Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2018

Wien-Krimi mit Pfiff

Die unbekannte Schwester
0

Lotta hat es geschafft! Sie ist bei der Kripo und ermittelt zusammen mit Konrad, mit dem sie auch sonst so einiges verbindet Ein sehr emotional angelegtes Ermittlerteam, bei dem der persönliche Ansatz ...

Lotta hat es geschafft! Sie ist bei der Kripo und ermittelt zusammen mit Konrad, mit dem sie auch sonst so einiges verbindet Ein sehr emotional angelegtes Ermittlerteam, bei dem der persönliche Ansatz im Vordergrund steht: allen voran Carlotta Fiore, offiziell die Tochter der berühmten, leider bereits verstorbenen Opernsängerin Maria Fiore. Außerdem Hannes, mit dem sie einen gemeinsamen Sohn hat und der erfahrene Konrad Fürst, gerade aus langem Koma erwacht. Auch er steht in sehr besonderer Beziehung zu Carlotta.

In diesem sehr eng am Ermittlerteam - vor allem an Carlotta Fiore - aufgebauten Krimi überrascht es kaum, dass auch der Fall selbst eng mit der Protagonistin zusammenhängt: gleich am ersten Tatort findet sie einen Zettel, auf dem ihr Name steht. Ein Journalist musste dran glauben, der möglicherweise auf vielen Hochzeiten spielte - also nur Zufall?

Die Autorin Theresa Prammer schreibt toll und mitreißend und hat ein sehr ungewöhnliches Konstrukt für ihren Krimi entwickelt. Ich bin begeistert und habe mich inzwischen mit der Tatsache abgefunden, dass man in dieser Serie keineswegs anders als mit Band 1 einsteigen sollte, denn die Serie lebt so sehr von der Geschichte Carlottas und ihrer Lieben, dass es gar nicht anders geht, als die komplette Handlung aufeinander aufzubauen. reimen, anderes jedoch fehlt.

Für meinen Geschmack geriet auch dieses Mal die Geschichte der Opfer ein wenig in den Hintergrund. Das ist aber tatsächlich der einzige, verschwindend geringe Kritikpunkt an einem sowohl sprachlich und stilistisch als auch inhaltlich insgesamt sehr runden und atmosphärischen Krimi, der an Originalität kaum zu überbietet ist.

Um es mit Nietzsche zu sagen: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Theresa Prammer hat hoffentlich noch eine ganze Menge Chaos in sich, um weiterhin so wunderbar tanzende Sterne wie diesen Krimi zaubern zu können. Absolut empfehlenswert, aber starten Sie bitte unbedingt mit Band 1!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Aus dem Hessenmädel, der Herzensmarie, wird Maria

Die Hessin auf dem Zarenthron
0

die Kaiserin aller Reußen nämlich, Zarin von Rußland also.: bzw. zunächst die Gattin den Thronfolgers Alexander, des späteren Zaren AlexanderII, Eine Ehe, die - soweit man es beurteilen kann - in Liebe ...

die Kaiserin aller Reußen nämlich, Zarin von Rußland also.: bzw. zunächst die Gattin den Thronfolgers Alexander, des späteren Zaren AlexanderII, Eine Ehe, die - soweit man es beurteilen kann - in Liebe beginnt, der viele harmonische und interessante Jahre beschert sind, bevor sie als Paar, aber gewissermaßen auch als Herrscher tragisch scheitern.

Eine der spannendsten Epochen der Russischen Geschichte überhaupt wird hier beschrieben, nämlich die Mitte des 19. Jahrhunderts, in dem sich diverse geistige Strömungen, teils vom Hofe mitgeprägt, teils aber auch dagegen agitierend - bspw. die Nihilisten - entwickelten. Fasziniert habe ich erfahren, dass Gontscharow, der Autor des "Oblomow" zeitweilig die Zarenkinder unterrichtete, dass der bayerische Märchenkönig Ludwig II ein enger Vertrauter Marias war.

