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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein Buch mit der Wucht eines Sturm

Zugwind
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Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler ...

Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler Tiefe!

Am 24.Februar 2022 nistet sich bei Mira Zehmann ein Zugwind ein. Mira ist Ärztin und bereits vor Jahren mit ihrem Mann Andrij, ebenfalls ein Mediziner, aus der Ukraine nach Deutschland emigriert. Hier sind sie Eltern von Tochter Rosa geworden. Mira stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa. Doch nun, mit dem Beginn der russischen Vollinvasion, verändert sich ihr privates und berufliches Leben dramatisch.

Nach der Tätigkeit in einem Krankenhaus war Mira in eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis gewechselt. Rasch wird sie nun zur Anlaufsstelle für neue ukrainische Patientinnen. Sie hoffen neben medizinischer Unterstützung nicht nur auf sprachliches sondern auch emotionales Verständnis und Gehör. Mira wird mit einer Vielzahl von Arten und Symptomen traumatischer Erfahrung konfrontiert, durchlebt von Menschen aus verschiedensten Regionen der Ukraine mit unterschiedlichen Perspektiven und Geschichten.

In der Arztpraxis kreuzt sich ein Gewirr von Lebensfäden. Die vor dem Krieg Geflüchteten tragen neben körperlichen und seelischen Leiden, auch die Sehnsucht nach der Heimat und dem Verlorenen hinein. Mittendrin steht Mira wie ein Verbindungsglied zwischen der Vergangenheit und einer möglichen Zukunft. Doch sie schwankt unter der zermürbenden Belastung und ist doch innerlich selbst zerrissen.

Mit einer ungeheuren Wucht, großer Authentizität und Emotionalität wird man als Leser
in der dramatischen Situation der Geflüchteten gewahr. Man begreift, was der vom Krieg bewirkte Sturz aus dem vorher selbstbestimmten Leben bedeutet: Abhängigkeiten, Hilflosigkeit, Identitätsverlust, Kontrollverlust, Neuanfang ohne verbliebene physische und psychische Ressourcen und so viel mehr…
„Die Menschen unterschätzten die Anstrengung, die es kostet, in einer vollkommen neuen Realität zu leben.“ S. 29

Da man sich sehr schnell mit der berührend authentischen Figur der Mira identifiziert, fühlt man ihr Ringen um Stärke, ihre innere Zerbrechlichkeit, Sensibilität mit. Mira wird im Alltag förmlich zerrissen zwischen ihrer ärztlichen Tätigkeit, der Mutterschaft, den Problemen in der Klein- und Großfamilie, den Nachrichten über das Geschehen in der Ukraine und den Botschaften aus Odesa.

Ihre eigene Gefühlswelt gerät nicht minder in Turbulenzen als die der geflüchteten Menschen: Angst, Sorge, Schuldgefühle, Scham, tiefe Traurigkeit, Verzweiflung, Resignation. Wie sie lebt sie eigentlich in zwei Realitäten gleichzeitig.
Mira muss stark sein, anderen Halt geben und ringt selbst darum. Ich bewundere sie dafür, dass sie ihren coolen, frischen, teilweise auch selbstironischen Erzählton beibehalten kann.
„Das 21. Jahrhundert ist ein Schuss ins Knie der Identität. Alles wird in Zweifel gezogen – Geschlecht, Nationalität, Kultur, alles blubbert und vermischt sich mit allem, kocht über und läuft aus dem Kessel. Und kaum hast du begriffen, wer du eigentlich bist, da fliegen dir die Splitter der zertrümmerten Kniescheibe um die Ohren.“ S.185

Dass Mira dann trotz Krieg und Gefahr in ihre alte Heimatstadt reist, um ihre Großmutter zu besuchen und Freunde zu treffen, ist für mich absolut nachvollziehbar. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu ertragen, eine Erinnerung daran, wer man eigentlich ist.
Die Darstellung des Lebens im kriegsgeschüttelten Odesa rundet das Geschilderte ab. In der Ukraine merkt Mira, wie Lappalien, Normalität und Routinen Halt geben können. Keine mögliche Freude wird verschoben, ganz egal, was einem in den finsteren Zeiten Licht schenkt.
„…die verstanden, dass der heutige Tag das Leben ist.“ S.35
„Und entweder man kann mit dem Gedanken „scheiß drauf, scheiß einfach drauf“ leben und bleibt, oder man geht. Aber man kann nicht tagein, tagaus Angst haben“ S. 115

