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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.09.2025

sehr differenziert und bewegend geschrieben

Beduinenmilch
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Die Deutsch-Israelin Talia ist knapp 18 Jahre alt und verbringt die Sommerferien wie jedes Jahr bei ihrer Familie in Tel-Aviv. Dort fühlt sie sich geborgen und zu Hause. Da ihre Volljährigkeit bevorsteht, ...

Die Deutsch-Israelin Talia ist knapp 18 Jahre alt und verbringt die Sommerferien wie jedes Jahr bei ihrer Familie in Tel-Aviv. Dort fühlt sie sich geborgen und zu Hause. Da ihre Volljährigkeit bevorsteht, hat sie für sich eine weitreichende Entscheidung getroffen: Obwohl sie als deutsche Staatsbürgerin eine Befreiung hat, möchte sie ihrer Verpflichtung für Israel nachkommen und den zweijährigen Militärdienst ableisten. Ihre Familie weiß noch nichts davon, doch Talia ist fest entschlossen. Doch in den Ferien lernt sie den illegalen palästinensischen Arbeiter Haytham kennen, trifft den Menschenrechtsaktivisten Yona, mit dem sie ins Westjordanland reist, und ihre Gewissheiten geraten ins Wanken. Sie beginnt, die antiarabische Haltung des Großteils ihrer Familie zu hinterfragen und entwickelt unter dem Eindruck ihrer Erfahrungen und Begegnungen eine immer differenziertere Sichtweise, die sie vor einen schweren Gewissenskonflikt stellt.

Nirit Sommerfeld erzählt diesen Roman auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen: Die erste spielt im Jahr 2014 und schildert Talias Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Die zweite besteht aus Tagebucheinträgen von Talias kürzlich mit 95 Jahren verstorbenem Großvater, der in der 1930er Jahren vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina floh und dort als Mitglied der Hagana bzw. nach Ausrufung des Staates Israel als Soldat der israelischen Streitkräfte u.a. an der Vertreibung der arabischen Bevölkerung und dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt war. Diese Tagebucheinträge, die zwischen 1947 und 1961 entstanden sind, werfen einen Blick auf den historischen Hintergrund des Nahost-Konfliktes und zeigen auch das Leid und das Unrecht, das die arabische Bevölkerung erfahren musste.

Beide Zeitebenen sind einfühlsam erzählt. Da die Tagebucheinträge nicht chronologisch angeordnet sind, erschweren die Sprünge gelegentlich das Verständnis etwas und ich musste mehrfach zurückblättern, um die Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen. Talias Ebene habe ich als deutlich lebendiger, authentischer und mitreißender empfunden, und sie hat mich emotional stärker angesprochen. Talias innere Zerrissenheit ist direkt greifbar, und als Leser:in sieht man die Ausweglosigkeit des palästinensisch-israelischen Konfliktes und die komplexen politischen, gesellschaftlichen und moralischen Dimensionen durch ihre Augen. Besonders berührt hat mich auch die kluge und starke Figur von Savta Malka, der Großmutter von Talia.

Ich habe durch „Beduinenmilch“ sehr viel über die aktuelle und historische Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten hinzugelernt und kann dieses Buch nur nachdrücklich empfehlen. Auch für jugendliche Leser:innen ab. ca. 15 Jahren sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Hat meine Erwartungen leider nicht erfüllt

Protokoll eines Verschwindens
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Ich war gespannt auf dieses Buch, das auf einem wahren Fall basiert, und hatte mir eine sachliche Aufarbeitung des Falles, Einblicke in die Psyche des Täters, die Ermittlungsarbeit und auch den Gerichtsprozesses ...

Ich war gespannt auf dieses Buch, das auf einem wahren Fall basiert, und hatte mir eine sachliche Aufarbeitung des Falles, Einblicke in die Psyche des Täters, die Ermittlungsarbeit und auch den Gerichtsprozesses erwartet.

Der Autor setzt jedoch andere Schwerpunkte und schmückt diese für meinen Geschmack zu sehr mit persönlichen Vermutungen über die Gedanken und Empfindungen der Angehörigen aus. Generell halte ich eine Vermischung von Fakten und freien Ausschmückungen für problematisch, und ich habe mich mehrfach gefragt, was wohl die Angehörigen des Opfers dazu sagen, wenn sie dieses Buch lesen. Einige Passagen empfand ich diesbezüglich als sehr distanzlos. Auch der Schreibstil von Alexander Rupflin konnte mich nicht überzeugen, er wirkte übertrieben pathetisch, teilweise geradezu kitschig („Normalerweise liebte sie es, im OP zu stehen, wo jeder Handgriff mit der Exaktheit einer Atomuhr zu funktionieren hatte. Wo das Adrenalin einen in Rausch versetzte, sollte die Atomuhr doch einmal für eine Millisekunde aus dem Takt geraten. An diesem Ort, an dem sich alles konzentrierte auf den Herzschlag, auf das Leben selbst.“).

