Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.12.2017

Penny Lane is in my ears and in my eyes

Abbey Road Murder Song
0

... und spielt auch in diesem Buch eine ganz besondere Rolle - allerdings auch in einer ganz besonderen Form. Überhaupt: die Beatles als Rahmen und als Hintergrund swingen sich nur so durch den Krimi - ...

... und spielt auch in diesem Buch eine ganz besondere Rolle - allerdings auch in einer ganz besonderen Form. Überhaupt: die Beatles als Rahmen und als Hintergrund swingen sich nur so durch den Krimi - man bekommt eine Vorstellung von dem Hype um sie in London in den roaring sixties.

Aber das alles geschieht eher am Rande - dieser kluge und anschauliche Krimi vermittelt ein Bild des England der 1960er Jahre in sehr vielen Belangen - als einen noch sehr traditionellen Hort der Gesellschaft, in dem Frauen - wie in Deutschland auch - beruflich stark benachteiligt wurden. Detective Cathal Breen - auch er mit beruflichen Problemen, da er jahrelang für seinen kranken, nun gerade verstorbenen, Vater gesorgt hat und teilweise von seinen Aufgaben überlastet scheint, bekommt mit Helen Tozer eine Kollegin zur Seite - ein ungeheures Novum, sind Frauen bei der Polizei doch eigentlich in separaten Abteilungen organisiert, in denen sie ein Schattendasein führen. Zusammen sollen sie den Mord an einem jungen Mädchen, das quasi im Müll gefunden wurde, aufklären.

Neben der Gender-Problematik widmet sich Shaw hier dem Rassismus, dem Generationenkonflikt und natürlich der sozialen Lage in den 60er Jahren im allgemeinen - und bei keinem dieser Themen bleibt er an der Oberfläche. Ab und zu geschieht dies auf Kosten der Spannung, aber er fängt sich immer wieder. Ein ungewöhnliches Buch, dessen Lektüre sich auf jeden Fall lohnt, auch wenn es für manch einen starker Tobak sein mag - nicht wegen der Brutalität der kriminellen Szenen, sondern ganz einfach wegen der Brutalität des Alltags: bei Sätzen wie "Ich war schon immer dagegen, dass weibliche Beamte die Aufgaben von Männern übernehmen" muss man schon schlucken - und ist heilfroh, als berufstätige Frau im Hier und Jetzt zu leben.

Auch wenn es ein Krimi war: zeitweise fühlte ich mich versetzt in "We want Sex", Nigel Coles wunderbaren Film zur Situation der Arbeiterinnen in den 1960er Jahren in England - hier ging es zwar um einen höher qualifizierten Job, aber die Polizistinnen befanden sich in derselben Situation und mussten für jedes kleine Fitzelchen ihrer Rechte kämpfen. William Shaw vermag diese Situation ganz genau wie sein Geschlechtsgenosse Cole ganz wunderbar zu transportieren. Also ein Buch für Frauen? Nein, definitiv nicht bzw. nicht nur - einfach ein Buch für gesellschaftlich Interessierte, die es gern ein wenig spannend mögen.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Krimi mit Stil

Die satten Toten
0

...wenn auch mit einigen Unwägbarkeiten und zahllosen offen gelassenen Fragen! Nun, niemand ist perfekt - auch nicht Karl Kane, der glücklose Privatdetektiv mit seinen Dauerproblemen - schmerzenden Hämorrhoiden, ...

...wenn auch mit einigen Unwägbarkeiten und zahllosen offen gelassenen Fragen! Nun, niemand ist perfekt - auch nicht Karl Kane, der glücklose Privatdetektiv mit seinen Dauerproblemen - schmerzenden Hämorrhoiden, einer gescheiterten Ehe, schwierigen Beziehungen zu Tochter und Lebensgefährtin - und sein Autor Sam Millar. So weist das vorliegende Werk, der 2. Band um Kane, einige Schwachstellen auf, besticht jedoch durch Stil, Charme und Gefühl... eine Seltenheit bei einem richtig harten Krimi bzw. Thriller!

Der Autor hat erneut ein spannendes Werk, das in der wohl zerrissensten Stadt Westeuropas, in Belfast spielt, vorgelegt: Wieder pflastern Leichen den Weg von Karl Kane, einem ehemaligen Polizisten und Detektiv, der in echter Noir-Manier daherkommt und dem auch diesmal neben einem Hauch von Coolness die Rolle des Losers zunächst scheinbar unabdingbar anhaftet.

Diesmal gerät Kane in die Ermittlungen um entführte, gefolterte und qualvoll ermordete Mädchen - die zudem vor ihrem Tod noch zwangsgemästet wurden. Kane ist eine Art Unglücksrabe unter den Detektiven: es mangelt ihm an Geld, er ist getrennt von Frau und Tochterund nicht gerade erfolgreich als Detektiv - und vor allem: er wird von der Welt nicht so recht verstanden. Auch Naomi, seine junge und hübsche Geliebte, die ihn zudem bei der Arbeit unterstützt, reagiert zunehmend verständnisloser. In einigen Facetten erschien mir die Figur des Karl Kane als eine Art männliche Claire DeWitt, Heldin der außergewöhnlichen Krimis von Sara Gran.

