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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.05.2025

Sternstunde für Sinnsucher

Stars
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Mit Stars gelingt Katja Kullmann ein feinfühliger, kluger und dabei überraschend unterhaltsamer Roman über Identität, (Selbst-)Täuschung und die ewige Sehnsucht nach Orientierung – besonders in Zeiten ...

Mit Stars gelingt Katja Kullmann ein feinfühliger, kluger und dabei überraschend unterhaltsamer Roman über Identität, (Selbst-)Täuschung und die ewige Sehnsucht nach Orientierung – besonders in Zeiten gesellschaftlicher Unruhe. Die Journalistin und Autorin, die mit ihrem Essayband Generation Ally bereits 2003 große Aufmerksamkeit erregte und den Deutschen Bücherpreis gewann, verbindet in diesem Roman ihre gesellschaftspolitische Beobachtungsschärfe mit erzählerischer Leichtigkeit.
Im Mittelpunkt steht Carla Mittmann, eine einst idealistische Philosophiestudentin, die ihr Leben in der Serviceabteilung eines Möbelhauses versickern lässt. Ihre kleine Horoskop-Website betreibt sie eher ironisch als mit spirituellem Ernst. Doch dann landet eines Tages ein mysteriöser Schuhkarton mit 10.000 Dollar vor ihrer Tür – Absender unbekannt. Diese absurde Wende nutzt Carla, um auszubrechen: aus der Tretmühle, aus dem Mittelmaß, aus der Bedeutungslosigkeit. Sie kündigt ihren Job und startet durch – als „Astro-Charly“, Starastrologin mit wachsender Online-Fangemeinde und echtem Glamour-Faktor.
Kullmann beschreibt diesen Weg vom spirituellen Seitensprung zur markttauglichen Selbstverwirklichung mit spitzer Feder, Ironie und sehr viel Gespür für unsere Zeit. Denn Stars ist kein esoterisches Märchen, sondern ein präziser, manchmal melancholischer, oft komischer Blick auf eine Frau, die sich neu erfindet – in einer Welt, in der Selbstoptimierung, Selbstdarstellung und Sinnsuche miteinander verschmelzen. Carla ist keine typische Heldin, eher eine Antiheldin mit Ecken, Brüchen und leiser Wut im Bauch. Gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig und nahbar.
Stilistisch überzeugt Kullmann mit ihrem markanten, klaren Ton – mal spöttisch, mal zärtlich, immer sehr gegenwärtig. Die Dialoge sitzen, die Beobachtungen sind messerscharf, ohne je zynisch zu sein. Der Roman behandelt große Themen: Lebenslügen, gesellschaftliche Deutungshoheiten, spirituelle Sehnsüchte – aber stets mit einem Augenzwinkern und ohne schwerfällig zu wirken.
Auch wenn man selbst nichts mit Astrologie am Hut hat, nimmt einen dieses Buch mit – weil es eben nicht um Sterne geht, sondern um das menschliche Bedürfnis, im Chaos der Welt ein Muster zu erkennen. Kullmann gelingt es, philosophische Tiefe und unterhaltsames Erzählen zu verbinden – eine seltene Gabe in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Fazit:
Stars ist ein witziger, nachdenklicher und hervorragend geschriebener Roman über eine Frau, die sich selbst neu erfindet. Katja Kullmann verbindet Scharfsinn, Gesellschaftskritik und Emotion zu einem Lesevergnügen mit Haltung – ein großer Wurf!

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Heimkehr in die Vergangenheit – Schuld, Schwestern und Selbstfindung

Die Inselschwimmerin
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Mit Die Inselschwimmerin legt Lorraine Kelly – bislang vor allem als britische Fernsehjournalistin bekannt – ihr Romandebüt vor. Entstanden ist ein gefühlvoller, zeitweise sehr bewegender Roman über Familie, ...

