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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.09.2025

Aufstieg, Eitelkeit und Medien-Drama

Aufsteiger
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„Aufsteiger“ ist wie ein Espresso für die Medienseele: kurz, intensiv und mit ordentlich bitterer Note. Peter Huth nimmt uns mit auf die Achterbahnfahrt von Felix Licht, einem Redakteur, der alles für ...

„Aufsteiger“ ist wie ein Espresso für die Medienseele: kurz, intensiv und mit ordentlich bitterer Note. Peter Huth nimmt uns mit auf die Achterbahnfahrt von Felix Licht, einem Redakteur, der alles für die Karriere geopfert hat – Freundschaften, Familie, Freizeit – nur um dann festzustellen, dass der Chefredakteurposten an Zoe Rauch geht: jung, hübsch, woke und alles, was Felix selbst nie war.
Huths Blick auf die Berliner Medienwelt ist messerscharf: jede Intrige, jeder Karriereknick und jede bittere Eitelkeit wird mit einer Präzision beobachtet, die man sonst nur von Zoos kennt, wenn ein Löwe die neue Antilope mustert. Besonders amüsant: Felix‘ Selbstmitleid springt fast aus den Zeilen, während Zoe souverän durch den Dschungel aus Fake News, Power Lunches und Instagram-Politik navigiert.
Das Buch ist klug, witzig und gelegentlich so bitter, dass man fast das Karamell im Kaffee vermisst. Einziger kleiner Wermutstropfen: Man wünscht sich manchmal, Felix würde weniger jammern und mehr handeln – aber vielleicht ist genau das die Pointe.
Fazit: Wer auf Medienkarrieren, bitter-satirische Beobachtungen und Menschen stößt, die glauben, ihnen stehe die Welt zu, steht hier goldrichtig. Vier von fünf Sternen, weil der Kaffee noch etwas heißer sein könnte – aber sonst: volle Punktzahl für Huths präzise Feder und messerscharfen Humor!

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Veröffentlicht am 13.09.2025

Ich fordere Hoffnung ein

Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen
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Alle, die schon Fans von Mareike Fallwickel waren, werden auch diesen knapp 70 Seiten langen Brief lieben. Alle die jetzt die Stirn runzeln und fragen: Wer? Endlich eine gute Einstiegslektüre, besonders ...

Alle, die schon Fans von Mareike Fallwickel waren, werden auch diesen knapp 70 Seiten langen Brief lieben. Alle die jetzt die Stirn runzeln und fragen: Wer? Endlich eine gute Einstiegslektüre, besonders auch für alle Männer unter den Weniglesern und denen, die Feminismus für einen Schmarrn halten.
Was steht hier Feines geschrieben? Aus meiner Sicht ist dieser Brief ein sehr durchdachtes und weiterentwickeltes Gedankenspiel zum Thema Feminismus. Mich hat „Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen“ mit dem Argument überzeugt als Mareike das Thema Miteinander statt Gegeneinander aufgemacht hat.
“Männer können und sollten Verbündete sein. Das sind sie aktuell nicht oder zu wenig. Wenn wir Veränderung erreichen wollen, wenn wir gerade jetzt, da uns die Demokratie unter dem Arsch zu zerbröseln scheint, aus diesem ewigen Kreislauf voller Gewalt, Krieg und Umweltzerstörung ausbrechen wollen, brauchen wir einen neuen Feminismus des Miteinanders.” (S. 59)
Natürlich hallen auch Wahrheiten nach, wenn es da heißt, die Männer meiner Generation (und das ist auch meine…) werden sich nicht mehr fundamental ändern, aber es gibt Hoffnung für unser aller Kinder. Im Grunde war mir das schon klar, aber dieser Brief ist wie eine Kondensation des eigenen Erlebens und die hoffnungsvolle Botschaft: Da geht noch einiges und es sollte möglich sein!
“Eine Beziehung mit einem Mann muss einen echten Mehrwert darstellen, damit er überhaupt als Partner infrage kommt” (S. 67)
Und, eine weitere zentrale Botschaft, die mir als Jungs-Mutter auch immer nahe geht: Männer werden auch in eine Schublade gedrängt. Schön, die Mädchen zu pushen, aber wer lässt den die Jungs auch mal weinen und gefühlvolle Beziehungen untereinander zu, nicht side-by-side sonder face-to-face.
Ich mag den Stil, in dem Mareike Fallwickl uns auf ihre Gedankenreise mitnimmt, ich verneige mich vor dem Können und dem Willen ein Thema immer wieder auf die Agenda zu setzen und nun ist es an uns: Lesen, lernen, wachsen und vor allem für die nächsten Generationen. All die Mädchen und Jungs, für ein gesundes Miteinander auf Augenhöhe!

