Profilbild von SimoneF

SimoneF

Lesejury Star
offline

SimoneF ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SimoneF über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.01.2025

inhaltlich dünn, stilistisch nichts Neues.

Monique bricht aus
0

2014 wurde Édouard Louis mit seinem autobiografischen Debüt „Das Ende von Eddy“ zum Shootingstar der linken französischen Intellektuellen. In den folgenden Romanen „Wer hat meinen Vater umgebracht“, „Im ...

2014 wurde Édouard Louis mit seinem autobiografischen Debüt „Das Ende von Eddy“ zum Shootingstar der linken französischen Intellektuellen. In den folgenden Romanen „Wer hat meinen Vater umgebracht“, „Im Herzen der Gewalt“ und „Die Freiheit einer Frau“ verarbeitete er weitere autobiografische Erlebnisse bzw. das Leben seines Vaters und seiner Mutter, ein Buch über seinen an Alkoholsucht verstorbenen Bruder ist in Arbeit. Auch in „Monique bricht aus“ geht es wieder um seine Mutter, die nach der Trennung von seinem Vater erneut in eine Beziehung mit einem alkoholsüchtigen Mann gerät, der sie verbal erniedrigt und beschimpft, und aus der sie mit Hilfe ihres Sohnes Édouard ausbricht.
Während mich der Erstling des damals gerade 20-Jährigen aufgrund seiner Reife und des Reflexionsgrades sehr beeindruckt hat, hat mich „Monique bricht aus“ nun eher ernüchtert. Die Geschichte bleibt inhaltlich dünn, und nach insgesamt vier Romanen, in denen Louis seine Familie thematisiert, nutzt sich der Ansatz doch sehr ab. Auch stilistisch bietet Édouard Louis nichts Neues. Er wechselt wieder zwischen der erzählerischen Ebene in Normalschrift und kursiv gesetzten Einschüben in Umgangssprache. Ich bekam insgesamt den Eindruck, dass Louis versucht, nach bewährtem Muster aus seiner Familiengeschichte einen weiteren kommerziellen Erfolg zu generieren. Anders als bei „Das Ende von Eddy“ fehlt mir hier jedoch eine höhere Abstraktionsebene, und die gesellschaftspolitischen Schlüsse, die Louis zieht, wirken recht trivial. Verwunderlich ist zudem, dass er die Freiheit einer Frau an rein ökonomischen Faktoren festmacht, während er soziale und intellektuelle Aspekte außen vor lässt. Seine sehr linke Position, nach der ausschließlich die herrschenden Klassenverhältnisse für die Lage seiner Mutter verantwortlich sind, ist mir zudem viel zu einfach, da er die individuelle Verantwortung komplett unberücksichtigt lässt.
Insgesamt hat mich dieses Buch leider enttäuscht, und es wird wohl mein letztes von Édouard Louis gewesen sein.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2025

zu viel gewollt

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
0

Allein der Titel machte mich so neugierig, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte, auch wenn mir der Name der Autorin auf Anhieb nichts sagte. Und die Geschichte beginnt so wunderbar spritzig und herrlich ...

Allein der Titel machte mich so neugierig, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte, auch wenn mir der Name der Autorin auf Anhieb nichts sagte. Und die Geschichte beginnt so wunderbar spritzig und herrlich pointiert geschrieben, dass ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht durch die ersten Kapitel flog. Ich konnte mich wunderbar in Nina, die nur wenige Jahre älter ist als ich, hineinversetzen. Anika Decker entwickelt jedoch nicht einfach eine leichte RomCom, sondern bringt die gesamten Selbstzweifel, den sozialen Druck und die patriarchal geprägten Moralvorstellungen, wie eine Frau um die 50 leben und lieben sollte – und vor allem, wie nicht! – perfekt auf den Punkt. Sehr gelungen sind auch die Passagen über Ninas Schwester Lena und deren verzweifelt-unterwürfige Versuche, im Grunewalder Yogamama-BossBitches-Milieu dazuzugehören.

Leider will die Autorin dann irgendwann zu viel, und bringt neben der Age-Gap-Thematik, Altersarmut von Frauen und den schwierigen Familienverhältnissen von Lena und Nina auch noch die MeeTo-Thematik im Filmbusiness unter. Diese überfrachtet diesen Roman jedoch komplett, und die Geschichte hat inhaltlich und sprachlich die schwächsten Szenen, wenn es um die MeeTo-Sache geht. Nina und ihre Kollegin Zeynep wirken naiv, planlos und emotional gesteuert, und bestätigen damit leider klassische Vorurteile gegenüber Frauen.

