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Veröffentlicht am 09.06.2025

Gelungenes Worldbuilding, weniger gelungene Charaktere und Erzählweise

Verlorene Städte (Die Lichter unter London 1)
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Vor einigen Jahrzehnten wurden unterhalb der Londoner U-Bahn geheimnisvolle Katakomben entdeckt. Die Mudlarks, ehemals Schatzsucher im Schlamm der Themse, machen es sich zur Aufgabe, diese zu erforschen. ...

Vor einigen Jahrzehnten wurden unterhalb der Londoner U-Bahn geheimnisvolle Katakomben entdeckt. Die Mudlarks, ehemals Schatzsucher im Schlamm der Themse, machen es sich zur Aufgabe, diese zu erforschen.

Ein nicht ganz durchdachter Deal bringt Maeve O‘Sullivan dazu, nicht nur die Führung in die Katakomben, sondern auch die sicheren Wege zu verlassen, und so findet sie sich nun alleine wieder, ohne zu wissen, wo sie ist, und wie sie wieder nach oben kommt. Als Studentin der Katakombenforschung weiß sie zudem, dass es nicht dort nicht ungefährlich ist, es gibt gefährliche Pflanzen und Wesen, und sie ist auch noch ohne Verpflegung unterwegs.

Der Roman, erster Band einer Dilogie, bringt Maeve und die Leser:innen in die obersten vier Teile dieser Unterwelt, insgesamt soll es sieben geben, so dass es auch für den zweiten Band noch einiges zu entdecken geben wird. Anna Herzel zeigt dabei viel Phantasie, die einzelnen Teile, Drops genannt, sind sehr unterschiedlich und werden anschaulich und phantasievoll beschrieben, man sieht sie direkt vor sich. Alle haben aber auch ihre eigenen Gefahren.

Alleine wäre Maeve sicher nicht weit gekommen, zum Glück trifft sie auf einige Menschen, die ihr weiterhelfen können. Da ist zum Beispiel Blaise, der schon viele Jahre in der Unterwelt lebt, auch einige Mudlarks kreuzen ihren Weg. Gerade mit letzteren wird sie nicht nur gute Erfahrungen machen.

Leider entwickelte sich der Roman für mich sehr ambivalent. Die sehr phantasievolle Welt, deren Fauna und Flora immer wieder Überraschungen birgt, gefällt mir gut. Bei den Charakteren sieht das ein bisschen anders aus. Gerade Maeve kommt mir leider gar nicht nahe, auch wenn sie die Geschichte selbst in Ich-Form erzählt. Ich kann sie nicht richtig greifen, auch, weil sie Dinge tut, die oft naiv, manchmal auch dumm sind. Immerhin ist ihr die Unterwelt nicht ganz unbekannt, sie studiert sie schließlich, auch wenn sie noch nicht selbst vor Ort war. Unbedarftes Handeln kann sie hier in größte Gefahr bringen, das sollte ihr klar sein, hätte ihr schon klar sein müssen, bevor sie sich überhaupt hierher begeben hat. Manchmal hat man das Gefühl keine erwachsene Person vor sich zu haben. Ohne ihre Begleiter:innen könnte sie nicht überleben.

Die Erzählweise erscheint mir oft etwas holperig, gerade da, wo sie wohl poetisch sein soll, kommt das bei mir nicht richtig an. Manche Worte finde ich nicht ganz passend, und auch die Logik scheint mir manchmal ein wenig auf der Strecke zu bleiben. Etwas gestört haben mich die dauernden Andeutungen, dass sowohl Blaise als auch Maeve in ihrer Vergangenheit Traumata erlebt haben, dies wurde mir zu langgezogen. Das sollte wohl Spannung erzeugen, hat bei mir aber eher das Gegenteil erzeugt, zumal ich früh ahnte, was passiert sein musste.

Gestört hat mich auch die sich entwickelnde Problematik um die Mudlarks, die es für eine spannende Story gar nicht in dieser sehr extremen Weise gebraucht hätte. Ich hatte hier ständig das Gefühl von aufgesetzt und überzogen.