Marianna Butenschön beschreibt in ihrem Buch sehr ausführlich und anschaulich den Weg dieser bemerkenswerten Frau, allerdings weitgehend unbekannt gebliebenen Frau, Mutter vieler Kinder, die sich in Russland für Kirche und Kinder aus nicht so glücklichen Umständen wie auch für Bildung einsetzte.

Der Leser begegnet zahlreichen Schlüsselfiguren der damaligen Zeit, sieht das russische Reich und dessen Herrscher im Kontext und im Bezug des Staatengeflechts, der politischen Beziehungen in Europa - Marias Leben fiel immerhin - zumindest teilweise - in die Zeit Wilhelms I. - und in die Königin Viktorias von England und nicht zuletzt in die vieler russischer Dichter und Komponisten wie bspw. Tolstoi und Tschaikowski.

Die Autorin - eine kompetente Historikerin und erfahrene Journalistin - schreibt mitreißend und fesselnd, doch manchmal entsteht der Eindruck, als wolle sie möglichst viel ihres zweifellos ungeheuren Fachwissens in das Buch packen, den Zeitgeist, wenn möglich, umfassend einfangen. Für diese Epoche stört es mich aber nicht, ist doch eine ungeheuer spannende - und umgekehrt die Zarin selbst eine nicht ganz so schillernde, auffallende und vor allem in ihrer Zeit so reich beschriebene Persönlichkeit wie einige ihrer Vorgängerinnen. Ein richtig unterhaltsames Buch nicht ohne Anspruch also, das ich stellenweise als richtig spannend empfand! Und auch als schmerzhaft, denn in späterin Schicksalsjahren muss der Leser viel mit Maria leiden, die sowohl von schwerer Krankheit geplagt als auch von ihrem Mann vernachlässigt, ja, jahrelang aufs schändlichste betrogen wurde!

Insgesamt also zweifelsohne eine wertvolle historische Dokumentation fern von Kitsch und Trivialem, die im letzten Kapitel noch eine Brücke über die nachfolgenden Jahrhunderte bis in die Gegenwart schlägt und die ich von Herzen weiterempfehle, nicht zuletzt wegen der fundierten Recherche, die sich auch im Anhang niederschlägt - Neben einer Zeittafel, den Anmerkungen und einem Glossar findet sich dort auch ein ausführliches Personenverzeichnis, wodurch zumindest ich mich als historisch interessierte Leserin reich bedacht fühle und meine Lektüre sowohl direkt "vor Ort" - also mithilfe des Buches selber unterfüttern kann als auch Anregungen für weitere Recherchen erhalte.

Veröffentlicht am 02.02.2018

Wenn man von der Vergangenheit eingeholt wird

Museum der Erinnerung
0

Einen beneidenswerten Arbeitsplatz hat die Engländerin Cathy - sie ist nämlich Konservatorin am Museum für Naturkunde in Berlin. Und nicht nur darum ist sie zu beneiden, sondern auch um ihren Freund, den ...

Einen beneidenswerten Arbeitsplatz hat die Engländerin Cathy - sie ist nämlich Konservatorin am Museum für Naturkunde in Berlin. Und nicht nur darum ist sie zu beneiden, sondern auch um ihren Freund, den Amerikaner Tom, selbst ein erfolgreicher Wissenschaftler, der ihretwegen die Staaten verlassen und ihr in die Hauptstadt Deutschlands gefolgt ist. Und nun soll sie für ihre Forschungen geehrt werden, befindet sich also am Zenit ihres Erfolges.

Also alles in Butter? Ein Leben wie Cathy - das wünschen Sie sich auch? Ich warne Sie, es ist nicht alles so, wie es scheint - Cathys Kindheit und Jugend war alles andere als rosig. Vor allem einen ganz, ganz dunklen Flecken gibt es darin, einen Zeitpunkt, an dem sich alles änderte - in der Familie, mit den Freunden. Auch im "Damals" gab es einen Mann, mit dem Cathy eng verbunden war, Daniel nämlich.

