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Veröffentlicht am 03.11.2025

Wenn die Wut sich Bahn bricht - aufrüttelndes Buch über eine oft versteckte Emotion

Verdammt wütend
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Die 43-jährige Britt ist im Urlaub mit ihrem Mann, ihrer Tochter und Freunden ihres Mannes als nichts mehr geht: jahrelange, unterdrückte Wut bahnt sich ihren Weg und Britt rastet komplett aus. Wut aufs ...

Die 43-jährige Britt ist im Urlaub mit ihrem Mann, ihrer Tochter und Freunden ihres Mannes als nichts mehr geht: jahrelange, unterdrückte Wut bahnt sich ihren Weg und Britt rastet komplett aus. Wut aufs Leben, auf ihre Mutter, die die Familie verlassen hat als Britt zwölf Jahre alt war und Wut auf ihren Mann und die Freunde. Nachdem die überkochenden Emotionen abgeklungen sind, fragt sich Britt: kann die entladene Wut auch eine Chance auf Veränderung sein?

Der Titel und Klappentext haben mich direkt angesprochen, denn wer von uns ist nicht öfters mal "verdammt wütend" auf die verschiedensten Dinge und Menschen. Britt wollte immer jedem alles recht machen, sie hat Ärger stets herunter geschluckt und sich den Erwartungen von Umfeld und Gesellschaft gebeugt. Seit sie klein ist, versucht sie den Spagat zu meistern, der gerade als Frau schier unmöglich scheint: lieb sein, gut aussehen, aber nicht zu gut, einen Haushalt führen, einen Mann suchen, eine gute Mutter sein. Gerade ihr Mann Espen hat dies stets gut auszunutzen gewusst - Britt kümmert sich um die gemeinsame Tochter, Britt schmeißt den Haushalt, Britt kümmert sich um alles Wichtige. Er wirkt von allen Beteiligten am wenigsten sympathisch, oft habe ich mich beim Lesen gefragt, wie Britt überhaupt so lange mit ihm zusammen sein konnte. Ich konnte Britts Wut fast immer nachvollziehen, der Autorin gelingt es, die Probleme dieser Beziehung in den relativ wenig Seiten auf den Punkt zu bringen. Die Beziehung von Britt und Espen steht stellvertretend für Millionen von Beziehungen, die genau so ablaufen - und aus der man aber ebenso gut ausbrechen kann, Emotionen zeigen darf und kommunizieren kann.

Der Erzählstil ist oft poetisch, in Momentaufnahmen und Erinnerungsstücken setzt sich die Handlung wie ein Mosaik zusammen. Interessant ist auch, dass man als Leser den eigentlichen Ausbruch Britts gar nicht liest sondern nur das Danach. Es zeigt, was Wut losreißen, aber auch schaffen kann, denn Britt kümmert sich danach wahrscheinlich das erste Mal nur um sich selbst.
Die Kapitel sind kurz, oft nur eine halbe Seite lang, sie hätten für mich noch mehr auserzählt werden können, um einen besseren Lesefluss zu erreichen. Generell hätte ich mir noch mehr Seiten und Handlung gewünscht um noch tiefer in die Emotionen eintauchen zu können, wie es dazu kam und was in dem "Danach" passiert, aber auch um mehr von den einzelnen Beteiligten zu erfahren.

Es ist ein aufrüttelndes Buch, das zeigt, was passiert, wenn Wut, die in unserer Gesellschaft am besten unterdrückt werden soll, ausbricht. Wut hat ihre Daseinsberechtigung und sollte wie alle anderen Gefühle ebenso beachtet werden. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die sich mit diesem Thema näher beschäftigen möchten.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Was macht Familie aus? Über Adoption und Identitätssuche

Die Kinder von Bilbao
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Maria Larrea erzählt in ihrem autobiografischen Roman über ihre illegale Adoption, von der sie erfährt, als sie Ende zwanzig ist. Für sie bricht eine Welt zusammen, dennoch begibt sie sich auf Spurensuche ...

Maria Larrea erzählt in ihrem autobiografischen Roman über ihre illegale Adoption, von der sie erfährt, als sie Ende zwanzig ist. Für sie bricht eine Welt zusammen, dennoch begibt sie sich auf Spurensuche zu ihrer leiblichen Familie in Bilbao. Parallel erzählt sie die Geschichte ihrer Adoptiveltern Julián, aus der Nähe von Bilbaos und Victoria, aus Galicien, und von ihrer nicht einfachen Kindheit in Paris.

Das Buch ist aus Marias Ich-Perspektive geschrieben und bietet somit viel Einblick in ihre Gefühlswelt, was mir gut gefallen hat. Etwas Probleme hatte ich mit dem Erzählstil, der sehr filmisch und oft nüchtern, aber schonungslos ehrlich ist. Mit dem Hintergrundwissen, dass die Autorin Regisseurin ist und das Buch ihr Debütroman, wirkt der Erzählstil zwar nochmal mehr, blieb mir aber immer etwas fremd. Ich hatte auch, gerade anfangs, Probleme, die relativ kurzen Kapitel einzuordnen, weil abwechselnd von verschiedenen Personen erzählt wird, die Kapitel haben keine Überschriften.
Interessant ist es, von Marias Kindheit zu lesen, sie arbeitet sich hoch und wird an einer renommierten Filmschule angenommen. Ihr Verhältnis zu ihren Adoptiveltern ist nicht immer leicht, die Familie hat wenig Geld. Trotzdem wird für mich nicht ganz klar, wie sie genau zu ihren Eltern steht.
Der Umstand, wie sie von ihrer Adoption erfahren hat, wirkt beim Lesen unglaubwürdig, passt aber zum filmischen Erzählstil. Für mich hätte der Teil ihrer Suche nach ihrer leiblichen Familie noch länger gehen können, er nimmt kaum die Hälfte des Buches ein, ist aber eigentlich der zentrale Kern der Geschichte. Es geht zu viel um ihre Adoptiveltern, die aus prekären Verhältnissen in Spanien stammen, ich hätte mir beim Lesen jedoch gewünscht, auch mehr über das Leben und den Alltag der Autorin zu erfahren, von ihrem Mann und ihren Kindern ist kaum die Rede.

"Die Kinder von Bilbao" konnte mich nicht ganz abholen, der Erzählstil war mir zu filmisch und das zentrale Thema der illegalen Adoption wurde für mich zu kurz gehalten. Dennoch ist es ein interessanter autobiografischer Roman, der mit Figuren und Situationen spielt.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Unglaublich wichtige, eindrückliche und ungeschönte Geschichte über Alkoholsucht - ein Lesehighlight

The Glass Girl
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Bella ist fünfzehn Jahre alt und hat es gerade nicht leicht: ihre Eltern haben sich getrennt, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester wechselt sie wochenweise zwischen den beiden und ihre Großmutter ist ...

Bella ist fünfzehn Jahre alt und hat es gerade nicht leicht: ihre Eltern haben sich getrennt, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester wechselt sie wochenweise zwischen den beiden und ihre Großmutter ist vor kurzem erst gestorben. Zudem spürt sie großen Leistungsdruck in der Schule und das Gefühl, zu jeder Zeit funktionieren zu müssen. Das alles erträgt sie nur durch die Abende mit ihrer Clique, bei denen der Alkohol fließt. Dass der Alkohol auch immer präsenter im Alltag und nicht nur mit ihrer Clique zusammen wird, verdrängt Bella lieber. Bis eines Tages nichts mehr geht und Bella dämmert, dass sie so nicht weiterleben kann. Eine schwierige Reise für sie beginnt.

Ich kann nur sagen: wow! Was für ein grandioses, wichtiges und eindrückliches Buch! Ich hatte zuvor noch nichts von Kathleen Glasgow gelesen, aber das Thema Alkoholsucht in Verbindung mit dem tollen Cover und Klappentext hat mich neugierig gemacht. Es ist kein leichtes Buch für zwischendurch, es ist harter Tobak, denn mit Bella geht man sprichwörtlich durch die Hölle. Ungeschönt und echt beschreibt sie alles, was ihr im Kopf herumschwirrt: angefangen vom Alkohol besorgen (für sie und ihre Freunde als Minderjährige gar nicht so leicht), ihr Gefühl beim Trinken, ihr Verlangen nach mehr und Abstürze und Filmrisse aller Art. Oft musste ich das Buch kurz zur Seite legen, weil es so intensiv ist, dass man das Gelesene erst verarbeiten muss.

Bella ist ein ganz normaler Teenager, der gerade in einer schwierigen Phase steckt. Angefangen vom Leistungsdruck in der Schule über den Tod der Großmutter, der in der Familie nie thematisiert oder aufgearbeitet wurde bis zu den streitenden Eltern, zwischen denen sie und ihre Schwester pendeln müssen. Vor allem die Eltern haben mich oft unheimlich wütend gemacht: sie benutzen Bella als "Sprachrohr" um nicht miteinander kommunizieren zu müssen, auch das zu Bett bringen der Schwester überlassen sie meist Bella, denn sie meistert ja scheinbar mühelos den ganzen Alltag. Und wenn sie funktioniert und alles perfekt schafft und unter einen Hut bekommt, sind auch alle um sie herum glücklich, oder? Die Eltern ziehen sich geschickt aus der Affäre und der Verantwortung, denn als Eltern in Trennung hat man ja genug Probleme - und Bella schafft das alles schon. Sie verliert sich dabei immer mehr und es tut weh beim Lesen, sie in ihrer Zerrissenheit und Erschöpfung zu erleben. Oft wollte ich sie einfach in den Arm nehmen und die Last von den Schultern, denn dass sie psychisch immer mehr abbaut, sollten eigentlich alle um sie herum merken. Einzig ihre beste Freundin macht sich Sorgen um sie und bemerkt den verstärkten Alkoholkonsum. Aber Bella redet sich immer wieder geschickt raus und entwickelt Möglichkeiten und Schlupflöcher, wie sie heimlich und unbemerkt trinken kann.
Wenn man beim Lesen denkt, dass das alles schon schlimm und fordernd zu lesen ist, wartet noch erst die größte Herausforderung: ein Aufenthalt in der Suchtklinik für Jugendliche. Was sie dort erlebt, möchte ich gar nicht spoilern und zu ausführlich beschreiben, denn sie durchlebt alle Phasen des Nichttrinkens, des Verlangens und noch mehr.
Das Buch ist komplett aus Bellas Ich-Perspektive geschrieben, was einem das Mädchen und die Probleme nochmal viel näher bringt. Auch das Nachwort ist bewegend und toll geschrieben, man merkt der Autorin beim Lesen an, dass es keine einfach zu schreibende Geschichte für sie war.
Alkohol ist leider, vor allem in unserer Gesellschaft, allgegenwärtig und wird zu oft verharmlost und in den Alltag integriert. Auch z.B. Bellas Vater lässt nichts auf sein "Feierabendbier" kommen und in der Clique und auf Partys sowieso ist der Alkohol stets präsent.

Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung für dieses wichtige und eindrückliche Buch. Auch als Schullektüre könne ich mir das Buch vorstellen, zeigt es doch die Gefahren von Alkoholsucht auf und wie leicht es jeden von uns treffen kann. Aber auch Erwachsenen möchte ich das Buch empfehlen. Es sollte öfter Bücher wie dieses geben! Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Verwirrende und enttäuschende Handlung trotz tollen Anfangs und toller Ausgangslage - kommt nicht an den ersten Band heran

HEN NA IE - Das seltsame Haus
5

Worum es geht
Der namenlose Ich-Erzähler ist ein auf Okkultismus spezialisierter Autor. Ein Bekannter bittet ihn, den Grundriss eines Hauses zu prüfen, das er eventuell kaufen möchte. Gemeinsam mit Kurihara, ...

Worum es geht
Der namenlose Ich-Erzähler ist ein auf Okkultismus spezialisierter Autor. Ein Bekannter bittet ihn, den Grundriss eines Hauses zu prüfen, das er eventuell kaufen möchte. Gemeinsam mit Kurihara, einem befreundeten Architekten, der ebenfalls Interesse an Okkultismus hat, sieht der Erzähler sich den Grundriss an. Die beiden entdecken schnell, dass es einige Auffälligkeiten gibt, die, je mehr man den Grundriss untersucht, immer beunruhigender scheinen. Vor allem das Kinderzimmer gibt Rätsel auf. Als die beiden dann noch einen weiteren Grundriss zu Gesicht bekommen, der mit dem ersten zusammenhängt, kommen Geheimnisse ans Licht, die zu grauenhaft scheinen, um wahr zu sein...

Meine Meinung
Nachdem ich im ersten Band "Seltsame Bilder" ein neues Lesehighlight gefunden habe, war ich unheimlich gespannt auf den zweiten Band. Die beiden Bücher lassen sich unabhängig voneinander lesen. Ein Blick auf die Rückseite verrät, dass "Das seltsame Haus" eigentlich das Debüt von Uketsu ist und in Deutschland die Reihenfolge genau umgekehrt war.
Ich bin mit hohen Erwartungen in die Geschichte gestartet - und wurde leider enttäuscht. Die erste Hälfte konnte mich noch mitreißen, die zweite Hälfte war dann enttäuschend und nur noch verwirrend.
Zunächst wird, wie im ersten Band bereits ein Bild, ein Grundriss abgebildet. Als Leser ist man wieder gefragt, mitzurätseln und zu forschen ob man etwas Ungewöhnliches entdeckt. Dieser Start hat mir wieder mal sehr gut gefallen, die Spannung wird direkt zu Beginn aufgebaut und hoch gehalten. Kurihara als Architekt hat dann natürlich nochmal eine ganz andere Sichtweise auf den mysteriösen Grundriss, er und der Ich-Erzähler ergänzen sich in der ersten Hälfte des Buches wirklich gut. Das gesamte Buch ist mehr oder weniger in Dialogform erzählt, was eine gute Dynamik in die Geschichte bringt, einem als Leser jedoch auch immer etwas fern und distanziert bleibt. Emotionen oder Beschreibungen, die nicht zwingend zur Situation passen, werden nicht beschrieben.
Die Grundrisse der Häuser sind in der ersten Hälfte für meinen Geschmack etwas zu viel abgedruckt. Man kann damit dem Geschehen und den Vermutungen immer sehr gut folgen, aber manchmal erweckte es den Anschein, dass der Autor die Seiten "füllen" wollte und der Grundriss deshalb auffallend oft gedruckt war. Vor allem als der zweite Grundriss auftauchte und klar war, dass beide zusammenhängen, wurde es nochmal spannender. Mit neuen Personen, die in den Fall involviert sind, nimmt die Geschichte bis zur Hälfte an Tempo auf - um sich dann selbst zu verheddern und eine "an den Haaren herbei gezogene" Geschichte und Auflösung zu erarbeiten. Als hätte der Autor in der zweiten Hälfte selbst nicht mehr gewusst, wohin er uns Leser und die Geschichte führen will, haut er mit Namen, Familienkonstellationen und Begebenheiten nur so um sich. Die Story flacht zusehends ab, spätestens bei der Erklärung mit den viel zu vielen Namen war ich raus. Die Grundrisse, die in der ersten Hälfte überhand nehmen, fehlen im zweiten Teil als Stammbäume oder Zeitleisten.
Die Geschichte, die Kurihara hinter den beiden Grundrissen vermutet, ist für mich schon sehr aus der Luft gegriffen, ohne die Hintergründe oder Familie, die darin gelebt hat, zu kennen, kann man nicht schlussfolgern, dass es dort ein mordendes Kind gegeben haben soll. Ich hatte im zweiten Teil einen richtig guten Plottwist erwartet oder eine Auflösung, die ich so nicht habe kommen sehen, aber es plätscherte nur so dahin.
Für Europäer mag es nochmal deutlich schwieriger sein, die japanischen Namen und Familienkonstellationen auseinander zu halten, jedoch passte der zweite Teil nicht zum tollen Anfang und der Ausgangslage der Story. Auch das Nachwort hat mir eher noch mehr verwirrt als Aufklärung zu schaffen - vielleicht hat Uketsu aber auch genau das im Sinn gehabt: was ist real, was ist ausgedacht oder erweitert und was kann man wirklich glauben?

Mein Fazit
"Das seltsame Haus" kommt für mich leider nicht an den ersten Band des Autors heran. Mit dem Wissen, dass dieser Band hier das Debüt ist, schaue ich auch nochmal anders auf den ersten Band. Man merkt, dass Uketsu sich beim Schreiben weiterentwickelt hat und die Handlung und Figuren stimmiger und runder sind. Wer noch nicht "Seltsame Bilder" gelesen hat: lest es unbedingt, es ist ein völlig neues Genre und das Miträtseln ist dort garantiert. Dieses Buch hier konnte mich leider nicht überzeugen, schade!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Ruhiger und eindrücklicher Roman über Geschwisterliebe, Pflichtgefühl und Alkoholsucht

22 Bahnen
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Tildas Alltag ist durchstrukturiert: sie studiert Mathe, sitzt nach der Uni noch an der Supermarktkasse und kümmert such um ihre jüngere Schwester Ida. Die Mutter ist alkoholabhängig, Väter gibt es nicht ...

Tildas Alltag ist durchstrukturiert: sie studiert Mathe, sitzt nach der Uni noch an der Supermarktkasse und kümmert such um ihre jüngere Schwester Ida. Die Mutter ist alkoholabhängig, Väter gibt es nicht und sie versucht, den Alltag irgendwie zu meistern. Als sie eine Promotionsstelle in Berlin in Aussicht gestellt bekommt, kommt sie ins Grübeln und die Freiheit scheint zum Greifen nah. Als Viktor auftaucht, der große Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war, geraten die Dinge noch mehr in Bewegung. Als Tilda glaubt, dass am Ende doch noch alles gut werden könnte, gerät die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle.

Ich bin ziemlich late to the party, aber ich wollte das Buch schon länger lesen und bevor der Film dazu ins Kino kommt. Das Cover finde ich gut gestaltet, es greift das Thema Schwimmen auf, das im Roman eine essentielle Rolle spielt und mit den kurzen Pinselstrichen wirkt es dynamisch.
Der Roman ist aus Tildas Ich-Perspektive geschrieben, man erhält so einen direkten Einblick ins Geschehen. Tilda ist ehrgeizig, opfert sich für ihre Schwester auf, man merkt beim Lesen, dass unter der toughen Oberfläche mehr steckt und Tilda emotional Einiges mit sich herum schleppt. Der Schreibstil ist authentisch und echt, allerdings hat mir die Konstruktion der wörtlichen Rede weniger gefallen, es hat den Lesefluss für mich etwas erschwert. Die Geschichte wirkt leise, dafür trifft sie mit nüchterner Emotionalität und Tatschen, die ungeschönt erzählt werden. Die Handlung ist schnell zusammengefasst und oft plätschert sie eher dahin als dass sich Spannung aufbaut. Sie lebt von den Emotionen, Situationen und Figuren, die allesamt gut gezeichnet sind. Vor allem der Beziehung von Tilda und Ida kommt eine große Bedeutung und Besonderheit zu. Auch Viktor wirkt authentisch, Tilda und ihn verbindet nur die Geschichte rund um seinen Bruder Ivan, aber zwischen den beiden entsteht eine besondere Beziehung, die wenig Worte bedarf.
Die Autorin greift viele wichtige Themen auf: Alkoholsucht, ein trister Alltag, Geschwisterbeziehung und schmerzhafte Erinnerungen und verwebt sie oft als selbstverständlich und gnadenlos, oft leise und unterschwellig in die Geschichte.

"22 Bahnen" ist ein leiser Roman, der von den Beziehungen und Charakteren lebt. An manchen Stellen hat mir die Handlung gefehlt und der Aufbau der wörtlichen Rede ist auch gewöhnungsbedürftig. Nichtsdestotrotz ist der Roman gelungen und den Hype, mit ein paar wenigen Schwächen, wert.

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