Die brutale und spannende Geschichte wird stilvoll, eloquent und mit Gefühl und Charme erzählt, wodurch auch ein wenig zartbesaitetere Leser wie ich bei der Stange bleiben, obwohl es gnadenlos zur Sache geht. Karl Kanes Feldzug gegen den brutalen Killer ist in bester Noir-Manier, stilvoll, teilweise kühl und meist wie aus der Ferne geschildert - für Freunde knallharter, moderner Thriller, die mittendrin sein möchten, vielleicht ein wenig zu manieriert, für Liebhaber des gehobenen Erzählstils, feiner literarischer Anspielungen und gekonnt gewählter, immer passender und spitzfindiger Zitate - die am Anfang jedes Kapitels stehen und für mich einen besonderen Leckerbissen darstellen - jedoch genau das Richtige. Allerdings bleibt leider doch einiges offen, anderes wiederum ist nicht ganz nachvollziehbar von der Logik her.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein nur mittelmäßiger literarischer Sturm

Vor dem Sturm
0


Ein Sturm zieht auf: in 12 Tagen wird hier das Leben um den Hurricane Katrina geschildert, vor allem das Warten, die Vorbereitungen auf ihn, aber auch das Erleben und Überstehen des Sturmes. Dabei erhält ...


Ein Sturm zieht auf: in 12 Tagen wird hier das Leben um den Hurricane Katrina geschildert, vor allem das Warten, die Vorbereitungen auf ihn, aber auch das Erleben und Überstehen des Sturmes. Dabei erhält der Leser Einblick in das Leben einer Familie am Rande der Gesellschaft - der verwitwete Vater, der stark an der Flasche hängt, drei Söhne und die fünfzehnjährige Tochter Esch, durch deren Perspektive dem Leser das Geschehen vermittelt wird. Esch ist ausgesprochen intelligent, hoffnungslos in ihrer Armut, hoffnungsvoll in ihrer Liebe zum anderweitig gebundenen, nicht viel älteren Manny - und von ihm schwanger.

Die Geschicke der Familie werden begleitet von denen der Hündin China und ihres zu Anfang des Buchs geborenen Nachwuchses - Lebensinhalt von Skeetah, einem von Eschs Brüdern - ein Strang, der die Handlung teilweise dominiert, ja beherrscht. Mir war eindeutig zu viel Hund in der inhaltlichen Entwicklung präsent, was meine Konzentration immer wieder schwächeln ließ - hier fiel es mir besonders schwer, am Ball zu bleiben.

Es braut sich so einiges zusammen in diesem Buch und so ist das stürmische Finale mit einigen Einschränkungen durchaus ein fulminantes, das für mich den Gesamteindruck vom Buch noch einmal ein wenig nach oben korrigierte... ohne dieses wäre mein Urteil um einiges negativer ausgefallen. Hier geht es um Sich-Finden, um Neuanfang, um Hoffnung - so lernt Esch, dass sie nicht - wie sie meinte, erkannt zu haben - keinen, sondern viele Väter für ihr Kind hat.

Dieses Buch strotzt nur so vor Symbolik, aber leider nicht vor (Aussagekraft). Zu umständlich die Sätze, zu fahrig und verstreut die Metaphern. Ersteres liegt ganz sicher an der Übersetzung von Ulrike Becker, die - soweit ich es beurteilen kann - dem Werk und den Ambitionen der jungen Autorin einfach nicht gerecht wird. Aussagen wie "Das Licht im Bad ist dick..." (S. 111) haben mir das Lesen teilweise doch recht schwer gemacht. Wobei ich auch sehr hohe Erwartungen hatte: ich habe vor einigen Jahren mit Begeisterung "Winters Knochen" von Daniel Woodrell gelesen, das in einer ähnlichen Umgebung unter vergleichbaren Bedingungen spielt und mich nachhaltig beeindruckt hat. Dem konnte dieses Buch aus meiner Sicht nicht im Entferntesten das Wasser reichen. Ich denke, als Verfilmung würde mir die Handlung wesentlich mehr zusagen. Dennoch gebe ich eine bedingte Leseempfehlung: an Rezipienten, die eine blumige, ausführliche - um nicht zu sagen, ausschweifende - Sprache lieben, sich von teilweise ungeschickten Übersetzungen nicht schrecken lassen - oder direkt zur Originalliteratur greifen. Natürlich auch an Liebhaber neuester amerikanischer Literatur mit einem Hang zu den Südstaaten.

Ich selbst werde die Autorin im Auge behalten, aber vorerst weiter zu Werken von Daniel Woodrell und anderen von mir geschätzten Autoren der neuen Welt greifen.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein menschenscheuer antiquarischer Buchhändler

Das Buch der Fälscher
0

... aus einem kleinen Ort in den Staaten, der gerade den für ihn größtmöglichen Verlust - nämlich den Krebstod seiner über alle geliebten Frau Amanda - erlitten hat, gerät durch einen Zufall in einen ganzen ...

