"Gefährlich ist's den Leu zu wecken
Liebe und andere Parasiten..Verderblich ist des Tigers Zahn - Jedoch der schrecklichste der Schrecken - Das ist der Mensch in seinem Wahn".
Auch wenn der Autor James Meek dem angelsächsischen Literaturbetrieb zuzurechnen ist und ...
..Verderblich ist des Tigers Zahn - Jedoch der schrecklichste der Schrecken - Das ist der Mensch in seinem Wahn".
Auch wenn der Autor James Meek dem angelsächsischen Literaturbetrieb zuzurechnen ist und "seinen" Schiller möglicherweise nicht so verinnerlicht hat wie viele der deutschen Kollegen, die auf gleichem - nämlich ausgesprochen hohen - Niveau schreiben, müsste ihm das Zitat aus der "Glocke" aus der Seele sprechen. Den Menschen in seinem Wahn - ja, den lernt der Leser dieses Romans in den verschiedensten Facetten kennen - und wahrlich nicht nur ein einzelnes Exemplar.
Eigentlich ist es eine Familien- und Liebesgeschichte, die Meek hier schreibt: die Geschwister Ritchie und Bec, die als Rockstar bzw. Wissenschaftlerin vollkommen unterschiedliche Wege beschritten haben. Ihre Vergangenheit, ihr Ursprung jedoch ist derselbe und fußt im Wesentlichen auf dem frühen Verlust des Vaters, eines Soldaten im irisch-englischen Krieg, der für seine Gesinnung gefoltert wurde. Ehrgefühl und weitere ethische Wertvorstellungen kommen hier vordergründig zum Tragen - und werden von Grund auf in Frage gestellt. Ritchie und Bec gehen beide Beziehungen ein, die unterschiedlicher nicht sein können - der Leser wird hier bei der Einführung mit den unterschiedlichen Figuren - es sind so einige und alle sind mit wenigen Zügen meisterhaft charakterisiert - mit den unterschiedlichsten Treibern konfrontiert, es sind die unterschiedlichsten Werte, Interessen, Mächte, die die Figuren am Leben erhalten. Kämpfen am Ende alle nur für sich, nur um selbst zu überleben? Verrat, Eigennutz, Mißgunst - sind das tatsächlich die tragenden Säulen der Gesellschaft?
Im Verlauf der Lektüre wird der Leser mit so einigen Parasiten konfrontiert, aber rasch - und hier folgt der Autor gewissermaßen Schiller - ist zu erkennen, dass der Mensch selbst der schlimmste, der gefährlichste aller Parasiten ist. Ein kraftvoller, ein schillernder Roman, der Denkanstöße für die wahrlich großen Fragen des Lebens, nein, des Seins gibt - die durchaus ihrerseits Gefahren beinhalten können - vor allem für Rezipienten, die Veränderungen und neue Wege scheuen.
Gewisse Parallelen konnte ich zu einem anderen großen Roman des Jahres 2013 (zumindest, was die deutschsprachige Übersetzung angeht) entdecken, nämlich zu "Bonita Avenue" des niederländischen Autors Peter Buwalda. Leser, die dieses Buch genossen, sind hier mit Sicherheit gut aufgehoben. Auch sonst empfehle ich die Lektüre vorbehaltlos all jenen, die keine Scheu vor der Konfrontation mit sich selbst, mit alten Ängsten und früheren Bedrohungen haben - und natürlich jenen, die gut geschriebene Literatur mit einer Menge echt britischen Humors zu genießen wissen!