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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.05.2025

Zwischen Schmerz und Sehnsucht

Erdbeeren und Zigarettenqualm
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Du bist jung, studierst in Glasgow, küsst zum ersten Mal ein Mädchen, verliebst dich in deine beste Freundin – und liegst plötzlich in der Notaufnahme. So beginnt Madeline Dochertys Debüt Erdbeeren und ...

Du bist jung, studierst in Glasgow, küsst zum ersten Mal ein Mädchen, verliebst dich in deine beste Freundin – und liegst plötzlich in der Notaufnahme. So beginnt Madeline Dochertys Debüt Erdbeeren und Zigarettenqualm – direkt, intim, verletzlich. Was wie eine Coming-of-Age-Geschichte klingt, entpuppt sich schnell als ein ebenso intensives wie schmerzhaft schönes Porträt über Freundschaft, Krankheit und das Erwachsenwerden in all seiner Widersprüchlichkeit.
Die namenlose Protagonistin erzählt ihre Geschichte in der Du-Perspektive – ein ungewöhnlicher, aber wirkungsvoller Kniff, der sofort Nähe schafft, aber auch anstrengend sein kann. Man wird nicht nur zur Leserin, sondern zur Mitfühlenden, zur Vertrauten, fast zur Beteiligten. Der Stil erinnert an Sally Rooney, auch durch das Fehlen von Anführungszeichen, doch Docherty schafft es, eine ganz eigene Sprache zu finden: roh, direkt, poetisch – mit einem untrüglichen Gespür für Zwischentöne.
Im Zentrum steht die Freundschaft zur charismatischen, lebenshungrigen Ella. Sie ist Stütze und Schwachstelle zugleich, Rettungsanker und Abgrund. Während sich die Ich-Erzählerin durch ein unstetes Leben voller Partys, Jobs, Affären und innerer Unruhe treiben lässt, bleibt Ella der Fixpunkt – bis das Ungleichgewicht ihrer Beziehung zu kippen droht.
Besonders eindringlich ist die Darstellung der chronischen Krankheit Endometriose: Schonungslos, ehrlich und ohne falsches Pathos zeigt Docherty, wie diese Diagnose das Leben der Protagonistin durchzieht – körperlich, psychisch, sozial. Wer selbst betroffen ist oder Betroffene kennt, wird sich gesehen fühlen. Wer davon noch nie gehört hat, wird es nach diesem Buch nicht mehr vergessen.
Was bleibt, ist eine Geschichte voller Widersprüche: wild und traurig, zart und laut, vertraut und fremd. Ein Roman, der nicht nur erzählt, sondern spüren lässt – den Schmerz, die Sehnsucht, die Leere, die Hoffnung. Und die Liebe, die manchmal nicht reicht.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Familienbande mit Sogwirkung

Die Garnett Girls
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Manchmal sind es die leisesten Romane, die am lautesten nachhallen. Die Garnett Girls ist genau so ein Buch: kein krachendes Drama, kein atemloser Plot – sondern ein fein gewobenes Familienporträt, das ...

