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Veröffentlicht am 28.04.2025

Frauen zwischen zwei Welten

Halbe Leben
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Gestaltung:
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Das Titelbild zeigt zwei Frauen auf einer Wiese sitzend. Ihre Gesichter lassen sich nicht erkennen, generell wirkt das Bild sehr unscharf, verwaschen. Dies ist sicherlich beabsichtigt, ...

Gestaltung:
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Das Titelbild zeigt zwei Frauen auf einer Wiese sitzend. Ihre Gesichter lassen sich nicht erkennen, generell wirkt das Bild sehr unscharf, verwaschen. Dies ist sicherlich beabsichtigt, denn die beiden Frauen könnten stellvertretend für jede beliebige Frau stehen. Es könnte aber auch die beiden Protagonistinnen darstellen. Auf jeden Fall passt es gut zu diesem leisen und tiefgründigen Roman.

Inhalt:
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"Es ist ein stiller Tod. An einem sonnigen Mainachnachmittag um vierzehn Uhr siebenunddreißig stürzt Klara an einer unscheinbaren Böschung fünfzig Meter in die Tiefe. Sie gibt keinen Laut von sich, zu hören ist nur ein schnelles Rascheln der Blätter, es könnte auch ein Reh sein, das davonläuft. Unten ein dumpfer Aufprall, dann Stille. An der Stelle, an der sie bis eben noch stand, nichts als ein paar dünne Zweige, brauner Boden, ein Baumstumpf, darauf Ringe, die nach außen hin immer heller werden. Wie ruhig Klaras Gesicht gewesen ist in diesem letzten Moment, wie angstlos, wird Paulína später denken." (S. 11)

Klara ist eine Karrierefrau, ihr Mann ist ein Künstler und Träumer. Die gemeinsame Tochter Ada (11) wurde bisher vor allem von ihrem Vater und dessen Mutter Irene großgezogen. Als Irene plötzlich einen Schlaganfall erleidet, muss Klara für eine Weile ihre Arbeit reduzieren und sich um die Familie kümmern und ist damit schnell überfordert. Daher engagiert sie zwei ausländische Pflegekräfte, die abwechselnd um Irene betreuen sollen. Eine davon ist Paulína. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, die während ihrer Arbeit bei Klaras Familie in Österreich in der Obhut ihrer Schwiegermutter in der Slowakei verbringen. Für Paulína ist es eine Chance auf mehr Einkommen und ihren Söhnen finanziell mehr bieten zu können. Sie wird zunehmend eine Art Familienmitglied bei ihrer Arbeitsfamilie. Doch sowohl Klara als auch Paulína merken mit der Zeit, dass sie nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Herzen jeweils halb in ihrem Arbeits- und Berufsleben bei der Sache sind, ihr jeweiliges Familienleben immer mehr zerfällt und sie sich zwischen beiden Welten zerreißen, ohne glücklich zu sein. Und dann geschieht ein Unglück, bei dem Klara stirbt. Was ist passiert?

Mein Eindruck:
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Das Buch beginnt gleich im Prolog mit Klaras Tod. Der letzte Satz des ersten Kapitels baut Spannung auf, denn anschließend wird die Geschichte nach und nach von Anfang an erzählt und man ertappt sich unwillkürlich bei dem Gedanken, wie es zu dem Vorfall kam bzw. ob es sich tatsächlich um einen Unfall oder gar Fremdeinwirkung ggf. durch Paulína handeln könnte. Schon dadurch wirkt das Buch wie ein Sog, der einen immer weiter lesen lässt.
Die Handlung ist in drei durchnummerierte Teile untergliedert, die wiederum nur in Abschnitte statt in Kapitel eingeteilt sind: 1. Ankommen von Paulina in der Familie, 2. Paulinas vollständiger Vereinnahmung durch Klaras Familie und schließlich 3. Paulinas emotionaler Rückzug. Der Titel "Halbe Leben" ist nicht nur auf Klara und Paulina, sondern auch auf Irene anwendbar, die seit ihrem Schlaganfall halb in der Gegenwart und zur anderen Hälfte in ihrer Vergangenheit lebt. Diese Vieldeutigkeit hat mir gut gefallen.
Man verfolgt die Entwicklung der Frauen aus ihren abwechselnd geschilderten Gedankengängen heraus in indirekter Rede verfasst. Das macht den Ton des Romans leise und ruhig, lässt den Leser aber auch tief eintauchen in die Empfindungen der Personen und deren Zerrissenheit spüren.

