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Veröffentlicht am 03.09.2019

Martha machts

Die Hafenschwester (1)
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Als Hamburg-Fan, der diese Stadt jedoch in den letzten anderthalb Jahrzehnten ein bisschen aus den Augen verloren hat, war es für mich Ehrensache, dass ich mir dieses besondere Buch von Melanie Mezenthin ...

Als Hamburg-Fan, der diese Stadt jedoch in den letzten anderthalb Jahrzehnten ein bisschen aus den Augen verloren hat, war es für mich Ehrensache, dass ich mir dieses besondere Buch von Melanie Mezenthin nicht entgehen lasse. Zumal die Geschichte der Frauen mir noch ein wenig mehr am Herzen liegt als die bedeutende deutsche Hafen- und Handelsstadt.

Und ich wurde nicht enttäuscht: Martha wächst Ende des 19. Jahrhunderts unter einfachsten Bedingungen auf, doch die liebende Familie um sie herum lässt sie die schweren Umstände zwar nicht mit Leichtigkeit, aber doch mit Zuversicht ertragen, sieht sie doch, dass es anderen um sie herum sehr viel schlechter geht. Beispielsweise Milli, ihrer Freundin seit Kindheitstagen, die vom eigenen Stiefvater - wie vorher auch ihre Mutter - als Hure "verkauft" wird.

Doch im Alter von vierzehn Jahren ändert sich auch für Martha alles: im Zuge der Cholera-Epidemie verliert sie ihre halbe Familie und ihr Vater ergibt sich dem Alkohol. Ausgerechnet er, der immer für die Kinder da war, doch gottseidank hat Martha noch ihren jüngeren Bruder, der fest zu ihr hält und sie unterstützt.

Tatsächlich schafft sie es, ihren Weg zu gehen: zunächst als einfache Krankenwärterin gelingt es ihr, einen Ausbildungsplatz im modernen Krankenhaus Eppendorf zu bekommen. Trotz der Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, geht sie ihren Weg und lernt ganz besondere Menschen kennen. Doch wird sie sich halten können? Wird ihre Herkunft aus einfachsten Kreisen nicht im Weg stehen?

Ich liebe Romane, in denen die Sozialgeschichte eine wichtige Rolle spielt, vor allem solche, in denen das Schicksal der Frauen - gesellschaftlich und politisch im Mittelpunkt steht, so wie es hier der Fall ist.

Gelegentlich driftete der Plot für mich ein bisschen zu sehr in ein Intrigenspiel ab, doch schaffte es die Autorin mit ihrem spannenden Stil und ihren klugen Recherchen mühelos, mich bis zum Ende am Ball zu halten! Der vielversprechende erste Band einer Serie, bei der ich definitiv am Ball bleibe und mich schon jetzt auf den nächsten Band freue!

Veröffentlicht am 01.09.2019

Leben und Lieben aktuell

Gespräche mit Freunden
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Der Geist der Zeit bzw. in der Gegenwartsspeech: der Spirit der Jugend ist in jeder Generation von großem Interesse, nicht nur im "Real Life", sondern auch in der Literatur. Nicht umsonst sind ...

Der Geist der Zeit bzw. in der Gegenwartsspeech: der Spirit der Jugend ist in jeder Generation von großem Interesse, nicht nur im "Real Life", sondern auch in der Literatur. Nicht umsonst sind in vergangenen Zeiten - ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts - Romane wie "Bonjour tristesse" oder auch "Der Fänger im Roggen entstanden, in denen nicht zuletzt die Liebe - oder ist es "nur" die Sexualität? - eine zentrale Rolle spielt.

Auch in der Gegenwart: "Gespräche mit Freunden" der irischen Autorin Sally Rooney ist so ein Roman. In dem der Zeitgeist ziemlich im Vordergrund steht. Die beiden jungen Stand-up-Künstlerinnen Bobbi und Frances lernen das Ehepaar Melissa und Nick kennen: sie: Fotografin, er: Schauspieler und etwa 10 Jahre älter als die beiden Mädels. Die irgendwann mal ein Paar waren und inzwischen "nur" noch gute Freundinnen sind.

Frances ist die Erzählerin, sie und Nick kommen sich näher, wie man das früher nannte. Also, richtig nahe. Wobei Nick immer noch verheiratet ist und das auch bleiben will. Eigentlich. Und Frances steht da drüber bzw. gibt sie sich den Anschein.

Dann schießt jemand quer bzw. mehrere und die Sachlage ändert sich. Das alles ist eindringlich geschrieben und von der erstklassigen und sehr erfahrenen Übersetzerin Zoe Beck eindringlich übersetzt. Trotzdem: mein Ding ist das nur bedingt. Ein ziemliches Hin und Her zwischen den Liebenden oder vielmehr: einander Begehrenden und auch darüber hinaus.

