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Veröffentlicht am 30.12.2017

Die Wirren der Zeit

Hannahs Briefe
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nämlich der 1930er Jahre und auch der davorliegenden Epoche in Brasilien und in (Ost)Europa beeinflussen das Handeln, tangieren das Wohl und Weh jeder einzelnen Figur in diesem bewegenden, ungewöhnlichen ...

nämlich der 1930er Jahre und auch der davorliegenden Epoche in Brasilien und in (Ost)Europa beeinflussen das Handeln, tangieren das Wohl und Weh jeder einzelnen Figur in diesem bewegenden, ungewöhnlichen Roman.

Die Ausgangssituation: der Schuhmacher Max Kutner, polnischer Jude und seit einigen Jahren in Rio de Janeiro ansässig, wird vom brasilianischen Geheimdienst dazu gezwungen, Briefe aus dem Jiddischen zu übersetzen: es geht darum, eventuelle Geheimbünde bzw. (linke) politische Verschwörungen aufzudecken. Dadurch erfährt er eine ganze Menge über viele Menschen in seinem Umfeld, erhält ungewollte Einblicke in ihr Leben und vor allem in ihr Denken. Vor allem beginnt er sich für Hannah, die er über die Korrespondenz mit ihrer Schwester kennenlernt, zu interessieren ... und eines Tages steht sie bei ihm in der Werkstatt....

Ab dann wird Max so richtig in den Strudel der Ereignisse gezogen, sein Interesse für Hannah offenbart ihm - und dem Leser - eine andere Welt.

Nun, dies ist ein anspruchsvoller historischer Roman, der keine romantische Liebesgeschichte beschreibt, sondern vielmehr das Denken und Handeln von Menschen, die - warum auch immer - anders nicht können. Der Leser erhält tiefe Einblicke in die Denkweise und die Wertvorstellungen der damaligen Zeit, Ronaldo Wrobel versteht es nahezu meisterhaft, die Atmosphäre vergangener Jahre zu generieren. Und ich muss sagen, nach der Lektüre bin ich froh um die Gnade der späten Geburt!

Ein gnadenloser Roman, der den Menschen in seinem tiefsten Wesen offenbart und ihn quasi entblößt, ein Roman ohne jegliches Schamgefühl. Dabei geht es nur am Rande um Erotik, Liebe und Sex, in erster Linie geht es um Selbsterhaltung.

Wer emotional so einiges verkraften kann, wer Sprachgewalt gepaart mit philosophischen Erkenntnissen liebt - Wrobel verwöhnt den Leser mit Sätzen wie "Genau genommen waren die, die mehr hatten, als sie brauchten, auch die, die mehr brauchten, als sie hatten.", der kommt an diesem Buch nicht vorbei!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein Entwicklungsroman der besonderen Art

Wie keiner sonst
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Nun, Entwicklungsromane sind seit Jahrhunderten eine beliebte Darstellungsform vor allem in Europa - nach Wikipedia bezeichnet "dieser
Ausdruck einen Romantypus , in dem die geistig-seelische Entwicklung ...

Nun, Entwicklungsromane sind seit Jahrhunderten eine beliebte Darstellungsform vor allem in Europa - nach Wikipedia bezeichnet "dieser
Ausdruck einen Romantypus , in dem die geistig-seelische Entwicklung einer Hauptfigur in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt dargestellt wird".

Das ist hier ganz klar der Fall, auch wenn die Entwicklung von Peter, den wir als Sechsjährigen, in der Obhut seines Vaters lebenden Jungen kennenlernen, ganz klar vom Mainstream abweicht. Peter und sein Vater führen zunächst eine Art Nomadenleben, das sich bei näherem Hinsehen als Flucht entpuppt - immer wieder kommt es zu hastigen Aufbrüchen und plötzlichen Ortswechseln, der Vater wählt unterschiedlichste Jobs, um sich und den Jungen, den er selbst unterrichtet und der in vielem seinen Altersgenossen weit voraus ist, über Wasser zu halten. Auch Mundraub und kleinere Gaunereien sind erlaubt, wobei der Vater jedoch strikte Prinzipien hat. Doch dann geschieht etwas ... und das Leben des kleinen Peter ändert sich jäh...