Manchmal sind es die leisesten Romane, die am lautesten nachhallen. Die Garnett Girls ist genau so ein Buch: kein krachendes Drama, kein atemloser Plot – sondern ein fein gewobenes Familienporträt, das sich behutsam, aber mit Nachdruck ins Herz der Leser:innen schreibt.
Der Sommer auf der Isle of Wight scheint golden, die salzige Luft flimmert über dem alten Cottage am Meer – und doch brodelt es unter der Oberfläche. Hier lebt Margo Garnett, einst wild und glamourös, heute charismatisch und unnahbar. Sie schweigt über die Vergangenheit, über Richard, den Mann, der ging. Doch ihr Schweigen ist laut – und es hallt nach in den Leben ihrer drei Töchter.
Rachel, die Älteste, hält alles zusammen. Sie ist das Rückgrat der Familie, und gerade deshalb vergisst sie sich selbst. Imogen, die Mittlere, lebt zwischen den Zeilen ihres eigenen Theaterstücks, verlobt, aber zweifelnd, mit einem Mann, der zu gut scheint, um wahr zu sein. Und Sasha, die Jüngste, rebellisch, wild, in einer Ehe gefangen, die wie ein Käfig aus Samt ist. Jede von ihnen ringt um Freiheit – und trägt doch das Erbe ihrer Mutter wie ein unsichtbares Gewicht.
Georgina Moore gelingt mit ihrem Debüt das Kunststück, vier Frauenstimmen nicht nur hörbar, sondern fühlbar zu machen. Ihre Figuren sind keine glatten Romanheldinnen, sondern lebendige, widersprüchliche Charaktere – mutig, verletzlich, wütend, liebevoll. Sie lieben sich, sie streiten, sie reden (viel) – und trotzdem bleibt so vieles ungesagt. Diese Dichte an inneren Konflikten, an generationsübergreifenden Prägungen und unausgesprochenen Wahrheiten macht das Buch so tiefgründig – ohne je schwer zu wirken.
Besonders stark ist die Atmosphäre: Die Isle of Wight ist nicht nur Kulisse, sie ist ein eigener Charakter – mit ihren Kreideklippen, verwitterten Dielen, zerfallenden Cottages. Hier wird geschwiegen, gestritten, geliebt, getrunken – und sich langsam versöhnt mit dem, was war.
Moores Sprache ist ruhig, sensibel, voller Beobachtungskraft – und in der Übersetzung von Christiane Burkhardt wunderbar nuanciert ins Deutsche übertragen. Kein Satz ist zu viel, kein Bild zu kitschig. Statt lauter Dramatik gibt es hier Tiefe – und das ganz ohne Pathos.
💬 Fazit: Die Garnett Girls ist ein mitreißender, kluger Roman über das, was Familie mit uns macht – und wie schwer es ist, sich davon zu lösen. Ein Buch für alle, die in den kleinen Momenten das Große suchen. Für Sommertage – und lange Nachmittage am Fenster, mit Blick auf die eigene Vergangenheit.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Eine kluge, unterhaltsame und tiefgründige Doppelbiografie

Warren Buffett und Bill Gates
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Mit seinem Buch Warren and Bill: Gates – Die einflussreichste Freundschaft der Welt wirft Anthony McCarten einen faszinierenden Blick auf zwei der einflussreichsten Männer unserer Zeit – und auf die ungewöhnliche ...

