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Veröffentlicht am 12.06.2021

Erst zum Ende hin wirklich spannend

Southern Gothic - Das Grauen wohnt nebenan
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Das Buch hat sehr ruhig begonnen, für mich persönlich dümpelte es zu gemächlich vor sich hin. Der Autor hat einen klasse Schreibstil. Er versteht es definitiv, etwas gut in Szene zu setzen. Seine Beschreibungen ...

Das Buch hat sehr ruhig begonnen, für mich persönlich dümpelte es zu gemächlich vor sich hin. Der Autor hat einen klasse Schreibstil. Er versteht es definitiv, etwas gut in Szene zu setzen. Seine Beschreibungen waren detailliert und verständlich, dennoch hat mir das gewisse Etwas im ersten Drittel des Buches gefehlt.

Ich hätte mir gewünscht, dass das Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben wird. Ich denke, dann wäre es leichter gewesen, den Gedanken besser zu folgen. Vielleicht auch ein paar Szenen aus der Sicht unseres Mörders.

Als Hauptprotagonistin begleiten wir Patrica Campbell. Sie ist Hausfrau und Mutter, eigentlich zufrieden mit ihrem Leben. Mit ein paar weiteren unerschrockenen Frauen in ihrer Nachbarschaft gründet sie einen Buchclub. Ihre Lieblingsgenres sind True Crime und Thriller. Hausfrauen, die aus der Idylle ihres sonst so eintönigen Lebens ausbrechen. Ein tolles Thema und eine wirklich schöne Idee. Das Buch beschreibt gute neun Jahre, in denen wir die Damen begleiten dürfen. Ich finde, dass der Autor dies sehr gut umgesetzt hat, trotz der langen Zeitspanne. Jedoch war es mir persönlich an einigen Stellen zu ausschweifend oder zu unausgereift.

Jede Frau hat einen sehr eigensinnigen Charakter. Viele sind mit ihrem Leben glücklich, lassen die Männer ihre Arbeit machen. Doch Patricia sehnt sich nach mehr. Anfangs noch ist sie sehr leichtgläubig, steht unter der Fuchtel ihres Mannes. Jedoch entwickelt sich ihr Charakter weiter, gewinnt an Stärke. Genau das, was mir als Leser gefallen hat, wird von dem Autor satirisch zerstört. Ich weiß nicht genau, wieso er dieses Frauenbild aufstellt, doch ich fand es sehr sympathisch, dass Patricia rebelliert.

James Harris ist ein toller Antagonist. Es lässt zuerst nichts darauf schließen, was bzw. wer er sein könnte. Natürlich stellte ich im Laufe des Buches meine Vermutungen an, denn der Autor streute seine Hinweise für uns wohlüberlegt aus. Überrascht hat es mich dennoch, und erwartet hatte ich nichts dergleichen, auch wenn das Cover und die Einstufung des Genres es erahnen lassen. Das merke ich tatsächlich erst jetzt im Nachhinein. Als kleine Anmerkung: Das englische Cover und der englische Titel weisen den Leser direkt auf das Thema hin.

Persönliches Fazit: Das Buch konnte mich leider nicht vollends überzeugen. Es war lange zu schwach, es fehlte an Spannung und Einfallsreichtum. Erst zur Mitte bzw. zum Ende hin wurde es besser und unerwartet brutal, mit einem kleinen Hauch von Horror und Fantasy. Sehr überraschend für mich. Dennoch hätte man mehr daraus machen können. Wer einen soliden Roman sucht, der wird hier fündig. Thriller-Fans würde ich davon abraten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.06.2021

Warum wird ein Mensch zum Serienmörder?

Der Blutkünstler
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Mit diesem Buch ist Chris Meyer ein Thriller gelungen, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, denn seine detaillierten Beschreibungen der Folterszenen und Tatorte sind sowohl blutrünstig als ...

Mit diesem Buch ist Chris Meyer ein Thriller gelungen, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, denn seine detaillierten Beschreibungen der Folterszenen und Tatorte sind sowohl blutrünstig als auch grausam, sodass mein Kopfkino mir Bilder lieferte, die mir eine Gänsehaut verursachten. Gleichzeitig entfachte der Plot eine außerordentliche Sogwirkung auf mich, denn die Spannung wurde immer weiter nach oben gepeitscht.

