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Nilchen

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Eine kluge, unterhaltsame und tiefgründige Doppelbiografie

Warren Buffett und Bill Gates
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Mit seinem Buch Warren and Bill: Gates – Die einflussreichste Freundschaft der Welt wirft Anthony McCarten einen faszinierenden Blick auf zwei der einflussreichsten Männer unserer Zeit – und auf die ungewöhnliche ...

Mit seinem Buch Warren and Bill: Gates – Die einflussreichste Freundschaft der Welt wirft Anthony McCarten einen faszinierenden Blick auf zwei der einflussreichsten Männer unserer Zeit – und auf die ungewöhnliche Freundschaft, die sie miteinander verbindet. Was zunächst wie ein klassisches Wirtschaftsporträt klingt, entpuppt sich als feinfühlig erzähltes Buch über Nähe, Einfluss, Werte und Verantwortung.
Zwei Männer, zwei Welten – eine Vision
Bill Gates, der technikbegeisterte, durchgetaktete Microsoft-Mitgründer, trifft auf Warren Buffett, den bodenständigen Investment-Guru aus Omaha. Zwei Persönlichkeiten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten – und dennoch entsteht zwischen ihnen in den 1990er-Jahren eine der bemerkenswertesten Freundschaften des 21. Jahrhunderts. McCarten beschreibt eindrücklich, wie Gates’ anfängliche Skepsis gegenüber Buffett schnell in Bewunderung umschlägt – ein Gespräch reicht, und eine lebenslange Verbindung beginnt.
Spannend ist dabei die Alltäglichkeit ihrer Beziehung: sie spielen Bridge (auch online), essen Fast Food, scherzen über ihre Eigenheiten. Und doch ist es gerade diese Vertrautheit, aus der ein beispielloser Einfluss auf Wirtschaft, Philanthropie und globale Gesundheitsfragen erwächst.
Der größte Deal der Welt – ohne Geld
Das zentrale Projekt ihrer Freundschaft ist die Zusammenarbeit in der Bill & Melinda Gates Foundation. Buffett bringt rund 85 % seines Vermögens in die Stiftung ein – eine beispiellose Geste des Vertrauens und der Überzeugung. Gemeinsam arbeiten sie daran, globale Herausforderungen wie Malaria, Armut und mangelnde Bildung zu bekämpfen. McCarten zeigt hier eindrucksvoll, dass ihr “größter Deal” keiner an der Börse war, sondern einer für die Menschheit.
Persönlich und politisch
Besonders berührend sind jene Passagen, in denen McCarten von den privaten Momenten berichtet. Etwa wenn Gates sich in seinem streng durchgetakteten Alltag eine „Pause“ gönnt und mit dem Privatjet zu Buffett fliegt, um Abstand von Meetings, Medien und Melinda zu gewinnen. Oder wenn Gates rückblickend erkennt: „Ich hätte viel früher lernen sollen, dass man nicht jede Minute verplanen muss, um erfolgreich zu sein.“
Auch die Reibungspunkte spart McCarten nicht aus: Nach Gates’ Scheidung von Melinda French Gates 2021 tritt Buffett aus der Stiftung aus. Die Freundschaft habe sich abgekühlt, heißt es. Doch McCarten behandelt diese Entwicklung mit Respekt und stellt Fragen, die über das Persönliche hinausgehen: Wie viel Macht dürfen Einzelne haben? Ist es gesund, wenn private Akteure globale Agenden setzen?
Ein vielschichtiges Porträt
McCartens Stärke liegt darin, Fakten, Anekdoten und kritische Reflexion miteinander zu verweben. Er schreibt klug, ohne zu dozieren, charmant, ohne zu verklären. Die beiden Männer werden nicht als Helden stilisiert, sondern als Menschen mit Ambitionen, Fehlern, Stärken – und als Vorbilder für eine neue Art von Verantwortung.
Fazit
Warren and Bill: Gates – Die einflussreichste Freundschaft der Welt ist ein ebenso unterhaltsames wie aufschlussreiches Buch über eine Freundschaft, die aus einer zufälligen Begegnung entstand und globale Wirkung entfaltete. McCarten gelingt ein Porträt, das weit über Wirtschaft hinausgeht – ein Buch über Vertrauen, Wandel, Macht und Menschlichkeit.
Unbedingt lesenswert – für alle, die sich für Biografien, Zeitgeschichte und das Zusammenspiel von persönlicher Beziehung und globaler Verantwortung interessieren.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Ein feministischer Roman über Wissenschaft, Mutterrollen und die stille Weitergabe von Traumata

Die Summe unserer Teile
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Paola Lopez’ Debütroman Die Summe unserer Teile ist mehr als ein feinfühliges Familiendrama: Es ist ein feministisch grundierter, literarisch vielschichtiger Roman über drei Generationen von Frauen, deren ...