Mit seinem Buch Warren and Bill: Gates – Die einflussreichste Freundschaft der Welt wirft Anthony McCarten einen faszinierenden Blick auf zwei der einflussreichsten Männer unserer Zeit – und auf die ungewöhnliche Freundschaft, die sie miteinander verbindet. Was zunächst wie ein klassisches Wirtschaftsporträt klingt, entpuppt sich als feinfühlig erzähltes Buch über Nähe, Einfluss, Werte und Verantwortung.
Zwei Männer, zwei Welten – eine Vision
Bill Gates, der technikbegeisterte, durchgetaktete Microsoft-Mitgründer, trifft auf Warren Buffett, den bodenständigen Investment-Guru aus Omaha. Zwei Persönlichkeiten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten – und dennoch entsteht zwischen ihnen in den 1990er-Jahren eine der bemerkenswertesten Freundschaften des 21. Jahrhunderts. McCarten beschreibt eindrücklich, wie Gates’ anfängliche Skepsis gegenüber Buffett schnell in Bewunderung umschlägt – ein Gespräch reicht, und eine lebenslange Verbindung beginnt.
Spannend ist dabei die Alltäglichkeit ihrer Beziehung: sie spielen Bridge (auch online), essen Fast Food, scherzen über ihre Eigenheiten. Und doch ist es gerade diese Vertrautheit, aus der ein beispielloser Einfluss auf Wirtschaft, Philanthropie und globale Gesundheitsfragen erwächst.
Der größte Deal der Welt – ohne Geld
Das zentrale Projekt ihrer Freundschaft ist die Zusammenarbeit in der Bill & Melinda Gates Foundation. Buffett bringt rund 85 % seines Vermögens in die Stiftung ein – eine beispiellose Geste des Vertrauens und der Überzeugung. Gemeinsam arbeiten sie daran, globale Herausforderungen wie Malaria, Armut und mangelnde Bildung zu bekämpfen. McCarten zeigt hier eindrucksvoll, dass ihr “größter Deal” keiner an der Börse war, sondern einer für die Menschheit.
Persönlich und politisch
Besonders berührend sind jene Passagen, in denen McCarten von den privaten Momenten berichtet. Etwa wenn Gates sich in seinem streng durchgetakteten Alltag eine „Pause“ gönnt und mit dem Privatjet zu Buffett fliegt, um Abstand von Meetings, Medien und Melinda zu gewinnen. Oder wenn Gates rückblickend erkennt: „Ich hätte viel früher lernen sollen, dass man nicht jede Minute verplanen muss, um erfolgreich zu sein.“
Auch die Reibungspunkte spart McCarten nicht aus: Nach Gates’ Scheidung von Melinda French Gates 2021 tritt Buffett aus der Stiftung aus. Die Freundschaft habe sich abgekühlt, heißt es. Doch McCarten behandelt diese Entwicklung mit Respekt und stellt Fragen, die über das Persönliche hinausgehen: Wie viel Macht dürfen Einzelne haben? Ist es gesund, wenn private Akteure globale Agenden setzen?
Ein vielschichtiges Porträt
McCartens Stärke liegt darin, Fakten, Anekdoten und kritische Reflexion miteinander zu verweben. Er schreibt klug, ohne zu dozieren, charmant, ohne zu verklären. Die beiden Männer werden nicht als Helden stilisiert, sondern als Menschen mit Ambitionen, Fehlern, Stärken – und als Vorbilder für eine neue Art von Verantwortung.
Fazit
Warren and Bill: Gates – Die einflussreichste Freundschaft der Welt ist ein ebenso unterhaltsames wie aufschlussreiches Buch über eine Freundschaft, die aus einer zufälligen Begegnung entstand und globale Wirkung entfaltete. McCarten gelingt ein Porträt, das weit über Wirtschaft hinausgeht – ein Buch über Vertrauen, Wandel, Macht und Menschlichkeit.
Unbedingt lesenswert – für alle, die sich für Biografien, Zeitgeschichte und das Zusammenspiel von persönlicher Beziehung und globaler Verantwortung interessieren.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Ein feministischer Roman über Wissenschaft, Mutterrollen und die stille Weitergabe von Traumata

Die Summe unserer Teile
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Paola Lopez’ Debütroman Die Summe unserer Teile ist mehr als ein feinfühliges Familiendrama: Es ist ein feministisch grundierter, literarisch vielschichtiger Roman über drei Generationen von Frauen, deren ...

