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Veröffentlicht am 24.04.2026

Leben am Rande der Gesellschaft

Solange ein Streichholz brennt
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Alina Alev ist eine junge, ambitionierte Journalistin, die in dem Fernsehsender, für den sie arbeitet, in den letzten Jahren kaum die Möglichkeit hatte, ihr Können zu beweisen. Sie geht davon aus, bald ...

Alina Alev ist eine junge, ambitionierte Journalistin, die in dem Fernsehsender, für den sie arbeitet, in den letzten Jahren kaum die Möglichkeit hatte, ihr Können zu beweisen. Sie geht davon aus, bald ihre Kündigung zu erhalten, als sie stattdessen das Angebot bekommt, eine Reportage zum Thema „Wie entgleitet ein Leben?“ zu drehen. Dafür will sie einen Obdachlosen in seinem Alltag begleiten. Ihre Wahl trifft auf Bohm, einen 35jährigen, der auf der Straße lebt. Bohm will zunächst davon nichts wissen, erst als sein Hund schwer verletzt wird und dringend Behandlung braucht, lässt er sich darauf ein, denn der Sender wird im Gegenzug für die Tierarztkosten aufkommen.
Obwohl Alina und Bohm aus völlig unterschiedlichen Welten stammen, ist von Anfang an Sympathie zwischen den beiden da. Alina erlebt die Geringschätzigkeit, die Bohm tagtäglich entgegengebracht wird. Er nimmt weite Wege auf sich, um an ein kostenloses Mittagessen zu kommen und campiert in schmutzigen Hinterhöfen, immer in der Angst, entdeckt und verjagt zu werden. Diesen Einblick in das Leben von Obdachlosen fand ich interessant. Man fragt sich, wie es dazu kam, dass Bohm seit Jahren auf der Straße lebt, doch über seine Vergangenheit gibt er zunächst nichts preis.
Alina ist mit ihrem Leben auch nicht glücklich. Sie strampelt sich ab, doch ihre Reportagen finden im Sender wenig Anklang. Sie hat keinen Freundeskreis und die Kollegen im Sender sind oberflächlich und würden alles für die Quote tun.
In „Solange ein Streichholz brennt“ wird im Wechsel aus Alinas und Bohms Perspektive erzählt. Beide Personen fand ich zunächst sehr sympathisch und glaubhaft dargestellt. Lediglich im letzten Drittel, als man erfährt, was den Ausschlag für Bohms Ausbrechen aus seinem alten Leben gab, konnte mich die Geschichte nicht mehr überzeugen und meine Sympathie für Bohm nahm ab. Der Antiklimax am Ende des Romans hat mir ein wenig die Freude an dem Buch verdorben, daher vergebe ich nur 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 18.04.2026

Lebendige Geschichte

Ein Ort, der bleibt
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Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Heilbronn, die 1933 von Deutschland in die Türkei übersiedelte. Alfred Heilbronn lehrte an der Universität Münster als Botaniker, aufgrund seiner jüdischen ...

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Heilbronn, die 1933 von Deutschland in die Türkei übersiedelte. Alfred Heilbronn lehrte an der Universität Münster als Botaniker, aufgrund seiner jüdischen Wurzeln wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Da Präsident Kemal Atatürk in der Türkei gerade nach Wissenschaftlern aus dem Ausland suchte, die das Universitätssystem in der Türkei auf den neuesten Stand bringen sollten, gelang es Alfred, seiner Frau Magda und den beiden Kindern, Deutschland rechtzeitig zu verlassen, bevor Alfred womöglich in einem KZ gelandet wäre.
In der Türkei fasst Alfred schnell Fuß und auch Magda lebt sich gut ein. Sie bauen sich dort ein neues Leben auf und finden zunächst Halt in der Gemeinschaft der Exildeutschen, die das gleiche Schicksal teilen. Doch auch dort ist man nicht vor den Spitzeln der Nazis sicher. Alfreds größte Errungenschaft in seiner neuen Heimat Istanbul ist der Aufbau eines wunderschönen botanischen Gartens mit Pflanzen aus aller Welt.
In einem zweiten Handlungsstrang, der in der Jetztzeit spielt, lernen wir die junge Städteplanerin Imke kennen, die für vier Wochen Istanbul besucht, um zusammen mit ihrem Vorgesetzten ein Gutachten zum dortigen botanischen Garten zu erstellen, das den Ausschlag darüber geben wird, ob der vor fast hundert Jahren durch Alfred Heilbronn angelegte Garten erhalten werden soll oder nicht.
Das Interessante an der Geschichte ist, dass der historische Teil auf wahren Begebenheiten beruht. Die Vita der historisch belegten Personen ist dem Buch in einem Anhang beigefügt.
„Ein Ort, der bleibt“ ist wirklich faszinierende Lektüre. Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Es erweckt längst vergangene Ereignisse und Personen zum Leben und ist akribisch recherchiert. Die Autorin muss viele Monate damit zugebracht haben, sich nicht nur über die historischen Begebenheiten, sondern auch über Botanik zu informieren! Sandra Lüpkes ist eine lebendige Geschichte gelungen, die überaus spannend zu lesen ist. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Pina Luxen ist ein Final Girl