Paola Lopez’ Debütroman Die Summe unserer Teile ist mehr als ein feinfühliges Familiendrama: Es ist ein feministisch grundierter, literarisch vielschichtiger Roman über drei Generationen von Frauen, deren Leben nicht nur durch familiäre Bande, sondern durch eine gemeinsame Leidenschaft für die Wissenschaft miteinander verwoben sind – und die dennoch über Jahrzehnte voneinander entfremdet wurden. Die Geschichte spannt sich über achtzig Jahre und drei Kontinente – von Polen über den Libanon bis nach Deutschland – und berührt dabei zentrale Themen wie Selbstbestimmung, Rollenerwartungen und die Weitergabe (und den Bruch) generationsübergreifender Prägungen.
Drei Frauen, drei Wissenschaften – ein Kampf um Autonomie
Lopez erzählt von der Chemikerin Lyudmila, die als junge Frau aus dem vom Krieg zerstörten Polen in den Libanon flieht, wo sie sich eine wissenschaftliche Karriere in einem männlich dominierten Umfeld erkämpft – eine stille feministische Pionierleistung, für die sie jedoch einen hohen Preis zahlt: emotionale Kälte, soziale Isolation, Schweigen. Ihre Tochter Daria, geprägt von dieser Härte, wird Ärztin, Mutter, Ehefrau – und reproduziert in neuem Gewand jene Härten, unter denen sie selbst gelitten hat: Überforderung, Überbehütung, Übertragung unerfüllter Träume. Die jüngste Generation, Lucy, ist Informatikstudentin in Berlin – und sie ist es, die durch einen Zufall (der Lieferung des alten Konzertflügels ihrer Kindheit) beginnt, die Bruchstücke dieser komplizierten Familiengeschichte zusammenzufügen.
Diese Konstellation von drei Naturwissenschaftlerinnen ist kein Zufall – sie ist eines der feministischen Kernstücke des Romans. Lopez wählt ganz bewusst kein traditionelles "Frauenberufsfeld", sondern siedelt ihre Figuren in jenen Disziplinen an, in denen weibliche Stimmen über Jahrzehnte marginalisiert wurden. Dabei gelingt es ihr, nicht nur die strukturellen Hürden und unausgesprochenen Kompromisse sichtbar zu machen, sondern auch die inneren Spannungen zwischen Selbstverwirklichung und familiärer Verantwortung. Hier zeigt sich ein zentrales Motiv des Romans: die Frage, wie viel Platz einer Frau im Leben eigentlich zusteht – und wer diesen Platz definiert.
Mutterschaft zwischen Kontrolle, Verlust und Erbe
Lopez entwirft in Die Summe unserer Teile ein differenziertes Bild von Mutterschaft, das sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Die Mütter in diesem Roman lieben – aber sie überfordern, projizieren, schweigen oder verletzen. Die Autorin kratzt – wie Mareike Fallwickl treffend formulierte – „verkrustete Glaubenssätze über Mutterschaft“ auf und zeigt, wie mühsam es ist, sich von den Erwartungen der eigenen Herkunft zu befreien. Besonders deutlich wird das im Verhältnis zwischen Daria und Lucy: Die eine will das Beste für ihr Kind, überhäuft es mit Möglichkeiten, während sie zugleich emotionale Nähe nicht zulassen kann. Die andere rebelliert, bricht den Kontakt ab – und sucht doch sehnsüchtig nach einem Stück Zugehörigkeit.
Diese Darstellung von Mutterschaft ist feministisch im besten Sinne: Sie entlarvt gängige Narrative und zeigt die Ambivalenz, die Überforderung, den Versuch, es "richtig" zu machen – und dabei sich selbst und die Beziehung zum Kind zu verlieren. Keine der Figuren wird idealisiert, aber jede wird ernst genommen in ihrer Verletzlichkeit und Unvollkommenheit. Lopez macht deutlich: Mutterschaft ist keine biologische Selbstverständlichkeit, sondern eine komplexe soziale Praxis – voller Brüche, Widersprüche und ungelebter Sehnsüchte.
Sprachlosigkeit und das Schweigen zwischen den Generationen
Ein weiterer feministischer Aspekt des Romans liegt in seiner eindringlichen Darstellung intergenerationeller Traumata und der "vererbten Sprachlosigkeit". Lopez zeigt, wie Konflikte nicht aus dem Nichts entstehen, sondern sich über Generationen hinweg aufschichten: unausgesprochene Verletzungen, Tabus, Missverständnisse. Die weiblichen Figuren tragen nicht nur die Last ihrer individuellen Biografien, sondern auch das Schweigen ihrer Mütter und Großmütter – und beginnen, daran zu zerbrechen oder sich davon zu befreien.
Besonders Lucy steht exemplarisch für eine junge Generation, die versucht, nicht nur Antworten zu finden, sondern sich die Geschichte selbst zu erschließen. Ihre Reise nach Sopot ist auch eine Reise zu einem möglichen Neubeginn. Sie steht für einen leisen, aber entschlossenen Bruch mit den Mustern der Vergangenheit – ohne die Wurzeln zu kappen. Der Roman endet nicht mit einer vollständigen Versöhnung, aber mit einem tastenden, glaubwürdigen Schritt in diese Richtung.
Fazit: Ein vielstimmiger, feministisch geprägter Generationenroman
Die Summe unserer Teile ist ein bemerkenswerter Roman, der das Persönliche mit dem Politischen verwebt – leise, aber eindringlich. Paola Lopez gelingt es, Fragen nach Identität, Herkunft und Selbstverwirklichung mit einem feministischen Blick auf weibliche Lebenswege zu verbinden. Ihre Figuren sind glaubwürdig, ihre Konflikte real, ihre Entwicklung offen genug, um Spielraum für eigene Deutungen zu lassen.
Wer sich für Geschichten interessiert, in denen Frauen nicht nur über etwas, sondern für sich selbst sprechen, wird in diesem Roman eine starke literarische Stimme entdecken. Lopez erzählt nicht von Heldinnen – sondern von Frauen, die sich selbst und ihre Geschichte zurückerobern. Und das ist vielleicht das Feministischste, was Literatur leisten kann.

