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Veröffentlicht am 18.02.2025

Die Prägungen der Kindheit

Mickey und Arlo
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Mickeys Vater verließ seine Familie, als Mickey acht Jahre alt war, und ließ sie und ihre Mutter auf einem Berg Schulden sitzen. Er heiratete erneut und gründete eine neue Familie. Mit 33 Jahren erfährt ...

Mickeys Vater verließ seine Familie, als Mickey acht Jahre alt war, und ließ sie und ihre Mutter auf einem Berg Schulden sitzen. Er heiratete erneut und gründete eine neue Familie. Mit 33 Jahren erfährt Mickey vom Tod ihres Vaters und einer unverhofften Erbschaft. Einzige Bedingung: Sie muss in einer bestimmten Praxis sieben Stunden Psychotherapie absolvieren, erst dann wird das Geld ausbezahlt. Mickey ahnt nicht, dass es sich bei der Therapeutin um ihre Schwester Charlotte, genannt „Arlo“, aus zweiter Ehe handelt, und auch Arlo hat keine Ahnung….

Das Buch ist immer abwechselnd aus der Perspektive von Mickey und Arlo geschrieben, so dass man beim Lesen einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt und das Leben beider Personen bekommt. Während Mickey bereits von Anfang an schwer traumatisiert scheint, da sie als Kind vom Vater verlassen wurde, wirkt Arlo wie die erfolgreiche und gefestigte Vorzeigetochter, die sich aufopferungsvoll um ihren sterbenskranken Vater gekümmert hat. Beide Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Im Laufe des Buches wird das Bild der beiden immer differenzierter, und man lernt beide besser kennen, mit ihren Ängsten und Nöten, ihrer Hilflosigkeit, ihrer Wut. Es wird deutlich, wie stark der Vater beide Schwestern geprägt hat, auf positive wie negative Weise, was sie trennt und was sie eint, trotz vordergründig verschiedener Kindheit. Das fand ich sehr beeindruckend zu lesen. Das Buch zeigt, wie stark sich im Umfeld von Suchtkranken eine Co-Abhängigkeit entwickeln kann und welche Macht manipulative Personen auf andere haben können.

Mit der Figurenzeichnung hatte ich an einigen Stellen so meine Probleme. Beim Lesen konnte ich mich vor allem im Mickey besonders gut einfühlen, Arlos äußerst aufopferungsvolle Rolle gegenüber ihrem Vater und ihre extremes Buhlen um seine Liebe war für mich schwerer nachvollziehbar. An einigen Stellen wirkte Arlos Rolle als Psychotherapeutin für mich etwas aufgesetzt und nicht ganz stimmig, etwa wenn es heißt: „…diese Eigenschaft hatte ihr in ihrer Therapeutinnenlaufbahn immer gute Dienste geleistet.“ Diese dürfte bei einer 25-Jährigen sehr überschaubar sein. Auch wird nicht klar, warum einen Therapeuten-Koryphäe wie ihre Chefin Punam eine so junge und unerfahrene Kollegin in ihre Praxis holt. Ebenso bleibt unklar, wie der Vater der beiden Mädchen zu diesem enormen Vermögen kam, nachdem er in jungen Jahren nur Schulden aufhäufte. Arlos Mutter wirkt auf mich auch erstaunlich kühl, auch was die Erbrechtsregelung bezüglich ihrer Tochter angeht. Am wenigsten anfangen konnte ich mit dem Anwalt Tom, der mit seiner selbstmitleidigen, weinerlichen Art und seinem ständigen Bedürfnis, alle über seine charakterlichen Mängel in Kenntnis zu setzen, sehr unglaubwürdig wirkte.

Fazit: Insgesamt ein lesenswerter, tiefgründiger und nachdenklich stimmender Roman, der zeigt, wie prägend die Kindheit für das gesamte Leben ist, welche Folgen die Suchterkrankung eines Elternteils für die Kinder haben kann, und wie schwer es ist, sich davon zu befreien.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Hat meine Erwartungen nicht erfüllt

Ginsterburg
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Nachdem „Seemann vom Siebener“ von Arno Frank eines meiner Lieblingsbücher 2023 war, war ich nun sehr gespannt auf „Ginsterburg“.
Der Roman zeigt das Leben in der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg in den ...

