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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2025

Zwei Lebensverläufe - was wäre gewesen, wenn?

Im Leben nebenan
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Toni hat bereits mehrere Kinderwunschbehandlungen hinter sich und lebt mit ihrem Partner zusammen in einer Altbauwohnung. Eines Tages erwacht sie als Antonia auf, ihr richtiger Name und findet sich in ...

Toni hat bereits mehrere Kinderwunschbehandlungen hinter sich und lebt mit ihrem Partner zusammen in einer Altbauwohnung. Eines Tages erwacht sie als Antonia auf, ihr richtiger Name und findet sich in einem völlig anderen Leben wieder: auf einmal hat sie einen fremden Mann, ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Anfangs weiß sie noch nicht, wie sie in dieses Leben hinein geraten ist und vor allem: wie sie wieder in ihr altes Leben kommt. Sie findet heraus, dass sie nun mit ihrer ersten großen Liebe verheiratet ist und ihre Tochter Hanna heißt. So wäre ihr Leben also verlaufen, wenn sie sich damals anders entschieden hätte. Aber möchte sie dieses fremde Leben überhaupt leben?

Ich fand die Ausgangslage total spannend: ich selbst frage mich auch ab und zu, was wäre gewesen, wenn? Wenn man eine Entscheidung anders getroffen hätte, wenn man etwas gewagt hätte, wenn man ja statt nein gesagt hätte in bestimmten Situationen. Das Ganze erinnert an den wunderbaren Roman "Die Mitternachtsbibliothek" von Matt Haig, den ich geliebt habe. Umso gespannter war ich auf dieses Buch, konnte aber mit der Umsetzung nicht so richtig warm werden.
Die Sichtweisen und Leben der Protagonistinnen wechseln sich kapitelweise immer ab: Toni als die ungewollt kinderlose und unverheiratete Frau und Antonia, die verheiratet ist, ein Baby hat und in einer teuer und geschmackvoll eingerichteten Wohnung lebt. Oft hatte ich das Gefühl, ich würde von zwei unterschiedlichen Frauen lesen, obwohl es ein und dieselbe Person ist, die in einer Art Parallelwelt existieren. Mit beiden wurde ich nicht so wirklich warm bis zum Schluss, die Geschichten werden aus der Sicht der beiden erzählt, was dem Leser die Gefühlswelt sehr gut näher bringt, aber oft konnte ich Gedanken und Handlungen nicht nachvollziehen.
Die Handlung tritt an manchen Stellen auf der Stelle, ich konnte das Geschehen auch oft zeitlich nicht einordnen, ob nun eine Woche oder ein Monat vergangen ist.
Antonias Haltung in ihrem neuen Leben ändert sich für mich zu schnell, das Ende konnte mich nicht überzeugen.

Die Themen, die hier behandelt werden, haben mich dafür umso mehr abgeholt: (unerfüllter) Kinderwunsch, Überforderung in der Mutterrolle, der Druck, der auf Frauen lastet und die Frage: macht ein Kind glücklich? Mit einer frischen und modernen Sprache schafft es die Autorin, den Leser zu fesseln. Die Figuren blieben dafür für mich ohne Tiefe und Entwicklung. Ich hätte mir von der Geschichte erhofft.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Zauberhafter Märchenroman für Erwachsene über Mut, Neugier und Zusammenhalt

Zauberschön
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Florapis ist ein wunderschönes Dorf, das im Einklang mit der Natur lebt und dank der reichen Bienenproduktion auch genügend Honigprodukte verkaufen kann um gut davon zu leben. Der König ist gütig und nah ...

Florapis ist ein wunderschönes Dorf, das im Einklang mit der Natur lebt und dank der reichen Bienenproduktion auch genügend Honigprodukte verkaufen kann um gut davon zu leben. Der König ist gütig und nah an seinem Volk, der Prinz jedoch hat extreme Angst vor eigentlich allem seit er als Kind von einer Biene gestochen wurde. Nun soll er die Regierungsgeschäfte übernehmen, aber mit dem Bau einer Mauer rund um Florapis schiebt er einen Keil in die Harmonie der Dorfbewohner. Im Dorf lebt auch Ava mit ihrem Vater. Als der Tatzelwurm Pankratz auftaucht, der sich von guten Ideen der Menschen ernährt, ist sie bereit, gemeinsam mit ihm dafür zu sorgen, das alte Florapis wiederherzustellen.