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Ein Herz für Nachbarn

Ms Darling und ihre Nachbarn
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Nachdem mich Freya Sampson bereits mit Menschen, die wir noch nicht kennen tief berührt und begeistert hat, war ich gespannt auf ihren neuen Roman Ms Darling und ihre Nachbarn. Und was soll ich sagen? ...

Nachdem mich Freya Sampson bereits mit Menschen, die wir noch nicht kennen tief berührt und begeistert hat, war ich gespannt auf ihren neuen Roman Ms Darling und ihre Nachbarn. Und was soll ich sagen? Auch diese Geschichte hat mich vom ersten Kapitel an nicht mehr losgelassen. Es ist ein Roman über Einsamkeit und Zusammenhalt, über Vorurteile und zweite Chancen – und über die Kraft, die in einer echten Gemeinschaft steckt.
Im Mittelpunkt steht Dorothy Darling, 77 Jahre alt, akribisch, streng – und auf den ersten Blick alles andere als liebenswert. Mit Argusaugen überwacht sie das Geschehen in Shelley House, protokolliert jede kleine Ordnungswidrigkeit, schreibt Beschwerdebriefe und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Mitmenschen an Regeln zu erinnern, die oft nur in ihrem eigenen Kopf existieren. Dorothy scheint ein Relikt vergangener Zeiten zu sein – ein Mensch, der sich hinter Regeln und Routinen versteckt.
Doch dann zieht Kat ein, 25, laut, bunt, impulsiv – und, aus Dorothys Sicht, das Chaos in Person. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch zwingt ein gemeinsames Ziel sie dazu, ihre Vorurteile zu hinterfragen und aufeinander zuzugehen: Das geliebte Shelley House soll abgerissen werden, um Luxusapartments zu weichen. Als dann auch noch der hilfsbereite Nachbar Joseph Opfer eines brutalen Überfalls wird, ist klar – es braucht Zusammenhalt, wenn sie ihr Zuhause retten wollen.
Freya Sampson versteht es meisterhaft, Figuren zum Leben zu erwecken. Die Bewohner von Shelley House sind liebevoll gezeichnet – schrullig, verletzt, manchmal unnahbar, aber durchweg glaubwürdig. Mit jeder Seite wachsen sie einem mehr ans Herz. Was anfangs wie eine leichte Sommerlektüre wirkt, entwickelt schnell emotionale Tiefe. Jeder einzelne Charakter trägt seine eigene Geschichte mit sich, seine eigene Verletzlichkeit. Die leisen Töne, die Traurigkeit hinter der Fassade, der langsame Aufbau von Vertrauen – all das ist feinfühlig und warmherzig erzählt.
Besonders hervorzuheben ist auch die Übersetzung von Claudia Voit. Sie trifft den Ton der Originalfassung wunderbar und bewahrt die feinsinnige Balance zwischen Humor, Melancholie und Hoffnung, die Freya Sampsons Schreibstil so besonders macht.
Ms Darling und ihre Nachbarn ist ein Roman, der berührt, ohne kitschig zu sein. Er erzählt davon, wie schnell man Menschen abstempelt – und wie heilsam es sein kann, ihnen dennoch eine Chance zu geben. Wie aus Fremden Freunde werden können, wenn man bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen.
Mein Fazit:
Ein wunderbares Buch über Gemeinschaft, Mut und die Magie des zweiten Blicks. Ideal für alle, die Geschichten über ungewöhnliche Freundschaften, stille Helden und die Kraft des Zusammenhalts lieben. Perfekt für den Sommer – oder für jeden Tag, an dem man sich ein wenig Hoffnung und Herzenswärme wünscht. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Sternstunde für Sinnsucher