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Zwischen Perfektion und Abgrund

Madwoman
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Chelsea Biekers Madwoman, brillant übersetzt von Jasmin Humburg, schlägt ein wie ein Schlag ins Gesicht. Clove, junge Mutter, Vorstadtidyll inklusive Instagram-Feed, Yogastunden und Kinderlachen – auf ...

Chelsea Biekers Madwoman, brillant übersetzt von Jasmin Humburg, schlägt ein wie ein Schlag ins Gesicht. Clove, junge Mutter, Vorstadtidyll inklusive Instagram-Feed, Yogastunden und Kinderlachen – auf den ersten Blick alles perfekt. Doch unter der makellosen Oberfläche brodelt ein Lügengeflecht, das jeden Moment auseinanderbrechen könnte. Ein einziger Brief aus dem Frauengefängnis reicht, und die Vergangenheit stürzt auf sie herab.
„Durch Gewalt werden wir Frauen so kleingemacht, dass wir dankbar für Dinge sind, für die wir gar nicht dankbar sein müssten.“
Bieker zeigt gnadenlos, wie häusliche Gewalt Wurzeln schlägt und Generationen prägt. Clove ist zerrissen zwischen dem kleinen Mädchen, das einst Angst hatte, und der Frau, die verzweifelt versucht, ihre Kinder zu schützen, ohne selbst unterzugehen. Die Autorin jongliert gekonnt mit zwei Zeitebenen: die Gegenwart, voller perfektionistischer Kontrolle und Gesundheitswahn, und die Kindheit, geprägt von Angst, Schmerz und Gewalt. Der Kontrast ist verstörend, authentisch und packend.
Was Madwoman besonders macht, ist die schonungslose Darstellung psychischer Realität. Die Triggerwarnungen sind nicht übertrieben – man fühlt die Wut, die Verzweiflung, die lähmende Angst. Die Geschichte bleibt hart, kantig, aber niemals voyeuristisch. Clove kämpft, stolpert, hält ihre Familie zusammen, und doch lässt sich der Schatten der Vergangenheit nicht abschütteln.
Ein paar Punkte Abzug gibt es nur, weil die Schilderungen manchmal so direkt sind, dass man kurz Luft holen muss – aber genau darin liegt auch die Stärke des Buches. Chelsea Bieker zwingt den Leser, hinzusehen, und lässt niemanden unberührt zurück.
Fazit: Madwoman ist ein erschütternder, klarsichtiger Roman über Gewalt, Überleben und Identität. Rasend spannend, emotional intensiv und mit einer Protagonistin, die trotz aller Risse beeindruckt. 4 von 5 Sternen – weil man danach erstmal tief durchatmen muss, bevor man wieder in die Welt tritt.

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Sofie tanzt

Eden
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Als ich den Klappentext in der Vorschau des Galiani Verlags las, war klar: ICH kann dieses Buch nicht lesen. Warum? Es geht im Roman um ein 12jähriges Mädchen, Sofie, die bei einem Attentat auf ein Konzert ...