Mit Die Inselschwimmerin legt Lorraine Kelly – bislang vor allem als britische Fernsehjournalistin bekannt – ihr Romandebüt vor. Entstanden ist ein gefühlvoller, zeitweise sehr bewegender Roman über Familie, Schuld, Vergebung und das Finden von innerem Frieden – angesiedelt vor der rauen, atmosphärisch dichten Kulisse der schottischen Orkneyinseln.

Inhalt & Handlung
Im Mittelpunkt steht die 38-jährige Evie, die nach zwanzig Jahren in London auf die Orkneys zurückkehrt, um sich von ihrem sterbenden Vater zu verabschieden. Sie kommt zu spät – doch sie beschließt zu bleiben und sich ihrer belasteten Vergangenheit zu stellen. Das Verhältnis zu ihrer jüngeren Schwester Liv ist zerrüttet, ein traumatisches Ereignis liegt wie ein Schatten über der Familie. Während Evie das Elternhaus auflöst, findet sie Anschluss an eine Gruppe von Kaltwasserschwimmerinnen – starke Frauen, die ihr helfen, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Die Handlung wird auf drei Zeitebenen erzählt:
– Evies Kindheit ab den 1960er-Jahren
– Die dramatischen Geschehnisse im Jahr 2004
– Ihre Rückkehr im Jahr 2024

Dieser Aufbau schafft Spannung, lässt Raum für emotionale Tiefe und verleiht der Geschichte Struktur. Die zentrale Frage – welches Geheimnis Evie in die Flucht trieb – wirkt als verbindendes Element zwischen den Zeitebenen und hält die Leserschaft über weite Strecken in Atem.

Sprache & Stil
Angela Koonens Übersetzung ist einfühlsam und klar. Lorraine Kelly schreibt in einem angenehm flüssigen, bildhaften Stil, der manchmal etwas altmodisch wirkt, aber gut zur Atmosphäre der Inselwelt passt. Die wechselnden Perspektiven und Zeitsprünge ermöglichen einen tiefen Einblick in die Seelen der Figuren – vor allem Evies innerer Konflikt, ihre Schuldgefühle und ihr Weg zur Selbstvergebung sind überzeugend und nahbar dargestellt.

Charaktere
Die Figurenzeichnung ist vielschichtig, wenn auch nicht durchweg subtil. Evie wirkt authentisch, ihre Entwicklung glaubwürdig. Besonders gelungen ist auch die Figur von Freya – eine warmherzige Freundin ihres Vaters und eine Art moralischer Kompass im Roman. Liv hingegen bleibt in ihrer Rolle als destruktive Schwester etwas überzeichnet. Auch die Eltern – besonders die Mutter Cara – bedienen eher stereotype Rollenmuster.
Trotzdem gelingt es der Autorin, das Spannungsverhältnis innerhalb dieser zerrütteten Familie nachvollziehbar zu machen – und letztlich eine Geschichte zu erzählen, in der es um das Ringen um Anerkennung, Liebe und Wahrheit geht.

Stärken & Schwächen
Besonders positiv hervorzuheben ist der emotionale Tiefgang des Romans sowie das feine Gespür für zwischenmenschliche Spannungen. Auch die landschaftliche Kulisse der Orkneys bietet ein reizvolles Setting – obwohl hier atmosphärisch noch mehr möglich gewesen wäre.
Weniger überzeugend ist die Vielzahl an gesellschaftlichen Themen (Trauer, psychische Erkrankungen, LGBTQ, Krebs, Gewalt, Alzheimer u.a.), die zum Teil recht konstruiert wirken und nicht immer ausreichend auserzählt werden. Gegen Ende verliert der Roman etwas an Tempo und Stringenz – einige Handlungsstränge werden rasch aufgelöst, manches wirkt überhastet oder zu plakativ. Auch der Titel und die Bewerbung als „Schwimmroman“ sind leicht irreführend – das Schwimmen spielt nur eine symbolische, eher randständige Rolle.

