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Pfefferminzbruch

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.10.2025

Eine Klasse für sich.

Working Class Girl
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Der englische Originaltitel Poor ist radikal in seiner Reduktion – fast wie ein Stempel, ein soziales Etikett, das die Protagonistin auf dem Cover trägt. Doch gerade diese sprachliche Verknappung verfehlt ...

Der englische Originaltitel Poor ist radikal in seiner Reduktion – fast wie ein Stempel, ein soziales Etikett, das die Protagonistin auf dem Cover trägt. Doch gerade diese sprachliche Verknappung verfehlt die Komplexität des Buches. Poor benennt den Zustand, nicht die Struktur. Er beschreibt, aber er erklärt nicht. Er ist ein Schlagwort, das die Leserin in eine Erwartungshaltung versetzt: Armut als Thema, vielleicht als moralisches Drama. Doch O’Sullivans Text ist kein Drama, sondern ein Protokoll. Und die Protagonistin ist nicht „poor“ im Sinne von Mitleid, sondern im Sinne von systemischer Verwahrlosung, funktionaler Unsichtbarkeit, struktureller Ausbeutung.
Die deutsche Titelwahl Working Class Girl ist da präziser – nicht weil sie mehr sagt, sondern weil sie die Figur in ein soziales Gefüge einordnet. Sie ist nicht nur arm, sie ist Teil einer Klasse, einer Geschichte, einer politischen Realität. Der Titel evoziert eine stereotype Figur, ja – aber er tut das bewusst. Er spielt mit der Erwartung der Leserin, um sie zu brechen. In den 60ern hätte man ein Mädchen wie O’Sullivan vielleicht Rag Doll genannt: als Objekt, als Opfer, als sentimentales Symbol. Doch O’Sullivan ist keine Puppe. Sie ist ein Subjekt, das sich gegen die narrative Entmündigung wehrt. Der Titel Working Class Girl ist deshalb nicht nostalgisch, sondern taktisch. Er verweist auf eine soziale Position, nicht auf eine emotionale Disposition.
Dass der Originaltitel Poor diese Differenz nicht leistet, ist kein Zufall – sondern ein Hinweis auf die kulturelle Rahmung britischer Armutsliteratur. In einem deutschen Kontext, wo Klassenbegriffe oft vermieden oder euphemisiert werden, wirkt Working Class Girl fast wie eine Provokation. Und genau das braucht es: einen Titel, der nicht erklärt, sondern positioniert. Einen Titel, der die Leserin zwingt, strukturell zu denken – nicht moralisch.
Ich würde mir wünschen dass die Autorin sich irgendwann aus dem Trauma berfreien kann.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Strukturell und erzählerisch raffiniert, spannend und überzeugend.

Tochterliebe
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McCreight nutzt das Mutter-Tochter-Verhältnis nicht nur als emotionalen Kern, sondern auch als dramaturgisches Minenfeld. Die Idee, dass eine Mutter ihre Tochter „auf die falscheste Weise“ beschützen will, ...

McCreight nutzt das Mutter-Tochter-Verhältnis nicht nur als emotionalen Kern, sondern auch als dramaturgisches Minenfeld. Die Idee, dass eine Mutter ihre Tochter „auf die falscheste Weise“ beschützen will, ist originell und wird konsequent durchgespielt
Besonders einfallsreich ist die Art, wie Cleo durch das scheinbar perfekte Leben ihrer Mutter navigiert – und dabei auf dunkle Geheimnisse stößt, die weit über familiäre Konflikte hinausgehen. Die Autorin spielt mit Erwartungen und bricht sie gezielt: Was wie ein klassisches Familiendrama beginnt, entwickelt sich zu einem komplexen Thriller mit juristischen und psychologischen Dimensionen.
Tochterliebe ist ein Thriller, der nicht auf plumpe Effekte setzt, sondern auf psychologische Tiefe, strukturelle Raffinesse und erzählerischen Einfallsreichtum. Wer Freude an intelligent konstruierten Spannungsromanen hat, wird hier bestens bedient – vorausgesetzt, man mag komplexe Perspektivwechsel und subtile Hinweise mehr als vordergründige Action.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Gefällt mir sehr.