Vor vier Jahren endete diese Zeit - sehr abrupt, durch den Fortgang Cathys. Am Tag ihrer Ehrung erhält sie jedoch ein Päckchen, das aus ihrer tiefsten Vergangenheit zu kommen scheint und es bringt so einiges in ihr durcheinander. Kann es wirklich sein, dass diese Sendung ihr Leben so beeinflusst.

Ein Tag - ein Leben. Eigentlich dreht sich alles nur um diesen einen Tag im Naturkundemuseum, doch es geht um Cathys Leben als solches. Um ihre Vergangenheit und um ihre Zukunft. Um existenzielle Fragen - solche nach Schuld, Verpflichtung, Verantwortung, Sühne, Treue, Freundschaft, Liebe.

Große Begriffe, die genannten. Doch die junge Autorin Anna Stothard schafft es, sie alle mit Leben zu füllen, ohne auch nur ansatzweise pathetisch zu werden. Im Gegenteil, ihre "großen Worte" lesen sich überaus unterhaltsam, in einem Zug ist man durch mit diesem spannungsreichen, dabei alles andere als oberflächlichen Roman. Während der Lektüre habe ich mich oft gefragt, wie ich denn handeln würde, denn oft denkt man als Rezipient, dass Cathy sich gerade ihr eigenes Grab schaufelt. Aber am Ende des Romans konnte ich nicht anders, als zuzugeben, dass ich möglicherweise genauso gehandelt hätte. Denn das, was Cathys Leben geprägt hat, ist so stark, so heftig, dass man ihr keine Anweisungen erteilen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Ein Roman, in dem sich vieles - ja das meiste - im Inneren der Charaktere abspielt. Gleichzeitig ist es aber auch ein wirklich toller Berlin-Roman aus einer eher ungewohnten Perspektive. Unbedingt lesenswert für alle, die nach einer richtig süffigen Lektüre lechzen!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Rette sich, wer kann

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch
0

"Sauve qui peut"; "Rette sich, wer kann" nämlich, hat Maud, die Protagonistin dieses Romans, in ihren Arm tätowiert. Sie ist ein ungewöhnlicher Typ, der ihren Kommilitonen Tim, der sie beim gemeinsamen ...

"Sauve qui peut"; "Rette sich, wer kann" nämlich, hat Maud, die Protagonistin dieses Romans, in ihren Arm tätowiert. Sie ist ein ungewöhnlicher Typ, der ihren Kommilitonen Tim, der sie beim gemeinsamen Hobby Segeln kennenlernt, unglaublich fasziniert, gerade weil sie sehr geheimnisvoll wirkt. Doch nach einiger Zeit wird diese geheimnisvolle Art von Kühle und bald schon von Kälte überlagert - Maud ist einfach unnahbar. Möglicherweise nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst.

Aus ihr und Tim wird durch die Geburt von Zoe bald eine Familie, die auf tragische Art auseinanderbricht - und dann ist Maud allein.

Ihre Zuflucht wird, wie schon vorher, das Segeln. Bald schon findet sie sich in anderen Welten wieder.

Ein schwieriges Buch, das mir Rätsel aufgab, wahrscheinlich mehr, als vom Autor vorgesehen. Dieser, der Brite Andrew Miller nämlich, schreibt versiert und kraftvoll, doch ich empfand diesen ungewöhnlichen Roman, der für viele sicher faszinierend ist, als große Herausforderung.

Miller teilt seine Geschichte in drei völlig unterschiedliche Abschnitte ein, von denen mir vor allem der mittlere, in dem Maud in ihrem Segelboot auf den Weltmeeren unterwegs ist und irgendwann auch ums Überleben kämpft, große Schwierigkeiten bereitete. Dieses Seglerlatein ist wirklich nicht meine Sprache und ich bin in diesem Falle der Faszination Meer - sonst durchaus meine Welt - überhaupt nicht erlegen.

Der erste Teil schildert ihre Beziehung zu Tim bis zum Bruch der Familie und der dritte - ja, der hat etwas sehr Märchenhaftes und Symbolisches, aber das haben sie eigentlich alle drei.