Fazit
Die Inselschwimmerin ist ein gefühlvoller Roman über den Mut zur Versöhnung, die Kraft weiblicher Solidarität und die Suche nach Zugehörigkeit. Lorraine Kelly gelingt ein stimmiges Debüt, das trotz kleiner Schwächen überzeugt. Wer Familiengeschichten mit Tiefe, emotionaler Entwicklung und einer Prise Inselatmosphäre mag, wird hier fündig.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Fertigkeiten verbessern - so geht es!

Die Kunst des klugen Streitgesprächs
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In einer Welt, in der Diskussionen oft in hitzige Debatten ausarten, bietet Reto U. Schneider mit seinem Buch "Die Kunst des klugen Streitgesprächs" einen erfrischend humorvollen und zugleich tiefgründigen ...

In einer Welt, in der Diskussionen oft in hitzige Debatten ausarten, bietet Reto U. Schneider mit seinem Buch "Die Kunst des klugen Streitgesprächs" einen erfrischend humorvollen und zugleich tiefgründigen Leitfaden für konstruktive Gespräche. Der Autor, bekannt für seine präzisen Analysen und unterhaltsamen Schreibstil, beleuchtet, warum wir so selten unsere Meinung ändern und wie wir dennoch zu produktiven Dialogen gelangen können.
Schneider erklärt, dass viele Diskussionen scheitern, weil wir uns nicht bewusst sind, ob wir gerade eine Meinung, einen Glauben oder Wissen vertreten. Er führt den Leser durch verschiedene Denkfehler und zeigt auf, wie diese unser Gesprächsverhalten beeinflussen. Mit Beispielen aus der Wissenschaft, Geschichte und Popkultur macht er komplexe Themen zugänglich und regt zum Nachdenken an.
Besonders hervorzuheben ist Schneiders Fähigkeit, trockene Theorie mit lebendigen Beispielen zu verbinden. Er nutzt Anekdoten aus der Bibel, Facebook und der TV-Serie "Big Bang Theory", um seine Argumente zu untermauern und die Leser zu fesseln. Diese Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit macht das Buch sowohl lehrreich als auch unterhaltsam.
Abschließend lässt sich sagen, dass "Die Kunst des klugen Streitgesprächs" nicht nur ein Ratgeber für bessere Diskussionen ist, sondern auch ein Spiegel unserer eigenen Denkmuster. Schneider fordert uns heraus, unsere Überzeugungen zu hinterfragen und offen für andere Perspektiven zu sein. Ein Muss für alle, die in einer pluralistischen Gesellschaft respektvoll und effektiv kommunizieren möchten.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Neustart statt Krise: Wie die Wechseljahre zur Superkraft werden

Die Kraft der Wechseljahre
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Suzann Kirschner-Brouns' Buch Die Kraft der Wechseljahre ist ein erfrischender und ermutigender Leitfaden für Frauen ab 40, die diese Lebensphase nicht als Ende, sondern als kraftvollen Neubeginn sehen ...

