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Veröffentlicht am 01.03.2026

Schöne Coming-of-Age Geschichte

Sommer auf Perigo Island
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Perry Chafes Roman kann man kaum nur einem Genre zuordnen, aber genau darin liegt vielleicht auch eine seiner größten Stärken. Vordergründig erzählt das Buch von einem Sommer im Jahr 1991 auf einer kleinen ...

Perry Chafes Roman kann man kaum nur einem Genre zuordnen, aber genau darin liegt vielleicht auch eine seiner größten Stärken. Vordergründig erzählt das Buch von einem Sommer im Jahr 1991 auf einer kleinen fiktiven Insel, wo der zwölfjährige Pierce mit seinen Freunden Bennie und Thomas lebt. Als ein Mädchen verschwindet, entwickelt sich eine Suche, die zunächst vermuten lässt, dass sich die Geschichte zu einem Kriminal- oder Abenteuerroman entwickeln wird. Doch schnell wird deutlich, dass dieses Ereignis nur genutzt wird, um eine vielschichtige und berührende Geschichte über Existenz- und Verlustangst, Freundschaft und das Erwachsenwerden zu erzählen.

Im Zentrum steht Pierce, dessen Angst vor dem Meer mit dem spurlosen Verschwinden seines Vaters verbunden ist. Er erzählt (aus der Ich-Perspektive) von seiner Kindheit in dieser abgeschlossenen Inselwelt. In der jeder jeden kennt und Veränderungen nur langsam, aber unausweichlich Einzug halten. Die rückläufige Fischerei (aufgrund von Überfischung und gesetzlichen Vorgaben), der Zusammenbruch traditioneller Lebensweisen und der Einfluss von immer stärker werdenden Natur- und Meeresschutz prägen das Zusammenleben der Inselbewohner:innen. Besonders hat mir der „unheimliche“ Meeresbiologe gefallen. Aufgrund seines Anderssein gerät er bei den Jugendlichen schnell in Verdacht. Doch er zeigt ihnen, eine neue Sicht auf das Meer und dessen Bewohner. Er öffnet ihren Horizont und zeigt auf, dass ein Meer nicht nur als Erwerbsquelle gesehen werden kann.

Der Autor hat eine klare, bildhafte und schöne Sprache. Die raue Schönheit der Insel, die salzige Luft, das Blau des Eisberges und das Tuckern der Boote werden ebenso detailliert beschrieben wie die innere Zerrissenheit der einzelnen Charaktere. Die Freunde wirken glaubwürdig und trotz aller Sticheleien warmherzig. Die aufkommenden romantischen Gefühle bleiben zurückhaltend und dem Alter entsprechend und sind gerade deshalb schön zu lesen und glaubhaft. Der Autor verzichtet auf Action und Tempo. Seine Geschichte gewinnt seinen Sog aus der Ruhe, der emotionalen Tiefe und der Genauigkeit seiner Beobachtungen.

Sommer auf Perigo Island ist ein stiller, berührender Coming-of-Age-Roman. Perry Chafe gelingt ein eindrucksvolles Debüt über Veränderungen in der Freundschaft, die ersten schmerzhaften Erfahrungen und die sensible Beziehung zwischen Mensch und Natur. Das Buch fesselt durch seine Charaktere und die sehr schönen Landschafts- bzw. Meeresbeschreibungen.

Veröffentlicht am 15.02.2026

Zwei Seiten des Krieges

Trio mit Tiger
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Tiger und Quappi, ein Künstlerehepaar, welches eher unter Max und Mathilde Beckmann bekannt ist, spielt in diesem Buch die Hauptrolle. Er ist ein gefeierter Maler, der viele Bewunderer und Käufer hat, ...

Tiger und Quappi, ein Künstlerehepaar, welches eher unter Max und Mathilde Beckmann bekannt ist, spielt in diesem Buch die Hauptrolle. Er ist ein gefeierter Maler, der viele Bewunderer und Käufer hat, sie ist eine Musikerin, die ihre Karriere zugunsten von Max und zum Ärger ihrer Familie aufgegeben hat.

