Profilbild von Readaholic

Readaholic

Lesejury Star
offline

Readaholic ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Readaholic über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.08.2017

Das Lied der Mantelmöwe

Sieh mich an
0

Katharina ist 40, verheiratet mit zwei Kindern und einem Job an der Musikschule. Soweit ist alles ganz normal. Allerdings ist die Tochter hyperaktiv und entsprechend anstrengend, mit dem Ehemann Costas ...

Katharina ist 40, verheiratet mit zwei Kindern und einem Job an der Musikschule. Soweit ist alles ganz normal. Allerdings ist die Tochter hyperaktiv und entsprechend anstrengend, mit dem Ehemann Costas führt Katharina eine Wochenendbeziehung, was zu Spannungen führt, und dann ist da noch dieses Etwas, das sie vor kurzem in ihrer Brust entdeckt hat. Da Katharinas Mutter und andere weibliche Verwandte an Brustkrebs gestorben sind, ist die Entdeckung der Geschwulst für sie wie ein Toderurteil. Noch hat sie mit keinem darüber gesprochen, ja, sie hat sich noch nicht einmal ärztlich untersuchen lassen. Sie macht einfach weiter wie bisher.
„Sieh mich an“ umfasst einen einzigen Tag in Katharinas Leben, in dem allerdings unendlich viel passiert. Mareike Krügels Schreibstil hat mich begeistert. Sie beschreibt auf äußerst humorvolle und sprachlich virtuose Weise die chaotischen Situationen und die Personen in Katharinas Leben. Besonders angetan hat mir die Beschreibung der Nachbarn Heinz und Theo, die beide in ihrem früheren Leben Frauen waren. Heinz, der Heilpraktiker, erkennt, „welches Lied ein Mensch singt“, bei einem Patienten war es ganz klar das Lied der Mantelmöwe. Ich habe mich wirklich sehr darüber amüsiert. Theo dagegen ist der Meinung, ein richtiger Mann müsse an Elektrogeräten herumschrauben, was nicht ganz ungefährlich ist, wie sich zeigt. Dabei sind die Beschreibungen nie böse, sondern einfach humorvoll und genau auf den Punkt gebracht.
Wer kennt sie nicht, die Schulsekretärin, die sich ganz ihrer Wichtigkeit bewusst ist? Oder die überambitionierten Eltern, die sich Sorgen machen, wenn ihre Vorschulkinder keine Hausaufgaben zu erledigen haben?
Für mich war das Buch ein Highlight. Mit Sicherheit werde ich nun auch die anderen Bücher der Autorin lesen. Das Einzige, was meine Begeisterung am Schluss ein wenig gedämpft hat, ist der furiose Schluss. Egal wie verzweifelt und/oder besoffen ein Mensch ist, ich glaube nicht, dass jemand wie Katharina bei einer Firmenfeier so alle Hemmungen über Bord werfen kann. Dies ist aber wirklich der einzige Kritikpunkt an einem Buch, das ich sehr genossen habe.

Veröffentlicht am 28.07.2017

Weil nicht ist, was nicht sein darf

Sieh nichts Böses
0

Bei einer Routineübung entdeckt ein Leichenspürhund die Leiche einer jungen Frau, die offensichtlich von niemandem vermisst wurde. Bei der Leiche findet sich als Grabbeigabe eine Affenfigur, wie sie auch ...

Bei einer Routineübung entdeckt ein Leichenspürhund die Leiche einer jungen Frau, die offensichtlich von niemandem vermisst wurde. Bei der Leiche findet sich als Grabbeigabe eine Affenfigur, wie sie auch in anderen Fällen schon gefunden wurde. Die Bedeutung der Figur: Sieh nichts Böses.
Der Titel des Buchs lässt sich auch gut auf die einzelnen Handlungsstränge anwenden, bei denen es immer wieder um Gewalt in der Familie geht. Keineswegs nur in sozial niedrigen Schichten, nein, auch dem Herrn Doktor rutscht schonmal die Hand aus. Nur dass das keiner glauben will - sieh nichts Böses!
Für mich war dies das erste Buch der Autorin. Zugegebenermaßen ist es vielleicht nicht allzu sinnvoll, mit Band 8 einer Reihe einzusteigen, aber es hat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan. Es wird zwar auf einen alten Fall Bezug genommen, und ich weiß nichts über Ehe/Scheidung/Kennenlernen der neuen Partnerin des Kommissars Dühnfort, aber ich konnte der Geschichte gut folgen und fand sie spannend. Für mich eine kurzweilige Urlaubslektüre!

