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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.07.2018

Ein Mädchen verschwindet

Lauras letzte Party
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... und mehrere Szenarien werden entwickelt. Klingt ein bisschen wie "Twin Peaks", die Mutter aller wirklich coolen Fernsehserien? Soll es auch, denke ich mir! Und warum eigentlich Fernsehserie und nicht ...

... und mehrere Szenarien werden entwickelt. Klingt ein bisschen wie "Twin Peaks", die Mutter aller wirklich coolen Fernsehserien? Soll es auch, denke ich mir! Und warum eigentlich Fernsehserie und nicht Kriminalroman? Weil es mit einem klassischen Krimi nicht viel zu tun hat - finde ich jedenfalls!

Es ist eigentlich nicht die verschwundene Laura, die im Mittelpunkt der Ereignisse steht, sondern Miia Pohjavirta, die als Schulpädagogin eine zweite Karriere gestartet hat, nachdem es bei der Polizei aus gewissen Gründen nicht so recht geklappt hat. Ausgerechnet an ihrer alten Schule startet sie durch und es ist ihr eigener Bruder, der als Schulpsychologe im Büro neben ihr als ihr Kollege arbeitet.

Die Beschreibung sowohl der Charaktere als auch der Umgebung ist dem Autorenteam, das sich unter dem Pseudonym J.K. Johansson verbirgt, wirklich gut gelungen - mit wenigen Worten gelingt es ihnen, Figuren und das spezifisch finnische Setting fast plastisch werden zu lassen.

Doch wer einen spannenden Kriminalfall mit klarer Auflösung erwartet, wird aus verschiedenen Gründen enttäuscht werden. Dieser erste Band eines Dreiteilers ist wie ein Puzzlestein, der ohne die beiden anderen unvollständig ist.

Veröffentlicht am 27.07.2018

I'm going to Jackson

Auf und davon
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ist ein Lied von Johnny Cash und seiner Frau June Carter, das ich sehr liebe, doch ich bin ihnen nie dorthin gefolgt bzw. nachgegangen.

Und auch die 16jährige Mim, die Protagonistin des Jugendromans "Auf ...

ist ein Lied von Johnny Cash und seiner Frau June Carter, das ich sehr liebe, doch ich bin ihnen nie dorthin gefolgt bzw. nachgegangen.

Und auch die 16jährige Mim, die Protagonistin des Jugendromans "Auf und davon" geht dort nicht hin, im Gegenteil: sie verlässt Jackson/Missisippi zugunsten von Cleveland/Ohio, wo ihre "echte" Mum lebt, die sehr, sehr krank ist und verlässt somit ihren Vater und ihre noch sehr neue und ungeliebte Stiefmutter - der Bruch in der Kernfamilie erfolgte plötzlich und hat so seine Spuren hinterlassen. Jetzt will sie schauen, wie es ihrer Mutter geht, von der sie seit einiger Zeit nichts gehört hat - nicht ihre eigene Entscheidung, versteht sich.

Mim ist eine typische Amerikanerin und büxt per Greyhound aus - im Bus trifft sie ein ganzes Bataillon von Menschen: Begegnungen, die ihr Leben verändern bzw. prägen werden. Ein Buch über neue und andere Sichtweisen auf Dinge und vor allem auf Personen, über (Selbst)Erkenntnis - und über Läuterung.

Ich möchte ganz klar darauf verweisen, dass in diesem Buch nicht die Handlung, sondern die Charaktere im Vordergrund stehen, es ist also definitiv kein actionreicher Roman - wem so etwas wichtig ist, der sollte definitiv die Finger davon lassen. Hier steht und fällt alles mit den Personenbeschreibungen sowie mit der Entwicklung, die diverse Figuren - allen voran Mim - durchmachen. Und es ist durchaus starker Tobak der behandelt wird, da Themen wie Scheidung, Krankheiten und Behinderungen den ganzen Erzählverlauf durchdringen - auch da, wo man es nicht erwartet. Einem 12- oder 13jährigen Kind würde ich es nicht schenken, bei einem 15jährigen würde ich es von der individuellen Entwicklung abhängig machen.

