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Veröffentlicht am 29.04.2019

In Fuseta angekommen

Weiße Fracht
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ist Leander Lost nun auf allen Ebenen - er fühlt sich unter seinen portugiesischen Kollegen und nicht zuletzt in Gesellschaft von Soraia, der Schwester seiner Vorgesetzten Graciana, einfach pudelwohl. ...

ist Leander Lost nun auf allen Ebenen - er fühlt sich unter seinen portugiesischen Kollegen und nicht zuletzt in Gesellschaft von Soraia, der Schwester seiner Vorgesetzten Graciana, einfach pudelwohl. Zu blöd, dass er auf Basis eines einjährigen Austausches an der portugiesischen Algarve gelandet ist und es offenbar keine Möglichkeiten gibt, seinen Aufenthalt zu verlängern.

Dabei ist der Mann, der aufgrund des Asperger-Syndroms nicht lügen kann, nicht nur für seine Kollegen unentbehrlich geworden. Gerade jetzt, nach der Entdeckung einer Leiche - eines toten deutschen Aussteigers, der wie Leander Lost aus Hamburg kommt und wie sich herausstellt, durchaus Verbindungen zu dessen früherem Umfeld hatte. Einer Leiche, der wie sich zeigt, noch mehrere folgen.

Spuren führen ins Drogenmilieu und zwar nicht nur in das lokale, sondern auch über die Grenze nach Spanien. Und dann tauchen noch zwei frühere Kollegen von Lost aus Hamburg auf, nach denen er sich nicht gerade gesehnt hat!

Es geht also rund in Fuseta und um Fuseta herum. Ein witziger, aber auch spannender Krimi mit einem absolut ungewöhnlichen Protagonisten, dessen Handlungen und Gedanken meiner Ansicht nach stellenweise etwas zu kleinteilig dargelegt werden. Dadurch empfand ich die Entwicklungen ab und an als ein wenig langatmig, hatte aber dennoch viel Freude an einem Krimi mit portugiesischem Lokalkolorit. In mir hat das Buch Sehnsucht und Reiselust geweckt - spätestens mit dem nächsten Fuseta-Krimi, der hoffentlich bald auf den Markt kommt, werde ich mich an die Algarve begeben. Habe ich mir zumindest fest vorgenommen!

Veröffentlicht am 29.04.2019

Jung gefreit...

Glück am Morgen
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Annie und Carl machen den Schritt zur Gründung einer eigenen Familie sehr früh, vielmehr sollte man sagen, in sehr jungen Jahren, Achtzehn und zwanzig sind sie, in den späten 1920er Jahren, in denen dieser ...

Annie und Carl machen den Schritt zur Gründung einer eigenen Familie sehr früh, vielmehr sollte man sagen, in sehr jungen Jahren, Achtzehn und zwanzig sind sie, in den späten 1920er Jahren, in denen dieser Roman spielt, bedeutet das noch nicht einmal die Volljährigkeit.

Doch sie haben es sich reiflich überlegt und fällen diese Entscheidung voller Überzeugung, wenn auch gegen den Willen ihrer beider Eltern. Ihr erstes Ehejahr - um das es in diesem Roman geht - verbringen sie am College, in einer kleinen Stadt im mittleren Westen, wo Carl sein letztes Jahr des Jurastudiums absolviert - nun unter deutlich erschwerten Umständen, denn seine Eltern drehen ihm den Geldhahn zu und die von Annie, die quasi von zu Hause ausgebüxt ist, machen ihre Geldbörse gar nicht erst auf.

Doch wenn man überzeugt ist von seiner Entscheidung, dann schafft man alles: darauf vertrauen Annie und Carl, auch wenn sie beide - insbesondere Annie - noch reichlich naiv sind. Oder wahrscheinlicher: gerade deswegen!

Dies klingt nicht besonders spektakulär als Thema eines Romans, doch Sprache und Stil der Autorin machen ihn zu etwas Besonderem, Einzigartigen!