Die Geschichte wird sehr sensibel, tiefgründig, präzise beobachtet und mit großem psychologischem Verständnis erzählt. Die emotionalen Momente habe ich als sehr intensiv und persönlich empfunden.
Mich hat die Metapher des titelgebenden „Zugwindes“ überzeugt. Ein Bild einer verfolgenden, existenziellen, fast depressiven Krise, die einem wie die vielen anderen Bilder nicht so schnell loslässt. Den Ausbruch in den magischen Realismus (Kraft auf Kredit) empfand ich als einen erfrischenden Ausgleich.
Für mich passen die vielen verständnisvollen Darstellungen der Geflüchteten wie auch das Schicksal Miras selber zu dem Bild der geschichteten Realitäten:
„Die Realitäten waren so dicht übereinandergeschichtet, dass mir schwindelig wurde.“ S. 183

FAZIT
Iryna Fingerovas Roman ist mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Das Buch will langsam und mit Empathie gelesen werden. Es stecken so viele Emotionen, Wahrheiten, Poesie und Denkanstöße drin. Nichts davon möchte ich mir entgehen lassen. Ein Buch, das ich bestimmt ein zweites und drittes Mal lesen werde.
Vielleicht schenkt es auch dem einen oder anderen Verständnis, der sich wundert, warum Geflüchtete ihre Heimat im Krieg besuchen, oder warum Menschen in der Ukraine Skifahren und tanzen. Aber das nur am Rande.
Ein berührendes und auch sehr wichtiges Buch!

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Die toten Brunnen in Siebenbürgen

Halber Stein
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Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen ...

Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen aus Siebenbürgen aufgezeigt werden. Was wissen wir eigentlich von den „Siebenbürger Sachsen“, die seit dem Mittelalter im Zentrum des heutigen Rumänien siedel(te)n? Ein bisschen mehr erfahren wir in diesem Roman.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.

Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.

Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist.

Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.

Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden.
Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.

Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)

Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn:

„Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.

Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225
Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Der Tanz auf dem Rande des Giftkelchs

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen ...

Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen viel besser. Sie sind eher „everbody’s friend“, sehr sympathisch und kommen schnell mit allen Leuten in Kontakt. Das wäre Jakob Dreiser nie in den Sinn gekommen, denn für seine Vorstellung wäre er ja als junger in der Kulturszene bekannter Dichter viel zu auffällig, um in die landläufige Vorstellung eines Spions zu passen. Aber gerade weil er sich anpassungsfähig in verschiedensten Milieus bewegt, ein Talent für Zwischenmenschliches hat und sehr viel erfährt, wirft Dieter Germersheim ein Auge auf ihn. Und der muss es ja wissen. Schließlich steht er seit 27 Jahren im Dienst des BND, inoffiziell versteht sich. Natürlich hat er einen anderen Job zur Tarnung.

Wir schreiben das Jahr 1989. Die Mauer fällt, der eiserne Vorhang löst sich genauso auf wie die UdSSR. Viele Menschen schöpfen Hoffnung, so wie der junge Künstler Jakob Dreiser: “Das ist eine Chance, wie sie nie zuvor da war, in der ganzen Geschichte nicht. Das ist das Ende der Geschichte.“ S. 35. Ist das wirklich „Das Ende der Geschichte“ (englisch End of History) wie es auch der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama formulierte?
Mit Zeitenwenden kennen wir Leser der Gegenwart uns ja gerade aus, im Rückblick kann man damit lockerer umgehen…

Da stehen sie, die Charaktere dieses Romans, russische Spezialitäten kostend auf der Gartenparty der russischen Botschaft in Rom, die sich plötzlich offen und gesellig gibt.
Agent Germersheim hält den frisch akquirierten Jakob Dreiser für blauäugig: „Glauben Sie wirklich, die denken plötzlich alle anders und vergessen, was sie jahrzehntelang gedacht haben? Für die sind wir immer noch der Feind. Und die für uns. Die hören doch nicht auf zu hassen.“ S. 34

Damit beweist er, wie man aus heutiger Perspektive weiß, eine große Weitsicht. Doch der Autor Kristof Magnusson katapultiert uns in diese Situation, in der noch alles voller Hoffnung und möglich scheint. Da schmunzelt man über den Agenten Germersheim, der überhaupt nicht begeistert ist, weil doch nun seine Existenz und die aller Spione und Doppelagenten auf dem Spiel steht.