Veröffentlicht am 21.07.2017

Drei Frauen auf den Spuren ihrer Jugend

Sommer unseres Lebens
0

Die Leseprobe fand ich richtig gut, und auch das Cover hat mich sehr angesprochen: drei junge Frauen, die – mit einem Glas Wein in der Hand – in der Abendsonne am Strand sitzen.
Es geht um die drei Freundinnen ...

Die Leseprobe fand ich richtig gut, und auch das Cover hat mich sehr angesprochen: drei junge Frauen, die – mit einem Glas Wein in der Hand – in der Abendsonne am Strand sitzen.
Es geht um die drei Freundinnen Hanne, Claude und Miriam, die sich vor 25 Jahren zufällig trafen und einen Sommer – den Sommer ihres Lebens – zusammen in Portugal verbrachten. Damals schworen sie sich, zu ihrem 50. Geburtstag wieder zusammen nach Portugal zu fahren. Jetzt ist es soweit: alle drei werden 50. Sie hatten zwar jahrelang keinen Kontakt zueinander und haben sich vollkommen unterschiedlich entwickelt, doch ein Versprechen muss man halten. Nach anfänglichem Zögern lassen sich auch alle drei darauf ein.
Wie nicht anders zu erwarten, bringt jede einzelne von ihnen ihre Probleme und Sorgen mit: Gesundheit, Finanzen, Kinder, Beziehung...
Zunächst ist das Buch noch ganz spannend, denn man möchte als Leser wissen, was im Sommer vor 25 Jahren passierte und wie sich das Leben der drei Frauen seitdem entwickelt hat. Was dann den Lesegenuss allerdings erheblich schmälert, sind die vollkommen überzogenen Dramen, die zu Spannungen zwischen den dreien führen. Beispielsweise stellt sich heraus, dass Hanne gut Portugiesisch spricht. Dies hat sie den anderen verheimlicht. Große Empörung – wie konnte sie das für sich behalten?! Und so geht es weiter. Kleinigkeiten werden aufgeblasen, die Mücke wird zum Elefanten, um künstlich Spannung zu erzeugen. Mehr als einmal sieht es so aus, als ob die Gruppe auseinanderbricht.
Gegen Ende des Buchs musste ich mich regelrecht zwingen, die Sinnfindung der drei weiter zu verfolgen. Wie nicht anders zu erwarten, löst sich alles in Wohlgefallen auf, wobei die Lösung von Hannes finanziellen (und sonstigen) Problemen mehr als unglaubwürdig erscheint. Es ist ein Buch, das ich mit viel Vorfreude begonnen und mit einem schalen Gefühl und enttäuscht beendet habe.

Veröffentlicht am 10.07.2017

Ein Meisterwerk an Fantasie und überraschenden Wendungen

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
0

Jakub Procházkas glückliche Kindheit endet jäh mit dem Unfall seiner Eltern. Er erfährt, womit sein Vater die Familie ernährt hat, nämlich als Folterknecht des kommunistischen Regimes. Als der Vater nicht ...

