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Veröffentlicht am 19.07.2025

Im Moos ist was los!

Im Schatten von Giganten
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In ihrem neuesten Sachbuch „Im Schatten von Giganten“ widmet sich die Biologin Jasmin Schreiber den Lebewesen, die wir im Alltag meist übersehen: Spinnen, Asseln, Hundertfüßern, winzigen Pilzen und Bärentierchen, ...

In ihrem neuesten Sachbuch „Im Schatten von Giganten“ widmet sich die Biologin Jasmin Schreiber den Lebewesen, die wir im Alltag meist übersehen: Spinnen, Asseln, Hundertfüßern, winzigen Pilzen und Bärentierchen, die allesamt in kleinsten Ökosystemen wie Totholz, Moosen, Pfützen, Blüten und ähnlichem zuhause sind.

Etwas ungewohnt für ein Sachbuch ist die Erzählperspektive in der Ich-Form. Jasmin Schreiber beginnt mit einem kurzen einleitenden Kapitel, in dem sie über den Beginn ihrer Leidenschaft für die unscheinbaren Tierchen, die in unserer unmittelbaren Umgebung leben, erzählt.

Die einzelnen Kapitel widmen sich anschließend dem Leben unter Steinen, im Totholz, im Kraut, im Baum, im Moospolster, in der Blüte, in der Pfütze, im Kadaver und im Dung. Schöne Farbfotos begleiten den Text, der zugleich informativ und unterhaltsam geschrieben ist, so dass sich das Buch sehr flüssig und angenehm liest. Das Verhältnis von Text zu Bild empfinde ich als sehr ausgewogen.

Besonders faszinierend fand ich das Kapitel über das Leben im Totholz, da wir häufig im Wald spazieren gehen, und ich dort nun die verschiedenen Flechten und Pilze auf abgestorbenen Baumteilen mit anderen Augen sehe.
Das Buch gibt einen interessanten ersten Einblick in verschiedenste Mikro-Lebensräume und lädt dazu ein, die unmittelbare Umgebung genauer wahrzunehmen: Einen Stein umzudrehen, und zu beobachten, was sich darunter so tummelt, oder eine Pfütze näher zu betrachten.

Ich kann das Buch rundum weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 19.07.2025

psychologisch stark

Ungebetene Gäste
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Während ein arabischer Handwerker den Balkon renoviert, ist Naomi mit ihrem einjährigen Sohn Uri allein in der Wohnung in Tel Aviv. Sie fühlt sich unwohl, spürt, dass sie Vorurteile gegenüber dem Mann ...

Während ein arabischer Handwerker den Balkon renoviert, ist Naomi mit ihrem einjährigen Sohn Uri allein in der Wohnung in Tel Aviv. Sie fühlt sich unwohl, spürt, dass sie Vorurteile gegenüber dem Mann hat und versucht, diese durch besondere Freundlichkeit zu kompensieren. Als der Arbeiter kurz die Toilette aufsucht und Naomi in der Küche abgelenkt ist, entwischt Uri auf den Balkon, stößt den auf der Brüstung liegenden Hammer vom Balkon und trifft damit einen jungen Mann tödlich. Auf der Straße kommt es zum Tumult, sofort wird ein Anschlag des arabischen Arbeiters vermutet, und die Polizei nimmt diesen fest. Naomi steht völlig neben sich und ist nicht in der Lage, das Missverständnis aufzuklären.

Ayelet Gundar-Goshen ist studierte Psychologin, und dies spürt man an den fein ausgearbeiteten Charakteren und der psychologischen Tiefe der Erzählung. Naomi und ihr Mann Juval sehen sich als moderne, aufgeklärte Menschen und sind doch selbst gefangen in einem Strudel aus Sprachlosigkeit, tradiertem Rassismus, Schuld, Angst und schlechtem Gewissen.

„Ungebetene Gäste“ besteht aus drei Teilen, wobei der erste und letzte in Tel Aviv spielen und der zweite in Lagos, wohin die Familie noch während des Gerichtsprozesses übersiedelt, da Juval dort eine zeitlich befristete Arbeit im Umfeld des israelischen Militärs annimmt. Auch in Lagos verfolgen die Schatten des Unglücks die Familie, die inneren Konflikte belasten Naomis und Juvals Beziehung, und auch Uri spürt die Spannungen zwischen seinen Eltern.