Paola Lopez’ Debütroman Die Summe unserer Teile ist mehr als ein feinfühliges Familiendrama: Es ist ein feministisch grundierter, literarisch vielschichtiger Roman über drei Generationen von Frauen, deren Leben nicht nur durch familiäre Bande, sondern durch eine gemeinsame Leidenschaft für die Wissenschaft miteinander verwoben sind – und die dennoch über Jahrzehnte voneinander entfremdet wurden. Die Geschichte spannt sich über achtzig Jahre und drei Kontinente – von Polen über den Libanon bis nach Deutschland – und berührt dabei zentrale Themen wie Selbstbestimmung, Rollenerwartungen und die Weitergabe (und den Bruch) generationsübergreifender Prägungen.
Drei Frauen, drei Wissenschaften – ein Kampf um Autonomie
Lopez erzählt von der Chemikerin Lyudmila, die als junge Frau aus dem vom Krieg zerstörten Polen in den Libanon flieht, wo sie sich eine wissenschaftliche Karriere in einem männlich dominierten Umfeld erkämpft – eine stille feministische Pionierleistung, für die sie jedoch einen hohen Preis zahlt: emotionale Kälte, soziale Isolation, Schweigen. Ihre Tochter Daria, geprägt von dieser Härte, wird Ärztin, Mutter, Ehefrau – und reproduziert in neuem Gewand jene Härten, unter denen sie selbst gelitten hat: Überforderung, Überbehütung, Übertragung unerfüllter Träume. Die jüngste Generation, Lucy, ist Informatikstudentin in Berlin – und sie ist es, die durch einen Zufall (der Lieferung des alten Konzertflügels ihrer Kindheit) beginnt, die Bruchstücke dieser komplizierten Familiengeschichte zusammenzufügen.
Diese Konstellation von drei Naturwissenschaftlerinnen ist kein Zufall – sie ist eines der feministischen Kernstücke des Romans. Lopez wählt ganz bewusst kein traditionelles "Frauenberufsfeld", sondern siedelt ihre Figuren in jenen Disziplinen an, in denen weibliche Stimmen über Jahrzehnte marginalisiert wurden. Dabei gelingt es ihr, nicht nur die strukturellen Hürden und unausgesprochenen Kompromisse sichtbar zu machen, sondern auch die inneren Spannungen zwischen Selbstverwirklichung und familiärer Verantwortung. Hier zeigt sich ein zentrales Motiv des Romans: die Frage, wie viel Platz einer Frau im Leben eigentlich zusteht – und wer diesen Platz definiert.
Mutterschaft zwischen Kontrolle, Verlust und Erbe
Lopez entwirft in Die Summe unserer Teile ein differenziertes Bild von Mutterschaft, das sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Die Mütter in diesem Roman lieben – aber sie überfordern, projizieren, schweigen oder verletzen. Die Autorin kratzt – wie Mareike Fallwickl treffend formulierte – „verkrustete Glaubenssätze über Mutterschaft“ auf und zeigt, wie mühsam es ist, sich von den Erwartungen der eigenen Herkunft zu befreien. Besonders deutlich wird das im Verhältnis zwischen Daria und Lucy: Die eine will das Beste für ihr Kind, überhäuft es mit Möglichkeiten, während sie zugleich emotionale Nähe nicht zulassen kann. Die andere rebelliert, bricht den Kontakt ab – und sucht doch sehnsüchtig nach einem Stück Zugehörigkeit.
Diese Darstellung von Mutterschaft ist feministisch im besten Sinne: Sie entlarvt gängige Narrative und zeigt die Ambivalenz, die Überforderung, den Versuch, es "richtig" zu machen – und dabei sich selbst und die Beziehung zum Kind zu verlieren. Keine der Figuren wird idealisiert, aber jede wird ernst genommen in ihrer Verletzlichkeit und Unvollkommenheit. Lopez macht deutlich: Mutterschaft ist keine biologische Selbstverständlichkeit, sondern eine komplexe soziale Praxis – voller Brüche, Widersprüche und ungelebter Sehnsüchte.
Sprachlosigkeit und das Schweigen zwischen den Generationen
Ein weiterer feministischer Aspekt des Romans liegt in seiner eindringlichen Darstellung intergenerationeller Traumata und der "vererbten Sprachlosigkeit". Lopez zeigt, wie Konflikte nicht aus dem Nichts entstehen, sondern sich über Generationen hinweg aufschichten: unausgesprochene Verletzungen, Tabus, Missverständnisse. Die weiblichen Figuren tragen nicht nur die Last ihrer individuellen Biografien, sondern auch das Schweigen ihrer Mütter und Großmütter – und beginnen, daran zu zerbrechen oder sich davon zu befreien.
Besonders Lucy steht exemplarisch für eine junge Generation, die versucht, nicht nur Antworten zu finden, sondern sich die Geschichte selbst zu erschließen. Ihre Reise nach Sopot ist auch eine Reise zu einem möglichen Neubeginn. Sie steht für einen leisen, aber entschlossenen Bruch mit den Mustern der Vergangenheit – ohne die Wurzeln zu kappen. Der Roman endet nicht mit einer vollständigen Versöhnung, aber mit einem tastenden, glaubwürdigen Schritt in diese Richtung.
Fazit: Ein vielstimmiger, feministisch geprägter Generationenroman
Die Summe unserer Teile ist ein bemerkenswerter Roman, der das Persönliche mit dem Politischen verwebt – leise, aber eindringlich. Paola Lopez gelingt es, Fragen nach Identität, Herkunft und Selbstverwirklichung mit einem feministischen Blick auf weibliche Lebenswege zu verbinden. Ihre Figuren sind glaubwürdig, ihre Konflikte real, ihre Entwicklung offen genug, um Spielraum für eigene Deutungen zu lassen.
Wer sich für Geschichten interessiert, in denen Frauen nicht nur über etwas, sondern für sich selbst sprechen, wird in diesem Roman eine starke literarische Stimme entdecken. Lopez erzählt nicht von Heldinnen – sondern von Frauen, die sich selbst und ihre Geschichte zurückerobern. Und das ist vielleicht das Feministischste, was Literatur leisten kann.

