Schöne Coming-of-Age Geschichte
Sommer auf Perigo IslandPerry Chafes Roman kann man kaum nur einem Genre zuordnen, aber genau darin liegt vielleicht auch eine seiner größten Stärken. Vordergründig erzählt das Buch von einem Sommer im Jahr 1991 auf einer kleinen ...
Perry Chafes Roman kann man kaum nur einem Genre zuordnen, aber genau darin liegt vielleicht auch eine seiner größten Stärken. Vordergründig erzählt das Buch von einem Sommer im Jahr 1991 auf einer kleinen fiktiven Insel, wo der zwölfjährige Pierce mit seinen Freunden Bennie und Thomas lebt. Als ein Mädchen verschwindet, entwickelt sich eine Suche, die zunächst vermuten lässt, dass sich die Geschichte zu einem Kriminal- oder Abenteuerroman entwickeln wird. Doch schnell wird deutlich, dass dieses Ereignis nur genutzt wird, um eine vielschichtige und berührende Geschichte über Existenz- und Verlustangst, Freundschaft und das Erwachsenwerden zu erzählen.
Im Zentrum steht Pierce, dessen Angst vor dem Meer mit dem spurlosen Verschwinden seines Vaters verbunden ist. Er erzählt (aus der Ich-Perspektive) von seiner Kindheit in dieser abgeschlossenen Inselwelt. In der jeder jeden kennt und Veränderungen nur langsam, aber unausweichlich Einzug halten. Die rückläufige Fischerei (aufgrund von Überfischung und gesetzlichen Vorgaben), der Zusammenbruch traditioneller Lebensweisen und der Einfluss von immer stärker werdenden Natur- und Meeresschutz prägen das Zusammenleben der Inselbewohner:innen. Besonders hat mir der „unheimliche“ Meeresbiologe gefallen. Aufgrund seines Anderssein gerät er bei den Jugendlichen schnell in Verdacht. Doch er zeigt ihnen, eine neue Sicht auf das Meer und dessen Bewohner. Er öffnet ihren Horizont und zeigt auf, dass ein Meer nicht nur als Erwerbsquelle gesehen werden kann.
Der Autor hat eine klare, bildhafte und schöne Sprache. Die raue Schönheit der Insel, die salzige Luft, das Blau des Eisberges und das Tuckern der Boote werden ebenso detailliert beschrieben wie die innere Zerrissenheit der einzelnen Charaktere. Die Freunde wirken glaubwürdig und trotz aller Sticheleien warmherzig. Die aufkommenden romantischen Gefühle bleiben zurückhaltend und dem Alter entsprechend und sind gerade deshalb schön zu lesen und glaubhaft. Der Autor verzichtet auf Action und Tempo. Seine Geschichte gewinnt seinen Sog aus der Ruhe, der emotionalen Tiefe und der Genauigkeit seiner Beobachtungen.
Sommer auf Perigo Island ist ein stiller, berührender Coming-of-Age-Roman. Perry Chafe gelingt ein eindrucksvolles Debüt über Veränderungen in der Freundschaft, die ersten schmerzhaften Erfahrungen und die sensible Beziehung zwischen Mensch und Natur. Das Buch fesselt durch seine Charaktere und die sehr schönen Landschafts- bzw. Meeresbeschreibungen.