"Früher hat Irene Ada am Nachmittag von der Schule abgeholt, sie in den Park gebracht. Wenn Klara nach Hause kam, war ihr Kind satt und müde, es hat gereicht, sie zu waschen und ins Bett zu bringen. Erfüllt von ihren beruflichen Erfolgen, war es einfach gewesen, die Capricen ihres Einzelkindes auszuhalten, das pausenlose Geplapper, die unvermittelten Wutausbrüche oder die gezielte Gleichgültigkeit, mit der Ada den Aufforderungen ihrer Mutter begegnete. Geduldig saß sie abends am Bett ihrer Tochter und hörte zu, wenn Ada ihr etwas erzählen wollte, wenn sie mit einer Freundin gestritten oder einem Lehrer einen Streich gespielt hatte. Wie einfach es war, ein oder zwei Stunden am Tag Mutter zu sein.
Seit Irene selbst Hilfe braucht, kommt Klara noch weniger an ihre Tochter heran. Ada entzieht sich ihr, als wäre sie nie ihre Mutter gewesen, sondern bloß eine Aushilfe." (S. 30)

Das Gefühl, als Frau allen gerecht werden zu wollen, im Berufsleben ernst genommen zu werden und gleichzeitig den Erwartungen der Familie entsprechen zu wollen, kennen viele. Und oft bleibt frau mit ihren eigenen Bedürfnissen dabei auf der Strecke. In unserer westeuropäischen Kultur versuchen viele, die es sich leisten können, durch das Engagement von Haushaltshilfen oder Pflegekräften Entlastung herbeizuführen und sich damit teilweise aus ihrer Verantwortung freizukaufen. Das ist legitim. Aber in dieser Geschichte wird auch die andere Position der helfenden Kraft beleuchtet. Auch diese Person hat Familie und Bedürfnisse, die sich nicht allein mit Geld bezahlen bzw. kompensieren lassen.
Mir gefielen die vielen Zwischentöne, die subtile Spannung, die bis zu Klaras Tod aufgebaut wurde und die Auflösung am Ende.

Fazit:
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Ein Roman über moderne Frauen und ihre Zerrissenheit sowie an sie gestellte Erwartungshaltungen in sanften Tönen, aber fesselnd erzählt

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 28.04.2025

Ein heißer Cold Case an der Ostsee

Dunkle Asche
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Gestaltung:
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Das Titelbild verbreitet eine düstere Stimmung und zeigt die Umgebung der Ostsee, die den Tatort verkörpert. Es passt daher sehr gut und weckt Aufmerksamkeit.

Inhalt:
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Gudrun ...

Gestaltung:
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Das Titelbild verbreitet eine düstere Stimmung und zeigt die Umgebung der Ostsee, die den Tatort verkörpert. Es passt daher sehr gut und weckt Aufmerksamkeit.

Inhalt:
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Gudrun Möller und ihre neue Kollegin Judith Engster sind in der Cold Case Unit der Landeskriminalpolizei Schleswig-Holstein. Dort rollen sie mithilfe neuer Methoden alte Kapitalverbrechen auf, wenn neue Hinweise hierzu eingehen. In diesem Fall werden sie zur Zeugenbefragung in ein Kieler Hospiz gerufen. Dort möchte ein im Sterben liegender Mann eine Aussage zum Mord an Sanna Hansen vor 30 Jahren machen. Sie wurde als junge Frau im Badeort Kalifornien im Ferienhaus ihrer Eltern mit 12 Messerstichen brutal ermordet. Ihr damaliger Freund wurde für die Tat verantwortlich gemacht, musste aber mangels Beweisen freigelassen werden. Die Zeugenaussage gibt neue Hinweise auf den Fall.
Gudrun kann sich daran erinnern, da ihr die Tote bekannt war. Zudem kennt sie einige Personen, die damals im Zusammenhang mit dem Mord gebracht wurden, sei es als Zeugen, Angehörige oder Verdächtige. Dadurch gerät sie im Zuge der voranschreitenden Ermittlungen immer mehr auch selbst in Gefahr.