Stars
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Mit Stars gelingt Katja Kullmann ein feinfühliger, kluger und dabei überraschend unterhaltsamer Roman über Identität, (Selbst-)Täuschung und die ewige Sehnsucht nach Orientierung – besonders in Zeiten ...

Mit Stars gelingt Katja Kullmann ein feinfühliger, kluger und dabei überraschend unterhaltsamer Roman über Identität, (Selbst-)Täuschung und die ewige Sehnsucht nach Orientierung – besonders in Zeiten gesellschaftlicher Unruhe. Die Journalistin und Autorin, die mit ihrem Essayband Generation Ally bereits 2003 große Aufmerksamkeit erregte und den Deutschen Bücherpreis gewann, verbindet in diesem Roman ihre gesellschaftspolitische Beobachtungsschärfe mit erzählerischer Leichtigkeit.
Im Mittelpunkt steht Carla Mittmann, eine einst idealistische Philosophiestudentin, die ihr Leben in der Serviceabteilung eines Möbelhauses versickern lässt. Ihre kleine Horoskop-Website betreibt sie eher ironisch als mit spirituellem Ernst. Doch dann landet eines Tages ein mysteriöser Schuhkarton mit 10.000 Dollar vor ihrer Tür – Absender unbekannt. Diese absurde Wende nutzt Carla, um auszubrechen: aus der Tretmühle, aus dem Mittelmaß, aus der Bedeutungslosigkeit. Sie kündigt ihren Job und startet durch – als „Astro-Charly“, Starastrologin mit wachsender Online-Fangemeinde und echtem Glamour-Faktor.
Kullmann beschreibt diesen Weg vom spirituellen Seitensprung zur markttauglichen Selbstverwirklichung mit spitzer Feder, Ironie und sehr viel Gespür für unsere Zeit. Denn Stars ist kein esoterisches Märchen, sondern ein präziser, manchmal melancholischer, oft komischer Blick auf eine Frau, die sich neu erfindet – in einer Welt, in der Selbstoptimierung, Selbstdarstellung und Sinnsuche miteinander verschmelzen. Carla ist keine typische Heldin, eher eine Antiheldin mit Ecken, Brüchen und leiser Wut im Bauch. Gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig und nahbar.
Stilistisch überzeugt Kullmann mit ihrem markanten, klaren Ton – mal spöttisch, mal zärtlich, immer sehr gegenwärtig. Die Dialoge sitzen, die Beobachtungen sind messerscharf, ohne je zynisch zu sein. Der Roman behandelt große Themen: Lebenslügen, gesellschaftliche Deutungshoheiten, spirituelle Sehnsüchte – aber stets mit einem Augenzwinkern und ohne schwerfällig zu wirken.
Auch wenn man selbst nichts mit Astrologie am Hut hat, nimmt einen dieses Buch mit – weil es eben nicht um Sterne geht, sondern um das menschliche Bedürfnis, im Chaos der Welt ein Muster zu erkennen. Kullmann gelingt es, philosophische Tiefe und unterhaltsames Erzählen zu verbinden – eine seltene Gabe in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Fazit:
Stars ist ein witziger, nachdenklicher und hervorragend geschriebener Roman über eine Frau, die sich selbst neu erfindet. Katja Kullmann verbindet Scharfsinn, Gesellschaftskritik und Emotion zu einem Lesevergnügen mit Haltung – ein großer Wurf!

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Heimkehr in die Vergangenheit – Schuld, Schwestern und Selbstfindung

Die Inselschwimmerin
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Mit Die Inselschwimmerin legt Lorraine Kelly – bislang vor allem als britische Fernsehjournalistin bekannt – ihr Romandebüt vor. Entstanden ist ein gefühlvoller, zeitweise sehr bewegender Roman über Familie, ...