Ansonsten ist die Geschichte immer wieder spannend, und am Ende war ich auf jeden Fall neugierig genug, um auch den zweiten Band lesen zu wollen.

Bei mir punktete der Roman vor allem durch die phantasievolle Welt, hier bin ich auch gespannt, auf die weiteren Drops. Leider konnte mich der Roman nicht in allem überzeugen, vor allem Maeve machte es mir schwer, sie zu mögen, und die Gegenspieler:innen erschienen mir unnötig

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  • Cover
Veröffentlicht am 07.06.2025

Intensiv und spannend

Nachtlügen
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Albe leben zwischen uns, optisch von uns Menschen nicht zu unterscheiden, doch aufgrund ihres besonderen Stoffwechsels müssen sie uns nachts heimsuchen, stehlen uns unsere Träume und hinterlassen uns Albträume.

Isra ...

Albe leben zwischen uns, optisch von uns Menschen nicht zu unterscheiden, doch aufgrund ihres besonderen Stoffwechsels müssen sie uns nachts heimsuchen, stehlen uns unsere Träume und hinterlassen uns Albträume.

Isra ist eine von ihnen. Obwohl sie aus einer hochgestellten Albe-Familie stammt, hat sie seit kurzem Probleme mit dem Amt für reversible energieausgleichende Maßnahmen, kurz REM, der Verwaltung der Albe, denn einer der ihr zugeteilten Träumer starb während ihres Albtraums. Als sie einen anderen ihrer Träumer tot auffindet, ahnt sie, dass ihr jemand Böses will.

Der Roman ist überraschend intensiv und auch sehr spannend. Isra ist keine einfache Person, doch man kann mit ihr fühlen, und drückt ihr die Daumen, ihre Charakterisierung ist der Autorin gut gelungen. Auch die anderen Charaktere, auf die man hier trifft, Albe und Menschen, sind gut gezeichnet, manche mag man schnell, andere nicht, manche überraschen auch. Man braucht tatsächlich gar nicht so viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass es das alles wirklich geben könnte. Jede:r hatte immerhin schon einmal einen Albtraum.

Neben der fortlaufenden Geschichte gibt es zwischen den Kapitel sogenannte Intermezzi, diese machen die Welt noch authentischer, hier gibt es Auszüge aus Tagebüchern, Podcasts, Regelwerken, alle bezogen auf die Albe. Ich finde das sehr gelungen.

Mir hat der Roman wirklich gut gefallen, das Worldbuilding ist ebenso wie die Charaktere gelungen, die Geschichte spannend.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.06.2025

Unerfüllter Kinderwunsch

Hello Baby
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In einer südkoreanischen Kinderwunschklinik treffen mehrere Frauen aufeinander, alle zwischen Mitte 30 und Mitte 40. Ihre Hintergründe sind verschieden, aber sie verbindet der Wunsch nach einem Baby, für ...

In einer südkoreanischen Kinderwunschklinik treffen mehrere Frauen aufeinander, alle zwischen Mitte 30 und Mitte 40. Ihre Hintergründe sind verschieden, aber sie verbindet der Wunsch nach einem Baby, für den sie vieles bereits sind zu tun, sie nehmen Schmerzen und immer wiederkehrende Enttäuschung auf sich, und schöpfen immer wieder Hoffnung, zumindest, so lange es geht.

In Südkorea scheint dies ein alltägliches Phänomen zu sein, obwohl oder vielleicht auch weil es das Land mit der geringsten Geburtenrate weltweit ist. Die Gründe dafür werden hier nur angerissen. Die Autorin gehört selbst zu den Betroffenen, was sie letztlich zu diesem Roman inspiriert hat.

Die Gründe, warum die hier vertretenen Frauen ohne Nachhilfe nicht Mutter sein können, sind vielfältig, manchen war ihre Karriere zunächst wichtiger, andere hatten erst spät einen Kinderwunsch, eine möchte gar vorsorgen, und nicht bei allen ist die Frau an der Kinderlosigkeit schuld. Viele haben zusätzlich das Problem, dass die Familie drängt. Die körperliche Last haben ausschließlich die Frauen zu tragen, sie müssen sich schmerzhaften Behandlungen unterziehen, sie müssen hautnah erleben, ob es geklappt hat oder nicht, nicht wenige Männer ziehen sich eher zurück und unterstützen nicht. Dass diese gesellschaftskritischen Aspekte nicht nur typisch für Südkorea sind, sondern im Grunde global auftreten, dürfte klar sein.