Jakub Procházkas glückliche Kindheit endet jäh mit dem Unfall seiner Eltern. Er erfährt, womit sein Vater die Familie ernährt hat, nämlich als Folterknecht des kommunistischen Regimes. Als der Vater nicht mehr am Leben ist, beginnen sich Dorfbewohner und frühere Opfer am Sohn zu rächen, Jakub büßt sozusagen für die Sünden des Vaters.
Vielleicht ist auch dies ein Grund, weshalb er damit einverstanden ist, als ihm der Vorschlag unterbreitet wird, als erster tschechischer Raumfahrer Chopra, eine geheimnisvolle lila Wolke im All, zu erkunden. Er fühlt sich verpflichtet, seinem Land einen Dienst zu erweisen.
Die Raumfahrt verläuft nicht wie geplant, beispielsweise hätte sich Jakub nicht träumen lassen, dass ihn seine Frau währenddessen verlässt. Halb irre vor Einsamkeit und quälenden Gedanken beginnt er ein fremdes Wesen an Bord seines Raumschiffs wahrzunehmen, ein spinnenförmiges haariges Geschöpf, das in seine Gedanken eindringt.
Hier hatte ich zunächst große Probleme damit weiterzulesen. Die Leseprobe hatte mich fasziniert und amüsiert, aber die darauffolgenden Seiten sind ausgesprochen zäh. Das seltsame Wesen, von dem man nicht weiß, was es ist. Existiert es oder ist es eine Ausgeburt von Jakubs Fantasie?
Ich hatte mir vorgenommen, bis Seite 100 durchzuhalten und dann zu entscheiden, ob ich das Buch weglege. Das Durchhalten hat sich gelohnt. Die Geschichte ist äußerst unterhaltsam, ein Meisterwerk an Fantasie und überraschenden Wendungen. Gleichzeitig erfahren wir viel über Jakubs Vergangenheit. Der Schreibstil hat mir gut gefallen, abgesehen von manchen allzu bemüht originellen Metaphern („Albino-Giganten“ statt Alpen) und Vergleichen (sie küssen sich „mit der Begierde verendender Tiere“ oder so ähnlich). Auch die philosophischen Exkurse waren mit manchmal ein bisschen zu viel und zu lang.
Aber alles in allem habe ich dieses Feuerwerk an Fantasie sehr genossen. Es ist nicht einfach zu lesen, man muss sich darauf einlassen, aber es lohnt sich.

Veröffentlicht am 18.06.2017

Ein Dorf sucht einen Mörder

Dem Kroisleitner sein Vater
0

Der Polizist Frassek aus Berlin verbringt einen Tag im beschaulichen St. Margarethen in der Steiermark. Just an diesem Tag kommt der 104-jährige Alois Kroisleitner auf seltsame Weise zu Tode. Da Fremde ...

Der Polizist Frassek aus Berlin verbringt einen Tag im beschaulichen St. Margarethen in der Steiermark. Just an diesem Tag kommt der 104-jährige Alois Kroisleitner auf seltsame Weise zu Tode. Da Fremde den Dorfbewohnern sowieso suspekt sind, liegt nichts näher, als dass Frassek der Mörder sein muss.
Der befindet sich längst zurück in Berlin, als er sein Konterfei auf einem Fahndungsfoto entdeckt. Natürlich kann er dies nicht so stehen lassen und fährt kurzerhand zurück in die Steiermark, um den dortigen Beamten bei den Ermittlungen zu helfen.
Dabei lernt er einiges über die Dorfbewohner und ihre Beziehungen zueinander und findet sogar einen Freund.
So verschroben und hinterwäldlerisch, wie der Autor die Dorfbewohner beschreibt, fürchte ich, kann er sich in St. Margarethen nur noch inkognito blicken lassen! Da ist zunächst die Wirtin Lissi, die nach dem Ableben des alten Kroisleitner als „Königin des Dorfes“ an dessen Stelle treten will und sich fortan Sissi nennen lässt. Dann treffen wir noch eine berühmte Sängerin, die nach ihrem vorgetäuschten Tod in ihrem Heimatort Unterschlupf sucht und einiges über ihre Herkunft erfährt. Deren Jugendliebe ist auch ein etwas seltsamer und einfältiger Kauz.
„Dem Kroisleitner sein Vater“ hat mir ein kurzweiliges Lesewochenende beschert. Der Stil ist humorvoll, und wäre nicht die eine oder andere Frage bei mir offen geblieben, zum Beispiel, warum „dem Kroisleitner seine Mutter“ Demenz vortäuscht – was hat sie davon? – dann hätte ich dem Buch 5 Sterne gegeben.