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Veröffentlicht am 19.11.2025

feinfühlig erzählt

Fräulein Hedwig
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Christoph Poschenrieder begibt sich auf Spurensuche im Leben seiner Großtante Hedwig, Jahrgang 1884. Wenig ist zunächst bekannt über die Frau, die zeitlebens alleinstehend blieb, überaus fromm war und ...

Christoph Poschenrieder begibt sich auf Spurensuche im Leben seiner Großtante Hedwig, Jahrgang 1884. Wenig ist zunächst bekannt über die Frau, die zeitlebens alleinstehend blieb, überaus fromm war und bereits als junge Frau zunehmend nervenkrank wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird dies für Hedwig lebensbedrohlich.

Poschenrieder stützt sich bei seiner Recherche vor allem auf die Aufzeichnungen von Hedwigs Schwester Marie und Briefe. Da diese vor allem die frühen Jahre abdecken, bleibt ein großer Teil von Hedwigs Leben im Dunkeln bzw. spekulativ. Der Autor macht jedoch stets kenntlich, wo er sich auf Quellen bezieht und wo er behutsam eigene Vermutungen anstellt.

An Hedwigs Leben wird deutlich, welchen enormen Einfluss damals die Kirche besaß, sowohl als gesellschaftlich als auch in Bezug auf die persönliche Entwicklung insbesondere junger Frauen. Kirchliche Moralvorstellungen trugen massiv zur systematischen Unterdrückung von Frauen bei und waren Teil der patriarchalen Strukturen. Generell hatten Mädchen zurückzustecken und, wenn nötig, zum Familieneinkommen beizutragen, um den männlichen Geschwistern ein Studium zu ermöglichen. Das wurde als so selbstverständlich wahrgenommen, dass den Brüdern später nicht einmal in den Sinn kam, sich dankbar zu zeigen und sich ihrerseits um die Schwestern zu kümmern. Hedwig steht so exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation, die qua Geschlecht in besonderem Maße fremdbestimmt und in den Möglichkeiten, die sich ihnen boten, benachteiligt waren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches ist Hedwigs sich mit den Jahren verschlimmernde psychische Erkrankung, die sich während des Nationalsozialismus zu einem großen Risiko entwickelt. Auch hier wird an Hedwigs Beispiel der menschenverachtende Umgang der Nazis mit Nervenkranken deutlich.

Man spürt, wie nahe Christoph Poschenrieder das Schicksal von Hedwig geht, und sein feinfühliger, ruhiger und nachdenklicher Schreibstil gefiel mir auf Anhieb. Gerade die sachliche, um Authentizität bemühte Herangehensweise hat mich mehr berührt als dies ein historischer Roman gekonnt hätte.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Vor allem für Fans

Unser wilder Hof
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Ich bin eher zufällig über dieses Buch gestolpert und kannte Geraldine Schüles Social-Media-Account bisher nicht. Parallel zur Lektüre habe ich mir jedoch die Reels, Bilder und Story-Highlights auf Instagram ...

Ich bin eher zufällig über dieses Buch gestolpert und kannte Geraldine Schüles Social-Media-Account bisher nicht. Parallel zur Lektüre habe ich mir jedoch die Reels, Bilder und Story-Highlights auf Instagram angesehen.

Geraldine und Patrick leben seit zwei Jahren mit ihren beiden Kleinkindern auf einem unsanierten, baufälligen Hof in Süddeutschland, ohne warmes Wasser (bis auf einen Boiler in der Dusche), ohne Heizung, in provisorisch hergerichteten Räumen. Neben dem Mammutprojekt der Sanierung, das überhaupt nur möglich ist, weil Patrick Zimmermann und Architekt ist, betreiben sie Landwirtschaft und versuchen, so autark wie möglich zu leben. Und, nicht zu vergessen: Sie sind als Content Creatoren eben auch Unternehmer, die sich durch Klicks und bezahlte Werbepartnerschaften finanzieren. So sympathisch und authentisch Account und Buch auch auf mich wirken, schwingt bei mir immer ein leises Misstrauen gegen inszenierten und werbefinanzierten Content mit.

Geraldine schreibt vor allem über ihren und Patricks gemeinsamen Lebensweg von der Jugendfreundschaft über gemeinsame abenteuerliche Reisen bis hin zur Ehe, und ihre ungewöhnlichen Wohnmodelle: Vor dem Hofprojekt lebten sie jahrelang auf 20qm in einem umgebauten Zirkuswagen.

Das Buch ist unterhaltsam und kurzweilig geschrieben, wenn auch eher einfach im Stil. Das macht sich vor allem an den wiedergegebenen Dialogen bemerkbar, die recht platt klingen.