Mein Eindruck:
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"Bisher lief alles erwartungsgemäß. Er hatte damit rechnen müssen, dass der Fall irgendwann wieder auf den Tisch kommt. Jetzt hieß es, Ruhe zu bewahren. Er musste unauffällig bleiben und seine Rolle spielen. Wenn er keinen Fehler machte, würde ihm nichts passieren. Das Glück war auf seiner Seite, so war es immer gewesen. Er musste nur aufmerksam bleiben und keine Skrupel haben einzugreifen. Aus dem Schatten heraus das Geschehen lenken. Dann brauchte er sich nicht zu sorgen.
Nur eine Sache gab es, die ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Gudrun. Sie gehörte zu den ermittelnden Beamten in der Cold Case Unit. Was für eine merkwürdige Laune des Schicksals. Er fragte sich, was dieser Umstand für ihn zu bedeuten hatte. Sie konnte nichts über die Tat wissen, das war ausgeschlossen. Trotzdem. Es war ein Risikofaktor, sie in den Ermittlungen zu haben.
Eine Weile klickte er sich durch die Berichte, dann fuhr er den Computer herunter, blieb in dem dunklen Zimmer sitzen, starrte ins Nichts und dachte über Gudrun nach." (S. 70-71)

Der Einstieg, in dem der Mord von Sanna geschildert wird, war sehr spannend. Anschließend geht es erst mal etwas seichter zu. Man erfährt ein wenig aus dem Privatleben von Gudrun und über ihr (homosexuelles) Liebesleben, über die bisher bekannten Fakten zum Mord und dass es zunächst ein Mysterium ist, warum Judith Engster zur Sondereinheit gekommen ist.
Dann nehmen die Ermittlungen jedoch allmählich Fahrt auf und es werden immer mehr neue Indizien, widersprüchliche Zeugenaussagen und Verdächtige ins Feld geführt. Zusätzlich gibt es Rückblenden, die die Vergangenheit stückweise enthüllen^, sowie die Gedanken des Mörders, die die Mordermittlungen verfolgen. Der Fall nimmt dadurch immer wieder überraschende Wendungen und bis kurz vor Schluss wäre ich nicht auf den Täter gekommen. Die Kriminalhandlung war damit sehr fesselnd und das Ende überzeugend.

Was mich leider nicht überzeugen konnte, war das Verhalten der Kommissarinnen. Gudrun gibt sich sehr verschlossen und aufgrund ihrer persönlichen Bezüge zu dem Mord unternimmt sie riskante Alleingänge. Aber auch Judith verhält sich nicht sehr aufgeschlossen. Zwar bemüht sie sich um Teamarbeit, aber geht persönlichen Gesprächen, ihre Versetzung oder ihr Privatleben betreffend, gänzlich aus dem Weg. Im großen Finale nähern sich dann beide im Showdown plötzlich an. Und gerade als man den Eindruck bekommt, dass sich die beiden gegenseitig mehr öffnen, ist der Roman vorbei. Angesichts der vorherigen Verschlossenheit empfand ich die plötzliche Öffnung beider dann etwas unrealistisch. So blieben beide Charaktere für mich etwas blass, weswegen ich einen Punkt Abzug gebe.

Fazit:
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Fesselnder Cold Case an der Ostsee mit überraschenden Wendungen und überzeugender Auflösung, aber etwas blassen Ermittlerinnen

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Veröffentlicht am 27.04.2025

Christliche Inspirationen als Coffee Table Book

ICONS Glaubensheld*innen aus der Bibel und heute
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Cover:
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Das Titelbild zeigt eine Frau mit Handy in der Hand und noch vielen weiteren Symbolen im Hintergrund. Die bläuliche Farbgestaltung hat mir gut gefallen und die vielen Sinnbilder ...

Cover:
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Das Titelbild zeigt eine Frau mit Handy in der Hand und noch vielen weiteren Symbolen im Hintergrund. Die bläuliche Farbgestaltung hat mir gut gefallen und die vielen Sinnbilder weckten meine Neugier.

Inhalt:
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"Du hältst ein Buch in den Händen, das voller Geschichten von absolut ikonischen Persönlichkeiten steckt, die alle eines verbindet: Sie schauen aus einer Perspektive auf die Welt, die den Gott der Bibel als eine Realität ihres Lebens mit einbezieht. Das war es aber eigentlich auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Denn du findest in diesem Buch Geschichten und Bilder von Menschen aus der Bibel und von heute. Von Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien, Identitäten, Talenten, Herkünften und Meinungen."