In einem anderen Buch
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Ffordes Stil ist ein Feuerwerk aus Wortwitz, literarischen Anspielungen und britischem Humor. Die Sprache ist verspielt, intelligent und oft ironisch, ohne dabei ins Alberne abzurutschen. Besonders auffällig ...

Ffordes Stil ist ein Feuerwerk aus Wortwitz, literarischen Anspielungen und britischem Humor. Die Sprache ist verspielt, intelligent und oft ironisch, ohne dabei ins Alberne abzurutschen. Besonders auffällig ist die kreative Verwendung literarischer Begriffe und Metaphern – hier wird Sprache selbst zum Schauplatz. Auch die deutsche Übersetzung von Joachim Stern bewahrt viel vom Originalton und bringt den schrägen Charme gut rüber.

Ohne Band 1 gelesen zu haben, ist der Einstieg eine Herausforderung – aber eine lohnende. Die Geschichte springt zwischen Realität und Buchwelt, zwischen Zeitreisen und literarischen Paralleluniversen. Thursday Next, die Protagonistin, wird in absurde Situationen geworfen: Ihr Ehemann wird „genichtet“, sie muss sich durch Kafka-Prozesse und Poe-Gedichte kämpfen und wird von Miss Havisham aus „Große Erwartungen“ ausgebildet.
Die Handlung ist bewusst überdreht und lebt von ihrer Meta-Ebene – Bücher in Büchern, Figuren aus Klassikern als Akteure, literarische Gerichte und Behörden. Wer klassische Literatur kennt, wird mit einem Augenzwinkern belohnt. Wer nicht, kann sich trotzdem an der bizarren Dynamik erfreuen.

Die Logik folgt eher den Regeln eines Traums als denen eines Krimis. Es gibt eine innere Konsistenz – aber sie ist so verschachtelt und surreal, dass man sie nicht mit konventionellen Maßstäben messen sollte. Die Welt funktioniert nach eigenen Regeln, und Fforde hält sich daran. Das macht die Geschichte trotz aller Absurdität nachvollziehbar und sogar spannend. Man muss bereit sein, sich auf eine literarische Parallelwelt einzulassen, in der Dodos Eier legen und die Welt in rosa Soße untergeht.

Auch ohne Vorkenntnisse ist „In einem anderen Buch“ ein sprachlich brillantes, herrlich schräges Abenteuer. Es fordert den Leser heraus, belohnt ihn aber mit einer einzigartigen Mischung aus Fantasie, Literatur und Satire. Wer Lust auf ein Buch hat, das Bücher liebt – und sie gleichzeitig auf den Kopf stellt – wird hier fündig.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Gutes Buch. Für mich zu wenig wow!

Spuren einer fernen Zeit
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Birgit Borcherts Roman spielt im Frankfurt der Jahre 1907–1908 und begleitet die junge Sophie von Mayden, die entgegen gesellschaftlicher Erwartungen Paläontologin werden will. Die Kulisse des Senckenberg-Museums ...

Birgit Borcherts Roman spielt im Frankfurt der Jahre 1907–1908 und begleitet die junge Sophie von Mayden, die entgegen gesellschaftlicher Erwartungen Paläontologin werden will. Die Kulisse des Senckenberg-Museums und die Wilhelminische Ära bilden den historischen Hintergrund für eine Geschichte über Emanzipation, Wissenschaft und soziale Schranken
Die Autorin greift reale Institutionen wie die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft auf und verwebt sie mit fiktiven Figuren und Ereignissen. Die Darstellung der gesellschaftlichen Zwänge für Frauen ist historisch plausibel: Das Verbot eines regulären Universitätsstudiums für Frauen, die Erwartung einer standesgemäßen Heirat und die familiäre Kontrolle über Lebensentwürfe sind gut recherchiert und glaubwürdig eingebettet

Logische Stimmigkeit und Figurenzeichnung
Sophie als Protagonistin:
Ihre Entwicklung ist nachvollziehbar, wenn auch stellenweise idealisiert. Dass sie als Schreibkraft Zugang zu wissenschaftlichen Expeditionen erhält, wirkt dramaturgisch reizvoll, aber historisch fragwürdig. Die Expedition nach Afrika etwa erscheint eher als romantisches Abenteuer denn als realistisch geplante Forschungsreise

Gesellschaftlicher Wandel:
Borchert zeigt den beginnenden Umbruch in der bürgerlichen Gesellschaft – etwa durch die Figur des Paul Klüver, der aus einfachen Verhältnissen stammt. Doch die sozialen Konflikte zwischen Klassen und Geschlechtern werden oft zugunsten der Liebesgeschichte vereinfacht.