Am Interessantesten waren für mich die Gespräche, die Alexander Rupflin mit dem Täter im Gefängnis geführt hat und die einen Einblick in dessen Persönlichkeit erahnen ließen.

Insgesamt hat die Herangehensweise an diesen sehr interessanten und auch verstörenden Fall leider meine Erwartungen nicht erfüllt.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Ein typischer Boyle

No Way Home
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Terrence Tully ist Assistenzarzt in L.A. und Anfang dreißig. Als seine Mutter plötzlich stirbt, bricht er nach Boulder City in Nevada auf, um sich um die Beerdigung und ihr Haus zu kümmern. Kurz nach seiner ...

Terrence Tully ist Assistenzarzt in L.A. und Anfang dreißig. Als seine Mutter plötzlich stirbt, bricht er nach Boulder City in Nevada auf, um sich um die Beerdigung und ihr Haus zu kümmern. Kurz nach seiner Ankunft trifft er in einer Bar die junge Bethany, die ihm dem Kopf verdreht. Er verbringt eine Nacht mit ihr und reist zurück nach Los Angeles. Als Bethany sich kurzerhand im Haus der verstorbenen Mutter einnistet, ist Terrence ist hin- und hergerissen: Einerseits misstraut er ihr und verübelt ihr die unverfrorene Besetzung des Hauses, andererseits ist er ihr vor allem körperlich verfallen. Dann taucht auch noch Bethanys Ex-Freund Jesse auf, der die Beziehung noch längst nicht aufgegeben hat und Terrence und Bethany keine Ruhe lässt.

Die karge Wüstenlandschaft von Boulder City ist eine wunderbare Kulisse für das Setting, das mich an ein archaisches Duell zweier Männer um eine Frau erinnert und mit Klischees spielt: Der gebildete, zurückhaltende, körperlich unterlegene Arzt, gegen den athletischen, attraktiven, aber prolligen Biker Jesse, einen klassischen Macho-Typen. Dazwischen die attraktive Bethany, die sich nicht entscheiden kann, Terrence vor allem als sichere und finanziell interessante Partie ansieht, während sie sich von Jesse weiterhin angezogen fühlt.

Boyle schreibt gewohnt sprachgewaltig, lebendig und voller bissigem, schwarzem Humor. Wie immer enthält auch „No way home“ einiges an Gesellschaftskritik: Er thematisiert unter anderem Armut und Obdachlosigkeit, den allgegenwärtigen Drogenkonsum, der in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und das problematische Gesundheitssystem.

Wie meist bei Boyle fällt es mir schwer, Sympathie für die Protagonisten aufzubringen, was mich jedoch nicht stört, da ich schwierige Charaktere, an denen man sich beim Lesen reiben kann, besonders spannend finde. Am stärksten fühlte ich mit Terrence mit, auch wenn mich seine mangelnde Entschlossenheit und Durchsetzungskraft nervten. Die Geschichte lässt tief in die menschlichen Abgründe blicken: Rache, Lügen, Eifersucht, verletzter Stolz, übersteigerte Männlichkeit, triebgesteuertes Handeln. Sämtliche Figuren, stehen in dysfunktionalen Beziehungen zueinander, und ihre moralischen und charakterlichen Schwächen führen dazu, dass sich eine unheilvolle Eigendynamik entwickelt. Dementsprechend war ich sehr gespannt, wie sich alles weiterentwickeln würde. Der Schluss hat mich leider nicht überzeugt und kam für mich sehr abrupt, so dass ich hierfür einen Stern abziehe.

Abgesehen davon ein lesenswerter, sehr unterhaltsamer Roman in typischer Boyle-Manier, aber nicht sein bestes Werk.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

witzig, fantasievoll und dynamisch - ein toller zweiter Band!

Felina Fingerhut und der verflixte Schmetterlingseffekt
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Felina Fingerhut, inzwischen Hexen-Novizin, ist ganz aufgeregt: Sie darf bei Patina Grünspans Versandhandel für Scherzartikel, Glücksbringer und Hexenutensilien aller Art ein eintägiges Praktikum machen! ...

Felina Fingerhut, inzwischen Hexen-Novizin, ist ganz aufgeregt: Sie darf bei Patina Grünspans Versandhandel für Scherzartikel, Glücksbringer und Hexenutensilien aller Art ein eintägiges Praktikum machen! In den einzelnen Abteilungen warten spannende kleine Aufgaben auf sie, die sie mit viel Enthusiasmus angeht. Leider läuft dabei nicht alles glatt, und so verursachen kleine Fehler und Unachtsamkeiten bald ein riesiges Chaos – ausgerechnet an dem Tag, an dem der Versand an die Hexenbörse gehen soll! Nun müssen Felina, der Hexenkater Knopf und die Junghexe Wolke Donnerwetter mit vereinten Kräften alles daransetzen, das Durcheinander in Ordnung zu bringen.