Betty Smith hat ihren Roman, der nun ins Deutsche übersetzt wurde, in den 1960er Jahren geschrieben, zurückblickend auf eine längst vergangene Zeit, nämlich ihre eigene Jugend. Ob sie da eigene Erfahrungen hineinbringt? Möglich wäre es, denn auch sie verbrachte einige Jahre mit ihrem Mann im College und studierte zwar nicht, besuchte aber wie Annie Kurse als Gasthörerin.

Das junge Paar muss sich so einigen Hindernissen stellen, die zunächst unüberbrückbar scheinen und machen die Erfahrung, dass Liebe allein nicht reicht, auch wenn diese - wenn sie wie bei ihnen auf beiden Seiten in Hülle und Fülle vorhanden ist - ausgesprochen hilfreich sein kann.

Ein warmherziges und rührendes Buch, in dem es für meinen Geschmack ein bisschen zu oft um Kostenkalkulationen ging, aber so ist es eben, wenn man jeden Cent zum Überleben braucht! Trotz dieser kleinen, subjektiv wahrgenommenen Störung empfand ich diesen Roman als absolut rund, habe ihn mit Begeisterung gelesen und war ganz traurig, als ich ihn ausgelesen hatte.

Ein wunderbares Geschenk für Menschen, mit denen man es gut meint, nicht zuletzt für heiratsfreudige Leseratten oder auch anlässlich runder Hochzeitstage!

Veröffentlicht am 29.04.2019

Bonn im Fokus

Rheinblick
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Bonn als Zentrum der Politik und damit der Macht in der Bundesrepublik Deutschland: das ist ein mittlerweile vergangenes Kapitel und Bonn ist fast zu seiner einstigen Beschaulichkeit zurückgekehrt.


Doch ...

Bonn als Zentrum der Politik und damit der Macht in der Bundesrepublik Deutschland: das ist ein mittlerweile vergangenes Kapitel und Bonn ist fast zu seiner einstigen Beschaulichkeit zurückgekehrt.


Doch in den Nachkriegsjahren und bis nach der Wende war es tatsächlich die politische Zentrale des Landes und als solche wird sie hier von Brigitte Glaser dargestellt: Wir schreiben das Jahr 1972 und Willi Brandt ist gerade als Kanzler bestätigt worden, was seine fortschrittliche Politik der vergangenen Jahre - er war bereits seit 1969 Kanzler - bestätigte.


Die Handlung des Romans spielt in den zwei Wochen ab der Wahl, in denen die Ereignisse einander jagen: mit Hilde Kessel, der Wirtin des "Rheinblick", der Logopädin Sonja und der Journalistin Lotti stehen drei Frauen im Fokus der Handlung, die in den Sog der damaligen politischen Ereignisse und auch Intrigen geraten.


Nachvollziehbar schildert die Autorin, wie die so unterschiedlichen Frauen; die mit beiden Beinen im Leben stehende Hilde, die mühsam versucht, die Nachwirkungen ihrer traumatischen Kriegserlebnisse aus dem Alltag herauszuhalten und die beiden jungen, nach dem Krieg geborenen Frauen auf vollkommen unterschiedliche Weise mit den politischen Ereignissen in Berührung kommen. Hilde führt seit langen Jahren den "Rheinblick", Treffpunkt der unterschiedlichsten politischen Player, die an Politik nicht sonderlich interessierte Sonja wird im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt und Lotti, die für eine süddeutsche Provinzzeitung tätig ist, tut fast alles, um ihren ersten großen Artikel platzieren zu können.


Ein wirklich interessanter Roman für mich, die ich mit Bonn - damals das politische Zentrum - von Kindesbeinen an vertraut bin und den Wandel der Stadt sozusagen hautnah miterlebt habe. Die Idee, verschiedenen Perspektiven "sprechen" zu lassen, ist wirklich gut, allerdings ist die Darstellung, vor allem, was das Personalgefüge anbelangt, etwas überladen. Zu viele Akteure, die in zu viele Ränke verwickelt sind, haben mich stellenweise verwirrt und beim Lesen aus dem Konzept gebracht. Ein Personalverzeichnis zu Beginn des Buches wäre hilfreich gewesen, die Konzentration auf weniger Charaktere und Ereignisse ebenfalls.