So beginnt das Buch und fasst damit den Inhalt eigentlich schon gut zusammen. Zu Beginn steht immer ein "Icon", ein Bild der (ikonischen) biblischen Person, die später dargestellt wird. Daher ist der Titel "Icon" doppeldeutig zu verstehen. Anschließend erfolgt ein Auszug der biblischen Geschichte aus der Perspektive der dargestellten Person mit einem erläuternden Text zur Grafik. Dann eine biblische Einordnung von einem theologischen Experten. Um Bezug zur Gegenwart herzustellen, werden eine oder mehrere Personen vorgestellt, deren Biografien zum vorangegangenen Bibelgeschehen passen sollte(n). Ihre Texte in Form eines kurzen blogartigen Eintrags oder als Gedicht bieten Inspirationen, um über Körper, Kunst, Unsicherheit, Arbeit und Beziehungen oder konkret über die vorgestellten Glaubenshelden/-heldinnen zu sprechen.

Mein Eindruck:
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Ich habe das E-Book gelesen und kann daher nicht über Umschlag- oder Seitenmaterialität urteilen. Beim Durchblättern in der digitalen Variante haben mich die modernen Grafiken, die Fotos der Personen sowie die farbliche Gestaltung der Texte angesprochen.

Der Klappentext hatte mich neugierig gemacht, denn ich finde die Idee gut, die Bibel zeitgemäß aufzubereiten oder Bezug zur Gegenwart herzustellen, um auf diesem Wege auch junge Leute an den Glauben heranzuführen. Optisch und von der Länge der Texte dürfte das gelungen sein.
Inhaltlich hatte ich im Laufe des Buches jedoch Probleme, einen roten Faden oder Zusammenhänge zwischen Bibeltext und den Menschen der Gegenwart zu finden. Ich hatte selten das Gefühl, dass es einen direkten Bezug gab. Hinzu kam, dass ich bis auf wenige Ausnahmen die Hintergrundgeschichte zu den Bibelpersonen nicht kannte und mir hier die biblische Einordnung keine vollständige Aufklärung bieten konnte. Generell finde ich es gut, wenn man auch mutige Menschen aus der Bibel präsentiert bekommt, die bisher weniger bekannt sind.

Bei den heutigen "Glaubenshelden/-heldinnen" fehlte mir dagegen oft das "Heldenhafte". Es sind größtenteils Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Herkunft Diskriminierung auch in ihren Gemeinden erfahren haben und dennoch ihren Glauben weiterleben. Das sind Geschichten, die zum Nachdenken anregen und ich finde es auch gut, sie mit Jugendlichen, die die Hauptzielgruppe des Buches darstellen, zu diskutieren. Aber sind es deswegen gleich "Helden/Heldinnen"?
Störend empfand ich auch die vielen Rechtschreibfehler, die meinen Lesefluss negativ beeinflusst haben.

Mir hat das Buch ein paar wenige Denkanstöße gegeben und die Gestaltung und die Intention finde ich gut. Insgesamt fehlten mir aber häufig der Bezug von Bibel- zu Gegenwartstext sowie das "Heldenhafte". Als Coffee Table Book zum Durchblättern oder einzelne Texte für den Religionsunterricht als Diskussionsgrundlage sicher empfehlenswert. Für mich kein Buch mit besonders prägendem Charakter.

Fazit:
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Moderne Vorstellung von christlichen Personen aus Bibel und Gegenwart vor diversitäts- und diskriminierungssensiblen Hintergrund

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Veröffentlicht am 01.04.2025

Wenn der Mensch aus der Zeit fällt

Für immer
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Gestaltung:
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Das Titelbild ist schlicht gestaltet und zeigt eine rote Blume, deren Blütenblätter vom Wind zerstreut werden. Es wirkt nicht besonders auffällig, aber sinnlich und hat mich ...

Gestaltung:
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Das Titelbild ist schlicht gestaltet und zeigt eine rote Blume, deren Blütenblätter vom Wind zerstreut werden. Es wirkt nicht besonders auffällig, aber sinnlich und hat mich angesprochen.

