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Veröffentlicht am 17.02.2024

Solider Thriller mit Luft nach oben

Die Insel des Zorns
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Lana ist eine sehr erfolgreiche Schauspielerin. Zusammen mit ihrem Mann Jason, ihrem Sohn Leo, ihrer Freundin Kate und ihrem Freund Elliot bricht sie zum jährlichen Osterurlaub auf eine griechische Privatinsel ...

Lana ist eine sehr erfolgreiche Schauspielerin. Zusammen mit ihrem Mann Jason, ihrem Sohn Leo, ihrer Freundin Kate und ihrem Freund Elliot bricht sie zum jährlichen Osterurlaub auf eine griechische Privatinsel auf. Doch was eigentlich eine glückliche Auszeit sein sollte, entpuppt sich für die Truppe schon bald zu einem echten Albtraum...

Das Buch ist wie ein Theaterstück aufgebaut, in dem uns Elliot in diversen Akten die Handlung erzählt. Für mich eine interessante literarische Leistung und Neuerfahrung, denn sowas habe ich in der Art noch nie gelesen. Dazu kommt, dass man als Leser so oft in die Irre geführt wird, dass man am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was Wahrheit oder Fiktion ist. Der dabei gewählte Schreibstil ist klar verständlich und die düstere Atmosphäre der Insel greift Michaelides perfekt auf, um den Leser die Dramatik seiner Darbietung noch intensiver erleben zu lassen.

Leider habe ich eine ganze Weile gebraucht, um mich in der Geschichte zurechtzufinden. Auch eine Verbindung zu den Charakteren aufzubauen, bereitete mir so einige Probleme. Das war für mich größtenteils dem geschuldet, dass lediglich Elliot die Geschichte erzählt und dies auch noch in verwirrender Weise. So bekommt man zwar Informationen über die Charaktere zugespielt, weiß aber tatsächlich nicht, was nun stimmt oder erfunden ist. Das mag anfangs interessant sein, aber im Laufe der Geschichte fehlten mir dann doch die privaten und intensiven Einblicke in die Gedanken und Emotionen der einzelnen Protagonisten.

Die Erzählweise fand ich an sich recht cool, weil es einfach mal was anderes war. Doch was die Spannung betrifft, war deutlich Luft nach oben. Diese ging in der ganzen inszenierten Theateraufführung verloren und hat mir daher auch nicht das gewohnte Thriller-Feeling beschert.

Fazit: Eine Geschichte der etwas anderen Art, die mich trotz des geringen Nervenkitzels gut unterhalten hat. Wer also Lust auf ein gekünsteltes Theaterstück hat, der ist hiermit bestens bedient. Wer hingegen einen blutigen und/oder temporeichen Thriller erwartet, der sollte besser die Finger davon lassen.

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Durchweg überragender Plot

Der Puppenwald
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Die seit Wochen verschwundene 16-jährige Jessica taucht plötzlich wieder auf und berichtet Kommissarin Evelyn Holmes von ihrer Entführung. Sie wurde offenbar in einem abgelegenen Haus im Wald festgehalten, ...

Die seit Wochen verschwundene 16-jährige Jessica taucht plötzlich wieder auf und berichtet Kommissarin Evelyn Holmes von ihrer Entführung. Sie wurde offenbar in einem abgelegenen Haus im Wald festgehalten, um der 4-jährigen Tochter des Entführers eine Spielgefährtin zu sein. Sie war die Lieblingspuppe der kleinen Clara, die sehr genaue Vorstellungen davon hatte, wie sich ihre Puppe zu verhalten hat. Und zack war ich mittendrin im Geschehen, gefangen in einer düsteren Welt voller Ängste und Bösartigkeiten.

Das Buch beginnt mit Jessicas Perspektive, die in allen schrecklichen Details ihre Zeit im Haus beschreibt. Ein Vater, der ein Mädchen entführt, damit seine Tochter eine lebendige Puppe hat, mit der sie machen kann, was sie will. Allein die Vorstellung fand ich richtig krass. Jessicas zahlreiche Fluchtversuche und ihre Schilderungen fesselten mich so sehr an das Buch, dass ich alles andere um mich herum gar nicht mehr wahrgenommen habe. Ich wurde einfach mitgerissen.

In einer weiteren Perspektive folgt der Leser Evelyns Gedanken, die voller Empathie sind. Sie will Jessica unbedingt helfen. Trotz etlicher Steine im Weg, findet sie Zusammenhänge, mit denen niemand - nicht einmal sie selbst (oder ich als geübte Thriller-Leserin) - gerechnet hätte. Saskia Calden führte mich mehrfach auf falsche Spuren, und als ich anfing, an den vielen komischen Zufällen zu zweifeln und allmählich Licht ins Dunkle zu bringen, überraschte die Autorin mich erneut mit einer weiteren Wendung. Ganz großes (Kopf)Kino!