Nachdem „Seemann vom Siebener“ von Arno Frank eines meiner Lieblingsbücher 2023 war, war ich nun sehr gespannt auf „Ginsterburg“.
Der Roman zeigt das Leben in der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg in den Jahren 1935, 1940 und 1945. Hierbei begleitet er die unterschiedlichsten Personen, etwa die Buchhändlerin Merle und deren Sohn Lothar, den Redakteur der Lokalzeitung Eugen, seine Frau Ursel und die Tochter Gesine, den Blumengroßhändler und Bürgermeister Otto, dessen Söhne Bruno und Knut, die Architektin Uta, die mit einem jüdischen Mann verheiratet ist, und einige andere. Reale Personen wie Lothar Sieber und Erich Bachem werden mit rein fiktiven Charakteren vermischt.

Über die Jahre wird deutlich, wie sich jeder auf seine Weise mit dem Regime arrangiert: Die einen suchen sich ihre private Nische, um möglichst unbehelligt durch die Kriegsjahre zu kommen, schaden niemandem aktiv, setzen sich aber auch nicht für andere ein und verschließen die Augen, wollen nichts sehen. Andere machen sich opportunistisch die neue Ordnung zunutze, bereichern sich und steigen auf. Wieder andere werden glühende Anhänger der Nazis und ihrer Ideologie, machen sich schuldig, indem sie etwa das Euthanasieprogramm mit vorantreiben. Hitlerjugend und BDM indoktrinieren die Jugend, die willig in den Krieg zieht.

Die Thematik ist angesichts der momentanen politischen Situation und des Rechtsrucks in der Gesellschaft leider sehr aktuell, und es ist wichtig, darüber zu schreiben. Dennoch konnte mich dieses Buch nicht überzeugen. Zu den Figuren konnte ich nur schwer einen Bezug entwickeln, teilweise wirkten sie sehr künstlich auf mich, und mit dem oft etwas weitschweifigen Schreibstil wurde ich nicht warm. Hinzu kamen kulturhistorische Beschreibungen des fiktiven Ortes Ginsterburg, die mich in ihrer Ausführlichkeit langweilten. Ich hätte stattdessen gerne noch mehr über einige Personen erfahren, die nur ab und an wie kurze Schlaglichter auftauchten, um dann nicht mehr erwähnt zu werden, etwa die Wahrsagerin Zola Vovoni. Auch hadere ich mit dem Schluss, der mir zu vieles offen lässt.

Positiv fand ich, dass Arno Frank sehr anschaulich beschreibt, wie sich jede Figur auf ihre Weise mit dem System arrangiert, und ich konnte mir schon beim Lesen lebhaft vorstellen, wie jede nach dem Krieg versuchen würde, sich nur als Mitläufer darzustellen. Man habe ja nichts gemacht, es waren doch die Umstände, und eigentlich habe man ja auch von nichts gewusst.

Etwas ärgerlich fand ich, dass der Autor in den Details immer wieder offensichtlich ungenau ist. So wird die mehrfach vorkommende römische Ziffer MDCXVII als 1497 gedeutet, obwohl sie das Jahr 1597 bezeichnet. Hitlers Berghof am Obersalzberg wird gar fälschlicherweise bei Garmisch verortet anstatt bei Berchtesgaden. Zudem lässt Arno Frank die aus Augsburg stammende Helga oberbayerisch sprechen, obwohl in Augsburg ein völlig anderer, schwäbischer Dialekt gesprochen wird (ich komme von dort). Das U-Boot U-51 wurde nicht, wie im Roman behauptet, am 23. August 1940 durch ein britisches Flugboot versenkt, sondern am 20. August 1940 durch die Torpedos eines britischen U-Bootes. Der Flugboot-Angriff einige Tage zuvor hatte das U-Boot lediglich stark beschädigt. Das sind natürlich Kleinigkeiten, die mich dennoch misstrauisch machen gegenüber der Sorgfalt des Autors insgesamt.