Man lernt die Frauen trotz der Kürze des Romans gut kennen, sie bekommen alle ein Kapitel, in dem man ihren Werdegang erfährt, so dass man schließlich auch mit ihnen mitfühlen kann. Interessanterweise ist darunter auch eine Frau, die gar nicht zur Gruppe der kinderlosen Frauen gehört, sondern im Gegenteil innerhalb kurzer Zeit drei Kinder bekommen hat. Doch auch sie hat es ihre Probleme, ein Kind zu haben heißt nicht, dass man dann wunschlos glücklich ist.

Der Twist gegen Ende schockiert, zeigt er doch, wohin Verzweiflung führen kann. Insgesamt bringt der Roman Nachdenkenswertes mit, lässt sich aber auch gut lesen.

Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch haben es aus verschiedenen Gründen nicht leicht, und tun oft alles, um ihren Wunsch doch noch erfüllt zu bekommen. Die Autorin nimmt mit in eine Kinderwunschklinik und zu einigen der Patientinnen, und bringt zum Nachdenken.

Veröffentlicht am 04.06.2025

Hat mich schnell gepackt

Vorsehung
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Viele der Passagier:innen des verspäteten Fluges von Hobart nach Sydney sind sowieso schon gestresst, als eine ältere Dame anfängt durch die Reihen zu gehen und allen verkündet, in welchem Alter und aus ...

Viele der Passagier:innen des verspäteten Fluges von Hobart nach Sydney sind sowieso schon gestresst, als eine ältere Dame anfängt durch die Reihen zu gehen und allen verkündet, in welchem Alter und aus welchem Grund sie sterben werden.

Was passiert dann? Werden sich die die Vorhersagen bewahrheiten? Wie gehen die Menschen damit um, nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch ihr Umfeld? Wer ist diese Frau und was war ihre Intention? Solche Fragen machen mich immer neugierig, ebenso wie die Frage, wie ich wohl damit umgehen würde. Und so war für mich schnell klar, dass ich diesen Roman lesen wollte.

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, so verfolgt man einige der Passagier:innen nach dem Flug, vor allem solche, deren Todestag nahe scheint, erfährt, wie es ihnen weiter ergeht. Und auch die Weissagende erhält eine Stimme, sie darf sogar in Ich-Form erzählen, allerdings erfahren wir erst einmal nicht den Grund ihres Handelns, sondern viel über ihr bisheriges Leben. Mich hat es überrascht, dass sie so viel Platz im Roman bekam, ich erwartete den Fokus vor allem auf den anderen Passagier:innen, doch je mehr ich las, umso besser hat es mir gefallen. Und dann gibt es tatsächlich die ersten Tode, und alle müssen die Vorhersagen ernster nehmen.

Mich hat der Roman sofort gepackt, ich fand ihn sehr spannend, für mich wurde er zum Pageturner. Es ist nicht so, dass die Spannung durch die Erzählung sehr hochgeschraubt wird, es ist vielmehr das Wissenwollen, was passiert und was dahintersteckt, und auch das Mitfühlen mit den einzelnen Charakteren. Außerdem lässt sich der Roman zügig lesen. Hin und wieder hat man auch gewisse Erwartungen, was die Todesursache angeht, so wird Ethan zum Beispiel Tod durch einen Angriff angekündigt, und man kann sich irgendwann vorstellen, dass das tatsächlich passieren wird. Auch über die anderen Weissagungen kommt man schnell ins Spekulieren.

Die Auflösung war mir hier sehr wichtig, sie sollte schon logisch sein, ich hätte auch mit einem offenen Ende leben können, wenn es gepasst hätte. Und tatsächlich war ich mit dem Ende zufrieden, mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

„Vorsehung“ ist für mich ein sehr spannender Roman, mit überzeugenden Charakteren und der Möglichkeit zum Spekulieren, der mich gefesselt hat und mitfühlen ließ, und am Ende zufrieden entlassen hat. Zudem bin ich nun neugierig auf weitere Werke der Autorin. Alle, die jetzt auch neugierig sind, sollten zuschlagen.