Ein fesselnder Schreibstil tat sein Übriges, um mich nur so durch die Seiten zu jagen. Die Kapitel werden aus den Blickwinkeln verschiedener Protagonisten und teilweise in Rückblenden erzählt.

Die Charaktere sind differenziert gezeichnet, denn man bekommt tiefe Einblicke in das Seelenleben der Hauptprotagonisten. Wir lernen mit dem Profiler Tom Bachmann einen Mann kennen, der mit finsteren Dämonen aus seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Nach und nach kann man als Leser verstehen, was den Seelenleser antreibt und warum er so völlig ohne Emotionen agiert. Als sein "Ziehbruder" Aaron auftaucht und ich erfahren musste, was die beiden in der Kindheit alles erleben und erleiden mussten, schockierte mich das sehr.

Zitat Pos. 2068:

Unzählige Mal in seinem Leben hatte er selbst eine solche Ohrfeige bekommen. Und er wusste, dass der körperliche Schmerz nicht so schlimm war wie die Demütigung. Eine Ohrfeige war das Demütigendste, was Aaron sich vorstellen konnte. Denn sie kam immer von jemandem, der über einem stand oder sich zumindest über einem wähnte.

Zitat Pos. 2330:

"Wir können nicht ungeschehen machen, was mit uns passiert ist", sagte Aaron schließlich. "Aber wir können das, was er in uns geweckt hat, sinnvoll nutzen". Bilder von damals tauchten vor Toms innerem Auge auf. Aaron, der gefesselt an der Wand hing und <...> mit einem Elektroschocker gequält wurde, wobei Tom lauter weinte und schrie, als er.

Auch an der Denkweise des Blutkünstlers lässt uns der Autor teilhaben, was zum Einen verstörend ist, gleichzeitig aber die Faszination des Bösen ausmacht. Bis zum Schluss war ich auf dem Holzweg mit meiner Vermutung, wer der Blutkünstler sein könnte, und war am Ende genauso überrascht wie die Ermittler! Der fulminante Showdown zum Schluss war das i-Tüpfelchen dieses fesselnden Thrillers und schaffte es tatsächlich, noch einmal einen Spannungskick draufzusetzen.

Persönliches Fazit: Der Blutkünstler ist nichts für schwache Nerven. Wer es blutig und grausam mag, dem wird dieses Buch durchweg gefallen, aber Achtung: Es geht auch um Gewalt an Kindern, was für einige bestimmt schwer zu ertragen ist! Ich finde, Chris Meyer reiht sich gut ein in die Riege namhafter Thriller-AutorInnen, und ich bin auf jeden Fall schon gespannt auf eine Fortsetzung mit Tom Bachmann und seinem Ermittler-Team.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.05.2021

Eiskalter Buchtipp

Blutkristalle
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Die Kurzgeschichte "Blutkristalle" von Ursula Poznanski greift das Thema Stalking auf. Doch anders wie vermutlich erwartet, schreibt die Autorin aus Sicht des Stalkers Wolfram und nicht aus der des Opfers. ...

Die Kurzgeschichte "Blutkristalle" von Ursula Poznanski greift das Thema Stalking auf. Doch anders wie vermutlich erwartet, schreibt die Autorin aus Sicht des Stalkers Wolfram und nicht aus der des Opfers. Dieses wird von Ella verkörpert, wo wir - nebst ihrem neuen Freund Paul - auch schon bei dem wichtigsten Charakter wären. Über Ella und Paul erfahren wir nur das Nötigste, was völlig ausreichend ist.

Über Wolfram dagegen erfahren wir als Antagonist etwas mehr. Die Autorin spielt hier mit Wesenszügen, die ersichtlich machen, wie gestört das Wahrnehmungsgefühl solcher Menschen sein muss. Mit seiner namens- und gesichtslosen Begleitung, welche für ihn eher ein lästiges Anhängsel ist, gleiten wir mühelos durch die Story.