Da Arno Frank reale Personen wie Lothar Sieber und Erich Bachem in seine fiktive Geschichte einbettet, hätte ich mir zudem ein Nachwort gewünscht, in dem der Autor auf seine Recherchen hierzu eingeht und erläutert, welche Teile der Erzählung auf wahren Begebenheiten beruhen.

Fazit: Ich hatte nach dem „Seemann vom Siebener“ stilistisch und sprachlich etwas anderes erwartet, und konnte mich vor allem mit der Erzählweise in diesem Roman nicht recht anfreunden. Da dies Geschmackssache ist, kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen, dass andere „Ginsterburg“ begeistern wird.

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Veröffentlicht am 13.02.2025

tolle und sehr leckere Rezepte mit überschaubarem Aufwand

Kinderfeste feiern
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Bereits seit vielen Jahren ernähren wir uns als Familie zuckerreduziert und achten auf gesunde Snacks. Dieses Buch hat mich daher sofort neugierig gemacht.

Die Autorinnen zeigen, wie man mit überschaubarem ...

Bereits seit vielen Jahren ernähren wir uns als Familie zuckerreduziert und achten auf gesunde Snacks. Dieses Buch hat mich daher sofort neugierig gemacht.

Die Autorinnen zeigen, wie man mit überschaubarem Aufwand Leckeres zubereiten kann, das auch optisch bei den Kids für Begeisterung sorgen wird. So wird aus einem Blechkuchen (interessant: mit Apfelmark im Teig) durch bunte Schokolinsen und etwas Lebensmittelfarbe ein cooler Legokuchen. Diesen werde ich definitiv demnächst nachbacken. Neben Kuchen und Torten gibt es auch süße Rezepte für kleine Teilchen wie Cakepops, Muffins oder Eiskonfekt. Häufig wird Lebensmittelfarbe verwendet. Wir nutzen prinzipiell keine künstliche Farbe, aber die meisten Rezepte dürften auch mit veganer Pflanzenfarbe aus dem Biomarkt funktionieren, wenn man kleinere Abstriche in Intensität und Farbvielfalt in Kauf nimmt. Sehr lecker war die fruchtige Bowle, die mein Sohn gleich ausprobieren wollte.

Bei den herzhaften Snacks fiel mir gleich ein interessantes Rezept für Ketchup ins Auge: prima, da gekauftes Ketchup enorm viel Zucker enthält. Die ausgefallene Brottorte mit Avocado und Lachs steht auch schon auf unserer Liste, und der Gemüsezug ist eine tolle Idee! Ausprobiert haben wir die Käsekekse, die superschnell zubereitet waren, und die herzhaften Muffins, zu denen wir Salat gereicht haben. Bei den Muffins würden wir nächstes Mal etwas mehr Kräuter verwenden.

Sehr gut gefiel mir, dass die beiden Autorinnen nicht nur Zucker generell reduzieren, sondern auch Alternativen zum Industriezucker nutzen, etwa Agavendicksaft, Datteln oder Fruchtmus, teilweise auch Xylit. Besonders toll finde ich die Idee mit den natürlich gefärbten zuckerfreien Streuseln am Ende.

Ein sehr schönes, praxistaugliches Buch mit tollen Tipps nicht nur für gesunde Kinderfeste, sondern auch für leckere Naschereien und Snacks zu allen Gelegenheiten.

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Veröffentlicht am 13.02.2025

lakonisch, humorvoll, mit übersinnlichen Elementen

Von hier aus weiter
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In „Von hier aus weiter“ widmet sich Susann Pàsztor mit großer sprachlicher Leichtigkeit einem schwierigen Thema, das sich in seiner ganzen Tragweite erst im Laufe des Romans erschließt. Marlenes lakonische, ...

In „Von hier aus weiter“ widmet sich Susann Pàsztor mit großer sprachlicher Leichtigkeit einem schwierigen Thema, das sich in seiner ganzen Tragweite erst im Laufe des Romans erschließt. Marlenes lakonische, trockene Art ließ mich trotz der düsteren Ausgangssituation nach dem Tod ihres Mannes Rolf immer wieder schmunzeln, und auch die anderen Figuren begegnen Marlene erfrischend direkt und unerschrocken. Meistens ziehen sich ja viele Freunde und Bekannte eher zurück, aus Unsicherheit darüber, wie sie mit jemandem umgehen sollen, der gerade seinen Partner oder seine Partnerin verloren hat. Insofern zeigt die Autorin auch, wie heilsam es für die Hinterbliebenen mitunter sein kann, wenn man ihnen weiterhin offen und empathisch, aber ohne Beklemmung begegnet – was sicherlich leichter gesagt als getan ist.