So hat mir das Buch nicht ganz so gut gefallen wie andere Bücher der Autorin, deren langjähriger Fan ich bin. Dennoch ist es wichtig, originell und lesenswert und ich lege es jedem auch nur halbwegs politisch und zeitgeschichtlich interessierten Leser ans Herz!

Veröffentlicht am 28.04.2019

Mäxchen und seine Oma

Der Zopf meiner Großmutter
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Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut ...

Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut wahnwitzige Geschichte aus seiner Perspektive und seine Grossmutter ist diejenige, um die sich alles dreht und wendet. Und auch die, die alles bewegt. Da sorgt sie schon selbst für.

Wenn sie tatsächlich exisiteren würde und ich mich in ihrem Dunstkreis befände, würde ich sie möglicherweise manchmal hassen, aber ich lese wahnsinnig gern über sie: Max' Großmutter sprengt alle Dimensionen des Vorstellbaren. Und zwar in jeder Hinsicht! Denn so taktlos und übergriffig ihr Verhalten auch fast immer ist, sie verfügt ohne Zweifel über ein riesengroßes Herz. Auch wenn man das nicht immer merkt, nicht zuletzt, weil sie es nicht für jeden öffnet. Denn wo käme man dann wohl hin!

Doch in dem Moment, als ihre Familie zusammenzubrechen droht, vor allem, weil ihr Mann sich einer anderen zuwendet, geht sie ganz besondere Wege, um das Gefüge zusammenzuhalten und neu zu justieren. Gerade sie, die in anderen Situationen nicht alle in ihrer Familie halten konnte. Oder wollte.

Einmal mehr hat Alina Bronsky - nach dem wunderbaren "Baba Dunjas letzte Liebe" - einen kleinen Roman mit großem Inhalt geschaffen: wieder schreibt sie spritzig, tragikomisch, rührend, absurd, bewegend, liebevoll und stellenweise auch erschrecken und abstoßend - vor allem aber unglaublich originell. Und wenn es ein Museum für Romanhelden gäbe - jede einzelne ihrer Figuren wäre es wert, darin ausgestellt zu werden. Sie ist die einzige mir bekannte Autorin, die es vermag, mit wenigen Worten einen blumigen, ja wilden Stil zu kreieren und das ist eine Kunst, die man nicht lernen kann - sie ist tief in einem drin verwurzelt - so wie Max und seine Familie es in ihrer neuen Heimat Deutschland nie sein werden. Oder doch?

Man muss ein bisschen nachdenken, um im Handlungsverlauf die Fäden zusammenziehen zu können, denn man ist als Leser immer an Max' Seite, der längst nicht alles sofort begreift und dem noch viel weniger erzählt wird - und der auf der anderen Seite schon früh eine erschreckend wache Auffassungsgabe vorweisen kann, aber ohne wäre er in dieser Familie nicht weit gekommen!

Wenn in "Baba Dunja" Verwurzelung das zentrale Thema war, dann ist es hier Entwurzelung, Neubeginn, Selbstfindung - wählen sie eines davon oder auch alle zusammen. Ja, auch bei Alina Bronsky ist es nicht immer so eindeutig wie bei Baba Dunja, hier muss sich nicht nur Max nach der Auswanderung aus Russland neu orientieren, nein, auch der Leser muss für sich selbst zunächst einmal jeden Akteur und jedes Ereignis richtig platzieren und einordnen: Dann wird auf einmal alles sonnenklar und die Tragik wie auch der Humor können in ihrer Gesamtheit erst voll erfasst werden. Und man bekommt eine Ahnung davon, was der Begriff "russische Seele" so alles beinhalten kann.

Mal wieder ein ganz besonderer Roman von Alina Bronsky - wenn es ein Lied wäre, würde ich sagen, es hätte Folk-Elemente - oder kann man diesen Begriff auch auf Literatur verwenden? Auf Alina Bronsky passt er auf jeden Fall genau!

