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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.03.2025

Ein Buch, dem man sich mit Konzentration widmen sollte

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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Rabea Edels Roman "Portrait meiner Mutter mit Geistern" entfaltet eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Raisa ...

Rabea Edels Roman "Portrait meiner Mutter mit Geistern" entfaltet eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Raisa und ihrer Mutter Martha, die von unausgesprochenen Wahrheiten und generationsübergreifenden Traumata geprägt ist. Die Autorin verknüpft persönliche Schicksale mit historischen Bezügen und schafft eine poetische Reflexion über Erinnerung, Verlust und das Erbe der Vergangenheit.
Allerdings verliert sich der Roman zunehmend in einer komplexen, fast labyrinthischen Erzählstruktur. Zeitsprünge, Perspektivwechsel und lose Enden erschweren die Orientierung und lassen manche Handlungsstränge unvollendet erscheinen. Während kunstvolle Konstruktionen durchaus ihren Reiz haben, fehlte mir an manchen Stellen die innere Stringenz – zu oft hatte ich das Gefühl, dass einzelne Fäden ins Leere laufen oder nicht konsequent weiterentwickelt wurden. Diese narrative Unübersichtlichkeit schuf leider auch eine emotionale Distanz zu den Figuren, wodurch es mir schwerfiel, vollständig in ihre Schicksale einzutauchen.
Leider half dann auch die Ahnentafel nicht, da es dort Brüche zum Text gibt und die Jahreszahlen teilweise nicht stimmen können.
"Portrait meiner Mutter mit Geistern" ist zweifellos Ein Roman mit viel literarischem Feingefühl und starken Momenten. Doch wer sich eine stringent erzählte Geschichte mit klaren Linien wünscht, könnte sich in den kunstvollen Verästelungen verlieren. Trotz meiner Schwierigkeiten mit dem Aufbau des Romans erkenne ich das handwerkliche Können und die poetische Kraft der Autorin an. Insgesamt vergebe ich 2 von 5 Sternen und empfehle das Buch Leser:innen, die Freude an experimenteller, verschachtelter Erzählweise haben.
Vielleicht ist es einfach nicht meines oder mir fehlte momentan die Konzentration auf diesen Text.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Eine Ehe in den 50er Jahren der USA

Es geht mir gut
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Ein schmaler Roman der eine Ehe beleuchtet, wie sie in den 50er Jahren in den USA sicherlich millionenfach vorkam. Geheiratet wurde früh, aus naiver Liebe mit viel Pragmatismus. Und dann kam der Alltag. ...

Ein schmaler Roman der eine Ehe beleuchtet, wie sie in den 50er Jahren in den USA sicherlich millionenfach vorkam. Geheiratet wurde früh, aus naiver Liebe mit viel Pragmatismus. Und dann kam der Alltag. Der Mann als Ernährer und die Frau als Hausfrau und Mutter. Wer da nicht depressiv wird…und das auf beide Seiten. Jeder bleibt in einer traditionellen Rolle verhaftet, die eng und ungewollt ist, nur um einem Ideal der Gesellschaft zu entsprechen mit den Erinnerungen aus den Weltkriegen gepaart. Das schreit nach Ausbruch und so kommt es hier auch.
Leiser als erwartet, viel viel leiser als erwartet. Insgesamt hatte ich eine hohe Erwartungshaltung an diesen schmalen Band der leider nicht erfüllt wurde. Aber auch geschuldet der nicht so sonderlich geglückten Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Ob es im Original („The Most“) ist kann ich nicht beurteilen, denke aber schon, dass die Geschichte besser transportiert wird.
Es geht um die Ehe von Kathleen und Virgil. Beide seit 9 Jahren verheiratet und kürzlich nach Delaware gezogen. Er hat einen neuen Job angenommen und die Familie muss mit. Nun statt in einem Haus in einem heruntergekommenen Apartmentgebäude gelandet mit einem kleinen Pool, der scheinbar nie genutzt wird.
Über die Zeit kommen Unzulänglichkeiten, Fehler und Emotionen ans Licht für uns Leser:innen. Es hängt fortwährend eine depressive, kaum aushaltbare Stimmung in der Luft.
Toll ist die Schilderung was zu jener Zeit als „normal“ galt, der Norm entsprechend, welche Rolle Männer zugeschrieben wurde und wie Frauen zu sein hatten. Das ist aus meiner Sicht die große Stärke des Romans.
An der deutschen Ausgabe schätze ich die das tolle Cover sowie und die schöne Hardcoverausgabe!
Fazit: „Normal war nicht länger hinnehmbar“ (S. 151)

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Veröffentlicht am 18.03.2025

Ouroboros hoch drei!

Die Fletchers von Long Island
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Ein Roman, der es in sich hat. Wer leicht besaitet ist, lieber liegen lassen. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes keiner mit Samthandschuhen angefasst.
“Unsere Großmütter hatten uns oft gesagt, egal, ...