Ich habe große Parallelen zwischen dem Stil des Buches und dem Wesen von Maud empfunden: bestimmte, vor allem schmerzvolle Episoden werden einfach ausgespart bzw. weggeschwiegen - so, wie auch Maud das in ihrer Kommunikation bzw. Nicht-Kommunikation oft tut. Und sie ist definitiv nicht die einzige schwierige Figur im Roman. Ganz klar, wenn Sie zu diesem Buch greifen, dann lassen Sie sich auf etwas besonderes ein - ohne im Voraus sagen zu können, ob es sie faszinieren, oder - wie in meinem Fall - eher irritieren wird.

Veröffentlicht am 02.02.2018

Kriegstraumata

Alles, was folgte
0

Ein Kriegstrauma können auch Menschen haben, die selbst gar keinen Krieg miterlebt haben, beispielsweise dadurch, dass sie von Nahestehenden vieles mitbekommen haben. Ich selbst habe beispielsweise vieles ...

Ein Kriegstrauma können auch Menschen haben, die selbst gar keinen Krieg miterlebt haben, beispielsweise dadurch, dass sie von Nahestehenden vieles mitbekommen haben. Ich selbst habe beispielsweise vieles nacherleben und auch mitfühlen können durch Erzählungen meines Vaters - 16jährig eingezogen und schwer verwundet und meiner Mutter, deren Kindheit durch den 2. Weltkrieg geprägt war. Ich selbst möchte nie in die Nähe solcher Ereignisse geraten, es ist für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.

Die Fotografin Katharina Ehlbracht, 1945 geboren, reagiert da ganz anders: Kriegsschauplätze sind sozusagen ihr täglich Brot, sie fotografierte in Vietnam, Nordirland, Südafrika und an anderen ausgesprochen gefährlichen Orten.

Anfang 1990, kurz nach der Öffnung der Mauer, erhält sie einen Umschlag mit Briefen von ihrer Mutter, aus dem hervorgeht, dass ihre Familiengeschichte eigentlich eine ganz andere ist, als sie es bisher annahm. Von einem Tag auf den anderen ist alles ganz anders. Gleich mehrere Kriegstraumata offenbaren sich nun und Katharina wird peu á peu bewusst, wie sehr die Menschen in ihrem Umfeld - und darüber hinaus - gelitten haben.

Ein spannendes und wichtiges Thema, das von Autorin Renate Ahrens überaus mitreißend und eindringlich beschrieben wird. Katharina ist längst nicht die Einzige, deren Geschichte durch die Öffnung der Grenzen und die darauf folgende Wiedervereinigung neu geschrieben wurde, wenn es auch in vielen Fällen sicher nicht so dramatisch zuging wie in dem ihrigem.

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, so spannend las sich für mich Katharinas Geschichte, der zudem eine Parallelgeschichte mit Rückblenden zugeordnet ist - aber ich will nicht zu viel verraten.

Sehr enttäuscht war ich allerdings davon, dass die Autorin zahlreiche vielversprechende und gut gezeichnete Charaktere einführt, deren Bedeutung für die Geschichte nur angerissen wird, die quasi nur einen Kurzauftritt haben, obwohl hinter ihnen ebenfalls spannungsreiche Entwicklungen stehen - wie vielschichtig diese sind, nun, da muss der Leser seine Phantasie entwickelt und seine eigene(n) Geschichte(n) schaffen. Das fand ich ein bisschen schade, denn in der zweiten Hälfte des Romans häufen sich diese Andeutungen, mir kam es so vor, als ob die Autorin mir etwas verspricht, was sie dann nicht einlöst.

Da ich die Geschichte so sehr genoss, fand ich es besonders schade. Trotz der erwähnten Einschränkung also eine dicke Empfehlung von mir an alle, die gern über die jüngste deutsche Vergangenheit lesen und bereit sind für einen spannenden, mitreißenden, dramatischen , allerdings auch sehr traurigen Familienroman!