Suzann Kirschner-Brouns' Buch Die Kraft der Wechseljahre ist ein erfrischender und ermutigender Leitfaden für Frauen ab 40, die diese Lebensphase nicht als Ende, sondern als kraftvollen Neubeginn sehen möchten. Die Autorin, selbst Ärztin und erfahrene Begleiterin vieler Patientinnen durch die Wechseljahre, beleuchtet nicht nur die körperlichen Veränderungen, sondern legt einen besonderen Fokus auf die oft vernachlässigten psychischen und emotionalen Aspekte dieser Zeit.
Das Buch ist in zehn thematische Abschnitte gegliedert, die von den Chancen der Wechseljahre über Schönheit, Sexualität und Partnerschaft bis hin zu seelischer Gesundheit und Vorsorge reichen. Kirschner-Brouns verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über medizinische Fakten hinausgeht. Sie ermutigt Frauen, sich selbst neu zu entdecken, alte Rollenbilder zu hinterfragen und die Wechseljahre als Gelegenheit für persönliches Wachstum und Selbstermächtigung zu nutzen.
Besonders hervorzuheben ist der positive Grundton des Buches. Statt die Menopause als Verlust zu betrachten, präsentiert die Autorin sie als Chance für mehr Klarheit, Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Mit praktischen Tipps, persönlichen Geschichten und einem einfühlsamen Schreibstil bietet sie Leserinnen Werkzeuge an, um diese Lebensphase
Es gibt auch sehr spezifische Kapitel, wie etwa jene über langjährige Partnerschaften oder "graue Scheidungen", nicht direkt auf ihre Lebenssituation zutreffen. Dennoch bieten diese Abschnitte wertvolle Einblicke und können helfen, das Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten zu vertiefen oder können überblättert werden.
Fazit: Die Kraft der Wechseljahre ist ein inspirierendes und informatives Buch, das Frauen ermutigt, die Wechseljahre als kraftvolle und transformative Lebensphase zu begreifen. Es ist eine wertvolle Lektüre für alle, die sich mit den Veränderungen dieser Zeit auseinandersetzen und sie als Chance für persönliches Wachstum nutzen möchten.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Mit dem Herzen durch den Staub

Odyssee nach Westafrika
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Markus Steiner hat mit Odyssee nach Westafrika ein außergewöhnliches Buch geschrieben, das gleichermaßen mitreißt, berührt und bildet. Veröffentlicht im großartigen Reisedepeschen Verlag, der für besondere ...

Markus Steiner hat mit Odyssee nach Westafrika ein außergewöhnliches Buch geschrieben, das gleichermaßen mitreißt, berührt und bildet. Veröffentlicht im großartigen Reisedepeschen Verlag, der für besondere Reisebücher steht, ist dieses Werk weit mehr als eine Aneinanderreihung exotischer Anekdoten. Es ist ein ehrlicher, intensiver Selbstversuch – ein Roadtrip durch einen Teil der Welt, den viele nur aus Schlagzeilen kennen, voller Kontraste, Herausforderungen und Menschlichkeit.
Was als Reise zu einer Frau beginnt – Mara, der großen, aber komplizierten Liebe – wird schnell zu einem tiefen Eintauchen in die Realität Westafrikas. Es werden 4.500 Kilometern überwältigt durch Länder wie Marokko, Mauretanien, Senegal und Guinea-Bissau, wir begegnen Menschen, die hoffen, kämpfen, überleben – und dabei Geschichten erzählen, die unter die Haut gehen.
Besonders stark: Steiners offener, ungeschönter Blick auf den Kontinent. Er romantisiert nichts – weder Armut noch Exotik. Stattdessen thematisiert er Migration, Klimawandel, Kolonialgeschichte und politische Konflikte – und das immer durch die Linse der persönlichen Begegnung. Der Westsahara-Konflikt, die zerstörerische Sandmafia, korrupte Grenzer oder spirituelle Voodoo-Rituale: All das fließt klug und atmosphärisch in seine Erzählung ein.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist Steiners journalistisches Gespür gepaart mit poetischem Stil. Mal roh, mal zärtlich, nie aufgesetzt – seine Sprache ist modern, direkt und dabei immer reflektiert. Er kann Geschichten erzählen, ohne sich über andere zu stellen. Und wenn er schreibt „Ich verstehe nichts von der Liebe, aber ich liebe Mara“, dann weiß man: Hier schreibt jemand, der wirklich unterwegs ist – im Außen wie im Innern.
Es ist eine literarische Abenteuerreise, bei der man am Ende das Gefühl hat, selbst staubige Grenzposten überquert und mit fremden Seelen Tee geteilt zu haben.
Fazit: Odyssee nach Westafrika ist ein Reisebuch für Kopf und Herz, spannend wie ein Roman, klug wie eine Reportage, ehrlich wie ein Tagebuch. Wer Bücher liebt, die Horizonte erweitern und Geschichten erzählen, die bleiben – dem lege ich dieses Werk wärmstens ans Herz.

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