Vor allem im zweiten Teil führt die Autorin eine ganze Reihe weiterer Figuren wie die Psychologin Noga ein, schildert kleine Episoden, deren Bedeutung für die Handlung oder das Figurenprofil mir sich nicht immer erschließt. Hierzu gehören beispielsweise der verhaltensgestörte Junge Liam und der Anruf eines merkwürdigen Mannes, der um einen Termin bei Noga bittet, aber nie wieder in Erscheinung tritt.

Nahezu allen Figuren gemeinsam ist eine gewisse Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren, man schweigt oder redet aneinander vorbei. Persönliche Traumata vermischen sich mit gesellschaftlichen, und die Figuren sind teils wie gelähmt in ihrer Hilflosigkeit. Das Ende kam für mich etwas (zu) plötzlich, und ich hätte sehr gerne noch weitergelesen.

Sehr interessant fand ich einen Betrag in der ARD Mediathek der Sendung „titel thesen temperamente“, in dem die Autorin davon erzählt, inwiefern die Geschichte ihres eigenen Großvaters sie zu der politischen Ebene im Lagos-Teil inspiriert hat.

Auch wenn „Ungebetene Gäste“ speziell den jüdisch-arabischen Konflikt behandelt, sind einige Grundthemen auch auf unsere Gesellschaft übertragbar, und ich habe mich immer wieder gefragt, wie ich an Stelle von Naomi, Juval oder Noga handeln würde. Mich hat „Ungebetene Gäste“ sehr berührt und ich empfehle es unbedingt weiter. Nun bin ich neugierig auf weitere Werke der Autorin, und „Wo der Wolf lauert“ liegt schon bereit.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

George Smiley ist zurück!

Smiley
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Mit „Smiley“ setzt Nick Harkaway das Erbe seines Vaters John le Carré fort, aus dessen Feder der neben James Bond wohl berühmteste Spion der Literatur stammt.

Zeitlich ist „Smiley“ in den Jahren zwischen ...

Mit „Smiley“ setzt Nick Harkaway das Erbe seines Vaters John le Carré fort, aus dessen Feder der neben James Bond wohl berühmteste Spion der Literatur stammt.

Zeitlich ist „Smiley“ in den Jahren zwischen „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ angesiedelt. Der Secret Service holt Smiley für einen heiklen Auftrag zurück, der ihn mit den dunklen Schatten der Vergangenheit konfrontiert.

Ich war gespannt, ob sich Harkaways Stil und seine Ausarbeitung der Charaktere in das bekannte Smiley-Universum einfügen würde, und ich bin sehr angenehm überrascht worden. Das Buch liest sich hervorragend und passt sich perfekt in das bestehende Gefüge ein. Die Story ist vielschichtig, geschickt konstruiert und hat mich von Anfang bis Ende gefesselt. Dem aktuellen Zeitgeist entsprechend, bietet Harkaway etwas mehr Action als le Carré.

Da zwischen Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ in der Handlung ca. zehn Jahre liegen, bietet dieser Zeitraum eine wunderbare Gelegenheit, ihn mit aufregenden Geschichten zu füllen, und Harkaways Smiley-Debüt macht Lust auf mehr. Sollte ein weiterer Band auf Deutsch erscheinen, werde ich ihn ganz sicher lesen!

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Hat meine Erwartungen leider nicht erfüllt

Die Frau des Farmers
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Helen Rebanks ist die Ehefrau des Farmers und Autors James Rebanks, der über sein Leben als Schäfer auf einer Farm schreibt. Nun hat sie mit „Die Frau des Farmers“ ein Buch über ihr Leben veröffentlicht. ...

Helen Rebanks ist die Ehefrau des Farmers und Autors James Rebanks, der über sein Leben als Schäfer auf einer Farm schreibt. Nun hat sie mit „Die Frau des Farmers“ ein Buch über ihr Leben veröffentlicht. Darin schreibt sie am Beispiel eines langen Tages über den Alltag auf dem Hof als Bäuerin und Mutter von vier Kindern. Dieser Handlungsstrang wird immer wieder unterbrochen von Rückblicken in die Vergangenheit, in der sie vom Leben ihrer Großeltern und Eltern erzählt und auf ihr eigenes Leben zurückblickt, von der Kindheit über das Kennenlernen von James und den Beginn ihrer Ehe. Hierbei geht es oft erstaunlich wenig um den Hof, sondern eher um ein recht normales Dasein zweier Studenten bzw. junger Menschen, die sich ein gemeinsames Leben aufbauen, in schneller Folge mehrere Häuser nacheinander kaufen, renovieren und verkaufen, wie es in Großbritannien üblich ist, wo man selten zur Miete wohnt. Auch Helens Begeisterung fürs Kochen und Backen, ihre Arbeit als Backwarenlieferantin für Cafés und kleine Lädchen nimmt viel Raum ein. Der Text wird immer wieder unterbrochen durch diverse Rezepte für Snacks, Hauptgerichte, Nachspeisen, Kekse und Kuchen.