Das ganze Buch ist sehr hochwertig und toll aufgemacht: der Leinenrücken, das tolle Cover mit gold geprägten Buchstaben und das Lesebändchen machen wirklich etwas her und Lust aufs Lesen. Außerdem möchte ich die tollen und detaillierten Zeichnungen erwähnen, die die Geschichte begleiten.
Die Geschichte beginnt schon vielversprechend mit einer Beschreibung Florapis', man kann sich das Dorf, die Bewohner und das Schloss sehr gut vorstellen als wäre man mittendrin. Der Erzählstil ist dabei genau richtig gewählt, zu keiner Zeit driftet er ins Kitschige ab. Man lernt ebenso die Bewohner von Florapis kennen, die allesamt tolle und fantasievolle Namen tragen: wie toll klingt bitte z.B. Lumo Lumaticus für einen Nachtwächter?
Auch die Imkerei wird toll beschrieben, man bekommt nebenbei nützliche Infos rund um Bienen und Honig. Florapis erscheint als Paradies, nur die Angst des Prinzen trübt das Glück und durch eine Entscheidung eines Einzelnen verändert sich alles. Den Bewohnern wird eingeredet, dass sie Angst haben müssen, nicht sicher sind und eine Mauer um sich herum brauchen. Diese Parallele zu der Welt, in der wir aktuelll leben, finde ich sehr gelungen und gut gearbeitet. Manchmal braucht es nur etwas Mut eines Einzelnen, in dem Fall Ava, um einen Stein ins Rollen zu bringen und etwas Großes in Gang zu setzen.
Auch Pankratz ist ein toll beschriebener Charakter: er saugt die Ideen der Menschen aus und ernährt sich davon, sodass bei ihnen nur eine große Leere bleibt - auch das kennen die meisten von uns wahrscheinlich aus ihrem eigenen Leben. Man fühlt sich ausgesaugt und leer und hat nur noch schlechte Laune. Oft braucht es nur einen kleinen Anstoß um wieder das Glück zu entdecken und zu sehen, was man alles Tolles um sich hat.

"Zauberschön" ist ein wunderschöner Märchenroman, der Mut, Neugier und Zusammenhalt weckt und auf tolle Art und Weise einen Weg beschreibt, um gemeinsam ein zunächst viel zu großes Problem anzugehen. Nicht nur für Erwachsene würde ich das Buch empfehlen, auch ältere Kinder ab dem Grundschulalter werden etwas daraus für sich mitnehmen können und zum Vorlesen ist es ebenso toll geeignet. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Erschreckend, brisant und realistisch - starker und spannender Anfang, der leider nicht fortgeführt wird

VIEWS
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Yasira Saad ist Kommissarin beim BKA und fassungslos als sie ein Video in den sozialen Medien sieht, das sofort viral geht: drei junge, schwarze Männer, offensichtlich Geflüchtete, vergewaltigen eine junge ...

Yasira Saad ist Kommissarin beim BKA und fassungslos als sie ein Video in den sozialen Medien sieht, das sofort viral geht: drei junge, schwarze Männer, offensichtlich Geflüchtete, vergewaltigen eine junge Frau und werden von einer vierten Person dabei gefilmt. Yasira soll die Ermittlungen leiten und das Verbrechen so schnell es geht aufklären, denn das Mädchen im Video, Lena Palmer, ist bereits einige Tage verschwunden. Schnell kocht das Thema hoch und eine rassistische und rechte Organisation namens "Aktiver Heimatschutz" kündigt Rache an und macht Jagd auf die Täter. Yasira hat keine Zeit zu verlieren und ahnt nicht, dass sie Situation die höchste Eskalationssufe noch gar nicht erreicht hat.

