Starker Anfang, schwaches Ende
Mit anderen AugenJane Taras Roman "Mit anderen Augen" hat mich wegen seiner Prämisse angesprochen: Tilda Finch stellt eines Tages fest, dass ihr kleiner Finger unsichtbar geworden ist. Die Ärztin stellt eine vernichtende ...
Jane Taras Roman "Mit anderen Augen" hat mich wegen seiner Prämisse angesprochen: Tilda Finch stellt eines Tages fest, dass ihr kleiner Finger unsichtbar geworden ist. Die Ärztin stellt eine vernichtende Diagnose: Tilda leidet an Unsichtbar, eine Krankheit, die vor allem Frauen betrifft und für die es keine Heilung gibt. Tilda will sich damit nicht abfinden und versucht, ein Mittel gegen die Unsichtbarkeit zu finden.
Und was soll ich sagen? Der Roman beginnt wirklich stark. Es werden auf humorvolle und angenehm leichte Weise viele gesellschaftliche Themen eingeflochten (wie zum Beispiel Gelder Health Gap, Benachteiligung von weiblich gelesenen Menschen im Beruf und so weiter), Diversität wird sprachlich auf sehr angenehme Weise abgebildet und die im Roman auftauchenden Frauen sind mir fast durchweg sympathisch gewesen. Kurz: Fast die ganze erste Hälfte des Romans war grandios: Gesellschaftskritik mit Leichtigkeit und Humor statt Schwermut - das muss man erst einmal hinbekommen.
Einziger Wermutstropfen war anfangs im Grunde genommen nur de völlig unkritisch transportierte hohe Alkoholkonsum - gerade im Kontext eines Romans der Selbstreflexion & Co. feiert, finde ich es merkwürdig, wenn die Protagonistin ständig Alkohol braucht und das auch noch positiv dargestellt wird.
Wie dem auch sei: Der Anfang des Romans ist wirklich super und wäre es auf dem Niveau weitergegangen, hätte es locker für eine 4-Sterne-Bewertung gereicht. Aber leider finden die gesellschaftskritischen Elemente spätestens in der zweiten Hälfte des Romans überhaupt nicht mehr statt (ich meine das genau so - sie geraten nicht etwa in den Hintergrund, sondern sind überhaupt nicht mehr vorhanden), genauso tauchen angeblich total wichtige Freundinnen - abgesehen von einer Ausnahme - kaum noch auf. Stattdessen driftet der Roman komplett in eine weichgespülte Esoterik-Welt ab, in der Selbstfindung und Meditation quasi alle Probleme behebt.
Die zweite Hälfte war furchtbar zu lesen, zumal es einfach auch langweilig wurde und mir der Roman viel zu sehr Denver-Clan-Glitzer-Gefilde abdriftete (allerdings ohne die Intrigen). Sinnbild dafür ist Patrick, der ohne Ecken und Kanten, dafür aber mit umso mehr sexy Schönheit, Verständnis, Geld und was weiß ich noch alles ausgestattet ist (und natürlich gut küsst und sexuelle Glanzleistungen abliefert), dass ich irgendwann nur noch genervt auf ihn reagiert habe.
Das Schlimmste aber war, dass der Roman, der so stark begonnen hatte, immer belangloser wurde. Ja, der Humor und die Leichtigkeit waren immer noch da. Ja, rein sprachlich war der Roman ist immer noch super zu lesen. Aber inhaltlich bot der Roman ein Niveau, das über "Du musst dich selbst sehen, um gesehen zu werden" nicht hinauskam. Die Vielfalt der anfänglichen Themenkomplexe blieb auf der Strecke, die Charaktere wurden im Verlauf immer schablonenhafter und der Selbstfindungsprozess verlief derart problemlos, dass es den Anfang des Romans konterkariert.
Schade.