Beide flüchteten nach Amsterdam, um den Nationalsozialisten und deren Politik zu entkommen. Seine Bilder wurde auf die Liste der entarteten Kunst gesetzt. Als Leser verfolgt man das Leben der Beckmanns im Jahr 1942. Deutschland hat Holland besetzt und die Lage spitzt sich für das Paar und die jüdische Bevölkerung immer mehr zu. Durch die Tagebucheintragungen von Mathilde Beckmann erhält man einen tiefen Einblick in die Seele des Ehepaars. Die Stimmung wird immer drückender und schwerer, je länger der Krieg anhält. Sie kämpft um etwas Essen und gute Stimmung, er kämpft gegen Niedergeschlagenheit, Depression und als Künstler diffamiert zu werden.

Immer wieder erfahren sie Unterstützung durch verschiedene Kunstsammler und durch den Kunsthistoriker Dr. Erhard Göpel. Er hat den offiziellen Auftrag von Hitler für ein geplantes Kunstmuseum in Linz Kunst in Holland aufzuspüren und anzukaufen. Seine Expertise und seine Begeisterung für Max Beckmanns Kunst schützt das Ehepaar und einige ihrer jüdischen Freunde. Erhard Göpel wird immer mehr zur rettenden Hand für jüdische Restauratoren, Kunstsammler und Galeristen. Durch seine Machtposition bei den Nationalsozialisten kann er Deportationen verzögern oder verhindert oder Ausreisen ermöglichen. Doch im Laufe des Jahres 1942 wird Göpel immer mehr unter Druck geraten und seine Person gerät auf das Radar von Arthur Seyß-Inquart.

Man wechselt immer wieder zwischen den Handlungssträngen hin und her. Auf der einen Seite die Nationalsozialisten, die sich bereichern, die Kunst rauben und sich erheben über die anderen Menschen. Die Gewalt und der Machtmissbrauch, um die eigene Stellung zu sichern bzw. auszubauen werden gut von der Autorin beschrieben und aufgezeigt. Einzelne Nationalsozialisten schwanken und helfen durch Verzögerung oder Vertuschung, andere wiederum ergötzen sich am Leid der Menschen. Die Autorin nutzt hier eher die nüchterne und präzise Art des Erzählens. Historische Fakten gepaart mit einigen fiktiven Einschüben, um das Bild auszufüllen.

Auf der anderen Seite liest man die Tagebucheintragungen von Quappi. Emotional und persönlich. Ihre Not an Lebensmittel zu kommen, die Angst um jüdische Freunde, der Kampf um Aufträge, damit etwas Geld reinkommt. Ihre Familie, die Max nicht mögen und mit ihr den Kontakt knapp halten. Quappi, die den Frust und die Wut von Max aushält und versucht die Stimmung positiv zu halten. Doch am Ende muss auch sie sich von ihren wertvollsten Besitz trennen, um zu überleben.

Beide Seiten verwebt die Autorin zu einer interessanten Geschichte mit vielen historischen Fakten rund um den Kunstraub der Nationalsozialisten. Wer sich gern mit Kunst und Geschichte auseinandersetzt, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Tolle Geschichte

Das Holländerhaus
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Ann Patchett hat eine Familiegeschichte geschrieben, die mich etwas an ein Märchen erinnert hat. Zwei Kinder (Maeve und Danny), die mit ihren Vater in einen schönen großen Haus, das Holländerhaus, leben, ...

Ann Patchett hat eine Familiegeschichte geschrieben, die mich etwas an ein Märchen erinnert hat. Zwei Kinder (Maeve und Danny), die mit ihren Vater in einen schönen großen Haus, das Holländerhaus, leben, bekommen nach der erneuten Heirat des Vaters eine Stiefmutter und zwei Stiefschwestern. Die Chemie zwischen der Stiefmutter, Maeve und Danny stimmt nicht. Schritt für Schritt werden die Geschwister aus dem Haus gedrängt. Maeve, die Ältere, kommt damit am wenigstens zurecht. Sie kämpft gegen die Wut und die Ungerechtigkeit. Danny hängt an Maeve, die ihn großgezogen hat und versucht auf sie einzuwirken.

Als der Vater verstirbt, verlieren die Geschwister alles. Bis auf einen Ausbildungsfond, der für die vier Kinder angelegt worden ist. Maeve will alle Register ziehen, um der Stiefmutter nichts zu hinterlassen.