Ich habe zuvor nichts von Marc-Uwe Kling gelesen, aber der Klappentext hat mich neugierig gemacht - brisant und aktueller denn je. Die Handlung könnte 1:1 genauso in Deutschland passieren und ist leider keine düstere Zukunftsvision mehr - und würde sich sehr wahrscheinlich ähnlich schnell hoch schaukeln wie im Buch.
Der Erzählstil ist angenehm zu lesen mit kurzen, knappen Sätzen und Dialogen, die den nötigen Humor haben. Bereits zu Beginn wird eine gute Spannung aufgebaut, die auch lange gehalten werden kann. Die Handlung flacht aber leider oft ab und tritt auf der Stelle. Sehr gut gefallen haben mir die Einblicke in die polizeiliche Ermittlungsarbeit. Man begleitet Yasira als Ermittlerin bei der nervenaufreibenden und oft frustrierenden Suche nach den Tätern und vor allem dem Opfer. Dabei wird schnell klar, dass man sie nicht umsonst als Gesicht der Ermittlungen ausgesucht hat: als Frau mit Migrationshintergrund soll sie für Offenheit und Fortschritt bei der Polizei stehen.
Der Autor greift hier viele aktuelle und wichtige Themen auf: (offener) Rassismus, Polizeiarbeit, Hass und Hetze und rechte Vereinigungen. Die Figuren sind dabei meist sympathisch, bleiben aber blass und ohne Tiefe.
Der Plottwist der Handlung kommt schnell und war dann nicht allzu überraschend. Leider konnte ich mit dem Ende und der Auflösung gar nichts anfangen und es hat für mich auch nicht zur vorangehenden Handlung gepasst.

"Views" ist ein solider Thriller, der Einblick in die spannende Polizeiarbeit in einem hochbrisanten Fall gibt, aber durch eine abflachende Handlung gebremst wird.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Spannender und atmosphärischer Roman, der vor der Kulisse des Schwarzwalds spielt - mit ein paar Schwächen

Schattengrünes Tal
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Lisa lebt gemeinsam mit ihrem Mann Simon mitten im Schwarzwald in Herzogsbrunn, ihre Tochter absolviert gerade ein Auslandsjahr. Lisas Vater betreibt ein kleines Hotel, das jedoch in die Jahre gekommen ...

Lisa lebt gemeinsam mit ihrem Mann Simon mitten im Schwarzwald in Herzogsbrunn, ihre Tochter absolviert gerade ein Auslandsjahr. Lisas Vater betreibt ein kleines Hotel, das jedoch in die Jahre gekommen ist. Sie hilft ihm bei der Buchhaltung, Simon ist Förster im angrenzenden Wald. Lisas ausgeprägten Helferkomplex nutzt ihr Vater Carl gerne aus - trotzdem werden Ideen zur Veränderung und Modernisierung des Hotels ihrerseits stets abgelehnt. Als sich Daniela Arnold als Gast in das Hotel einquartiert, kommt Lisa immer öfter mit ihr ins Gespräch. Die beiden "freunden" sich an und Daniela nimmt einen immer größeren Raum in Lisas Leben ein. Sie ahnt nicht, dass Daniela keine Unbekannte ist und ganz andere Absichten verfolgt als nur den Schwarzwald zu entdecken...

Ich hatte zuvor noch nichts von Kristina Hauff gelesen, aber wie toll ist das Cover bitte? Auch der Klappentext macht direkt Lust aufs Lesen und verspricht eine spannende und tolle Handlung. Das Buch ist dann doch etwas hinter meinen Erwartungen zurück geblieben.