Ausgerechnet in Rom startet nun die turbulente, witzige, immer wieder überraschende Reise der angejahrten Spione, Doppelagenten und des Dichters, der sich begeistert anwerben lässt, obwohl er kreative Lösungen dem Folgen von Anweisungen vorzieht. So verlockend dreht sich das Karussell der Geschäfte mit Militärgerät, ob in Kasachstan oder Kolumbien, inclusive Ritt auf der Rasierklinge oder - wie auf dem Cover - der Tanz auf dem Rand des Giftkelchs.
Kristof Magnusson schafft liebevoll und detailreich sehr authentische Charaktere. Der große Kontrast seiner beiden so unterschiedlichen wichtigsten männlichen Protagonisten macht ihr Zusammenspiel herrlich skurril.

Die beiden weiblichen Charaktere Dominique und Francesca Aquatone stehen nicht so im Zentrum, richten ihre Aufmerksamkeit aber auf wichtige Dinge und üben ihre Macht im Verborgenen aus. Mir gefällt besonders die kluge Francesca, die mit mehreren Identitäten jongliert und nicht unterschätzt werden sollte.

„Ich bin nicht wie Dieter, ich bin schlimmer. Dieter denkt, alles ist weiterhin genauso gefährlich als früher. Zu Sowjetzeiten war der Staat kriminell. Jetzt sind es alle.“ S. 102
Die Handlung ist mit vielen Wendungen sehr turbulent angelegt. Die Ideen und Pläne der Figuren wirken manchmal fast absurd, aber auch wenn sie mit Absicht überzeichnet sind, so zeigen sie doch, wie in dieser Umbruchszeit, einem Wendepunkt in der Geschichte, alles in Bewegung, im Zustand der Ungewissheit, Regellosigkeit und Chaos war. Auf der Reise geht so manches schief, einige Kurven und Abstürze werden noch aufgefangen. Überraschungen sind von Anfang an garantiert.

Magnusson erzählt mit viel Humor, jongliert mit Absurditäten und skurrilen Ideen. Mir sagt seine Hintersinnigkeit sehr zu. Die Figuren haben Tiefe und sind mit viel Hingabe entworfen. Die Geschichte hat Tempo, macht viel Spaß beim Lesen und gibt einem auch immer wieder zu denken.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Die magische Stimme der Themse

Die Jagd nach den magischen Münzen
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Hier kommt lernt man London wirklich von einer unerwarteten Seite kennen! Da die Themse von den Gezeiten der Nordsee beeinflusst wird, gibt sie zweimal an jedem Tag bei Niedrigwasser den Flussschlamm ihrer ...

Hier kommt lernt man London wirklich von einer unerwarteten Seite kennen! Da die Themse von den Gezeiten der Nordsee beeinflusst wird, gibt sie zweimal an jedem Tag bei Niedrigwasser den Flussschlamm ihrer Ufer frei. Plötzlich können im Schlamm jahrhundertealte, auch durchaus wertvolle Objekte in sehr gutem Zustand auftauchen.
Wie auf dem stimmungsvollen Cover des Romans abgebildet, durchwühlten arme Londoner Straßenkinder in den vergangenen Jahrhunderten systematisch den Schlamm am Themse-Ufer nach angeschwemmten Gegenständen, die sie verwenden oder verkaufen konnten. Natürlich hofften sie alle auf einen möglichen Schatz. Man nannte sie die Mudlarks (zu Deutsch Schlammlerche, im vorliegenden Roman Schlammschwalbe). Auch heute tummeln sich übrigens noch Mudlarks und Hobbyarchäologen dort im Themseschlamm.

Dieser abenteuerliche Jugendroman erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Mädchens Bo Delafort, eine Halbwaise, die im armen, industrialisierten Londoner Stadtteil Battersea direkt am südlichen Ufer der Themse lebt. Stolz nennt sie sich “Schlammschwalbe” (Mudlark), als sie auf den unbekannten Billy River, einen Waisenjungen vom jenseitigen Ufer trifft. Zusammen werden sie sich auf die Jagd nach magischen Münzen begeben. Denn als Bo eine wertvolle Schmuckscheibe aus dem Schlamm befreit, vernimmt sie plötzlich die magische Stimme des Flusses, der ihr unter bestimmten Bedingungen die Rückkehr eines geliebten Menschen verspricht.
Bo ist gerade in großer Sorge um ihren blutjungen Bruder Harry, der nun in den großen Krieg ziehen muss, den man später den 1. Weltkrieg nennen wird. Billy und Bo haben bereits geliebte Menschen verloren, die sie herbei sehnen, sie sind bitterarm und könnten den Erlös eines Schatzes gebrauchen. Doch nicht nur die beiden sind an dem ungewöhnlichen Schatz interessiert.