Wir folgen ihm bis ins Erwachsenenalter, erleben einen Menschen mit Ecken und Kanten, der mehr als nur ein Päckchen zu tragen hat.

Eindrucksvoll ist, dass Jonas T. Bengtsson seinen Erzählstil - Peter fungiert nicht als Ich-Erzähler, doch der gesamte Roman ist aus seiner Perspektive geschildert - dem Alter des Protagonisten anpasst. Ein wahrhaft großer Erzähler, dieser dänische Autor, dessen Leser innerhalb des Romans die Wandlungen der Hauptfigur mittragen, ja mitERtragen müssen, was teilweise keine leichte Aufgabe ist. Dadurch bleibt einiges offen - wie es eben im Leben so ist - doch keineswegs unlogisch. Man versteht die Problematik, die Schatten, die Peter umgeben, wenn auch seine Handlung nicht immer nachvollziehbar ist - doch bei wem ist sie das schon. Der Mensch ist ein Individuum und wer gerne Roman wie "Das Parfüm" und die "Blechtrommel" liest, bei denen die Entwicklung ungewöhnlicher Charaktere im Vordergrund steht, die ungewöhnliche Pfade beschreiten, der ist hier gut aufgehoben.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Kein Highlight

Die Rache des Chamäleons
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Ein geheimnisvoller, in einem fernen Land - Spanien, wie sich herausstellt - spielender Prolog führt den Leser in das Geschehen ein - er erscheint als Dokumentation einer zerissenen, unter Druck stehenden ...

Ein geheimnisvoller, in einem fernen Land - Spanien, wie sich herausstellt - spielender Prolog führt den Leser in das Geschehen ein - er erscheint als Dokumentation einer zerissenen, unter Druck stehenden Persönlichkeit am Rande einer Katastrophe - oder sogar mittendrin? Die Spannung ist geweckt und steigert sich, als wir im weiteren Verlauf Peter Mattéus und seine Familie - Ehefrau und zwei kleine Töchter - kennenlernen, alle überaus sympathisch und absolut liebenswert: doch sie werden bedroht: Peter erhält im Büro einige Fotos seiner Familie, danach einen Telefonanruf, während dem er aufgefordert wird, nach Hause zu seiner Familie zu fahren, wo aber offenbar alles in Ordnung ist .... nur geheimnisvolle Tickets für eine Reise in die Sonne liegen vor und Peter kann die Freude seiner Frau darüber nicht recht teilen... und dann wird auch sie zum Ziel der Drohungen. Alles sehr, sehr geheimnisvoll: es gibt "Altlasten" aus der Vergangenheit, die Peter seiner Frau vorenthalten hat und so stellt sich nach der Ankunft im fernen Spanien heraus, dass Peter dort in einem - im wahrsten Sinne des Wortes - früheren Leben in unlautere Machinationen verwickelt war und den ein oder anderen kennt, auf dessen Bekanntschaft er in seinem jetzigen Leben nur zu gern verzichten würde. Ein Leben, das er seiner Familie gern vorenthalten hätte - doch das lag nicht in seiner Macht.

Ein spannungsreicher Start, der den Leser interessiert und neugierig werden lässt auf den neuen Edwardson. Leider flaut dies bald ab und die Story verkommt zu einem langweiligen Thriller, bei dem ich nur am Ball blieb, um diese Rezension verfassen zu können. Nach einem furiosen Beginn flaut die Story ab und entwickelt sich ausgesprochen unoriginell - nett geschrieben zwar, aber auch nicht so fesselnd, dass ich bereitwillig und eifrig weitergelesen hätte. Der Chamäleon ist aus meiner Sicht eine absolute Enttäuschung und markiert leider kein Highlight in Edwardsons Oeuvre.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein Wendehals erster Güte