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Ein Stück deutscher Geschichte - aus Frauensicht

Im Wind der Freiheit
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Louise Otto verliert ihre Eltern als Siebzehnjährige, dennoch gelingt es ihr, einen Vormund zu vermeiden und selbst über ihr Leben und ihr Vermögen verfügen zu können. Sie wird Schriftstellerin, veröffentlicht ...

Louise Otto verliert ihre Eltern als Siebzehnjährige, dennoch gelingt es ihr, einen Vormund zu vermeiden und selbst über ihr Leben und ihr Vermögen verfügen zu können. Sie wird Schriftstellerin, veröffentlicht Bücher und in Zeitungen, unter anderem auch bei Robert Blum. Sie denkt fortschrittlich und setzt sich auch für Frauenrechte ein.

Susanne Grabasch kommt aus prekären Verhältnissen, muss schon als Kind Gewalt von Männern erdulden und schuftet schließlich in einer Textilfabrik. Ihr erstes Zusammentreffen mit Louise Otto endet letztlich nicht gut für sie, sie landet auf der Straße.

Tanja Kinkel war für mich schon immer eine Garantin für interessante und gut recherchierte Romane, und so habe ich auch hier bedenkenlos zugegriffen. Erzählt wird ein Stück deutscher Geschichte, nämlich die Geschehnisse rund um die Revolution 1848/1849. Im Fokus stehen bei ihr allerdings Frauen, reale und fiktive, deren Leben davon beeinflusst wurde, die aber auch aktiv gehandelt haben. Man trifft im Laufe der Handlung auf einige historische Persönlichkeiten, sowohl weibliche als auch männliche. Auch Louise Otto hat wirklich gelebt, Susanne allerdings ist stellvertretend für alle weiblichen Arbeiterinnen anzusehen, deren Leben noch schwieriger war als das der männlichen Arbeiter.

Im Groben kannte ich die damaligen Ereignisse, dieser Roman hat sie mir umfassender nahegebracht. Ich finde vor allem den Fokus auf die Sicht der Frauen wichtig und gut gelungen, die leider von den Revolutionären kaum mitgedacht wurden, wurde dort von allen Menschen und Gleichheit gesprochen, meinte man in der Regel die Männer. Daran konnten auch Frauenrechtlerinnen wie Louise Otto leider wenig ändern, auch wenn sie bei einigen der Abgeordneten Gehör fanden.

Für mich ist der Roman neben einer anschaulichen Geschichtsstunde auch sehr spannend gewesen. Ich habe mitgefühlt mit den Protagonist:innen, aus deren Sicht erzählt wird. Darunter ist übrigens auch ein Mann, Lukas Brandstetter ist Soldat der preußischen Armee, und wird immer wieder in Brandherde geschickt, dabei lernt er auch Susanne kennen, so dass sich ihrer beider Schicksale verknüpfen. Manches stand natürlich von Anfang an fest, da es tatsächlich passiert ist, doch so tief war mein Wissen vorher nicht, dass es für mich nicht doch einige Überraschungen gegeben hätte. Und auch das Leben der oben genannten Frauen, vor allem das Susannes, bietet einige Möglichkeiten, zum Daumen drücken.

Erzählt wird eingängig, bildhaft und atmosphärisch, ich fühlte mich immer mittendrin. Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet, auch sie hat man regelrecht bildlich vor Augen. Tanja Kinkel ist es wieder gelungen, die damalige Zeit und ihre Akteur:innen lebendig werden zu lassen. Ein Personenverzeichnis und vor allem ein Nachwort der Autorin hätten den Roman noch zusätzlich aufgewertet, leider wurde darauf verzichtet.

Tanja Kinkel hat es wieder geschafft mich Neues zu lehren, mich zu unterhalten und mich interessiert lesen zu lassen. Das Thema finde ich wichtig, die Protagonist:innen gut gezeichnet, die Erzählung spannend, sehr gerne empfehle ich diesen interessanten Roman weiter.

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