Mich ließ die Lektüre spüren, dass ich doch schon ein älteres Semester, bzw. über ein solches Hick Hack hinaus bin. Vielleicht hat es mich auch nie ergriffen. Ich habe es wegen der oben genannten Faktoren gerne gelesen, aber ich glaube nicht, dass etwas länger hängenbleiben wird. Wahrscheinlich, weil ich nicht so die richtige Zielgruppe bin für die hier transportierten Wertvorstellungen oder auch nur für dieses Geplänkel. Ich finde, so richtig tief geht das nicht und so extrem neu ist da auch nix dran. Nichtsdestotrotz: Nett und unterhaltsam zu lesen.

Veröffentlicht am 01.09.2019

Hope.- Hoffnung - Esperanza

Die andere Hälfte der Augusta Hope
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Ein Mädchen, das die Welt anders sieht als alle anderen: das ist Augusta, die eine Hälfte der Hope-Zwillinge. Auch ihre Schwester Julia hat eine andere Wahrnehmung, aber sie versteht sie wenigstens. Als ...

Ein Mädchen, das die Welt anders sieht als alle anderen: das ist Augusta, die eine Hälfte der Hope-Zwillinge. Auch ihre Schwester Julia hat eine andere Wahrnehmung, aber sie versteht sie wenigstens. Als Einzige.

Die Eltern sind liebevolle britische Kleinbürger, die bis zu einem bestimmten Punkt tolerant sind, aber nicht anders sein wollen als andere und bloß nicht zu viel Fremdes an sich heranlassen wollen. Das beginnt mit dem schwerbehinderten Sohn der Nachbarsfamilie, mit dem die Mädchen nicht spielen sollen und endet mit dem Brexit von dessen Durchbruch sie begeistert sind.

Aber da ist Augusta schon längst nicht mehr zu Hause, sondern in einem der so fremden Länder. Allerdings einem europäischen, einem, das die Eltern schon besucht haben. Nicht in Burundi, ihrem Lieblingsland, seitdem sie sieben Jahre alt ist. Einem, in dem die Eltern sie erreichen können, wenn sie wollen. Wollen sie?

Die Geschichte der Familie Hope wird aus Augustas Perspektive erzählt, doch es gibt einen weiteren Erzählstrang, in dem Parfait berichtet. Parfait, der aus einem fremden afrikanischen Land kommt und den es nach Spanien verschlagen hat.

Auf überaus unerwartete, ja eigenartige Art und Weise verweben sich die Geschichten der beiden Protagonisten, wenn auch erst zum Ende hin. Und sie lernen ebenso wie die Leser, warum es sich lohnt, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Ich habe die erste Auflage der deutschsprachigen Ausgabe gelesen und mich sehr darüber geärgert, dass im Klappentext schon so viel Entscheidendes verraten wird. Das spielt sich nämlich erst im letzten Viertel des Romans ab. Mein Wunsch wäre, dass dies in späteren Auflagen geändert wird - die Leser werden dadurch viel gewinnen.

Ein ungewöhnlicher Roman über gewöhnliche und ungewöhnliche Menschen, der mich ab und zu sowohl in seinem Stil als auch in der Handlung sehr befremdete. Doch insgesamt habe ich ihn gern gelesen und vor allem die sperrige Augusta schätzen gelernt - kein Wunder, denn wir im August geborenen sollten zusammenhalten.

Wenngleich ich ihn auch den Juligeborenen ans Herz lege und es auch gut nachvollziehen könnte, wenn ein Leser, der in einem der restlichen zehn Monate geboren wurde, ihn sich zu Gemüte führt. Es lohnt sich allemal!

Veröffentlicht am 28.08.2019

Abenteuer erleben statt nur über sie zu lesen!

Über die Grenze
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Das wünscht sich die zehnjährige Norwegerin Gerda im Jahre 1942, nachdem sie gerade die "Drei Musketiere" gelesen hat und sich einen der drei Helden, nämlich Porthos, zu ihrem Idol und Vorbild ...

Das wünscht sich die zehnjährige Norwegerin Gerda im Jahre 1942, nachdem sie gerade die "Drei Musketiere" gelesen hat und sich einen der drei Helden, nämlich Porthos, zu ihrem Idol und Vorbild erkoren hat. Doch ihr älterer Bruder ist ein ruhiger Typ und lässt sich nicht mitziehen.

Trotzdem kommt sie wesentlich schneller als geahnt zu ihrem Abenteuer bzw. gerät sie mitten hinein in eines: und das hätte sie sich definitiv lieber erspart, denn es hängt damit zusammen, dass ihre Eltern verhaftet wurden - von deutschen Wehrmachtssoldaten und von Hirden, den Anhängern der norwegischen nationalsozialistischen Bewegung, die mit den deutschen Besatzern gemeinsame Sache machten.