Ella hat ihren Stalker bisher weder zu Gesicht bekommen noch weiß sie, wer er ist. Sie weiß nur eins: Er ist da und er ist gefährlich. Dieser Umstand soll sich Wolframs Meinung nach alsbald ändern und so plant er peinlich genau Pauls Tod, um von Ella wahrgenommen zu werden. Doch ein einfacher Mord kommt da nicht in Frage, es muss ein raffiniert konstruierter Unfall sein. Denn am Ende möchte er doch Ellas Retter und Held sein. Da kommen die Urlaubspläne des Paares gerade wie gerufen.

Dieser Thriller ist kurz und knackig, doch hat alles, was es braucht, um den Leser zu fesseln und zwischendurch den Atem anhalten zu lassen. Ursula Poznanski versteht sich darauf, dem Spruch "In der Kürze liegt die Würze" gerecht zu werden. Sie verliert keine Zeit mit unnötigen Details, sondern fokussiert sich auf das Wesentliche. Am Ende war ich erstaunt und überrascht, denn mit diesem Showdown hätte ich so nicht gerechnet. Ich fand es dann sogar ein wenig schade, dass es eben nur eine Shortstory ist.

Persönliches Fazit: Bisher habe ich immer die Finger von Kurzgeschichten gelassen, denn die können ja aufgrund ihrer Kürze nichts Fesselndes und Ausgereiftes sein. "Blutkristalle" hat mich eines Besseren belehrt. Kurz, knackig und auf dem Punkt. Insbesondere die Täterperspektive fand ich erfrischend. Die Autorin hat mich absolut überzeugt. Ein eiskalter Buchtipp!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.05.2021

Keine leichte Kost

Immer noch wach
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Alex ist glücklich, denkt er, mit genau dem Leben, das er lebt. Mit seinem besten Kumpel Bene hat er ein Café eröffnet und mit der Frau seiner Träume lebt er zusammen. Was soll jetzt noch passieren?

Fast ...

Alex ist glücklich, denkt er, mit genau dem Leben, das er lebt. Mit seinem besten Kumpel Bene hat er ein Café eröffnet und mit der Frau seiner Träume lebt er zusammen. Was soll jetzt noch passieren?

Fast jeder kennt ihn, diesen Moment im Leben, an dem man denkt: "Alles ist perfekt, kann jemand bitte auf „Pause“ drücken?" Man macht sich keine Gedanken um morgen, sondern genießt das Jetzt. An diesem Punkt ist auch Alex angelangt, als er die niederschmetternde Diagnose Krebs erhält. Heilung nicht möglich. Spätestens hier hatte der Autor mich. Mich hat das emotional ziemlich mitgenommen, so authentisch hat er alles geschildert. Am liebsten hätte ich Alex gedrückt und gesagt, dass alles wieder gut wird. Aber das tut es selten.

Obwohl das Augenmerk der Story auf Alex liegt, kommen Bene und Lisa ebenfalls nicht zu kurz. Zwar finde ich ihre Darstellung insgesamt etwas einseitig und blass, weil ich eher das Gefühl hatte, dass sie Alex’ Charakter unterstreichen und es in ihren Abschnitten weniger um sie geht. Doch im Gesamten passte es zur Story und fällt beim Lesen kaum auf. Alex’ Schilderungen, besonders aus seiner Zeit im Hospiz, sind sehr realistisch beschrieben und gehen ans Herz. Er ist jemand, den man so schnell nicht mehr vergisst und dessen Schicksal einen weiterhin unterbewusst begleitet. Denn das, was er durchmacht, haben andere im wirklichen Leben auch ertragen müssen. Es ist also nicht bloß reine Fiktion. Man schlägt die Buchdeckel zu und weiß, dass es viele wie Alex da draußen gab, gibt und geben wird.

Generell gefiel mir sehr gut, dass die Kapitel kurz gehalten waren. Auch der zeitliche Perspektivwechsel hat sein Übriges dazu getan. Hier könnte man bei einer Neuauflage überlegen, eine grobe Zeitangabe voranzustellen – ich musste immer einige Zeilen lesen, bevor ich sicher wusste, in welcher Zeitebene ich mich befinde.