Diese Geschichte ist eigentlich mehr als eine Jagd nach einem Schatz wie der Titel verspricht. Sie verwebt die Schatzsuche mit Magie und „Mystery“ vor einem ungewöhnlichen historischen Hintergrund. Anfänglich glaubt man sich durch die Stimmung in die viktorianische Epoche zurückversetzt. Doch der erste Weltkrieg macht sich bitter und grausam bemerkbar.
Mir gefällt Bo, die als unerschrockener Charakter durch die Geschichte führt und an den Herausforderungen wachsen muss. Ihre Entwicklung ist sehr authentisch dargestellt. Einige Charaktere sind sehr ungewöhnlich wie Billy, der sich erst selber ein Bild von sich machen muss, der bösartige Mr. Muncaster, seine Verlobte und Bos neue Lehrerin.
Niemand erweist sich so, wie er auf den ersten Blick erscheint. Bo muss mit Täuschungen und Enttäuschungen umgehen lernen. Das sind auch Herausforderungen für die junge Leserschaft.

Eine sehr wichtige Rolle spielt der Fluss selber. Die Themse ist fast wie ein Charakter in der Geschichte, denn für die Bewohner ihrer Ufer ist sie ein lebendes Wesen. Ein Hort von Schätzen, die es zu geben und nehmen vermag, voller Erinnerungen und verlorener Dinge. Der Fluss hat eine unkontrollierbare Macht, die man zu respektieren hat. Und manchmal entscheidet die Flussströmung, Menschen Schätze oder auch Einsichten zu schenken.
Das anfängliche ruhige Tempo steigert sich, die Suche wird zu einem hindernisreichen Rennen gegen die Zeit. Die Wendungen sind sehr überraschend, zumal sie offenbaren, dass es hier um mehr als eine magische Schatzjagd mit vielen Gruselelementen geht.
Das Thema Freundschaft ist sehr wichtig, aber auch Verlust, Schmerz, Gier, Hass und Tod spielen elementare Rollen. Das sollte man wissen. Die Handlung hat durchaus eine emotionale Tiefe.

Ich empfinde den Spannungsbogen als gelungen. Aufmerksame junge Leser und Leserinnen können im Laufe des Buches manche Täuschungen vorher entdecken. Doch ich hätte mir gewünscht, dass die Trigger wie Tod und Verlust in einem kurzen Vorwort erwähnt werden. Ansonsten passen diese Themen sehr gut in die Geschichte als unerwarteter Drehpunkt und Entwicklungsmoment der Protagonisten.
Die Altersempfehlung vom Verlag ist 10-14 Jahre. Ich persönlich denke, dass das Buch bei 12 bis 14 jährigen auf eine geeignete Zielgruppe treffen würde.

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Faszinierende Charakterentwicklung mit Drama, Magie und emotionalen Feuer

Medea
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Die griechische Mythologie übt schon immer eine Faszination auf mich aus. Daher war ich sehr neugierig auf diesen Roman. Wird er mit einem meiner Lieblingsromane Madeline Millers „Circe“ mithalten können? ...

Die griechische Mythologie übt schon immer eine Faszination auf mich aus. Daher war ich sehr neugierig auf diesen Roman. Wird er mit einem meiner Lieblingsromane Madeline Millers „Circe“ mithalten können? Kann die Autorin vermitteln, wieviel Spannendes die griechische Mythologie uns auch heute noch erzählen kann? Kleiner Spoiler: Ja!

Der Mythos um Medea und um die Argonauten wurde von der Antike bis in die Gegenwart immer wieder literarisch verwertet. Trotzdem hatte ich von Medea und Jason bislang nur ein grob skizziertes Bild mit den üblichen Schlagworten: Medea – die Hexe, Jason – der Held der Argonauten. Damit räumt die Autorin Rosie Hewlett hier auf und haucht den antiken Figuren mit Magie, Liebe, Rache und einem sehr weiblichen Blick Leben ein.