Es geht in dieser Geschichte um Familie, Liebe, Betrug, Trauer und Verrat. Alle Charaktere haben ihre guten und schlechten Seiten. Keiner ist frei von Schuld. Wie bei einer Zwiebel werden die Facetten der Charaktere scheibchenweise freigelegt. Die Autorin regt immer wieder zum Nachdenken an. Kleine Wendungen sorgen für eine ständige Grundspannung. Das Ende ist anders als im Märchen und doch passend für diese Geschichte.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Sehr unterhaltsam

Pi mal Daumen
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Wenn zwei Generationen sich im Hörsaal treffen, um Mathematik zu studieren, kann es schon mal zu Fehlinterpretationen und Irritationen kommen.

Oscar, hochbegabt und etwas alltagsfremd, lebte bisher ...

Wenn zwei Generationen sich im Hörsaal treffen, um Mathematik zu studieren, kann es schon mal zu Fehlinterpretationen und Irritationen kommen.

Oscar, hochbegabt und etwas alltagsfremd, lebte bisher gut behütet bei seinen adligen Eltern. Nach dem Abitur kann er endlich seinem Idol nacheifern und sich voll und ganz auf die Mathematik konzentrieren. Wenn sich Moni nicht neben ihn gesetzt hätte.
Moni, ü50 und mitten im Leben stehend, will es wissen. Schafft sie das Studium, obwohl sie alle für zu dumm dafür halten? Es ist ihr Traum, den sie sich nun erfüllen möchte. Das Studium presst sie zwischen ihre Jobs, der Versorgung ihrer Enkelkinder und der Unterstützung ihrer Tochter.

Während Oscar mit seinem Umfeld etwas zu kämpfen hat, nimmt Moni alle für sich ein. Sie ist die perfekte Kümmerin. Sie versorgt die Kommilitonen, besonders Oscar, mit gut gefüllten Tupperdosen und Anekdoten aus ihrem Leben. Oscar sorgt für die Lösungen bei den Mathematikaufgaben.

Die Beziehung zwischen Oscar und Moni ist einzigartig. Einzigartig unterhaltsam, liebenswert und ermutigend. Zwei völlig verschiedene Charaktere bauen sich über die Seiten eine Freundschaft auf, die so manchen Sturm aushält. Natürlich übertreibt die Autorin es an manchen Stellen, aber diese Abschnitte sollte man dann mit einem Augenzwinkern zu lesen.

Die Autorin hat einen unterhaltsamen und warmherzigen Roman geschrieben und gezeigt, dass Freundschaften zwischen den Generationen funktionieren kann, wenn der Respekt und die Achtung voreinander vorhanden ist.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Konnte mich leider nicht einfangen

Fräulein Hedwig
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Bisher mochte ich die Bücher von Christoph Poschenrieder gern. Deshalb hatte ich mich auch auf den neuen Roman von ihn gefreut. Die Geschichte klang interessant und da der Autor auch einen schönen Schreibstil ...

Bisher mochte ich die Bücher von Christoph Poschenrieder gern. Deshalb hatte ich mich auch auf den neuen Roman von ihn gefreut. Die Geschichte klang interessant und da der Autor auch einen schönen Schreibstil hat, konnte eigentlich fast nichts schiefgehen. Aber leider nur fast.

Mit sehr wenigen Fakten und Informationen versucht der Autor das Leben von Hedwig Poschenrieder nachzuvollziehen. Man merkt das er nicht so viel Material hat. Er wiederholt sich und springt zudem immer wieder zwischen den Zeiten und Personen hin und her. Für mich war es dadurch schwierig in die Geschichte einzutauchen. Ich konnte zu keiner Person eine gute Verbindung aufbauen und so kämpfte mich leider durch die Seiten. Der geschichtliche Hintergrund war beklemmend, traurig, unfassbar. Man spürt, dass ihm das Schicksal von Hedwig nahe geht, aber durch die fehlenden Informationen entstand leider kein klares Bild von Hedwig.

Für mich waren die geschichtlichen Fakten ein Grund das Buch auszulesen. Der Aufbau hat mich diesmal leider nicht so richtig überzeugt. Schade.