Der Erzählstil des Autors ist sehr individuell und vielgelobt, trifft meinen Geschmack aber ganz und gar nicht. Böse Zungen, zu denen ich mich in diesem Falle zähle, würden "eigen" sagen - oder sogar "sperrig" - auch wenn offenbar Warmherzigkeit transportiert werden soll. Bei mir kommt es so nicht an. Doch es ist definitiv ein sehr ungewöhnliches und anspruchsvolles Buch mit kraftvollen Botschaften, das man so schnell nicht vergisst.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Abgründe tun sich auf

Nebelkind
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Bei den Mordermittlungen um einen leitenden Mitarbeiter der Asylbehörde tun sich alsbald Abgründe auf - nichts ist mehr so, wie es war oder schien. Ist die Gattin, die ein ordentliches Päckchen zu tragen ...

Bei den Mordermittlungen um einen leitenden Mitarbeiter der Asylbehörde tun sich alsbald Abgründe auf - nichts ist mehr so, wie es war oder schien. Ist die Gattin, die ein ordentliches Päckchen zu tragen hatte, tatsächlich die Täterin? Und was hat der Halbbruder des Opfers mit dem Ganzen zu tun? Aber es gibt auch noch weitere, unerwartete Baustellen, mit denen die Ermittler und natürlich die Leser konfrontiert werden.

Durchaus spannend, wenn auch nicht unbedingt dramatisch gestalten sich die Ermittlungen in diesem Fall, der zur Abwechslung mal nicht in Stockholm, sondern in Norrköping, einer kleineren Stadt im mittelschwedischen Östergötland angesiedelt ist. Die junge schwedische Autorin Emelie Schepp schreibt eindringlich und originell, wenn auch mit Längen, gerade wenn es darum geht, Charaktere einzuführen. Man erfährt über das durchaus vielschichtige Team der Ermittler so einiges und obwohl es definitiv kleiner ist als bspw. das A-Team bei Arne Dahl, hätte hier ein wenig Dahlscher Pragmatismus kein bisschen geschadet. Wobei die Dynamik dennoch ausgesprochen treffend beschrieben ist, vor allem die Rolle der jungen Staatsanwältin Jana Berzelius sowohl innerhalb des beruflichen Umfelds als auch im Fall selbst. Soziale Differenzen, gesellschaftspolitische Probleme und die Asylpolitik sind Themen, die eine Rolle spielen, Themen, die gerade jetzt auch in Deutschland, ja, überall in Europa von brennender Relevanz sind und eine Reflexion der diesbezüglichen Situation im eigenen Umfeld geradezu bedingen.

Ein brennend aktueller Krimi, dessen Autorin ihre Begabung der Figurenbeschreibung ein wenig zu sehr in den Vordergrund rückt, wodurch die Schilderungen stellenweise zu umständlich werden und an Spannung einbüßen. Auch wenn der Rezipient einen langen Atem braucht, lohnt sich die Lektüre dieses Krimis - denn das ist Emelie Schepps Werk aus meiner Sicht viel eher als ein Thriller - mit etlichen Alleinstellungsmerkmalen definitiv!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Ein sehr ernstes Thema - überaus emotional präsentiert

Fünf Tage, die uns bleiben
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Mara leidet an Huntington - einer Krankheit, deren Verlauf den qualvollen Verlust von Kontrolle und Gedächtnis mit sich bringt, bevor es mit dem Patienten zu Ende geht. Also in etwa das furchtbarste, was ...

Mara leidet an Huntington - einer Krankheit, deren Verlauf den qualvollen Verlust von Kontrolle und Gedächtnis mit sich bringt, bevor es mit dem Patienten zu Ende geht. Also in etwa das furchtbarste, was man sich vorstellen kann!

Das möchte sie nicht in allen Etappen erleben und noch weniger möchte sie das ihrem Mann und ihrer Tochter, mit denen sie bisher ein sehr glückliches Leben teilte, zumuten - also hat sie vor, sich in einer bestimmten Phase des Krankheitsverlaufs ein Ende zu setzen. Noch fünf Tage sind ihr geblieben, um auf ihre eigene Art und Weise mit allem abzuschließen und sich zu verabschieden, letzte "Duftmarken" im Leben ihrer Lieben zu hinterlassen.