Inhalt:
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Von einem Tag auf den anderen steht die Zeit für die Menschen still. Während sich die Natur um sie herum weiter entwickelt, scheinen die Menschen aus dem Rahmen gefallen zu sein. Ihre Körper verändern sich nicht mehr, d. h. Kinder wachsen nicht und bleiben auf einem bestimmten Lernniveau stehen, Krankheiten verschlimmern sich nicht, keiner hat Schmerzen oder stirbt, aber es wird auch kein Mensch geboren. Die ungeborenen Kinder sind im Bauch ihrer Mutter, ohne ihren Entwicklungsstatus zu ändern.
Für einige ist diese gewonnene Zeit ein Segen, andere empfinden sie als Fluch. Da ist z. B. Jenny, die unheilbar an Krebs erkrankt ist und die nun noch mehr Zeit mit ihrem Mann und den zwei kleinen Jungen verbringen kann. Da sind das Rentnerehepaar Otto und Margo. Während Margo die Zeit ohne "Alterszipperlein" zum Feiern und Reisen nutzen will, verkriecht sich Otto nach wie vor in seinen Blumenbeeten. Da ist Ellen, die Angestellte in einem Bestattungsinstitut ist und die mit ihren Freunden im Extremsport "den Kick" sucht. Doch plötzlich stirbt niemand mehr und sie ist arbeitslos. Die Zeit mit ihren Hobbys zu verbringen, ist auch nicht mehr erfüllend. Und da ist Philipp, Ellens Freund, der an eine Verschwörung der Regierung glaubt. Aus anfänglicher Euphorie und Staunen wird die Menschheit immer verstörter, bis sie einen Ausweg aus der Situation suchen. Doch wie kann dieser aussehen?

Mein Eindruck:
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Ich kannte bisher das Klima-Quartett von der Autorin, das mir gut gefiel. Ich freute mich daher auf diesen neuen Roman. Das Gedankenexperiment ist sehr spannend. Schließlich wünscht sich vermutlich jeder einmal, dass er den Moment festhalten möchte oder die Zeit für eine Weile stehen bleiben soll. Auch nicht mehr zu altern oder entsprechende Symptome zu haben, erscheint oft erstrebenswert. In diesem Roman treibt Maja Lunde diesen Gedanken ins Extreme: Denn keine Entwicklung bedeutet generell Stillstand, auch von positiven Dingen. Dies wird Jenny klar, wenn sie ihrem Jüngsten zum wiederholten Male die Uhrzeit oder das Schnürsenkelbinden erklärt, aber er dies sofort wieder vergisst. Und dann stellt sich die Frage: Wie lange kann ein Stillstand genossen werden? Denn auch wenn sich die Natur weiterentwickelt, so bleiben die Tage ohne Entwicklung des Menschen für diesen sinnfrei.

Die Handlung ist abwechselnd aus den Perspektiven von Otto, Jenny, Ellen und Philipp geschrieben und ihre Sichtweisen sind einfühlsam dargestellt. Die Autorin vermag die Gefühle treffend und auch teilweise poetisch zu beschreiben. Otto gefiel mir von den vier Protagonisten am besten. Er ist die kritische Stimme bezüglich der nicht mehr vorhandenen Beziehung des Menschen zur Natur, die Frau Lunde auch im Klima-Quartett immer wieder erklingen lässt:

"So leben, wie die Götter es wünschen, stand auf den Steintafeln.
Aber was wünschen sich die Götter?
Und wer sind die Götter? Oder der Gott?
Kokolores, dachte Otto, nur Schafsköpfe glaubten, dass 5000 Jahre alte Steinplatten auf irgendetwas eine Antwort geben konnten. Nein, sie mussten sich der Natur zuwenden, das war der einzige Ort, an dem man Antworten fand. Und vielleicht waren sie tatsächlich einer Sache auf der Spur, die Verfechter der Gaia-Theorie, oder eher von deren Weiterentwicklung, die meinten, die Erde sei ein großer Organismus und dieser Organismus kämpfe gerade darum, das Leben auf unserem Planeten zu erhalten. Der Mensch benahm sich wie ein Virus, sagten die Anhänger von Gaia 2, und jetzt habe die Immunabwehr der Erde eingesetzt.
Der Stillstand sei der Versuch der Erde, den parasitären Menschen loszuwerden. Mit dem Ziel, eine neue und bessere Welt zu schaffen. Nur durch ein Leben im Einklang mit der Natur, durch das der Organismus Erde wieder für gesund erklärt werden konnte, würde der Stillstand aufgehoben werden. Aber bisher sprach wenig dafür, das man auf dem Weg dorthin war. Stattdessen forderten die Regierungen die Menschen dazu auf, so zu leben wie früher und suchten nach einer schnellen Lösung - in verstaubten Steintafeln und Religionen.
Als hätte die Religion jemals irgendein Problem gelöst. Der Glaube war einzig und allein dafür gut, neue Probleme zu verursachen!" (Otto S. 189f.)