Einige Figuren bleiben für mich schwer greifbar. Karin, Ninas Mutter, ist mir zu sehr „drüber“ bis peinlich, die Kinder Marie und Ben wirken seltsam blass und platt, und auch der jugendliche Lover David erscheint mir unglaubwürdig: Nicht weil er sich in eine ältere Frau verliebt, sondern hinsichtlich seines insgesamt recht unreifen Verhaltens, das mich eher an einen Teenie erinnert. Doch auch über Nina schüttele ich zunehmend den Kopf, da sie sich permanent selbst geißelt, an allem die Schuld gibt und gegenüber ihrer Familie für meinen Geschmack zu demütig auftritt. Vielleicht bin ich einfach nicht harmoniebedürftig genug, aber ich hätte hier schon viel früher klare Grenzen gezogen.

Gegen Ende scheint es, als wäre der Geschichte die Luft ausgegangen, die letzten Kapitel wirken schnell hingeschrieben, die Auflösung ist unglaubwürdig. Meine große Hoffnung, dass dieser Roman eine zwar humorvolle, aber doch differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Age Gap bieten würde anstatt oberflächlicher Antworten, erfüllt sich nicht, und die so vielversprechend begonnene Geschichte endet wie ein seichter Groschenroman.

Die erste Hälfte bekäme 5 Sterne, die zweite 3 Sterne, so dass ich insgesamt knappe 4 Sterne vergebe.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2025

Stark!

Halbe Leben
0

„Halbe Leben“ war mein erstes Buch von Susanne Gregor. Da mir aber kürzlich von einer Freundin „Wir werden fliegen“ empfohlen wurde, war ich sehr neugierig und gespannt.

Paulina ist eine slowakische Pflegekraft, ...

„Halbe Leben“ war mein erstes Buch von Susanne Gregor. Da mir aber kürzlich von einer Freundin „Wir werden fliegen“ empfohlen wurde, war ich sehr neugierig und gespannt.

Paulina ist eine slowakische Pflegekraft, die ihre beiden halbwüchsigen Kinder in der Heimat zurücklässt, um in Österreich bei Klaras Familie die Großmutter zu betreuen. Diese ist nach einem Schlaganfall häufig verwirrt und auf Hilfe angewiesen. Paulina arbeitet im Zwei-Wochen-Rhythmus, lebt also immer zwei Wochen bei Klara und Jakob, ihrer Tochter und der Großmutter im Haus, um dann für zwei Wochen zurück in die Slowakei zu fahren.

Paulina ist einfühlsam, fleißig und kompetent, sie bekommt schnell einen Draht zu Klaras Mutter, die ganze Familie schließt Paulina schnell ins Herz. Paulina wird auch ein Stück weit ins Familienleben integriert – und bekommt auf der anderen Seite immer wieder zu spüren, dass sie doch nur eine Angestellte ist. Dieser Zwiespalt wurde von Susanne Gregor sehr einfühlsam und realistisch beschrieben, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das bei vielen Familien, bei denen eine Pflegekraft im Haushalt lebt, zu ähnlichen schwierigen Situationen führen kann. Einerseits wohnt man unter einem Dach, erlebt einander zwangsläufig in privateren Situationen, hat aber letztendlich nur ein professionelles Verhältnis. Zudem treffen bei Paulina und Klara völlig unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinander, die zu Missverständnissen führen. Klara hat einen sehr fordernden, aber gut dotierten Job in einem Architekturbüro, und behandelt Paulina aus Gedankenlosigkeit gelegentlich von oben herab. Sie ist es gewohnt, dass sich Dinge mit Geld regeln lassen, während Paulina sehen muss, wie sie mit ihren beiden Kindern über die Runden kommt, und sich zwischen ihrem Leben als Mutter und dem Beruf fernab der Heimat aufreibt.

Susanne Gregors klarer, schnörkelloser Schreibstil gefiel mir auf Anhieb. Die Charaktere wirken realistisch und lebendig, und ich konnte mich vor allem in Paulina sehr gut hineinversetzen. Auf gewisse Weise konnte ich jedoch auch Klara verstehen. Der Roman ist geschickt aufgebaut und hält bis zur letzten Seite die Spannung, so dass ich das Buch nicht weglegen konnte und es in einem Rutsch gelesen habe. Ein Buch das sehr nachdenklich stimmt und das ich unbedingt weiterempfehlen möchte!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2025

Leben im Krieg

Nachtgäste
0

Nachdem ich kürzlich „Radio Sarajevo“ von Tijan Sila gelesen hatte, wurde ich nun auf „Nachtgäste“ aufmerksam.

