Jan)Nik und Levi, einem Freund aus der Heimat, deren Freundschaft wohl kurz vor Niks Aufbruch in den Süden zu bröckeln begonnen hat, weiter geht. Nik denkt oft an Levi und fragt sich, ob sein Freund ich in diesem einen Jahr auch weiterentwickelt hat. Aber leider erfahren wir LeserInnen nie die Antwort.

Während Nik sich zuerst schwertut, anzukommen und Freunde zu finden - zugegeben, er ist auch nicht gerade in die stabilste Familie gekommen -, trifft er auf umso speziellere Fremde, die zu Freunden werden: der Obdachlose, der am Strand Sandskulpturen baut und meist fröhlich und optimistisch ist, aber auch sehr traurig sein kann; das Mädchen, mit dem er Wort-Geschenke austauscht (die Idee finde ich ja mal sowas von großartig!) und auf die er schließlich ein Auge wirft.

Es werden Themen wie Depression oder Weglaufen von der Familie in die Geschichte eingebaut, was mir gut gefällt. Es wirkt realistischer und noch normaler, alltäglicher. Solche Dinge sind eben normal und kommen vor - man sollte sie nicht verschweigen, wenn man Romane schreibt. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Für die Depressionen hätte ich mir allerdings eine Triggerwarnung gewünscht. Ich selbst bin zwar nicht betroffen, aber die Art und Weise, wie die Krankheit beschrieben wird, hätte meiner Meinung nach eine Warnung für Betroffene verdient.

Durch den Alltagscharakter der Geschichte, die wenig abenteuerlichen Erlebnisse und die Normalo-Haltung von Nik ist die Handlung leider etwas schleppend. Ich habe länger zum Lesen gebraucht als sonst für Bücher mit diesem Umfang, weil ich oft nicht mehr als 20 oder 30 Seiten am Stück lesen konnte, ohne mich zu langweilen. Und jedes Mal habe ich 2, 3 Seiten gebraucht, um wieder reinzukommen. Die Sprache hat etwas gegen diesen Effekt angewirkt, aber insgesamt hätte ich mir einen schnelleren Handlungsfortschritt gewünscht.

Insgesamt hat mir das Buch aber gefallen. Es war anders, als viele Jugendbücher, die ich sonst lese, und die Sprache hat mir großen Spaß gemacht. Es mangelte an der Geschwindigkeit in der Handlung und auch ein bisschen am Inhalt: es hätte gern mehr passieren dürfen. Für den Slice of Life-Charakter des Buches war es perfekt, ich habe auf Basis des Klappentextes einfach eine andere Art von Geschichte erwartet.

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