Die Energie und Zuversicht der beiden ist wirklich beeindruckend, und wo andere (und ganz sicher auch ich) vor allem Risiken sehen, sehen die beiden Chancen. Nur mit dieser Lebenseinstellung ist ein Projekt wie die Sanierung des denkmalgeschützten Hofs überhaupt machbar, der bei Kauf nicht nur statisch ein Desaster war, sondern auch völlig vermüllt. Mir bleibt beim Lesen und auch beim Anblick der Videos oft nur, den Kopf zu schütteln, wenn ich lese und sehe, wie ein Kleinkind bei staubigen Arbeiten oder dem Entrümpeln von völlig zugemüllten Räumen ungeschützt mitten im Dreck sitzt oder in der Rückentrage dabei ist. Abgesehen vom Feinstaub, Schimmelsporen, Krankheitserregern aus Tierkot (Mäuse, Ratten) ist bei Sanierung immer mit Schadstoffen wie Asbest, Mineralfasern, PCB oder PCP zu rechnen. Das gilt auch für alte Öfen wie die Küchenhexe. Die Unbedarftheit der Eltern ist in meinen Augen extrem riskant.

Was kann man als Leser:in Positives aus diesem Buch mitnehmen? Dass es wichtig ist, an die Realisierung seiner Träume zu glauben, Vertrauen die eigenen Fähigkeiten zu haben, und dass nicht immer alles perfekt sein muss, um glücklich zu sein.

Für Fans von Geraldine, die noch mehr über sie und ihre Familie erfahren möchten, bestimmt ganz interessant. Ansonsten ein Buch, das man nicht gelesen haben muss. Geraldine und Patrick haben sich sicherlich ein ungewöhnliches Projekt vorgenommen, stehen allerdings auch noch ziemlich an Anfang. Ob sie dieses wirklich meistern, wird erst die Zeit zeigen. Für meinen Geschmack kommt dieses Buch ein paar Jahre zu früh: Die Aussagekraft wäre wesentlich überzeugender, wenn sie die Sanierung bereits zum großen Teil erfolgreich abgeschlossen hätten.

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Veröffentlicht am 15.11.2025

Nächster Halt: der Brocken im Harz. Abenteuer und Spannung sind garantiert!

Abenteuer-Express (Band 4) – Gefahr im Mitternachtsexpress
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Als treue Fans der Abenteuer-Express-Reihe konnten mein Sohn (11) und ich es kaum erwarten, den vierten Band in Händen zu halten: „Gefahr im Mitternachtsexpress“ entführt die jungen Leserinnen und Leser ...

Als treue Fans der Abenteuer-Express-Reihe konnten mein Sohn (11) und ich es kaum erwarten, den vierten Band in Händen zu halten: „Gefahr im Mitternachtsexpress“ entführt die jungen Leserinnen und Leser auf den Brocken in den Harz, wo Henry und sein Onkel Nat diesmal undercover im Einsatz sind, um den mysteriösen Tod von Alexander Kratzenstein aufzuklären. Welche Rolle spielt hierbei ein geheimnisvoller Fluch? Ist Alexander eines natürlichen Todes gestorben oder trachtete ihm jemand nach dem Leben?
Wie immer bei den Krimis von Maja Leonard und Sam Sedgman hat man es nicht nur mit einem spannenden Kriminalfall zu tun, der in bester Agatha-Christie-Manier bis zum Schluss hochspannend bleibt, sondern lernt nebenbei auch noch Interessantes über Land und Leute. Da das Ziel der Reise diesmal Deutschland ist, dürfte manches schon bekannt sein, aber spannende Infos zum Brocken als Abhörposten während des Kalten Krieges sind sicher auch deutschen Kids neu. Auch Goethes Faust kommt zu Ehren. Manches Klischee brachte uns beim Lesen zum Schmunzeln, wenn etwa Käsespätzle oder selbstredend Schweinebraten mit Sauerkraut und Kartoffeln gegessen werden (woher das Autorenduo allerdings zu wissen glaubt, dass man Sauerkraut hierzulande mit Roggensamen serviert, blieb uns verborgen).
Ein Highlight sind wie immer die detailreichen und sehr liebevoll gestalteten Zeichnungen, die das Geschehen wunderbar in Bilder fassen. Leider wird, wie bereits in den Vorgängerbänden, in den Zeichnungen Henry wiederholt als „Harrison“, dem Namen aus dem englischen Original, bezeichnet.
Auf Burg Kratzenstein freundet sich Henry mit anderen Kindern an, mit denen er gemeinsam in abenteuerliche Situationen gerät. Im Gegensatz zu den Vorgängerbänden arbeiten Henry und sein Onkel Nat hier nicht eng als Team zusammen, und Henry, der seine Tarnung nicht offenbaren darf, ist stärker auf sich allein gestellt. Zudem spielt die Handlung im Wesentlichen auf Burg Kratzenstein, Züge wie der Eurostar oder der namensgebende Mitternachtsexpress haben diesmal eher eine untergeordnete Rolle. Im Gegenzug bietet der vierte Band am meisten Action und spannende Wendungen sowie ganz neue Facetten bei einer Hauptfigur.