Ein brutales, ein hartes, ein ungewöhnliches Thema? Ja, sicher, aber durch die uramerikanische Erzählweise kommt es dann doch recht "weichgespült" rüber, was ich ziemlich schade finde, zumal ein weiterer Lebensweg mit dem ihrigen verknüpft wird, was aus meiner Sicht nicht sein musste. Dadurch verliert sich aus meiner Sicht der rote Faden, die Handlung ist nicht mehr auf den Punkt gebracht - Maras Schicksal und der mögliche eigene Umgang damit - ein überaus relevantes Thema - steht nicht mehr so uneingeschränkt im Mittelpunkt, wie dieser Erzählstrang, dieses so ernste Thema es eigentlich verdient hätte und verliert sich dadurch ein bisschen. Muss nicht sein aus meiner Sicht - ich zumindest habe den Roman daher nicht ganz so ernst genommen, wie er es meiner Ansicht nach verdient hätte. Ziemlich schade, finde ich!

Eigentlich ein Buch für Fans von Jojo Moyes, Rowan Coleman und auch Lisa Genova - wobei es diesen aus meiner Sicht nicht so recht das Wasser reichen kann.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Italienische Nächte sind lang

Italienische Nächte
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Vor allem dann, wenn man wie Clare seinem Mann in den frühen 1920er Jahren nach Apulien folgt, ohne eine genaue Vorstellung von den Lebensumständen zu haben und dann voll und ganz auf ihn angewiesen ist. ...

Vor allem dann, wenn man wie Clare seinem Mann in den frühen 1920er Jahren nach Apulien folgt, ohne eine genaue Vorstellung von den Lebensumständen zu haben und dann voll und ganz auf ihn angewiesen ist. Boyd ist beruflich dort - er ist als Architekt verpflichtet worden. Keine glückliche Ehe, die die beiden führe, denn Boyd ist nicht ganz offen zu seiner Frau - und dazu kommt die Konfrontation mit dem kargen Gebiet in Italiens Süden, mit seinen Einwohnern, vielen neuen, teilweise schockierenden Eindrücken. Clare ist einsam, zudem scheint irgend etwas im Busch zu sein zwischen Boyd und seinem Auftraggeber Leandro Cardetta.

Kein Wunder also, dass sie für die Reize des zunächst sehr zurückhaltenden Ettore, eines Neffen Cardettas, der schwer verletzt bei seinem Onkel unterkommt, überaus empfänglich ist, denn dieser ist völlig anders als Boyd - und er hat Zeit für sie!

Eine Schmonzette ist es, die Katherine Webb hier vorlegt, doch es ist ein Schmöker allererster Sahne im Stil von Barbara Wood, einer in dem der Leser durchaus einen Einblick in das Leben der Menschen in der Epoche und die Umstände in dem Land erhält. Man hat nicht den Eindruck, in Seichtigkeit zu ersticken, zumal der Stil der Autorin einen ausgesprochen eigenen, individuellen Charakter aufweist. Und Apulien ist ja auch nicht gerade ein Landstrich, dem wie Rom, Venedig oder der Toskana reihenweise literarische Ergüsse gewidmet sind. Nein, Katherine Webb hat durchaus einen Blick fürs Besondere.

Ihre Leserinnen werden - mit kleinen Abstrichen in Bezug auf Längen und punktuell überzogene Rührseligkeit - auch diesen neuen Roman mit Begeisterung aufnehmen. Ich schreibe "Leserinnen", denn es ist eindeutig ein Buch für Frauen, eines, während dessen Lektüre man mit der Protagonistin fühlt und leidet - und das ist ganz eindeutig Sache der Frauen. Trotz seines Umfangs - es handelt sich um eine über 500 Seiten lange Hardcover-Ausgabe - eignet es sich sehr als Urlaubslektüre. Ganz besonders natürlich im Land, wo die Zitronen blühen und das Thema dieses Romans ist!