Pina fällt aus
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Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohns, Leo. Ihre Tage sind streng durchgetaktet. Für Leo ist es wichtig, gewisse Rituale einzuhalten. Wenn er morgens im Treppenhaus nach unten geht, ...

Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohns, Leo. Ihre Tage sind streng durchgetaktet. Für Leo ist es wichtig, gewisse Rituale einzuhalten. Wenn er morgens im Treppenhaus nach unten geht, macht er beispielweise immer zwei Schritte vorwärts und dann wieder einen zurück, egal, wie spät er dran ist. Sobald er im Bus zur Behindertenwerkstatt sitzt, hetzt Pina zu ihrem Job im Call Center. Seit längerer Zeit hat sie Magenschmerzen, die sie mit Tabletten bekämpft, doch eines Tages bricht sie mitten auf der Straße zusammen und landet mit Magendurchbruch auf der Intensivstation.
Der 20jährige Leo ist zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung der 86jährigen Nachbarin Inge, für die Pina die Einkäufe erledigt. Als Pina nicht zurückkehrt, wird Inge panisch und auch Leo fragt ständig nach seiner Mutsch. Außer Inge wohnen im Haus in der Hansastraße noch Wojtek, ein dreißigjähriger schrulliger Einzelgänger, und die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, die Tochter des Hausbesitzers, die sich eine Glatze rasiert hat und permanent wütend ist. Keiner von ihnen fühlt sich der Aufgabe gewachsen, sich um Leo zu kümmern, zumal sie auch keine Ahnung haben, was mit Pina passiert ist und wann sie zurückkommt.
„Pina fällt aus“ schildert, wie aus den Leuten, die bisher keinerlei Kontakt untereinander pflegten, nach und nach eine Gemeinschaft wird, die beginnt, Leos Besonderheiten zu verstehen und sich auf ihn als Mensch einzulassen und ihn nicht mehr nur als „Behinderten“ zu sehen. Doch es geht nicht nur um Leo und seinen Autismus, wir erfahren auch viel über das Leben von Inge, Wojtek und Zola, und sie wachsen einem allesamt ans Herz. Selbst für den unfreundlichen Busfahrer Harry, der immer nur für eine Zigarettenlänge vor dem Haus hält und wegfährt, wenn Leo es nicht schafft, während dieser Zeit den Bus zu erreichen, beginnt man irgendwann, ein bisschen Sympathie zu hegen. Zola, die zu Beginn keine Ahnung hatte, welche Mammutaufgabe die in ihren Augen arrogante Nachbarin Pina mit ihrem nervigen Sohn täglich zu stemmen hat, erkennt, dass Pina in Wirklichkeit ein „final girl“, eine Superheldin wie in ihren Computerspielen ist. Die Aufgabe, sich gemeinsam um Leo zu kümmern, wirkt sich positiv auf das Leben aller Hausbewohner aus. Ein äußerst berührender Roman, dem man anmerkt, dass die Autorin Vera Zischke sich bestens mit dem Thema Autismus auskennt. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, es wird ganz hervorragend gelesen von Elisabeth Günther. Unbedingte Lese- bzw. Hörempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.04.2026

Agentenehre und viele unbeantwortete Fragen

Untergang - Jensen und Sander ermitteln
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Das Buch beginnt mit einer Zusammenfassung der Ereignisse rund um den Untergang der estnischen Passagierfähre Estonia am 28.9.1994. Es ist das schwerste Schiffsunglück in Europa seit dem 2. Weltkrieg, ...