Die Sichtweisen der anderen drei Personen konnte ich zwar nachvollziehen, aber sie standen mir nicht so nah wie Otto.
Ich habe den Roman verschlungen, weil ich zum einen die Auswirkungen des Stillstands faszinierend verfolgt habe, aber auch weil ich wissen wollte, ob und wie sich dieser Zustand auflöst. Doch das Ende war leider etwas enttäuschend, die Lösung nicht wirklich plausibel. Schade, daher gebe ich 4,5 Punkte, die ich jedoch auf 5 aufrunde.


Fazit:
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Spannendes philosophisches Experiment über das Leben der Menschen und seine Entwicklung

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Veröffentlicht am 24.03.2025

Gesprächsermutigung für ein toleranteres Miteinander

Lass mal reden
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Gestaltung:
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Das Titelbild war auf den ersten Blick nicht besonders einladend, da die Farbe Grau überwiegt. Betrachtet man es jedoch genauer und lässt es auf sich wirken, passt es sehr ...

Gestaltung:
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Das Titelbild war auf den ersten Blick nicht besonders einladend, da die Farbe Grau überwiegt. Betrachtet man es jedoch genauer und lässt es auf sich wirken, passt es sehr gut: Menschen, die in unterschiedliche Richtungen gehen, mal aufeinander zu, mal voneinander weg. Dazu die unterschiedlichen Farbkreise, die in der Mitte eine Schnittmenge bilden, denn letztendlich geht es um die Gemeinsamkeit aller so unterschiedlichen Meinungen. Farblich hätte man es noch etwas auffälliger gestalten können, aber thematisch passt das Bild sehr gut.

Inhalt:
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"Dieses Buch ist kein Knigge für Christen. Es ist eine Einladung, mit Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung (Galater 5,22; NGÜ) auf die so beherzt diskutierten Themen der aktuellen Zeit zu blicken. Hoffentlich zu entdecken, dass auch wir Christen die Wahrheit nur bruchstückhaft erkennen (1. Korinther 13,9) und dass es zu fast jedem Thema eine große Vielfalt der frommen Perspektiven gibt." (S. 10)

Der BILD-Redakteur, bekennende Christ und erfolgreiche Autor Daniel Böcking liefert in seinem aktuellen Buch eine Fülle von Denkanstößen zu kritischen Themen der heutigen Zeit aus christlicher Sicht. Dabei betont er stets, dass es nicht um "die eine Wahrheit" geht, sondern viele verschiedene und kontroverse Meinungen. Ihm ist wichtig, unterschiedliche Blickwinkel eines Themas zu betrachten. Es gibt oft nicht nur zwei Seiten, sondern viele dazwischen.

Mein Eindruck:
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"Was Ihnen die folgenden Seiten anbieten: Einen Spaziergang durch die Megatrends, die Diskussionsthemen, beliebte Streitpunkte. Von A wie Abtreibung bis W wie Wokeness (und ein Z für „Zum Schluss“ gibt es auch …). Mit Blick in alle Richtungen. Wie unterschiedlich sind die Meinungen, je nachdem, welchen Christen man fragt? Wie bringen sich Gläubige in die Debatte ein? Auf welchen Bibelstellen beruhen die jeweiligen Annahmen? Meine Hoffnung ist, ein bisschen Gelassenheit in so manchen Streit zu bringen, auf jeden Fall aber einen liebevollen Blick auf das Wesentliche. Auf den Wesentlichen: auf Jesus. Mir geht es hier nämlich nicht um den großen Dissens, sondern um die Gemeinsamkeiten." (S. 11)

Die Themen sind wie in einem Lexikon alphabetisch geordnet und bei der Gegenüberstellung der Sichtweisen versucht der Autor weitestgehend seine eigene Meinung nicht herauszustellen. Das gefiel mir sehr gut, ebenso wie seine lockere und nicht engstirnige Herangehensweise an die Fragestellungen sowie sein etwas humorvoller Schreibstil.
Ähnlich wie in seinem letzten Buch "Wenn Erwachsene beten, klingt das langweilig" wird nicht in die Tiefe der Themen gegangen, aber viele Informationen hierzu aufgeführt. So entstehen Denkanstöße für den Leser, die Impulse zur eigenen Meinungsbildung beinhalten und einladen, Andersdenkenden (Christen) mit mehr Toleranz zu begegnen. Wieder ein Buch des Autors, das mir sehr gut gefallen hat!

Fazit:
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Eine Sammlung von unterhaltsam dargestellten Denkanstößen zu unterschiedlichen Themen für ein toleranteres Miteinander von (Nicht-)Christen

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