Diese sprunghafte Erzählweise zwischen verschiedenen Zeitebenen erschwert den Lesefluss. Die sehr britischen Speisen, die zudem recht fleischlastig sind, laden mich eher nicht zum Nachkochen ein, nur den einen oder anderen Kuchen werde ich vielleicht mal ausprobieren. Dennoch fand ich die Rezepte sehr interessant, weil sie einen guten Einblick in die traditionelle britische Landhausküche bieten.

Ich hatte mir einen stärkeren Fokus des Buches auf dem Hofleben erwartet und wurde hier enttäuscht. Helens Lebensweg und Familiengeschichte ist ganz unterhaltsam zu lesen, hat für mich jedoch keinen literarischen Mehrwert. Wer gerne Geschichten übers Leben einer Großfamilie liest, ist hier richtig, wer sich einen tieferen Einblick in die Arbeit auf einer Farm erhofft, wird nicht fündig werden.

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Veröffentlicht am 08.07.2025

Weiter geht's in Rottloch!

FREI – Beste Freundschaft (FREI 2)
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Band 1 von FREI habe ich letztes Jahr mit großer Begeisterung verschlungen, und nun war ich sehr gespannt auf die Fortsetzung. Während Band 1 aus der Sicht von Joshua geschrieben ist, erlebt man den zweiten ...

Band 1 von FREI habe ich letztes Jahr mit großer Begeisterung verschlungen, und nun war ich sehr gespannt auf die Fortsetzung. Während Band 1 aus der Sicht von Joshua geschrieben ist, erlebt man den zweiten Teil nun aus Nasrins Perspektive.

Es sind in der Geschichte einige Wochen vergangen seit dem Wald-Abenteuer aus Band 1. Die Freunde Joshua, Nico, Koray, Nasrin und Nina gehen gemeinsam in die 8. Klasse einer weiterführenden Schule mit einem sehr eigenwilligen pädagogischen Ansatz. Hier bestimmen die Kinder alles selbst, auch die junge Rektorin Linda wurde von der Schulgemeinschaft gewählt, und bei Problemen entscheidet das „Klärwerk“. Joachim ist neu in der Klasse der fünf Freunde, und Nasri bekommt von Linda den Auftrag, sich seiner anzunehmen. Doch Joachim verhält sich seltsam, mal nahbar, mal abweisend, und auch um ihren Bruder macht sich Nasri Sorgen. Dieser hängt seit Kurzem mit einem merkwürdigen Mitschüler herum, und Nasri hat ein ungutes Gefühl dabei. Zu allem Überfluss muss sie auch noch Nico besänftigen, der Joachim partout nicht dabeihaben will.

Im ersten Band spielte die Schule nur eine Nebenrolle, hier lernen wir sie nun etwas besser kennen. Die Schule bekommt einen großen Geldbetrag zur Verfügung gestellt, und die Schüler:innen sollen Vorschläge machen und schließlich darüber abstimmen, was mit dem Geld geschehen soll. Ich möchte hier nicht spoilern, daher gehe ich nicht näher auf die Ideen ein, aber in meinen Augen war keine einziger sinnvoller oder kreativer Vorschlag darunter, und mich hat dies, ebenso wie das Verhalten der Direktorin Linda, eher in meiner Abneigung gegenüber reformpädagogischen Schulen bestätigt.

In Band 1 habe ich den trockenen Humor geliebt, ebenso die lebendige und authentische Erzählweise. Dieser Humor fehlt in Band 2 leider, und sprachlich wirkt er auf mich eintönig und ermüdend. Gefühlt jeder dritte Satz endet auf „ …, und alles klar.“, und vor allem Nico wirkt wie ein ungehobelter Prolet. Während ich die Jugendsprache im ersten Band als wohldosiert eingesetzt empfand, nimmt sie hier überhand. Es kommt kaum ein echter Dialog zustande, und Sätze im Stile von „Alter, okay, was war das denn?“ prägen den Roman.

Auch die Handlung konnte mich diesmal nicht überzeugen. Sie plätschert vor sich hin und wirkt auf mich unrund. Schade, denn Band 1 machte Lust auf eine vielversprechende Reihe. Ich hoffe nun, dass Sarah Welk im dritten Teil an den Charme und die Erzählqualität von Band 1 anknüpfen kann.

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