Ein Roman, der es in sich hat. Wer leicht besaitet ist, lieber liegen lassen. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes keiner mit Samthandschuhen angefasst.
“Unsere Großmütter hatten uns oft gesagt, egal, wie glühend wir andere beneideten, würden wir alle das Bündel unserer Sorgen auf einen Haufen werfen, und jeder dürfte sich ein beliebiges Bündel aussuchen, dann würden wir am Ende doch zu unserem eigenen Sorgenbündel greifen, garantiert. Wir waren uns nie sicher, ob unsere Großmütter recht hatten” (S. 22)
Wir lernen eine reiche Familie kennen, die in einem wohlsituierten Ort auf Long Island leben. Reich, überheblich, jüdisch und alle mit Dachschaden. Und diesen Dachschäden geht das Buch nach. Der Auslöser allen Übels ist eine Entführung des Vaters, Carl, im Jahr 1980. Prägt alle, keiner spricht drüber.
Ein Sprung in die Gegenwart. Nach und nach lernen wir alle drei Kinder kennen und was sie umtreibt, wie sie ticken und was ihre dunkelsten Geheimnisse sind. Da ist der große Bruder Nathan, sehr ängstlich, immer auf der Hut, dass etwas passieren könnte. Arbeitet in einer großen Kanzlei in Manhattan, aber ist eigentlich menschenscheu. Dann der aufmüpfige mittlere Bruder, der nur Beamer genannt wird. Sunnyboy, Drehbuchschreiber in Hollywood, mittlerweile weit weg von seiner Mischpocke und versucht sich selbst auf irritierende Weise zu kontrollieren…lest selbst. Und dann die jüngste im Bunde, die schlaue Jenny. Sie geht an die Uni, kommt aus dem Studieren nicht raus, weil sie nicht so recht weiß wohin mit sich und wird am Ende noch Gewerkschaftsvertreterin. Beziehungsunfähig und trotz hohem IQ nicht in der Lage ihre eigenen Traumata zu bearbeiten.
Alles beginnt mit Müttern und endet mit ihnen und so hat der „wrap up“ am Ende einen fulminanten Schlusspunkt. Filmreif und gelungen.
“Sie alle setzten den Umwelt-zerstörenden, Klima-verändernden, die-Wirtschaft-in-den-Abgrund-treibenden, Seelen-vernichtenden amerikanischen Lebensstil fort, zu dem sie von Anfang an erzogen worden waren.” (S. 407)
Insgesamt findet die Autorin Taffy Broadesser Akner eine leichte Sprache für ihre Kritik an der unbedarften Art der Reichen wie sie sich selbst ins Verderben treiben lassen und sich auch noch der Opferrolle bedienen. Sozial sehr kritisch und doch unheimlich unterhaltsam und witzig. Ich habe sehr oft laut gelacht bei diesem Roman.
Spannend fand ich auch die interessanten alltäglichen Elemente, die durch das Jüdische hinzukommen, wenn dort eine Bar Mizwa vorbereitet wird.
Nicht zu vergessen die sehr gute Übersetzungleistung von Sophie Zeitz!
In dem Sinne: „Aber was willst du machen? So sind die Reichen.” (S 44 und noch mal weiter hinten…)

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Die rauschenden 20er Jahre erlebbar mit Anita Berber

Der ewige Tanz
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Steffen Schroeder gelingt mit Der ewige Tanz eine fesselnde literarische Annäherung an Anita Berber, eine der schillerndsten und zugleich tragischsten Figuren der Weimarer Republik. In einer Mischung aus ...