Sehr positiv fand ich, dass die Autorin für Marlenes Situation keine einfache Lösung anbietet, sondern bewusst vieles offen lässt und eher beobachtend schildert. Sicherlich wirkt die Handlung mit Jack, Marlenes ehemaligem Schüler, der spontan bei ihr einzieht und sich in Ida, Rolfs Hausärztin, verliebt, etwas konstruiert, das empfand aber nicht als störend. Im Gegensatz zu den immer wiederkehrenden übersinnlichen Elementen, die ein Eingreifen Rolfs aus dem Jenseits nahelegen. Da ich mit Übersinnlichem absolut nichts anfangen kann, haben diese für mich völlig unnötigen Begebenheiten meinen Lesegenuss leider deutlich geschmälert und führen auch dazu, dass ich leider einen Stern abziehen muss.

Für alle, die sich daran nicht stören, ein sehr lesenswerter Roman.

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Veröffentlicht am 13.02.2025

Ostberliner Baugeschichte

Die Allee
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Florentine Anders, Enkelin des berühmten Bauhaus-Architekten Hermann Henselmann, gibt mit diesem Roman einen äußerst spannenden und interessanten Einblick in ihre Familie. Sie erzählt vor allem aus der ...

Florentine Anders, Enkelin des berühmten Bauhaus-Architekten Hermann Henselmann, gibt mit diesem Roman einen äußerst spannenden und interessanten Einblick in ihre Familie. Sie erzählt vor allem aus der Perspektive ihrer Großmutter Irene „Isi“ und ihrer Mutter Isa. Erstere war selbst eine vielversprechende Architektin, stand jedoch immer im Schatten ihres Mannes und war zudem als achtfache Mutter gefordert. Durch Isis und Isas Blick zeichnet die Autorin auch ein detailliertes Bild von Hermann Henselmann, einem hochbegabten, aber für das DDR-Regime unbequemen Architekten, der die Umstände geschickt für sich zu nutzen wusste und bei seinen Projekten gerne hoch pokerte. So modern und einnehmend Henselmanns Entwürfe auch waren – er selbst wirkt auf mich zutiefst unsympathisch: Ein Choleriker, der seine Frau offen und bei jeder Gelegenheit betrog, ein patriarchaler Herrscher, extrem von sich selbst eingenommen, mit enormem Geltungsdrang. Als Quellen dienten Florentine Anders neben ihrer Mutter Isa die Memoiren ihrer Großeltern, Literatur über Hermann Henselmann und Gespräche mit ihrem Großonkel Raimund, dem Bruder von Isi.

Das Buch ist sehr unterhaltsam und lebendig geschrieben, und gibt tiefe Einblicke in das, was für die Privilegierten in der „klassenlosen Gesellschaft“ der DDR möglich war: Wohneigentum, Auslandsreisen, exotische Speisen usw. Zudem zeigt es, dass, aller Staatspropaganda zu Trotz, auch in der DDR die alten Rollenklischees nicht überwunden waren und Kinder und Haushalt weiterhin Frauensache blieben.

Da ich als Bayerin nicht mit der Ostberliner Architektur vertraut bin, waren für mich besonders die Details zur Entstehung der Bebauung an der Karl-Marx-Allee interessant und der lange Weg von der Idee bis zum Bau des Fernsehturms. Auch das ständige Hin und Her, was nun unter „sozialistischer“ Bauweise zu verstehen sein sollte, wurde eindrücklich beschrieben. Während des Lesens hielt ich immer wieder inne und betrachtete mir im Internet Bilder der im Buch erwähnten Bauwerke. Nach diesem Roman werde ich bei einem Besuch sicher mit anderen Augen durch Berlin laufen. Ein sehr lesenswerter Roman über ein bedeutendes Kapitel Ostberliner Baugeschichte.

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