Wir hatten wieder viel Spaß, mit Henry mitzurätseln und mitzufiebern, und freuen uns schon auf weitere abenteuerliche Reisen!

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Veröffentlicht am 15.11.2025

Wieder ein Highlight!

Der Rache Glanz
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Für Cléo Louvant ist schon als Kind klar: Sie ist zu Höherem berufen. Von Jugend an setzt sie alles daran, eines Tages als Sängerin berühmt zu werden, und es steht für sie außer Frage, dass sie dieses ...

Für Cléo Louvant ist schon als Kind klar: Sie ist zu Höherem berufen. Von Jugend an setzt sie alles daran, eines Tages als Sängerin berühmt zu werden, und es steht für sie außer Frage, dass sie dieses Ziel auch erreichen wird. Unbedingter Wille, Gnadenlosigkeit gegen sich und andere, Ehrgeiz und Perfektionismus sind ihre Triebfedern, und je höher sie klettert, desto unberechenbarer und herablassender wird ihr Verhalten gegenüber den Menschen in ihrem Umfeld.

Wie schon bei „Mein Mann“ ist auch hier die Protagonistin eine obsessive und narzisstische Person, die alles andere als sympathisch ist, aber zutiefst faszinierend, und beim Lesen begleitet einen stets ein Gefühl einer gewissen Beklemmung angesichts der Figur, die immer stärker außer Kontrolle gerät.

Maud Ventura zeigt eindrucksvoll die Maschinerie hinter der Musikindustrie, die das Leben der Künstler:innen durchtaktet und auf maximalen Gewinn ausgerichtet ist. Der Preis für die Berühmtheit ist hoch und grenzt an Selbstaufgabe, es zählt lediglich die wirkungsvolle und werbeträchtige Inszenierung in den Sozialen Medien und der öffentlichen Wahrnehmung.

„Mein Mann“ war letztes Jahr eines meiner absoluten Highlights, und auch der „Der Rache Glanz“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen, wenn es für mich auch nicht ganz an den Debütroman heranreicht. Das lag zum einen daran, dass ich bereit von Anfang eine Ahnung hatte, wie die Geschichte enden würde (auch aufgrund des etwas unglücklich gewählten deutschen Titels), und das Ende auf mich gleichzeitig weniger glaubhaft wirkte als bei „Mein Mann“.

Nichtsdestotrotz ist „Der Rache Glanz“ ein Roman, den ich mit großen Vergnügen gelesen habe, weil ich den Schreibstil von Maud Ventura liebe und die Art und Weise, wie sie ihre Protagonistinnen konstruiert. Ich hoffe schon jetzt auf weitere Werke von ihr und empfehle sowohl „Mein Mann“ als auch „Der Rache Glanz“ uneingeschränkt weiter!

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Veröffentlicht am 15.11.2025

sehr lesenswert!

Ich traf meinen Mörder
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Eindrucksvoll zeigt Can Dündar die Verstrickungen höchster türkischer Regierungskreise in illegale Waffenschiebereien mit dem IS. Auch der türkische Geheimdienst und die Mafia haben ihre Hände mit im Spiel, ...

Eindrucksvoll zeigt Can Dündar die Verstrickungen höchster türkischer Regierungskreise in illegale Waffenschiebereien mit dem IS. Auch der türkische Geheimdienst und die Mafia haben ihre Hände mit im Spiel, wie der engagierte Journalist aufdeckt. Seine investigativen Recherchen bezahlt er mit einer Verurteilung zu 27 Jahren Haft und einem Leben im Exil, sogar ein Mordanschlag auf ihn wird in Auftrag gegeben. Just dieser Mann, der dafür angeheuert wurde, kontaktiert Dündar Jahre später aus dem Gefängnis und erklärt sich zu einem Interview bereit. Auch ein Waffenhändler kommt zu Wort. Ein sehr lesenswertes und aufrüttelndes Buch!

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