... aus einem kleinen Ort in den Staaten, der gerade den für ihn größtmöglichen Verlust - nämlich den Krebstod seiner über alle geliebten Frau Amanda - erlitten hat, gerät durch einen Zufall in einen ganzen Strudel von Ereignissen. Er tätigt einen Fund, der sein ganzes Leben verändern sollte - und zwar das bereits vollendete bzw. seinen Blick auf dieses wie auch das zukünftige.

Dies geschieht in England, wo Peter Byers - so der Name des akademisch gebildeten Buchhändlers - schon mit seiner Frau Amanda, die einer berühmten Dynastie von Buchsammlern entstammte und deren Großmutter die Bibliothek der Universität, an der sie ihren späteren Mann kennenlernte, oft war und nach Büchern suchte.

Die Geschichte spielt in drei zeitlichen Ebenen: einmal in den 1980er Jahren in den Staaten, dann 1994/5 hauptsächlich in England und in einemvom 16. bis zum 19. Jahrhundert reichenden Rückblick, im dem die Geschichte von Peters Fund quasi von hinten aufgerollt wird und ist - dieses ist ihr ganz, ganz großes Plus - ausgesprochen atmosphärisch und mitreißend geschildert, die Charaktere werden eindrücklich skizziert, so dass der Leser sie bildhaft vor Augen hat. Der Leser findet sich wieder im England der Shakespeare-Zeit, des 18. und 19. Jahrhunderts... und liegt quasi mit Peter und Amanda im Bett bzw. in der Bibliothek, wo sich einige der - nicht zu aufdringlich geschilderten - Liebesszenen abspielen.

Keine Frage, Charlie Lovatt kann schreiben und ihm ist ein emotionales und mitreißendes Buch gelungen, das an keiner Stelle kitschig ist. Mit wenigen Worten vermag er den Leser so auf das Setting einzustimmen, mit der jeweiligen Szenerie vertraut zu machen, dass man sich sofort einfindet. Aber leider ist das Ende, die Auflösung lange nicht so rund wie der Rest des Romans. Peters Handlungen habe ich als teilweise widersprüchlich und seinem sehr zurückhaltenen Naturell entgegenstehend empfunden, auch die Einbindung weiterer Akteure, vor allem der Schuldigen, war nicht ganz so glatt. Über das letzte Drittel des Romans erfasste mich also ein ungutes Gefühl, das sich kontiuierlich steigerte - aber selbst dieses vermochte den Genuß, den der überwiegende Teil des Buchs mir bereitet hat, nicht auszulöschen!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Therapeut glücklos - Leserin glücklich

Der glücklose Therapeut
0

Nämlich mit der Lektüre dieses Buches!
Ein kleines Juwel ist dieses Büchlein, durch dessen Lektüre ich mich durchaus in eine Ecke drängen lasse: nämlich in die der psychoanalytisch Interessierten. Für ...

Nämlich mit der Lektüre dieses Buches!
Ein kleines Juwel ist dieses Büchlein, durch dessen Lektüre ich mich durchaus in eine Ecke drängen lasse: nämlich in die der psychoanalytisch Interessierten. Für andere ist dieses Buch nämlich definitiv nichts - sie werden sich tödlich langweilen.

Worum es geht: David Winter, seines Zeichens Pychotherapeut und seit Jahren auf Depressionen spezialisiert, ist am Ende: beruflich wie privat. Er ist analytisch an seine Grenzen gestoßen, in bezug auf seine - aus Frau und erwachsener Tochter bestehenden - Familie läuft auch alles schief. Kurzum: der gute Mann befindet sich in einer Zwickmühle, aus der definitiv schwer rauszufinden ist. Wohl und Wehe des Mannes hängen von den zukünftigen Entwicklungen, von Winters Handeln ab, sein beruflicher Ruf steht auf dem Spiel.

Dies alles wird auf gerade mal 250 Seiten sowohl unterhaltsam als auch ungewöhnlich dicht beschrieben - der Autor Noam Shpancer, selbst Psychologe, hat es sprachlich einfach drauf! Ein Genuss, seine leicht sarkastisch angehauchten Bonmots und Erkenntnisse zu lesen - wenn man selbst an Psychotherapie interessiert ist, andererseits jedoch nicht zu kritisch an die Materie rangeht. Der Autor bezieht nämlich durchaus Stellung bzw. lässt er dies seinen Protagonisten tun: dieser muss sich Gedanken über selbstmordgefährdete Patienten, eine untreue Ehefrau sowie die Zukunft der immer selbständiger werdenden Tochter machen - am meisten jedoch über sich selbst was - wie der Leser rasch merkt - der schwierigste Part von allen ist.

David Winters Alltag wird hier geschildert, wobei zwei Extremsituationen in das Setting eingebettet werden. Der Leser wird aufgerüttelt, wird aufgefordert, sich Fragen zu stellen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sehr zu empfehlen, allerdings nur für Rezipienten, die bereit sind, ihr ganzes Umfeld und nicht zuletzt sich selbst in Frage zu stellen.