Steffen Schroeder gelingt mit Der ewige Tanz eine fesselnde literarische Annäherung an Anita Berber, eine der schillerndsten und zugleich tragischsten Figuren der Weimarer Republik. In einer Mischung aus biografischem Roman und fiktionaler Reflexion führt uns Schroeder in das fieberhafte Berlin der 1920er Jahre, eine Epoche zwischen rauschhafter Freiheit und sich abzeichnendem Verfall.
Der Roman setzt im Jahr 1928 an: Anita Berber liegt schwer krank in einem Berliner Krankenhaus und erinnert sich an ihr kurzes, intensives Leben. Wie in einem Fiebertraum verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit, real Erlebtes und Halluzinationen. Schroeder nutzt diesen kunstvollen Perspektivwechsel, um das Leben Berbers nicht nur linear zu erzählen, sondern es vielmehr als einen Tanz aus Erinnerungen, Träumen und schmerzhaften Reflexionen darzustellen.
Berbers Leben war ein permanentes Spiel mit Extremen. Ihre Kunst, vor allem der Ausdruckstanz, war provokant, kühn und voller Hingabe. Doch ihre Karriere war ebenso von Skandalen wie von Sucht und Absturz geprägt. Der Roman zeigt sie als ungezähmte Frau, die sich mit Haut und Haaren der Kunst hingibt, aber auch als verletzliches Individuum, das stets auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist.
Schroeder erweist sich als Meister der atmosphärischen Verdichtung. Seine Sprache ist bildhaft und sinnlich, gleichzeitig von einer melancholischen Nüchternheit durchzogen. Durch kunstvolle Metaphern und rhythmische Satzstrukturen spiegelt er Berbers inneres Chaos und ihre unaufhaltsame Rastlosigkeit wider. Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen die Protagonistin im Delirium in ihre Vergangenheit eintaucht – eine Mischung aus Erinnerungsfragmenten, Dialogen mit Geistern der Vergangenheit und introspektiven Monologen.
Darüber hinaus gelingt es Schroeder, das Lebensgefühl der Weimarer Republik lebendig werden zu lassen. Ich hab mich in die dekadenten Salons der Künstlerszene entführt gefühlt, man erlebt Berbers Auftritte, ihre Begegnungen mit Berühmtheiten wie Fritz Lang und Marlene Dietrich. Dabei zeigt der Roman auch die gesellschaftlichen Brüche der Zeit: die Sehnsucht nach Freiheit und Vergessen nach dem Ersten Weltkrieg, die Emanzipation der Frauen, aber auch die Schattenseiten der Exzesse. Eine turbulente Zeit.
Anita Berber wird in Schroeders Darstellung nicht allein als Skandalfigur gezeichnet, sondern als vielschichtige Persönlichkeit, die zwischen Selbstzerstörung und künstlerischer Hingabe schwankt. Ihre Beziehungen zu Männern und Frauen sind von Leidenschaft, aber auch von Enttäuschung geprägt. Besonders bewegend ist die Beziehung zu ihrer Großmutter, die ihr Halt gibt, während ihr Vater, der Geiger Felix Berber, eine abwesende Schattenfigur bleibt.
Schroeder vermeidet es, seine Protagonistin zu verklären. Anita Berber bleibt in vieler Hinsicht ungreifbar, manchmal gar unsympathisch. Doch gerade diese Distanz macht die Lektüre so eindrucksvoll: Man folgt einer Figur, die sich selbst nicht retten kann, die gegen Konventionen kämpft, aber an den gesellschaftlichen und persönlichen Abgründen zerschellt. Fast zum Haare raufen.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Ein literarischer Schatz

Wiedersehen in Fonds-des-Nègres
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Was für eine Entdeckung! "Wiedersehen in Fonds-des-Nègres" ist ein literarischer Schatz, den wir Marie Vieux-Chauvet verdanken, einer der großartigsten Stimmen Haitis. Wer ihre Werke kennt, weiß, dass ...

Was für eine Entdeckung! "Wiedersehen in Fonds-des-Nègres" ist ein literarischer Schatz, den wir Marie Vieux-Chauvet verdanken, einer der großartigsten Stimmen Haitis. Wer ihre Werke kennt, weiß, dass sie mit beeindruckender Scharfsicht gesellschaftliche Missstände aufzeigt, psychologische Tiefe mit poetischer Kraft verbindet und unerschrocken die Konflikte zwischen Klassen, Kulturen und Geschlechtern beleuchtet. Doch dieser frühere Roman, lange Zeit kaum beachtet, bietet uns nun eine weitere Facette ihres Schaffens – und er ist schlichtweg faszinierend! Dank des Manesse Verlages erscheinen all ihre Werke neu ins Deutsche übersetzt peu a peu auch bei uns. Toll aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Lemmens.
Marie-Ange kehrt in das Dorf ihrer Vorfahren zurück, ein Ort voller Armut, mystischer Rituale und tief verwurzelter Traditionen. Ihre anfangs arrogante, von europäischer Bildung geprägte Sicht prallt auf die Realität des haitianischen Landlebens. Und hier entfaltet sich das Drama: ein Ringen zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Unterwerfung und Emanzipation. Die Darstellung der Voodoo-Kultur, die hier nicht romantisiert, sondern in all ihren Ambivalenzen gezeigt wird, gibt dem Roman eine geradezu fesselnde Tiefe. Wie die Autorin das Ineinandergreifen von sozialer Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und patriarchalen Strukturen aufzeigt, ist grandios.
Der Roman ist lebendig, bildstark und mit einer Energie geschrieben, die einen nicht loslässt. Die Figuren sind so nuanciert, so voller innerer Konflikte, dass man unweigerlich mit ihnen fühlt.
Was bleibt, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass dieses Buch endlich aus dem Schatten tritt. Dankbarkeit für eine Erzählerin, die uns auf so intensive Weise eine Welt nahebringt, die oft genug aus unserem Blickfeld verschwindet. Wer sich auf dieses Werk einlässt, wird nicht nur eine große Geschichte erleben, sondern auch seine eigene Sichtweise hinterfragen. Ein Muss für alle, die Marie Vieux-Chauvet auch schon gelesen haben und für allen anderen ohnehin: Sie gilt es zu entdecken!

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