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Ein Herz für Nachbarn

Ms Darling und ihre Nachbarn
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Nachdem mich Freya Sampson bereits mit Menschen, die wir noch nicht kennen tief berührt und begeistert hat, war ich gespannt auf ihren neuen Roman Ms Darling und ihre Nachbarn. Und was soll ich sagen? ...

Nachdem mich Freya Sampson bereits mit Menschen, die wir noch nicht kennen tief berührt und begeistert hat, war ich gespannt auf ihren neuen Roman Ms Darling und ihre Nachbarn. Und was soll ich sagen? Auch diese Geschichte hat mich vom ersten Kapitel an nicht mehr losgelassen. Es ist ein Roman über Einsamkeit und Zusammenhalt, über Vorurteile und zweite Chancen – und über die Kraft, die in einer echten Gemeinschaft steckt.
Im Mittelpunkt steht Dorothy Darling, 77 Jahre alt, akribisch, streng – und auf den ersten Blick alles andere als liebenswert. Mit Argusaugen überwacht sie das Geschehen in Shelley House, protokolliert jede kleine Ordnungswidrigkeit, schreibt Beschwerdebriefe und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Mitmenschen an Regeln zu erinnern, die oft nur in ihrem eigenen Kopf existieren. Dorothy scheint ein Relikt vergangener Zeiten zu sein – ein Mensch, der sich hinter Regeln und Routinen versteckt.
Doch dann zieht Kat ein, 25, laut, bunt, impulsiv – und, aus Dorothys Sicht, das Chaos in Person. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch zwingt ein gemeinsames Ziel sie dazu, ihre Vorurteile zu hinterfragen und aufeinander zuzugehen: Das geliebte Shelley House soll abgerissen werden, um Luxusapartments zu weichen. Als dann auch noch der hilfsbereite Nachbar Joseph Opfer eines brutalen Überfalls wird, ist klar – es braucht Zusammenhalt, wenn sie ihr Zuhause retten wollen.
Freya Sampson versteht es meisterhaft, Figuren zum Leben zu erwecken. Die Bewohner von Shelley House sind liebevoll gezeichnet – schrullig, verletzt, manchmal unnahbar, aber durchweg glaubwürdig. Mit jeder Seite wachsen sie einem mehr ans Herz. Was anfangs wie eine leichte Sommerlektüre wirkt, entwickelt schnell emotionale Tiefe. Jeder einzelne Charakter trägt seine eigene Geschichte mit sich, seine eigene Verletzlichkeit. Die leisen Töne, die Traurigkeit hinter der Fassade, der langsame Aufbau von Vertrauen – all das ist feinfühlig und warmherzig erzählt.
Besonders hervorzuheben ist auch die Übersetzung von Claudia Voit. Sie trifft den Ton der Originalfassung wunderbar und bewahrt die feinsinnige Balance zwischen Humor, Melancholie und Hoffnung, die Freya Sampsons Schreibstil so besonders macht.
Ms Darling und ihre Nachbarn ist ein Roman, der berührt, ohne kitschig zu sein. Er erzählt davon, wie schnell man Menschen abstempelt – und wie heilsam es sein kann, ihnen dennoch eine Chance zu geben. Wie aus Fremden Freunde werden können, wenn man bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen.
Mein Fazit:
Ein wunderbares Buch über Gemeinschaft, Mut und die Magie des zweiten Blicks. Ideal für alle, die Geschichten über ungewöhnliche Freundschaften, stille Helden und die Kraft des Zusammenhalts lieben. Perfekt für den Sommer – oder für jeden Tag, an dem man sich ein wenig Hoffnung und Herzenswärme wünscht. Absolute Leseempfehlung!

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