Medea wurde als eine Prinzessin von Kolchis geboren. Die Göttin Hekate hat sie mit derselben speziellen Gabe beschenkt (eigentlich eher verflucht) wie Medeas Tante Circe - der Magie. Medeas Vater verabscheut die Magie, bis er erkennt, dass sie als machtvolle Waffe zu benutzen ist. Diese magische Kraft wird Medea anziehend für machtgierige Männer machen, die übrigen Menschen aber abstoßen.

Als Kolchis zum Hüter des goldenen Vlieses wird, das seinen Besitzer unbesiegbar machen soll, wird es Ziel griechischer Helden, die diesen Schatz erringen wollen. Unter ihnen sind auch Jason und seine Argonauten. Das Zusammentreffen mit ihnen wird Medeas Leben für immer verändern.

Die Autorin lässt uns das packende Geschehen aus Medeas Perspektive erleben. So lernt man Medea in ihrem ganzen vielschichtigen, facettenreichen Wesen kennen. Man nimmt Teil an ihren inneren und äußeren Kämpfen, man fühlt ihre Ängste, ihre Wut, ihre Ungerechtigkeit und auch ihre Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Von ihrer traumatischen Kindheit und Entdeckung ihrer magischen Fähigkeiten, bis zu ihrer Liebesgeschichte mit Jason und darüber hinaus, folgen wir Medeas Spuren. Man bekommt ein tiefes Verständnis für Medea, warum sie so handelt und meint, es wäre ihre einzige Wahl.

Auch die wichtigen weiblichen Nebencharaktere bleiben im Gedächtnis hängen. Medeas Tante Circe belehrt ihre Nichte über die Macht der Magie und ihren positiven Gebrauch. Doch Medea spürt schon als Kind die rastlose dunkle Seite der Magie in sich, von der sich Circe nie verleiten ließ.
Circes Warnung schwingt für mich bis zum Ende der Geschichte mit:
„Manche Türen, die geöffnet werden, können nie wieder geschlossen werden.“ S. 160

Atalanta als einziges weibliches Mitglied der Argonauten punktet mit großer innerer Stärke und eindrücklicher Warnung an Medea.
Und Jason - ein charismatischer Held? (Für mich wird er von nun an ein manipulativer Mistkerl bleiben, sorry…). Da hat sich mein Blick wie auch auf die Argonauten-Truppe durch diese Geschichte deutlich geändert.

Beeindruckend ist, aus Medeas Sicht die Wirkung der dunklen Magie zu erleben. Wie diese seelische und körperliche Kraft fordert, wie ein wirbelnder, berauschender Strom mit schier grenzenlosen Kräften das Innere mitreißt.
Mir gefällt, dass Medea in diesem Roman mehr als nur die Hexe aus der Mythologie wird, denn man erlebt aus ihrer Perspektive, warum sie so handelt, wie sie es tut, ohne dass sie dabei von ihrer Schuld freigesprochen oder rehabilitiert wird. Der Autorin gelingt es zu vermitteln, wie komplex Medea als Charakter ist. Der weibliche Blickwinkel richtet den Fokus auf Medeas Verhältnis zu den Männern in ihren Leben: von der missbräuchlichen Benutzung ihrer Fähigkeiten durch den Vater und den Bruder zu den psychischen Manipulationen, unter denen sie bei Jason leidet. Man hinterfragt, wie sie durch die Umstände geformt wurde, wer Geist und Persönlichkeit beeinflusst

Wie Dunkelheit, Zorn und Leid im Kern von Medeas Geschichte liegt, macht einen tiefen Eindruck. Doch es fehlen auch nicht Möglichkeiten für Medea, sich für Licht und Frieden zu entscheiden. Warnungen gibt es genug.

Rosie Hewlett hat Klassische Literatur und Zivilisation studiert, was deutlich an ihrem Werk zu merken ist. Daneben liefert sie eine Menge an Dramatik, Leidenschaft und Feuer, genug um einen zu fesseln und zu verzaubern. Der Roman ist extrem spannend, detailreich und mit rasantem Schwung geschrieben. Die dramatischen Wendungen, die großartige und sehr authentische Entwicklung der Charaktere und die emotionale Nähe zur Protagonistin ließen mich das Buch kaum aus der Hand legen.
Deshalb fände ich es toll, wenn Hewletts Debütroman über Medusa auch ins Deutsche übersetzt wird.

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