Fazit: Ein sogartiger (und beeindruckender) Reihenauftakt zum Fingernägelkauen, dessen Plot ich durchweg überragend fand. Eine schier unglaubliche Story, die einem emotional einiges abverlangt. Inhaltlich und stilistisch ein Volltreffer. Ich fiebere schon jetzt dem nächsten Band entgegen.

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Willkommen zu einem mörderischen Escape Game!

Die Burg
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Der Milliardär Nevio will demnächst sein neuestes Projekt eröffnen: die Burg. Eine grandiose Escape Room-Welt, deren Räume und Rätsel durch eine Künstliche Intelligenz (KIsmet) gesteuert und entworfen ...

Der Milliardär Nevio will demnächst sein neuestes Projekt eröffnen: die Burg. Eine grandiose Escape Room-Welt, deren Räume und Rätsel durch eine Künstliche Intelligenz (KIsmet) gesteuert und entworfen werden. So kann jeder Spieler seinen eigenen Escape Room erschaffen. Ob Vampire, Drachen, Mittelalter - alles ist möglich. Für einen letzten Testlauf werden der Historiker Lothar Melerski, die Influencerin Yvonne, Maxim als Inhaber einer Escape Room-Kette, der Promi Emil und Petra als Gewinnerin einer Verlosung für ein Wochenende auf die Burg eingeladen.
Was als unterhaltsame Auszeit vom Alltag geplant war, wird bald zum Horrorerlebnis, das nicht jeder unbeschadet überstehen wird.

Poznanski hat unglaublich spannende Charaktere erschaffen, die an diesem Testlauf beteiligt sind. Während die einen nur der horrenden Vergütung wegen im Nachhinein positiv über den Escape Room berichten wollen, haben andere tiefergehende Absichten. Schon die Dialoge und Unterhaltungen, mit denen die Gruppe ins Wochenende startet, sind kurzweilig, denn noch ahnt niemand etwas Böses. Es deuten sich jedoch bereits Schwachstellen in der Programmierung der KI an, die auch das Überwachungsteam verunsichern.

Zitat S. 96:
»Und dann auch noch merkwürdige Unterstellungen? Das müssen wir uns ansehen, von wegen Persönlichkeitsrechte und Datenschutz. Wäre unangenehm, wenn KIsmet beim Familienausflug irgendeinen RDC ausplaudern lässt, dass Papa die Sekretärin bumst.«

Nachdem sie allerdings in die Katakomben der Burg aufgebrochen sind, ändert sich bereits nach kurzer Zeit die Atmosphäre und etwas Bedrohliches schwingt mit. Alle Türen sind verschlossen, die Temperatur fällt, die Luft ist erfüllt von Tod und die RDC (randomly designed characters) werden zunehmend beängstigender und zeigen grausame Szenarien an den riesiegen LED Wänden, die man fast bildlich vor Augen hat. Mir stellten sich so einige Male die Härchen an den Armen auf.

Zitat S. 83:
»Ich kann mir nicht helfen«, sagte sie, »und ich finde es selbst albern, aber ich habe das Gefühl, dieses Spiel hasst uns. Ganz persönlich.« Sie schüttelte den Kopf. »Ist natürlich totaler Blödsinn.«

Während die Situation für die Gruppe immer brenzliger wird, versuchen sie von innen und außen die KI dazu zu bringen, das Spiel zu beenden. Doch dafür müssen sie erst das Rätsel lösen, welches am Ende überrascht und gut durchdacht ist.

Fazit: Eine gruselige Vorstellung, was mit künstlicher Intelligenz alles möglich ist. Beängstigend, spannend und unterhaltsam. Ihr sucht einen Pageturner? Hier habt ihr ihn!

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Wunderschön geschrieben, tolle Illustrationen

Und die Welt, sie fliegt hoch
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Es sind Sommerferien. Die schönste Zeit im Jahr für alle Jugendlichen. Doch Juri nutzt die Zeit, um sich in seinem Zimmer zu verkriechen, statt im Freibad oder mit Freunden abzuhängen. Dabei kommt er in ...