Nebenfiguren:
Sophies Schwestern Marianne und Charlotte dienen als Kontrastfiguren, um unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe zu zeigen. Das funktioniert gut, bleibt aber teilweise klischeehaft.

Stil und Erzählweise
Die Sprache ist atmosphärisch und detailreich, besonders in der Beschreibung des Museums und der Stadt Frankfurt. Borchert gelingt es, ein lebendiges Bild der Zeit zu zeichnen, ohne in übermäßige Nostalgie zu verfallen. Allerdings wirkt die Expedition in Afrika stilistisch wie ein Bruch – fast wie aus einem anderen Roman – und verliert an historischer Glaubwürdigkeit

Fazit
Spuren einer fernen Zeit ist ein lesenswerter historischer Roman mit einer starken weiblichen Hauptfigur und einem gut recherchierten Setting. Die historische Stimmigkeit ist größtenteils gegeben, auch wenn einige dramaturgische Entscheidungen – etwa die Afrika-Expedition – die Logik der Handlung strapazieren. Wer sich für die Frühzeit der Paläontologie und die Rolle von Frauen in der Wissenschaft interessiert, findet hier einen spannenden Einstieg, sollte aber nicht zu viel dokumentarische Präzision erwarten.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Da wäre viel mehr möglich gewesen...

Die Ewigkeit auf Raten
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Thema und Anspruch
Walter Weinfurtner widmet sich in seinem Roman einem der ältesten Menschheitsträume: der Unsterblichkeit. Die zentrale Figur Randolph alias Otem steht vor der Möglichkeit, ewiges Leben ...

Thema und Anspruch
Walter Weinfurtner widmet sich in seinem Roman einem der ältesten Menschheitsträume: der Unsterblichkeit. Die zentrale Figur Randolph alias Otem steht vor der Möglichkeit, ewiges Leben zu ermöglichen – ein Gedankenspiel, das philosophisch wie gesellschaftlich reichlich Sprengkraft birgt. Der Autor versucht, diesen Stoff mit einer Mischung aus Science-Fiction und allegorischer Erzählung zu behandeln
Logische Stimmigkeit und Erzählstruktur

Die Grundidee ist faszinierend, doch die Umsetzung zeigt Schwächen in der logischen Konsistenz:

Charakterentwicklung:
Randolph alias Otem bleibt über weite Strecken blass. Seine Motivation, die Menschheit zu retten, wird zwar behauptet, aber nicht ausreichend psychologisch oder narrativ begründet. Warum gerade er diese Verantwortung trägt, bleibt vage.

Weltbau und Konsequenzen:
Die gesellschaftlichen Implikationen der Unsterblichkeit – etwa ethische, politische oder ökologische Folgen – werden nur angerissen. Statt einer tiefgreifenden Analyse bleibt der Text oft in metaphorischen Andeutungen stecken.

Logik der Handlung:
Einige Wendungen wirken konstruiert. Die „ewige Unvernunft der Menschheit“ wird als zentrales Hindernis dargestellt, aber nicht konkretisiert. Was genau diese Unvernunft ausmacht, bleibt nebulös und wird nicht durch konkrete Beispiele oder Szenarien gestützt

Stil und Sprache
Weinfurtner schreibt in einem klaren, fast nüchternen Stil, der gelegentlich ins Pathetische kippt. Die Sprache ist zugänglich, aber nicht besonders literarisch oder stilistisch auffällig. Die Kürze des Buches (132 Seiten) führt dazu, dass viele Ideen nur angerissen werden, ohne dass sie sich entfalten können

Fazit
Die Ewigkeit auf Raten ist ein ambitionierter Versuch, ein großes Thema in einem kompakten Format zu behandeln. Die Prämisse ist stark, aber die Ausarbeitung bleibt hinter dem Potenzial zurück. Wer sich für spekulative Philosophie interessiert, findet hier interessante Ansätze – wer jedoch eine stringent durchdachte Erzählung erwartet, wird eher enttäuscht.

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