Schon Band 1 hat meinem Sohn und mir richtig gut gefallen, aber der zweite Band toppt diesen sogar noch! Katja Hemkentokrax hat rund um den Versandhandel so viele fantasievolle und kreative Ideen eingebracht (etwa die schlangenhäuptige Medusa im Call-Center, deren Schlangenhaare an den Kristallkugeln den Kundenservice betreuen), dass dieses Buch geradezu sprüht vor unerwarteten, unterhaltsamen und witzigen Szenen. Auch die Dialoge sind wieder herrlich lebendig und humorvoll. Die vielen wunderschönen und detailreichen Zeichnungen ergänzen die Geschichte prima und lockern sie für die Jungleser:innen nochmals zusätzlich auf. Dank der charakteristischen Figuren hat mir als Mama das Lesen mit verteilten Rollen besonders viel Spaß gemacht.

Felina ist eine richtig sympathische Protagonistin, die immer mit viel Herz und Begeisterung dabei ist. Da sie etwas schusselig und übereifrig ist und sich nicht immer an die Regeln hält, verursacht sie zwar ein ziemliches Chaos, aber man kann ihr deswegen nicht böse sein. Zumal sie alles daran setzt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, und sich mit Herz und Tatkraft ins Zeug legt. Besonders gerne mögen wir außerdem den sprechenden Kater Knopf und seinen trockenen Humor.

Als Mathematikerin liebe ich an den Büchern zu Felina, dass sie immer einen kleinen naturwissenschaftlichen Bezug haben. Herrlich ist der etwas knurrige Ignatz Stecknadel, Zauberer und Mathemagiker, der zwar gerne herumzetert, aber wenn es eng wird, Felina und Wolke unterstützt. In diesem Band gefällt mir das Kapitel in der „Akademie für Numerisches Abrakadabra, Naturwissenschaften, Astrologie und Simsalabim“ besonders gut, in das die Autorin nicht nur wunderbare Wortspiele, sondern auch eine schöne Hommage an die Mathematikerin Emmy Noether integriert hat.

Uns hat dieses Buch rundum begeistert und wir können es kaum erwarten, den nächsten Band zu lesen!

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Veröffentlicht am 01.09.2025

erfrischend anders

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
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A.J. Fikry ist Anfang 40 und betreibt auf Alice Island die einzige Buchhandlung. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich völlig zurückgezogen, ertränkt seine Trauer in Alkohol und begegnet seinen Mitmenschen ...

A.J. Fikry ist Anfang 40 und betreibt auf Alice Island die einzige Buchhandlung. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich völlig zurückgezogen, ertränkt seine Trauer in Alkohol und begegnet seinen Mitmenschen knurrig und abweisend. Dies bekommt auch Amy zu spüren, die als Verlagsvertreterin arbeitet und ihm die Neuerscheinungen der kommenden Saison vorstellen möchte. A.J.s Leben nimmt eine entscheidende Wendung, als er eines Abends in seiner Buchhandlung etwas Überraschendes entdeckt...

Nach dem großen Erfolg von „Morgen, morgen und wieder morgen“ legt eichborn Gabrielle Zevins älteren Roman „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ (Erstveröffentlichung 2015) unter dem Titel „Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry“ neu auf.

Jedes Kapitel wird durch eine von A.J. verfasste kurze Notiz zu einem literarischen Werk eingeleitet, die inhaltlich einen Bezug zu nachfolgenden Text hat. Auch wenn ich kaum eines der Bücher kannte, mochte ich dieses Stilelement, weil es das Kapitel wie eine Textklammer umfängt und mir auch Einblicke in A.J.s Denken und Fühlen gab. Als aufmerksame:r Leser:in wird man allerdings hierin auch auf den einen oder anderen kleinen Spoiler zum Handlungsfortgang stoßen. Mich hat das Prinzip etwas an Ted Mosby erinnert, der die Episoden von „How I met your mother“ als Ich-Erzähler einrahmt.

Ich mochte A.J. von Anfang an sehr, auch trotz – oder gerade wegen – seines oftmals etwas schroffen und eigenwilligen Wesens, da mir Figuren mit Ecken und Kanten am liebsten sind. Gabrielle Zevin schreibt flott und eingängig, die Handlung schreitet schnell voran und überspringt immer wieder einige Jahre. Das hat einen ganz eigenen Charme und treibt den Plot vorwärts, allerdings bleibt manchmal die Charakterentwicklung etwas auf der Strecke. Dies fiel mir besonders bei A.J. auf, dessen Veränderungen für mich nicht immer nachvollziehbar waren. Andere Figuren wie seine Schwägerin Ismay bleiben recht blass, und insbesondere in der zweiten Hälfte hatte ich das Gefühl, dass die Autorin manches zu schnell abhandelt und hoppladihopp über einschneidende Ereignisse hinweggeht.

Ungeachtet dessen habe ich dieses Buch sehr genossen und als erfrischend anders empfunden. Sobald ich angefangen hatte zu lesen, wollte ich es nicht mehr aus der Hand legen und unbedingt wissen, wie es weitergehen würde. Von mir eine klare Leseempfehlung!

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