Als die Tauben verschwanden
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ist der Este Edgar Parts, der das Fähnchen stets nach dem Wind hängt - mal ist er ein aufrechter Este, dann arbeitet er den deutschen nationalsozialistischen Besatzern während des 2. Weltkriegs auf übelste ...

ist der Este Edgar Parts, der das Fähnchen stets nach dem Wind hängt - mal ist er ein aufrechter Este, dann arbeitet er den deutschen nationalsozialistischen Besatzern während des 2. Weltkriegs auf übelste Weise zu, nämlich als Aufseher im KZ, um dann schließlich als aufrechter Genosse dem Sowjetregime zu dienen. Ist das denn so einfach möglich? Nein, natürlich nicht und anders als sein deutscher Seelenverwandter Diederich Heßling - Heinrich Manns Untertan - kommt er auch nicht ganz unbeschadet davon, sondern wird wie so viele seiner Landsleute nach Sibirien verschickt. Aber danach fällt er in seinem Vaterland Estland wieder auf die Füße!

Edgar Parts kennt im wahrsten Sinne des Wortes keine Verwandten - selbst seine durchaus verehrte Ziehmutter wird von ihm ausgenutzt, sein Cousin Roland, ein wahrhaft aufrechter Este, der an seiner Überzeugung verzweifelt und seine Frau Juudit, deren zeitweiliges kleines privates Glück sich als überaus vergänglich erweist, sind für ihn nur Mittel zum Zweck. Und leider hat dieser ausgesprochene Unsympath doch immer wieder den richtigen Riecher und leider auch Erfolg mit seinen unlauteren Methoden, die einzig und allein dazu dienen, ihn heil durchkommen und gut dastehen zu lassen.

Dicht ist die Handlung in diesem klugen und überaus anspruchsvollen Roman, die Autorin Oksanen hat akribisch recherchiert und stellt den Leser vor zahlreiche Fragen. Die Handlung ist sehr akkurat in den jeweiligen zeitlichen Kontext eingebettet, sowohl Figuren als auch Orte, Ereignisse etc. entsprechen dem jeweiligen Zeitgeist, was durchaus mit sich bringt, dass dem Leser vieles fremd ist. Ich betrachte mich eigentlich als nicht ganz unbeleckt, was die Geschichte Estlands betrifft, doch ist die Autorin derart tief in das große Ganze eingetaucht, dass historisch Reales auch in Form von Nebendarstellern und -schauplätzen detailliert eingearbeitet wurde und das betrifft nicht nur die estnische, sondern gleichermaßen die deutsche und sowjetische, ja, man könnte sagen, die europäische Geschichte.

Für mich war dieser Roman außerordentlich bereichernd, da ich das angefügte, in seinen Erläuterungen gelegentlich etwas knapp gehaltene Glossar immer wieder durch eigene Internet-Recherchen ergänzt habe - somit ist mein Bild von den Ereignissen in Nordeuropa während des zweiten Weltkrieges und in den Folgejahren nun um einiges runder. Wer das Angebot der Autorin annimmt und alle Erzählstränge, alle Andeutungen aufgreift, der wird zwar geraume Zeit mit dem Roman zu tun haben, sich aber keinen Augenblick langweilen.

Auch ein Verzeichnis der Hauptfiguren ist angefügt, das aus meiner Sicht jedoch ausgesprochen unvollständig ist und dadurch zumindest bei mir für einige Verwirrung gesorgt hat.