Wenn also - bspw. für eine Bahnfahrt - eine nicht allzu ausführliche, dabei aber genussintensive Lektüre gewünscht wird, dann ist dieses Büchlein aus meiner Sicht genau das Richtige - wie auch in Phasen leichter Trübsinnigkeit, in die kein platter Humor passen würde. Da ist die diesen Roman durchdringende Tragikomik genau das Richtige! Ein Roman, den ich nicht so schnell vergessen werde und der mich besonders berührt hat!

Veröffentlicht am 24.04.2019

Dramatische Einzelschicksale im Ungarnaufstand

Sojus
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nen historischen Krimi, in dem der Ungarnaufstand von 1956 im Fokus steht, kannte ich bisher noch nicht. Die historische Reihe von Martin von Arnim mit den Figuren des Kommissars Eckart und des italienischstämmigen ...

nen historischen Krimi, in dem der Ungarnaufstand von 1956 im Fokus steht, kannte ich bisher noch nicht. Die historische Reihe von Martin von Arnim mit den Figuren des Kommissars Eckart und des italienischstämmigen Amerikaners und Tausendsassas Vanuzzi im Mittelpunkt auch nicht, so dass dies für mich eine doppelte Premiere war.

Der ehemalige deutsche Kommissar Andreas Eckart steht altersmäßig in den 1950er Jahren definitiv eher am Ende als am Beginn einer möglichen beruflichen Karriere, die aber sowieso bereits vor Jahren gewaltsam endete, nämlich durch den Nationalsozialismus. Zu Beginn dieses Bandes wird er aus einer psychiatrischen Klinik in den Vereinigten Staaten befreit, unter anderem durch den bereits erwähnten Vanuzzi.

Der spürt ihn dann einige Jahre später in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland auf, wo er im beschaulichen Würzburg ein ruhiges Leben führt. Zu führen hoffte, muss man nun sagen, denn Vanuzzi, der als mehr oder weniger freiberuflicher Geheimagent mehreren Herren dient, ködert ihn zur Beteiligung an einem Auftrag in Budapest: ein Dossier mit brisanten Informationen soll geholt werden. Eckart will ablehnen, wird aber ge- und verlockt mit dem Versprechen, seinen Sohn, den er bisher nicht kannte und der im gerade stattfindenden Ungarn-Aufstand eine Rolle spielt, kennenzulernen.

In Budapest angekommen, erleben Eckart und Vanuzzi im Kreise von Widerstandskämpfern die Niederschlagung des Aufstands durch sowjetische Streitkräfte. Deutllich wird, dass man niemandem trauen kann - wie Eckart schmerzlich erfährt, nicht mal seinem eigenen Sohn, der unter dem Namen "Sojus" eine ganz spezielle Rolle innerhalb der Ereignisse spielt.

Ein mitreißender und kraftvoller, aktionsgeladener Krimi oder gar Thriller - aber nur für Leser, die bereit sind, tief in nicht ganz so bekannte historische Zusammenhänge einzutauchen.

Ich kannte die Reihe bisher nicht und muss sagen, dass man auch in den dritten Band ohne Vorkenntnisse ganz gut hineinkommt. Damit meine ich aber spezifische Vorkenntnisse zu dieser Reihe - ein wenig Ahnung von den Ereignissen der Weltgeschichte und speziell der Vorgeschichte des Ungarnaufstands sollte man schon haben, sonst versteht man diesbezüglich nur "Bahnhof".

So aber ist es eine eindringliche, dramatische Story, die neben dem Kriminalfall den Ungarnaufstand von 1956 beleuchtet, ein Ereignis, das wie viele andere Aufstände gegen die sowjetische Vormacht im 20. Jahrhundert bisher viel zu wenig bekannt ist als Teil der Europäischen Geschichte und auch beim Verständnis der gegenwärtigen Position Ungarns innerhalb der EU weiterhelfen kann. Der Autor Martin von Arndt kann nicht nur spannende Geschichten erzählen, sondern beleuchtet auch detailreich historische Gegebenheiten. Ein eindrucksvolles Werk, dessen Vorgänger ich mir zu Gemüte führen werde und auf dessen Nachfolger ich mich freue!