Dieser Debütroman ist keine leichte Kost, und ich muss dem Autor ein Lob dafür aussprechen, wie er dieses sensible Thema verarbeitet hat, ohne dass es unrealistisch erscheint oder gar erzwungen.

Persönliches Fazit: Ein sehr bewegender Roman, der nachdenklich stimmt und noch lange nachhallt. Allerdings nicht für LeserInnen geeignet, die mit solchen Themen nicht gut umgehen können.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 27.05.2021

Außergewöhnlicher Krimi

Die zweite Schwester
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Wenn im Internet eine Hetzjagd auf ein Mädchen angezettelt wird. Wenn hunderte Menschen sich an dieser digitalen Hetzjagd beteiligen. Wenn besagtes Mädchen in letzter Konsequenz den Freitod wählt. Wer ...

Wenn im Internet eine Hetzjagd auf ein Mädchen angezettelt wird. Wenn hunderte Menschen sich an dieser digitalen Hetzjagd beteiligen. Wenn besagtes Mädchen in letzter Konsequenz den Freitod wählt. Wer trägt dann die Schuld? Und was steckt hinter diesem perfiden Spiel?

Chan Ho-Kei hat mit „Die zweite Schwester“ einen Kriminalroman geschaffen, der von der ersten bis zur letzten Seite an unseren Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit rüttelt.
Der Autor erzählt eine bis ins letzte Detail durchdachte Geschichte, die uns Leser immer wieder an der Nase herumführt und überrascht. Zu keiner Zeit lässt er sich in die Karten schauen und baut so bereits im Prolog eine Spannung auf, die sich auf hohem Niveau durch das gesamte Buch zieht.

Ungewöhnlich, und man sollte meinen ein garantierter Spannungskiller, ist, dass bereits zur Hälfte klar wird, wer der wahre Schuldige ist. Nicht aber in diesem Roman. Ganz im Gegenteil: Da an dieser Stelle nach wie vor die eigentlichen Motive weiter im Dunkeln liegen, entwickelt sich „Die zweite Schwester“ spätestens jetzt zu einem Pageturner der Extraklasse.

Auch sämtliche Figuren kommen wohl durchdacht, realistisch und glaubwürdig daher. Dabei schafft Chan Ho-Kei mit Nga-Yee und N ein Figurenpaar, das durchweg für eine gewisse Dramatik sowie für Unterhaltung sorgt. Während Nga-Yee für meinen Geschmack teilweise zu naiv und gutgläubig ist, ist N der perfekte Gegenpart und Antiheld. Immer wieder fühlte ich mich an Stieg Larssons Lisbeth Salander erinnert, obwohl N noch mal ein ganz anderes Kaliber ist. Trotz seiner schroffen Art, die so einige Male Grenzen überschreitet, war ich Fan der ersten Stunde. Für mich hat N der Handlung einen unglaublichen Drive gegeben.

Neben dem eigentlichen Kriminalfall vermittelt Chan Ho-Kei die nötigen IT-Kenntnisse, um die Geschehnisse um Nga-Yee, ihre Schwester Siu-Man und N zu verstehen. In gut dosierten und leicht erklärten Sequenzen schildert er auf erschreckende Weise, welche Möglichkeiten und Schlupflöcher das World Wide Web mit dem nötigen Know-how bietet.

Der Autor versteht es, intelligent mit Sprache zu spielen. Er hat ein Gefühl dafür, wann es nötig ist, zwischen den Perspektiven zu wechseln, Spannung und Humor einzusetzen und punktgenau die nötigen Details zu liefern, um seine Leser bei Laune zu halten.
Schlussendlich fügen sich alle einzelnen Fäden zu einem in sich schlüssigen Gesamtbild zusammen.

Persönliches Fazit: Chan Ho-Kai versteht sein Handwerk und erzählt seine Geschichte auf einem wirklich hohen Niveau. „Die zweite Schwester“ ist für mich schon jetzt eines meiner Lesehighlights 2021! Wer Settings abseits des Mainstreams sucht und sich gern mit der Hackerszene auseinandersetzt, sollte unbedingt zu diesem Kriminalroman greifen.

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