Das Buch beginnt mit einer Zusammenfassung der Ereignisse rund um den Untergang der estnischen Passagierfähre Estonia am 28.9.1994. Es ist das schwerste Schiffsunglück in Europa seit dem 2. Weltkrieg, bei dem über 800 Menschen ums Leben kamen. Laut Verlag basiert dieses Buch auf wahren Tatsachen, wobei mir bis zuletzt nicht klar war, was denn nun Tatsache und was Fiktion ist. Unumstritten ist, dass die Bugklappe der Fähre bei hohem Seegang abgerissen wurde und Wasser in das Fahrzeugdeck flutete. Im vorliegenden Buch wird jedoch ein ganz anderes Szenario geschildert, in dem die schwedische Regierung um jeden Preis verhindern will, dass die Öffentlichkeit die wahre Ursache für den Untergang der Estonia erfährt. Was ebenfalls Fakt ist: die schwedische Regierung wollte unter keinen Umständen, dass die Fähre geborgen wird, obwohl sie in relativ geringer Tiefe liegt. Stattdessen gab es den Plan, einen Sarkophag aus Beton um die Estonia zu gießen. Dieses Vorhaben wurde zwar nicht umgesetzt, doch ist es nach wie vor verboten, zum Wrack der Estonia zu tauchen, angeblich, um die Totenruhe der Opfer nicht zu stören.
„Untergang“ ist der 6. Band der Reihe um Michael Sander und Lene Jensen. Es hilft zwar, die vorigen Bände zu kennen, denn es wird Bezug auf Ereignisse daraus genommen, doch ist es ein abgeschlossener Fall, den man auch ohne Vorkenntnisse lesen kann.
Zu Beginn des Buchs findet in Stockholm ein Attentat statt, das das Ehepaar Sander/Jensen auf unterschiedliche Weise betrifft. Es geht um Geheimdienste und Unterlagen, die auf keinen Fall in die falschen Hände geraten dürfen. Die Verwicklung in den Fall stellt die ohnehin bereits belastete Beziehung von Michael Sander und Lene Jensen auf eine harte Probe.
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, was sich als ziemlich schwierig herausstellte. Da sind zunächst die vielen Fakten und Daten, hinzu kommen die Namen der unterschiedlichen Regierungsmitarbeiter und Agenten diverser Geheimdienste. Bei der gedruckten Version kann man zurückblättern, beim Hörbuch ist es natürlich möglich, manche Szenen erneut hören, aber was, wenn man nicht weiß, in welchem Abschnitt eine gewisse Person bereits erwähnt wurde? Trotz dieser Schwierigkeiten fand ich das Hörbuch spannend. Lediglich der Showdown am Schluss ist für meine Begriffe unnötig brutal. Es macht mir keinen Spaß zuzuhören, wie ein Agent Höllenqualen erleiden muss, egal welcher Nationalität er ist. Insofern lässt mich das Hörbuch gespalten zurück. Was mich im Übrigen mit der Zeit sehr genervt hat, ist der russische Akzent, den der Sprecher den russischen Agenten verpasste. Konsequenterweise hätte er auch die Engländer, Schweden und Dänen mit Akzent sprechen müssen, was er dankenswerterweise nicht getan hat. Abgesehen von diesem Fake-Akzent war das Hörbuch gut gesprochen.
Mein Fazit: „Untergang“ beginnt spannend, wird aber mit der Zeit immer verworrener und brutaler. Für Fans von Agententhrillern, aber besser lesen als hören.

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Nomen est Omen?

Die Namen
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Als junges Mädchen verlässt Cora ihre Heimat Irland, um in London Balletttänzerin zu werden. Dort trifft sie auf Gordon, einen sympathischen jungen Arzt. Sie heiraten und Cora muss bald feststellen, dass ...

Als junges Mädchen verlässt Cora ihre Heimat Irland, um in London Balletttänzerin zu werden. Dort trifft sie auf Gordon, einen sympathischen jungen Arzt. Sie heiraten und Cora muss bald feststellen, dass Gordon auch eine andere, dunkle Seite hat. Als ihr Sohn auf die Welt kommt, ist es Gordons Wunsch, dass auch sein Sohn Gordon genannt wird, wie schon zuvor sein Vater und Großvater. Cora gefällt der Name nicht, sie möchte, dass ihr Sohn anders wird als seine Vorfahren. Die ältere Schwester des Babys, Maia, hat die Idee, ihren Bruder Bear zu nennen, wie ein liebenswertes knuddeliges Bärenkind. Cora gefällt der Name Julian gut. In „Die Namen“ werden drei verschiedene Szenarien geschildert. Was passiert, wenn Cora entgegen dem ausdrücklichen Wunsch ihres dominanten Ehemanns „Bear“ als Geburtsnamen eintragen lässt? Wie entwickelt sich die Geschichte, wenn Maias Bruder „Julian“ heißt? Und schließlich, wie wirkt sich der traditionelle Name „Gordon“ auf das Kind und seine Familie aus?
Florence Knapps Debütroman ist faszinierende Lektüre, die ich kaum aus der Hand legen konnte, obwohl manche Kapitel nur schwer zu ertragen waren. Wer auf der Suche nach Wohlfühllektüre ist, sollte die Finger davon lassen, allen anderen kann ich „Die Namen“ wärmstens empfehlen.

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