Zuletzt ein Wort zur Sprache - man könnte meinen, dies sei ein rein historischer Roman, doch ist es auch ein poetisches Werk von hohem literarischen Anspruch, der bis in die Übersetzung hineinreicht. Ein Buch, das aufgrund seiner sehr speziellen Thematik sicher nicht für jeden von Interesse ist, das aber denjenigen, die zu den inhaltlichen Wendungen einen Draht haben, sicher sehr viel bringen wird.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Eine haarige Sache

Die Sache mit Norma
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ist es, die Sofi Oksanen diesmal erzählt: das Schicksal Normas, die, gerade erst 30jährig, ihre Mutter Anita durch Freitod verloren hat. Anita arbeitete in einem Haarsalon - einem sehr modernen, der sich ...

ist es, die Sofi Oksanen diesmal erzählt: das Schicksal Normas, die, gerade erst 30jährig, ihre Mutter Anita durch Freitod verloren hat. Anita arbeitete in einem Haarsalon - einem sehr modernen, der sich voll und ganz Echthaar-Extentions verschrieben hat. Wobei ihre Tochter definitiv keine nötig hat: sie hat mehr Haare, als sie gebrauchen kann.

Und die machen ihr nicht nur Freude, sondern bestimmen ihr Leben: nämlich als Indikatoren für Ereignisse, gewissermaßen auch als Droge - und als noch so einiges, aber das offenzulegen, würde bedeuten, Ihnen jetzt schon zu viel vom Geschehen zu verraten!

Ein bisschen was von einem Krimi hat diese Geschichte, die Menschen zusammenbringt, die seit Jahrzehnten miteinander verbunden sind, teilweise, ohne es zu wissen. Norma will auf jeden Fall herausfinden, was ihre Mutter dazu bringen konnte, sich auf die Bahngleise zu stürzen. Aus ihrer Sicht kann es dafür nur einen einzigen Grund geben: nämlich sie, ihre Tochter zu schützen - aber warum, um alles in der Welt? Oder war es Mord? Und wer der Schuldige?

Um dies herauszufinden, begibt sich Norma in den Haarsalon, der von Marion geführt wird, einer Tochter von Anitas Jugendfreundin, die seit Jahren in einer Nervenklinik weilt. Auch deren Sohn sowie Exmann mit zweiter Ehefrau hängen mit drin, also eine Sache unter Freunden? Sind sie Täter oder Opfer?

So plakativ bleibt die Geschichte nicht - so leicht macht die Autorin es uns nicht, hat sie es ja nie gemacht, zumal in dem Buch auch Gewesene auftreten, eine vor allem, Anitas Großmutter Eva, die also Normas Urgroßmutter ist und ihre große Zeit in den 1920ern hatte. Was sie dort zu suchen hat? Es hat alles seinen Sinn, seinen Hintergrund, seine Rechtfertigung: trotz allem Extremen, Überraschenden schwingt bei Oksanen auch immer etwas Rationales mit.

Wobei es ein wenig dauert, bis man darauf kommt: Sofi Oksanen schreibt ungewöhnliche Bücher: das ist mir nach der Lektüre ihres gesamten bisher in deutscher Übersetzung erhältlichen Oeuvres völlig klar, aber "Die Sache mit Norma" sprengt alles bisher Dagewesene - und zwar gewaltig.

Starke, eigenartige und eigenwillige Figuren sind es, die hier agieren, größtenteils Protagonisten einer modernen Welt, die jedoch allesamt etwas Urtümliches , ja Sagenhaftes in sich tragen. Und die den Machenschaften, Problemen, Fragestellungen der Gegenwart, die hier angesprochen werden, einen Hintergrund verleihen.

Anwandlungen ins Märchenhafte hat es bei Oksanen immer wieder mal gegeben, auch wenn sie tief in ihrem Herzen immer Realistin bleibt, eine Autorin nämlich, die das wirklich Wichtige, die großen Fragen des menschlichen Daseins thematisiert und das tut sie auch in diesem Buch. Extrem und eigenwillig wie ihre Figuren ist auch dieser Roman der Autorin, man könnte ihn auch - ohne zu übertreiben - als wahnwitzig bezeichnen. Ganz sicher nicht ein Buch für jedermann, es wird bestimmt polarisieren. Aber wer bisher einen Gewinn aus den Romanen Oksanens gezogen hat, der wird das möglicherweise auch diesmal tun - außer wenn es ihm prioritär um die historische Einbettung gegangen ist. Dennoch - einen Versuch ist es allemal wert!