Die Figuren sind allesamt klischeehaft und stereotyp gezeichnet, was allerdings zur Handlung und dem traditionsreichen Umfeld passt. Lisa ist aufopferungsvoll und hilft lieber anderen als sich selbst, Simon ist eher verschlossener, auch wenn sein Charakter oft an der Oberfläche bleibt. Carl ist der typische Patriarch der Familie, er hält die Zügel in der Hand, gibt sie aber auch nicht aus der Hand und nur er ist in seiner Vorstellung stets im Recht. Margret, die eine mehr oder weniger heimliche Liebesbeziehung mit Carl hat und das Hotel mittlerweile so gut wie alleine schmeißt, ist unterwürfig und abhängig. Am interessantesten ist für mich Daniela, die wie aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach sowohl im Dorf als auch im Hotel und Lisas Leben einnistet. Geschickt manipuliert sie jeden in ihrem Umfeld und schnell wird klar, dass sie nicht durch Zufall in genau diesem Hotel gelandet ist.
Die Sprache ist meist neutral, an manchen Stellen fast schon sachlich, man kann der Handlung gut folgen. Die Kapitel sind abwechselnd aus Lisas Simons und Margrets Sicht geschrieben, was dem Leser jeden Charakter nochmal näher bringt. Die Handlung fängt stark an, von Anfang an herrscht eine kaum greifbare und düstere Atmosphäre. Die Spannung baut sich kontinuierlich auf, im letzten Drittel allerdings wird die Handlung zunehmend vorhersehbarer. Das Ende konnte mich nicht wirklich überzeugen und wurde für mich zu schnell abgehandelt.

"Schattengrünes Tal" ist ein interessanter Roman, der mit den Klischees eines idyllischen Dorfes und deren Bewohner spielt und die Themen toxische Beziehungen, Manipulationen und Abhängigkeit beinhaltet.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Wichtiges und eindrückliches Buch, das eine Kindheit im Krieg schildert

Radio Sarajevo
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Tijan Sila ist zehn Jahre alt, als im April 1992 in Sarajevo die ersten Bomben fallen und der Krieg beginnt. Mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wohnt er in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbau. ...

Tijan Sila ist zehn Jahre alt, als im April 1992 in Sarajevo die ersten Bomben fallen und der Krieg beginnt. Mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wohnt er in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbau. Zwischen Trümmern, Bombenalarm und Soldaten muss die Familie versuchen zu überleben. Auch die Flucht der Familie im Jahr 1994 nach Deutschland wird thematisiert. Er schildert die Zeit im Krieg, das Überleben, die Winter ohne Ofen, die Vorfreude auf die Schule und das Ankommen in Deutschland.

Beim Cover hätte ich zuerst nicht gedacht, welche gewaltige Geschichte sich im dem Buch verbirgt. Vom Krieg in Bosnien und Herzegowina und Serbien habe ich im Schulunterricht gehört, die Bilder gehen einem immer noch unter die Haut. Ein Buch dazu und dann noch so ein persönliches habe ich aber noch nicht gelesen - umso wichtiger, dass ich "Radio Sarajevo" entdecken durfte!
Tijan Sila beschreibt aus der Ich-Perspektive sein Leben als Zehnjähriger, angefangen beim ersten ersten Beschuss bis zum Einleben in Deutschland. Dabei hat er eine ganz eigene Erzählweise, als Erwachsener beschreibt er rückblickend die Zeit damals einerseits kindlich-naiv, andererseits klar und sachlich. Man begleitet ihn beim Treffen mit seinen beiden besten Freunden, beim Schule schwänzen, beim Schwarzhandel mit Soldaten der UN und in seinem Alltag mit der Familie. Was anfangs noch unvorstellbar erscheint, wird bald zum traurigen Alltag: der Beschuss auf Sarajevo wird normal für ihn, er lernt, sich mehr oder weniger in dieser grauenvollen und dunklen Zeit zu arrangieren.
Oft musste ich das Buch für einen Moment beiseite legen, weil mir das Ausmaß an Zerstörung und Krieg bewusst wurde, gerade wenn von Toten und den schrecklichen Verletzungen erzählt wird.

Tijan Sila gelingt es, sowohl schonungslos ehrlich als auch emotional die Brutalität und Komplexität des Krieges zu schildern. Dieses schwierige Thema, was ich bislang meist aus dem Schulunterricht kannte, wird zugänglicher und menschlicher und zeigt, was es heißt, als Kind im Krieg zu überleben. Aktueller denn je kann ich "Radio Sarajevo" nur empfehlen, trotz des schweren Themas lohnt es sich, das Buch zu lesen. Große Leseempfehlung!

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