Als ich den Klappentext in der Vorschau des Galiani Verlags las, war klar: ICH kann dieses Buch nicht lesen. Warum? Es geht im Roman um ein 12jähriges Mädchen, Sofie, die bei einem Attentat auf ein Konzert zu den Todesopfern zählt. Auch ich habe eine musikliebende 12jährige Tochter und das machte es für mich sehr schwer. Aber ich gab dem Roman eine Chance und bin sehr froh, dass ich es tat, denn der Roman ist eine Bereicherung. Es geht nahe, aber wirkt eher verbindend und lebensbejahend. Ein Brücken bauender Roman.
Auch wenn ich das Fazit vorwegnehme: Ja, es ist sicherlich der schmerzhafteste Schicksalsschlag, den einen Treffen kann, der Tod des eigenen Kindes, trotzdem war es für mich eher eine Aufforderung, die Zeit die man miteinander hat jeden Tag zu genießen, denn es gibt immer unvorhergesehenes im Leben.
„Der Tag steht still wie ein Bild, ein Gemälde, das dank eines interessanten Effekts beiläufig die Farben wechselt, allein daran erkennt Tobias, dass dieser Tag doch voranschreitet. Auch dieser Tag ist gekommen, um zu vergehen.“ (S 27)
Was macht den Roman so besonders? Jan Costin Wagner nimmt einen schweren, kaum aushaltbaren Stoff und blickt tief in die Beteiligten hinein. Wie können Menschen das schlimmstmögliche bewältigen? Was hilft ihnen und wie schauen sie auf die Dinge? Dadurch entsteht ein Kaleidoskop an Vielfalt und Denkansätzen. Der Vater, die Hauptfigur, beschäftigt sich mit dem Attentäter und will verstehen, sieht das menschliche im Fehlverhalten. Der Vater eines Freundes von Sofie, ist nicht betroffen, doch macht er sich das Ereignis zu eigen um seine Verschwörungsideen zu untermauern. Und dann sind da noch einige andere Figuren.
“Es ist die beste aller defizitären Lösungen.” (S. 239)
Jan Costin Wagner schreibt großartig einnehmend. Ich begann im Freibad zu lesen, konnte & wollte es nicht aus der Hand legen. Wirklich lesenswert.
Fazit: Schweres Thema, tolles Buch, ein Brückenbauer in der heutigen nicht vorhandenen Debattenkultur. Ein versöhnlicher Roman, der großartig geschrieben ist.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Nur wohnen, geht kaum mit anderen Menschen auf engstem Raum

Wohnverwandtschaften
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„Ich finde Aufstehen nicht schlimm, würde aber vorher gern schlafen“ (S. 151; Murat)
Wer „Der Pfau“ von Isabel Bogdan bisher weder gesehen noch gelesen hat, bitte unbedingt nachholen. Natürlich lieber ...

„Ich finde Aufstehen nicht schlimm, würde aber vorher gern schlafen“ (S. 151; Murat)
Wer „Der Pfau“ von Isabel Bogdan bisher weder gesehen noch gelesen hat, bitte unbedingt nachholen. Natürlich lieber das Buch als den Film, der aber auch nicht schlecht ist.
Nun wieder ein herrlich anrührendes, zugleich humorvolles Buch, dass sich einfach schnell wegliest und trotzdem das Leben schätzt.
Wir landen mit Constanze in einer WG, in der sie, eigentlich nur vorübergehend einzieht, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hat. Heiraten und schon binden fürs Leben wollte die Zahnärztin noch nicht. Ein Zimmer war zu haben, weil Jörg, der Rentner und Wohnungsbesitzer, auch dieses noch zur Vermietung freigab. Er will demnächst nach Georgien mit seinem Bully und kann die Kohle gut brauchen. Dann gibt es noch Anke, die auch ü50 ist und von Beruf Schauspielerin, wenn man sie lässt. Und die gute Seele der WG mit immerzu guten Vibes durchs Leben gehend: Murat.
In dieser Melange kommt jeder der vier abwechselnd zu Wort. Toll, wie Isabel Bogdan auch wirklich die Tonlage des Charakters in die einzelnen Kapitel legt. Ohnehin super gut geschrieben und auch hier kann ich mir gut vorstellen, dass eine Verfilmung folgt.
Sie trifft das Leben auf den Punkt, wenn wir der Interaktion und der Nähe dieser vier Personen beiwohnen dürfen. Alle treibt anderes um, aber alle sind sie füreinander da und finden halt in dieser selbstgewählten Wohnverwandtschaft.
Auch wenn der Roman witzig und knackig geschrieben ist, hinterlässt er bei mir auch viele Überlegungen was das Leben und die Liebsten im Leben ausmacht bevor es anders wird als gedacht.
Lasst euch mitnehmen in diese WG, ich mochte sie. Einziehen vielleicht nicht, aber hier würde ich gern mal zu einer Party eintauchen. Mir fiel übrigens kaum jemand ein, dem das Buch nicht gefallen würde. Und DAS ist ja wohl ein Prädikatslob! ;0)

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