Nicht ohne Grund, wie sich zeigt, denn sie hatten in ihrem Haus zwei jüdische Kinder - Daniel und Sarah - versteckt, die zu ihrem bereits nach Schweden geflüchtetem Vater gebracht werden sollten. Gerda fällt es nicht im Traum ein, diese in Stich zu lassen und sie begibt sich selbst mit ihnen auf den Weg - und zieht Otto nach dessen anfänglicher Weigerung mit.

Es wird eine Odyssee auf Leben und Tod, die spannend, aber auch erschreckend ist für die jungen Leser. Wie gut, dass alle vier als "richtige" Kinder und nicht als kleine Erwachsene dargestellt werden - mit "kindlichen" Empfindungen und Wahrnehmung, aber auch mit der kindlichen Zutraulichkeit, die gelegentlich in Unvernunft bzw. Leichtsinn umschlagen kann. Damit bringen sie sich von Zeit zu Zeit in gefährliche Situationen, ebenso oft ist ihre Intuition, bzw. ihr "Näschen" sehr hilfreich.

Ein wundervoll warmherziges Kinderbuch, das sowohl intelligent als auch einfühlsam geschrieben ist ist und vor jedem Kapitel kleine Zeichnungen enthält, die die ganze Handlung anschaulicher gestalten.

Allerdings würde ich Eltern bzw. anderen Bezugspersonen dringend raten, das Buch entweder mit oder vor dem Kind zu lesen, damit dieses während seiner Lektüre gleich einen Ansprechpartner hat - denn es wird viele Fragen und sicher auch weiterführenden Gesprächsbedarf zu diesem Thema - dem zweiten Weltkrieg und der Rolle Deutschlands bzw. Norwegens darin - haben. Oder Sie machen es gleich wie ich und besorgen es für sich selbst, denn dies ist altersunabhängig eine sehr mitreißende und eindringliche Lektüre, die man nicht so schnell vergessen wird. Empfehlenswert für alle, die an neuerer europäischer Geschichte interessiert sind!


Veröffentlicht am 28.08.2019

Unter den Franzosen

Rheinlandbastard
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bzw. in ihrem Besatzungsgebiet befand sich das Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg eine ganze Weile und die Ansichten der Bewohner des Gebietes dazu waren sehr unterschiedlich: die meisten Rheinländer ...

bzw. in ihrem Besatzungsgebiet befand sich das Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg eine ganze Weile und die Ansichten der Bewohner des Gebietes dazu waren sehr unterschiedlich: die meisten Rheinländer waren dagegen und fühlten sich unterdrückt, es gab aber auch solche, die die Anwesenheit der westlichen Nachbarn durchaus schätzten: bspw. wegen deren "Savoir vivre", mehr noch allerdings aufgrund der Tatsachen, dass dadurch aufkeimende radikale politische Strömungen - nicht zuletzt die Anfänge des Nationalsozialismus - in Schach gehalten wurden.

Dem ehemaligen Polizisten Dieter Aurass ist mit seinem historischen Krimi "Rheinlandbastard" eine ganz besonders atmosphärische Schilderung der damaligen Zeit - die Handlung spielt im Jahr 1924 - gelungen. Er gewährt seinen Lesern einen Einblick in die Situation in Koblenz in der damaligen Zeit und die Situation ist eine heftige - es werden nacheinander mehrere Leichen französischer Soldaten aufgefunden, die brutal ermordet wurden. Was wohl dahinter steckt?

Nach kurzer Zeit sieht sich die französische Seite gezwungen, deutsche Kollegen mit ins Team zu nehmen und hier kommt Adalbert Wicker, ein junger deutscher Kommissar und "Star" des Krimis ins Spiel - eine wunderbare Figur, warmherzig und sonnig, dabei scharfsinnig und klug. Er ist keineswegs ein Feind der Franzosen, was ihm aber Mißtrauen von deren Seite keineswegs erspart - zumal er doch ein Fisternöllchen (wie man das in meinem Teil des Rheinlands, in Köln, nennt) mit einer französischen Krankenschwester hat. Wobei es mehr ist: die jungen Leute lieben einander aufrichtig und wünschen sich eine gemeinsame Zukunft in dieser gespaltenen Welt.

Nun, Adalbert Wicker und sein französischer Kollege, Didier Anjou - dieser ist aus mehreren Gründen keineswegs ein Freund der Deutschen - haben einige ausweglose Schleifen zu drehen, bevor sie doch noch die Kurve kriegen. Wobei das aus meiner Sicht ziemlich vorhersehbar, was die Lektüre des Krimis aber nicht weniger lohnenswert werden lässt.

Denn Dieter Aurass schreibt unterhaltsam, lehrreich, warmherzig und mit Humor. Ein Buch, das alle, die in der deutsch-französischen Kooperation in irgendeiner Form aktiv sind, unbedingt in die Hand nehmen sollten: allen voran Madame Merkel und Herr Macron!