Mit Die Inselschwimmerin legt Lorraine Kelly – bislang vor allem als britische Fernsehjournalistin bekannt – ihr Romandebüt vor. Entstanden ist ein gefühlvoller, zeitweise sehr bewegender Roman über Familie, Schuld, Vergebung und das Finden von innerem Frieden – angesiedelt vor der rauen, atmosphärisch dichten Kulisse der schottischen Orkneyinseln.

Inhalt & Handlung
Im Mittelpunkt steht die 38-jährige Evie, die nach zwanzig Jahren in London auf die Orkneys zurückkehrt, um sich von ihrem sterbenden Vater zu verabschieden. Sie kommt zu spät – doch sie beschließt zu bleiben und sich ihrer belasteten Vergangenheit zu stellen. Das Verhältnis zu ihrer jüngeren Schwester Liv ist zerrüttet, ein traumatisches Ereignis liegt wie ein Schatten über der Familie. Während Evie das Elternhaus auflöst, findet sie Anschluss an eine Gruppe von Kaltwasserschwimmerinnen – starke Frauen, die ihr helfen, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Die Handlung wird auf drei Zeitebenen erzählt:
– Evies Kindheit ab den 1960er-Jahren
– Die dramatischen Geschehnisse im Jahr 2004
– Ihre Rückkehr im Jahr 2024

Dieser Aufbau schafft Spannung, lässt Raum für emotionale Tiefe und verleiht der Geschichte Struktur. Die zentrale Frage – welches Geheimnis Evie in die Flucht trieb – wirkt als verbindendes Element zwischen den Zeitebenen und hält die Leserschaft über weite Strecken in Atem.

Sprache & Stil
Angela Koonens Übersetzung ist einfühlsam und klar. Lorraine Kelly schreibt in einem angenehm flüssigen, bildhaften Stil, der manchmal etwas altmodisch wirkt, aber gut zur Atmosphäre der Inselwelt passt. Die wechselnden Perspektiven und Zeitsprünge ermöglichen einen tiefen Einblick in die Seelen der Figuren – vor allem Evies innerer Konflikt, ihre Schuldgefühle und ihr Weg zur Selbstvergebung sind überzeugend und nahbar dargestellt.

Charaktere
Die Figurenzeichnung ist vielschichtig, wenn auch nicht durchweg subtil. Evie wirkt authentisch, ihre Entwicklung glaubwürdig. Besonders gelungen ist auch die Figur von Freya – eine warmherzige Freundin ihres Vaters und eine Art moralischer Kompass im Roman. Liv hingegen bleibt in ihrer Rolle als destruktive Schwester etwas überzeichnet. Auch die Eltern – besonders die Mutter Cara – bedienen eher stereotype Rollenmuster.
Trotzdem gelingt es der Autorin, das Spannungsverhältnis innerhalb dieser zerrütteten Familie nachvollziehbar zu machen – und letztlich eine Geschichte zu erzählen, in der es um das Ringen um Anerkennung, Liebe und Wahrheit geht.

Stärken & Schwächen
Besonders positiv hervorzuheben ist der emotionale Tiefgang des Romans sowie das feine Gespür für zwischenmenschliche Spannungen. Auch die landschaftliche Kulisse der Orkneys bietet ein reizvolles Setting – obwohl hier atmosphärisch noch mehr möglich gewesen wäre.
Weniger überzeugend ist die Vielzahl an gesellschaftlichen Themen (Trauer, psychische Erkrankungen, LGBTQ, Krebs, Gewalt, Alzheimer u.a.), die zum Teil recht konstruiert wirken und nicht immer ausreichend auserzählt werden. Gegen Ende verliert der Roman etwas an Tempo und Stringenz – einige Handlungsstränge werden rasch aufgelöst, manches wirkt überhastet oder zu plakativ. Auch der Titel und die Bewerbung als „Schwimmroman“ sind leicht irreführend – das Schwimmen spielt nur eine symbolische, eher randständige Rolle.

Fazit
Die Inselschwimmerin ist ein gefühlvoller Roman über den Mut zur Versöhnung, die Kraft weiblicher Solidarität und die Suche nach Zugehörigkeit. Lorraine Kelly gelingt ein stimmiges Debüt, das trotz kleiner Schwächen überzeugt. Wer Familiengeschichten mit Tiefe, emotionaler Entwicklung und einer Prise Inselatmosphäre mag, wird hier fündig.

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