Die Ich-Erzählerin Maja, eine fiktive junge Erwachsene, deren Wunsch es ist, Schriftstellerin ...

Nachdem ich kürzlich „Radio Sarajevo“ von Tijan Sila gelesen hatte, wurde ich nun auf „Nachtgäste“ aufmerksam.

Die Ich-Erzählerin Maja, eine fiktive junge Erwachsene, deren Wunsch es ist, Schriftstellerin zu werden, erzählt tagebuchartig von ihrem Leben während des Bosnienkrieges in Sarajevo. Das Schreiben wird hierbei für sie zu einer Notwendigkeit, da es ihrem Leben Struktur und Halt gibt. Zusammen mit ihren Eltern, ihrem verheirateten Bruder und dessen schwangerer Frau, der Großmutter, zwei Partisanen und dem Hund Sniffy wohnen sie im Museum, dessen Direktor der Vater ist, nachdem ihre Wohnung ausgebrannt ist.

Mit jugendlichem Blick und ironischem Unterton schildert sie ihren Alltag inmitten des Krieges und ihre oft skurrilen Beobachtungen. Diese sind oft tragisch und komisch zu gleich, etwa wenn es darum geht, eine Ultraschalluntersuchung für die hypochondrische Schwägerin zu „organisieren“. Und so steht die Leichtigkeit von Majas jugendlicher Erzählweise oft im Gegensatz zu den schrecklichen Ereignissen des Krieges.

Ein sehr lesenswerter Roman, der glücklicherweise 30 Jahre nach seinem Erscheinen nun wieder neu aufgelegt wurde.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2025

aufrüttelndes Buch zur chemischen Unterwerfung

Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
0

Caroline Darian ist die Tochter von Gisele Pelicot, die in den letzten Jahren durch ihren Mut, den Prozess gegen ihren Ex-Mann öffentlich zu führen, zur feministischen Ikone geworden ist. Ihr Mann hatte ...

Caroline Darian ist die Tochter von Gisele Pelicot, die in den letzten Jahren durch ihren Mut, den Prozess gegen ihren Ex-Mann öffentlich zu führen, zur feministischen Ikone geworden ist. Ihr Mann hatte sie über Jahre betäubt, vergewaltigt und übers Internet über 70 anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten und die Taten gefilmt. Im Dezember 2024 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Caroline Darian beschreibt in ihrem Buch die Zeit zwischen dem 2. November 2020, dem Tag, an dem sie von den Vorwürfen gegen ihren Vater erfuhr, bis Ende 2021. Sie erzählt eindrücklich, wie sehr die Taten ihres Vaters das gesamte Familiengefüge erschüttert haben, und auch, wie unterschiedlich ihre Mutter und sie diese verarbeiten. Auch die sensationslüsterne Berichterstattung durch die Boulevardmedien und die Belastung, die diese für die Familie darstellte werden thematisiert, und dieses Buch ist auch für Caroline Darian eine Möglichkeit, ihre Geschichte selbst zu erzählen.

Caroline Darian setzt sich inzwischen für die Opfer chemischer Unterwerfung ein. Noch immer wird diese häufig nicht als solche erkannt, und Caroline Darian klärt darüber auf, bei bestimmten Anzeichen hellhörig zu werden und auf einer toxikologischen Untersuchung zu bestehen.

Sehr erschreckend ist auch zu lesen, wie sie, ihre Mutter und ihre Geschwister nach dem Termin auf der Polizeiwache, bei dem sie erstmals mit den Fotos und Videos des Vaters bzw. Ehemannes konfrontiert wurden, völlig allein gelassen worden. Es gab weder eine medizinische noch eine psychologische Betreuung. Caroline Darian weist eindringlich darauf hin, dass hier im Bereich Opferbegleitung noch vieles im Argen liegt.

Ein sehr bewegendes und empfehlenswertes Buch, das hoffentlich dazu beiträgt, das Thema der chemischen Unterwerfung weiter in den Focus zu rücken, Anzeichen hierfür zu erkennen und den Opferschutz zu verbessern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere