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Veröffentlicht am 29.10.2025

Ein Haus, das dich verschlingt.

HEN NA IE - Das seltsame Haus
8

Mit "HEN NA IE – Das seltsame Haus" führt Uketsu seine ungewöhnliche Mischung aus Horror, Mystery und psychologischem Realismus konsequent fort.
Uketsu, der geheimnisvolle Autor, der sich nie ohne Maske ...

Mit "HEN NA IE – Das seltsame Haus" führt Uketsu seine ungewöhnliche Mischung aus Horror, Mystery und psychologischem Realismus konsequent fort.
Uketsu, der geheimnisvolle Autor, der sich nie ohne Maske zeigt, verleiht auch seinem neuen Roman „HEN NA IE“ jene Aura des Unbekannten, die seine Werke so faszinierend macht.
Das Cover fügt sich nahtlos in die Gestaltung seines zuvor erschienenen Romans „HEN NA E – Seltsame Bilder“ ein. Beide Werke bestechen durch ein schlichtes fast nüchterne, aber dennoch stimmungsvolles Design, das den Fokus klar auf den Inhalt legt.

In „HEN NA IE – Das seltsame Haus“ wird der namenlose Ich-Erzähler von einem Bekannten gebeten, der den Kauf eines Hauses erwägt, sich dessen auffälligen Grundriss genauer anzusehen. Schnell werden Unstimmigkeiten deutlich. Um dem Geheimnis des Gebäudes auf die Spur zu kommen, zieht er seinen Freund Kurihara hinzu – einen Architekten mit Faible für Okkultismus und Rätsel. Gemeinsam stoßen sie bei ihren Nachforschungen auf eine schockierende Wahrheit.
Erneut kombiniert Uketsu textliche Spannung mit visuellen Elementen – ein Markenzeichen seines selbst geschaffenen „Sketch Mystery“. Diese Kombination erzeugt eine unheimliche Nähe zwischen Leser und Geschichte, sodass man das Gefühl hat, selbst Teil der Untersuchung zu sein. Passend dazu bleibt die Erzählfigur anonym und wird nur als „Ich“ bezeichnet. Bekannt ist lediglich, dass diese Figur als freier Journalist tätig ist.
Sprachlich überzeugt der Roman durch präzisen, reduzierten Stil. Es wird bewusst verzichtet auf verschnörkelte Beschreibungen und jeglichen Kitsch. Seine Stärke liegt in der Atmosphäre des Unausgesprochenen. Der Spannungsbogen bleibt bis zum Schluss erhalten, getragen von klaren Dialogen.
Daraus ergibt sich jedoch auch, dass die Figuren keine Entwicklung durchlaufen und es dem Leser schwerfällt, mit ihnen zu sympathisieren oder emotional mitzuerleben, was sie bewegt.

Allerdings fehlte mir diesmal die Möglichkeit, selbst stärker am Rätsel mitzuwirken. Während man im Vorgängerroman durch Hinweise eigene Theorien entwickeln konnte, führen der Ich-Erzähler und Kurihara hier sehr schnell feste Hypothesen ein, deren Logik nicht immer überzeugt. Einige Entwicklungen wirkten sehr konstruiert. Die unheimliche Sogwirkung blieb für mich trotzdem bestehen – mehrfach lief mir beim Lesen ein Schauer über den Rücken.

Etwas störend empfand ich außerdem die häufige Wiederholung der Grundrisse, die im E-Book-Format sicherlich funktional sind, in der Printversion jedoch unnötig Platz beanspruchen und den Lesefluss hemmen.

Trotz einiger Schwächen bleibt „HEN NA IE – Das seltsame Haus“ ein fesselnder Roman, der beweist, dass im Krimi-Genre noch immer Raum für kreative Neuerfindung besteht. Uketsu gelingt es erneut, mit minimalistischen Mitteln eine tief verstörende und atmosphärisch dichte Geschichte zu schaffen – ganz im Stil seines geheimnisvollen Selbstbildes.

Für alle, die unkonventionelle Mystery-Romane schätzen, finden hier sicherlich eine kurzweilige, aber dennoch schaurige Erzählung.

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  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 21.10.2025

Bittersüßer Zauber des Erwachsenwerdens.

Wenn unsere Welt kippt
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In „Wenn unsere Welt kippt“ entführt Jandy Nelson ihre Leserinnen und Leser in das sonnendurchflutete Kalifornien, in die fiktive Kleinstadt Paradise Springs – einen Ort, an dem Teufelswinde wehen, ein ...

In „Wenn unsere Welt kippt“ entführt Jandy Nelson ihre Leserinnen und Leser in das sonnendurchflutete Kalifornien, in die fiktive Kleinstadt Paradise Springs – einen Ort, an dem Teufelswinde wehen, ein Soufflé Menschen sich ineinander verlieben lässt, ein Wein die Seele berührt und andere phantastische Dinge geschehen. Dies ist die Heimat der Familie Fall.
Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Dizzy (12), Miles (17) und Wynton (19). Ihr familiärer Zusammenhalt ist brüchig, jeder kämpft mit dem eigenen Weg des Erwachsenwerdens und dem Fehlen ihres Vaters, der die Familie unerwartet verlassen hat.
Als die drei auf die rebellische, lebensfrohe Cassidy treffen – ein Mädchen mit bunten Haaren, tätowierten Lieblingswörtern und einer faszinierenden Ausstrahlung verändert sich ihr Leben spürbar. Cassidy wird zum Katalysator für Aufbruch, Neuanfang, Sehnsucht und Selbstfindung. Doch ob sie die Familie Fall tatsächlich wieder vereinen kann, bleibt offen.

Jandy Nelson gilt als gefeierte Stimme der modernen Jugendbuchliteratur. Obwohl dies mein erstes Buch von ihr war, war ich voller Neugier und Erwartungen, welche Geschichte mich erwarten würde.

Die Erzählung wechselt zwischen den Perspektiven von Dizzy, Miles, Wynton und Cassidy. Eingestreute Briefe und poetische Passagen verleihen dem Roman eine märchenhafte Note. Durch den Perspektivwechsel gewinnt die Handlung an Dynamik, Spannung und Tiefe. Besonders gelungen sind die schön gestalteten grafischen Elemente, die einige Kapitel hervorheben und sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen.
Thematisch wagt sich Nelson an komplexe Bereiche: erste Liebe, das Entdecken eigener Queerness, der Verlust eines Elternteils, Vernachlässigung, psychische Erkrankungen wie Depressionen und manische Episoden sowie Alkoholismus.
Dennoch hatte ich den Eindruck, dass es schlicht zu viele gewichtige Themen waren, die angerissen, aber nicht vollständig aus erzählt oder für das junge Zielpublikum ausreichend eingeordnet wurden.

Auch stilistisch ist der Roman stellenweise überbordend. Vieles wirkt zu üppig, teilweise kitschig erzählt. Immer wieder driftet Nelson in einen magischen Realismus ab, der sich nicht immer organisch in die Handlung fügt und an manchen Stellen eher erzwungen wirkt.

Die lyrischen Einschübe und der grundsätzlich leichte, bildhafte Schreibstil sind gut gewählt, verlieren jedoch durch die inhaltliche Überfrachtung an Wirkung.

Als positiv habe ich die Darstellung der jugendlichen Figuren empfunden. Sie sind glaubwürdig und vielschichtig gestaltet; man spürt ihre Unsicherheiten, ihr Ringen und ihre Verletzlichkeit.

Insgesamt war „Wenn unsere Welt kippt“ für mich ein emotional starkes, aber erzählerisch überladenes Leseerlebnis.
Die poetische Sprache und die Tiefe der Themen wollten sich nicht immer zu einer klaren Einheit fügen.

Trotz einiger Schwächen ist das Buch ein charmantes, teils berührendes Coming of Age Werk – nur hätte weniger hier vielleicht mehr sein können.

Fans poetisch-magischer Jugendromane dürften Gefallen daran finden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.10.2025

Die Übersehenen

Schwanentage
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Normalerweise zieht mich ein Buch bereits durch ein ausdrucksstarkes oder besonders schön gestaltetes Cover in seinen Bann. Bei „Schwanentage" war das jedoch nicht der Fall. Vielmehr weckte die Autorin ...

Normalerweise zieht mich ein Buch bereits durch ein ausdrucksstarkes oder besonders schön gestaltetes Cover in seinen Bann. Bei „Schwanentage" war das jedoch nicht der Fall. Vielmehr weckte die Autorin Zhang Yueran mein Interesse. Sie gilt heute als eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen Chinas und zählt zu den wichtigsten Stimmen der jungen, urbanen Literatur.

Die Geschichte von „Schwanentage“ wird aus der Sicht des Kindermädchens Yu Ling erzählt. Sie ist der stille, gute Geist der Familie und hütet hingebungsvoll den siebenjährigen Kuan Kuan. Sie backt, kümmert sich um die Gäste und erahnt selbst den kleinsten Wunsch im Voraus.
Eines Tages beschließt sie, ihr Leben verändern zu wollen, und plant, den Sohn der Familie zu entführen, um Lösegeld zu erpressen und sich so ein besseres Leben zu ermöglichen.
Als der Großvater und der Vater wegen Korruptionsverdachts festgenommen werden und die Mutter spurlos verschwindet, gerät alles aus den Fugen – und plötzlich steht Yu Ling vor Entscheidungen, die das Leben von ihr und dem Jungen für immer verändern kann.

Die Figur der Yu Ling hat mich fasziniert. Sie ist keine einfache, skrupellose Entführerin, die ohne Rücksicht nur ein besseres Leben sucht. Vielmehr wägt sie ihre Zukunft ab, in der ihr als Frau kaum Möglichkeiten offenstehen. Obwohl sie vielseitig begabt ist, hat sie ohne starken familiären und finanziellen Rückhalt nur wenige Optionen.
Yu Ling repräsentiert viele Menschen, die in der Gesellschaft unbeachtet bleiben und vergessen werden. Care-Arbeit in all ihren Formen wird von ihnen vorausgesetzt, ihr stilles Leiden dagegen akzeptiert.
Die komplexen Beziehungsdynamiken im Roman sind äußerst fein herausgearbeitet, jedes Wort sitzt perfekt. Mit ihrem Schreibstil gelingt es der Autorin, kleine Alltagsszenen mit unterschwelliger Intensität einzufangen. Dabei hebt sie den tiefgreifenden Klassismus, die unüberbrückbaren Hierarchien und das Aushalten von Ungerechtigkeiten gekonnt hervor.
Und obwohl die Geschichte in China spielt, ist sie universell gültig für Orte auf der Welt, an denen soziale Schranken das Leben vieler Menschen begrenzen und jene, die oft im Verborgenen wirken, selten wahrgenommen werden.

Als Kritikpunkt bleibt allerdings, dass ich mir mehr tiefgehende innere Monologe oder reflektierende Passagen gewünscht hätte.
Yu Ling bleibt in ihrer Loyalität gegenüber dem Kind und der Familie zu sehr gefangen, und ihre eigenen Wünsche und Gedanken treten nur am Rande in den Vordergrund. Sie scheint kaum die Möglichkeit zu haben, sich selbst und ihre innere Welt wirklich zu entfalten. Ihre Wünsche wirken für mich etwas zu fern, um mich in sie hineinversetzen zu können.

Der Roman „Schwanentage“ ist für all jene geeignet, die keine hochglanzpolierten und dramatisch überfrachteten Geschichten suchen.
Die leise, poetische Erzählung besticht durch ein feines Gespür für Zwischenmenschliches und soziale Ungleichheiten.

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Veröffentlicht am 04.10.2025

Fressen oder Gefressen werden!

Hustle
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Der neueste Roman der Autorin und Journalistin Julia Bähr setzt bereits mit seinem Titel ein klares Statement. Im Deutschen steht „hustle“ für starke Anstrengungen, die jemand unternimmt, um Ziele zu erreichen, ...

Der neueste Roman der Autorin und Journalistin Julia Bähr setzt bereits mit seinem Titel ein klares Statement. Im Deutschen steht „hustle“ für starke Anstrengungen, die jemand unternimmt, um Ziele zu erreichen, aber auch für eine negative Konnotation im Sinne von „illegale Machenschaften“. Genau dieser Doppeldeutigkeit konnte ich mich nicht entziehen – sie hat mich sofort angesprochen. Ähnlich erging es mir mit dem Cover: Die junge Frau darauf zieht die Augenbraue leicht süffisant hoch, wirkt dabei etwas distanziert und trotzdem interessiert.


Leonie ist eine junge, lebendige Frau anfang dreißig. Doch ihr Leben gerät bereits ins Wanken. Ihren verhassten Job und den tyrannischen Chef will sie endgültig hinter sich lassen und das tut sie filmreif mit einer frechen Racheaktion. Diese bleibt nicht ohne Folgen, sodass sie ihren Wahlberuf nicht weiter ausüben kann. Nachdem sie es in ihrem alten Kinderzimmer und bei den ständig streitenden Eltern in Bocholt nicht mehr aushält, braucht sie eine Veränderung.
Sie beginnt neu in München, einer Stadt, in der man nur mit ausreichenden finanziellen Rücklagen wirklich überleben kann. Schon bald wird ihr klar, dass selbst ihr neuer Job nicht ausreicht, um in München (gut) leben zu können.
Zu ihrem Glück findet sie Anschluss bei drei Frauen, die scheinbar genau wissen, wie sie sich ihren gewünschten Lebensstil dennoch ermöglichen können.
„Wenn Dreistigkeit und Tricksen zum Münchner Lokalkolorit gehörten, dachte Leonie, konnte sie hier noch einiges lernen.“ (Seite 131)
Dass Leonie gerne und bewusst gesellschaftliche sowie rechtliche Grenzen überschreitet, erweist sich nun endlich als klarer Vorteil.

Was ich an „Hustle“ besonders mochte, waren die sozialkritischen Einschübe. Städte wie München, Düsseldorf oder Hamburg werden zunehmend unbezahlbar.
Halbwegs bezahlbare Wohnungen sind häufig stark renovierungsbedürftig, mit Schimmel befallen und müssen oft mit mehreren Mitbewohnern – menschlicher und tierischer Art, wie etwa Kakerlaken – geteilt werden.
Kleine, inhabergeführte Geschäfte verschwinden immer mehr.
Die Gentrifizierung, der Prozess, bei dem durch die Aufwertung ganzer Wohnviertel immer mehr einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen durch wohlhabendere Bewohner verdrängt werden nimmt immer mehr zu.
Die Autorin schafft es, diese schweren und zermürbenden Themen gekonnt einzuflechten und durch ihren leichten, sarkastischen Schreibstil besonders hervorzuheben.
„Wir leben in einer Stadt, in der Menschen mit normalen Jobs die Lebenserhaltungskosten nicht decken können. Und politisch interessiert das niemanden. Da ist Klauen doch für viele die einzige Lösung.“ (Seite 121)


Der Einstieg ins Buch fiel mir jedoch schwer, da mir die gewählte Erzählweise nicht vollständig zusagte. Für ein intensiveres Leseerlebnis hätte ich die Ich-Erzähler-Perspektive bevorzugt, da ich so eine engere Verbindung zu Leonie gehabt hätte. Dadurch wirkte sie auf mich noch etwas distanziert.
Dies stellt vermutlich auch die größte Schwäche des Romans dar: Die Figuren bleiben oberflächlich, klischeehaft und gefangen in stereotypen Rollen. Hier hätte ich mir deutlich mehr Charaktertiefe gewünscht. Leonie und ihre Freundinnen handeln zwar mutig und unkonventionell, doch eine tiefere psychologische Ausarbeitung hätte ihnen mehr Ausdruckskraft ebenso wie Mehrschichtigkeit verliehen und die Erzählung insgesamt bereichert.


Mein Fazit bleibt daher ein durchwachsenes.
Julia Bährs Roman „Hustle“ verbindet prekäre gesellschaftskritische Themen mit einer freche Hauptfigur. Allerdings blieb mir trotz der vielversprechenden Ansätze die Charakterzeichnung zu oberflächlich, was der Geschichte etwas an Tiefe nimmt.
Dennoch besticht der Roman durch seinen sarkastischen Ton und seinen scharfen Blick auf das Leben in Großstädten. Das Erzähltempo ist stets flüssig und durch die kurzen Kapitel auch zügig, sodass die Handlung lebendig bleibt und die verschiedenen Themen geschickt miteinander verflochten werden
Es bleibt den Lesenden überlassen, ob sie über diese Schwächen hinwegsehen können.

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Veröffentlicht am 13.09.2025

Wenn Süßigkeiten uns verzaubern.

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
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Bereits mit der Autorin betreten wir ein kleines Mysterium. Lee Onhwa ist das Pseudonym einer preisgekrönten Bestsellerautorin. Wer sich jedoch wirklich dahinter verbirgt, bleibt ein wohlbehütetes Geheimnis. ...

Bereits mit der Autorin betreten wir ein kleines Mysterium. Lee Onhwa ist das Pseudonym einer preisgekrönten Bestsellerautorin. Wer sich jedoch wirklich dahinter verbirgt, bleibt ein wohlbehütetes Geheimnis. Bekannt ist lediglich, dass sie in Seoul lebt und sich an traurigen Tagen mit süßen Köstlichkeiten selbst kleine Glücksmomente schenkt.
Dies ist ein sympathisches Detail, das charmant zum Titel ihres neuen Romans „Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ passt.
Als Lesende werden wir schnell in eine Welt zwischen Alltagswirklichkeit und magischen Momenten hineingezogen.

Für Yeonhwa ist ihre Zukunft noch unklar, doch eines steht für sie fest: Sie möchte ein Leben ohne Sorgen und Sehnsüchte führen und auf gar keinen Fall ein eigenes Geschäft betreiben. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Nach dem Tod ihrer Großmutter erbt Yeonhwa das Hwawoldang, eine traditionsreiche Konditorei für koreanisches Gebäck. Hinzu kommt die merkwürdigen Bedingung ihrer Großmutter das Geschäft nur zwischen 22 Uhr und Mitternacht zu öffnen.
Yeonhwa bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der Zubereitung traditioneller Backwaren vertraut zu machen und sich um die ganz besondere Kundschaft zu kümmern: die Geister der Verstorbenen. Nacht für Nacht treten sie in ihr kleines Café und erzählen von ihrem Leben und den letzten Augenblicken, die sie auf der Welt verbracht haben. Um Ruhe zu finden, wünschen sie sich ein Gebäck, das sie mit einem geliebten Menschen verbindet und Yeonhwa muss lernen, diese Sehnsüchte zu erfüllen.

Mich hatte die wunderschöne und stimmige Gestaltung bei dem Roman „Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ angesprochen. Ich liebe es, wenn das Cover auch zum Inhalt passt, und hier konnte ich mich direkt hineinfühlen in ein kleines Café irgendwo in Seoul. Besonders bezaubernd fand ich die Gestaltung der Leseabschnitte, die mit kleinen Teekannen markiert sind.
Ein schönes Extra war außerdem die beigelegte Karte mit einer Anleitung für koreanisches Gebäck sowie der QR-Code am Ende des Buches, über den man mehr über die Backtraditionen und die Vorlieben der Autorin erfährt.

Inhaltlich stehen die Geschichten rund um die Geister im Vordergrund . Jede Geschichte ist dabei eigenständig und unterscheidet sich von der vorhergehenden, die Café-Besitzerin Yeonhwa verbindet alles miteinander und führt angenehm ruhig durch den Erzählfluss. Alle Geschichten haben ihren eigenen Schwerpunkt, aber sie eint das große Thema der Liebe – in all ihren Facetten: zwischen Mutter und Tochter, in romantischer Hinsicht, als tiefe Freundschaft oder auch in Form einer Hassliebe zwischen Geschwistern.

Besonders mochte ich die vielen koreanischen Einflüsse, die Darstellung kultureller Aspekte und auch die leisen gesellschaftlichen Kritiken, die an manchen Stellen durchscheinen. Dies sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten, da sich die koreanische Kultur deutlich von der europäischen Lebensweise unterscheidet.
Die Atmosphäre im Buch ist manchmal melancholisch, aber am Ende auch immer hoffnungsvoll.
Der Schreibstil von Frau Onhwa ist unaufgeregt und gleichzeitig poetisch zart. Viele Sätze waren so schön formuliert, dass ich mir einige Zitate markiert habe.
Interessant fand ich den Wechsel im Tonfall. In Yeonhwas Perspektive wirkt der Stil etwas moderner und sachlicher, während er in den Geistergeschichten emotionaler wird. Das brachte eine angenehme Vielfalt ins Lesen.
Einzig das Ende war mir zu abrupt und nicht ganz auserzählt. Hier hätte ich mir einfach noch ein wenig mehr Tiefgang und Abrundung gewünscht, um die Geschichte noch eindringlicher abzuschließen.

Für alle, die ein entspanntes Buch suchen ohne nervenaufreibende Spannung, dafür mit einem feinfühligen, teils melancholisch-poetischen Ton und einem Hauch von Magie ist dies genau die richtige Wahl.
Mein Tipp: Holt euch eine Tasse Tee, legt euer Lieblingsgebäck dazu und lasst euch von diesem besonderen Buch verzaubern.

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