Es sind Sommerferien. Die schönste Zeit im Jahr für alle Jugendlichen. Doch Juri nutzt die Zeit, um sich in seinem Zimmer zu verkriechen, statt im Freibad oder mit Freunden abzuhängen. Dabei kommt er in Kontakt mit Ava, die notgedrungen zu Hause gefangen ist, da sie Hausarrest hat. Die beiden kennen sich aus der Grundschule und fangen zunächst eine normale Unterhaltung an. Diese weitet sich immer mehr aus und behandelt letztendlich Themen, die emotionaler nicht sein könnten…

Jeweils auf einer Doppelseite verfolgen wir einen Chat zwischen zwei Teenagern, die sich zwar aus der Grundschulzeit kennen, jedoch aus den Augen verloren haben. Ob Hobbies, Familiengeschichten, Zimmereinrichtung oder die bevorstehende Sommerabschlussparty: Die beiden kommen von einem Thema ins andere und vertrauen sich ab einem gewissen Punkt ihre dunkelsten Geheimnisse an. Ava zum Beispiel spricht über die Trennung ihrer Eltern, die ihr zu schaffen gemacht hat. Juri kommt auch aus seinem Schneckenhaus und erzählt von seinen Angststörungen, die ihn ans Haus fesseln. Mit diesen Geständnissen stoßen beide auf so viel Verständnis vom jeweils anderen, und es war deutlich spürbar, wie gut ihnen das getan hat.

Der von Jäger gewählte kindliche Schreibstil passt hervorragend zur Konversation und hat mich ebenjene noch emotionaler erleben lassen. An dieser Stelle müssen wir unbedingt auf die wundervollen Illustrationen von Sarah Maus eingehen, die das Buch so einzigartig machen. Wow, einfach nur wow! Jeder Seite verleiht sie mit ihren Bildern und Abbildungen eine ganz besondere Note. Dass der Text dabei mit in die Illustrationen einfließt, fand ich einfach großartig.

Fazit: Eine herzzerreißende Geschichte zweier Jugendlicher, die mir ans Herz ging, weil sie einfach so wunderschön und authentisch ist. Die Botschaft ist eindeutig: Man braucht Freunde, die einen aufbauen und für einen da sind. Keiner sollte sich jemals alleine fühlen müssen. Danke, für diesen emotionalen und unvergesslichen Roman!

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Veröffentlicht am 11.02.2024

Historisch spannender und eindringlicher Roman

Die Hexen von Cleftwater
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Die Hexen von Cleftwater ist ein Roman mit wahrem Hintergrund und bezieht sich auf die Hexenverfolgung 1645 in East Anglia.

Die stumme Dienerin Martha muss mit ansehen, wie der Hexenjäger Makepeace in ...

Die Hexen von Cleftwater ist ein Roman mit wahrem Hintergrund und bezieht sich auf die Hexenverfolgung 1645 in East Anglia.

Die stumme Dienerin Martha muss mit ansehen, wie der Hexenjäger Makepeace in ihr Dorf Cleftwater kommt und sämtliche Frauen als Hexen betitelt. Direkt als eine der ersten wird das junge Dienstmädchen Prissy aus Marthas Haushalt beschuldigt.

Zitat S. 38:
«Es scheint, als gäbe es doch Hexen in unserer Mitte. Und Prissy ist bloß eine von ihnen, wie Master Makepeace behauptet.»

Die Autorin schockiert mit den damals gängigen "Untersuchungen" und "Prüfungen", denen diese Frauen unterzogen wurden.
Unter anderem wurden Hautwucherungen (Teufelszitzen) und auffällige Muttermale gestochen, die Frauen mussten stundenlang in Bewegung bleiben, mussten hungern und wurden am Ende gehängt, wenn sie nicht vorher bereits verstarben. Doch Martha hat von ihrer Mutter einen Atzmann - eine kleine Hexenpuppe - geerbt, mit der sie nun versucht, sich selbst und die anderen Frauen zu schützen.

Zitat S. 198:
«Tu für sie, was du kannst. Jawohl. Sie hatte getan, was sie konnte, aber das reichte bei Weitem nicht aus. Das Böse war nach Cleftwater gekommen und hatte Kummer mitgebracht, mehr, als sie geahnt hatte.»

Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen. Es ist fast schon erschreckend, wie authentisch und kraftvoll Meyer die soziale Dynamik beschreibt, gegen diese Frauen vorzugehen, und wie auf einmal alle überzeugt sind, es tatsächlich mit Hexen zu tun zu haben. Die entsetzlichen Grausamkeiten der Hexenprozesse beschwört die Autorin auf unheimliche Weise herauf und schafft gekonnt eine Atmosphäre schleichender Angst. Mir lief regelmäßig ein Schauer über den Rücken. All diese unschuldigen Frauen, die gequält und vorgeführt wurden und sterben mussten, weil ein einzelner Mann Lügen und Gerüchte gesät hat.

Fazit: Ein historisch spannender und eindringlicher Roman, der einem vor Augen hält, wie schlimm es werden kann, wenn Gerüchte und Lügen eine Eigendynamik entwickeln. Eine tiefgehende Geschichte über eine paranoide Gesellschaft, erzählt aus der Perspektive einer stillen Frau. Hat mich vollkommen in ihren Bann gezogen. Wow!

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