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Veröffentlicht am 30.12.2017

Some broken hearts never mend

Club der gebrochenen Herzen
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heißt es in einem amerikanischen Country-Gassenhauer und genau dies will Buffy, der "Landlord", also der neue Inhaber des heruntergekommenen walisischen Bed & Breakfast "Myrtle House" ändern und formt ...

heißt es in einem amerikanischen Country-Gassenhauer und genau dies will Buffy, der "Landlord", also der neue Inhaber des heruntergekommenen walisischen Bed & Breakfast "Myrtle House" ändern und formt es kurzerhand zu einem Singletreffpunkt, an dem in Kursen diverse Fertigkeiten, die das Alleinleben erleichtert werden, vermittelt wird. Doch es ist kein glatter Unterhaltungsroman, genausowenig wie eine geradlinige Geschichte, die uns hier erwartet: Buffy erbt das Haus, das ihm unbekannt ist, von einer alten Freundin - bisher war er Schauspieler, befindet sich aber so ziemlich auf dem absteigenden Ast, was in Anbetracht der Tatsache, dass er bereits 70 Jahre alt ist, nicht so verwunderlich ist. Außerdem verfügt er über eine weitverzweigte Patchworkfamilie mit zahlreichen - erwachsenen - Kindern.
Also, Buffys Pension entwickelt sich wie auch der Roman nach und nach und ein kleines bisschen schwerfällig, was jedoch dem Charme des Buches nur wenig abträglich ist, vermittelt es doch britische Gepflogen- und Verschrobenheiten in allen möglichen Facetten.
Ohne es geplant zu haben, entwickelt sich Myrtle House zu dem Ort, an dem "broken hearts" sehr wohl "menden" also wieder zusammengesetzt werden - die Liebe erblüht an diesem seltsamen Ort auf oft abwegige und nicht immer romantische Weise und so gut wie jeder verlässt diesen Ort ein wenig glücklicher. Warum? Nun, auf die unterschiedlichste Weise gelingt es den Figuren, ein kleines bisschen von sich selbst zu entdecken und sich dem Leben - und damit einer neuen Beziehung - zu öffnen. Auch Buffy selbst - ein britischer Romanheld par excellence - bleibt davon nicht verschont.
Wer treffend dargestellte Figuren, Originale unterschiedlichster Couleur, Helden abseits des Weges und vor allem Darstellungen älterer bzw. nicht unbedingt dem gängigen Schönheitsideal entsprechender Menschen liebt und auch den englischen Eigenheiten alles andere als abgeneigt ist, der sollte nicht zögern und flugs zu diesem Buch greifen - abgesehen von den anfänglichen Längen wird er glänzend und nachhaltig unterhalten. Leichtigkeit mit einem gewissen "british sense of humour" und teilweise ernstem Hintergrund - empfehlenswert für jeden, der ein bisschen gute Laune vertragen kann!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein Roman wie eine hauchzarte Sommerbrise

Unter Frauen
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So könnte man "Unter Frauen", Alexander Broichers luftig-leichte Kreation, die ich eher als Erzählung oder Novelle denn als Roman klassifizieren würde, bezeichnen.
Die Story: Tills Freundin hat sich absentiert, ...

So könnte man "Unter Frauen", Alexander Broichers luftig-leichte Kreation, die ich eher als Erzählung oder Novelle denn als Roman klassifizieren würde, bezeichnen.
Die Story: Tills Freundin hat sich absentiert, wodurch ihm gleich auch noch seine Wohnung mit flöten gegangen ist. Zudem hat er einen neuen Job in der Chemiebranche als Tester von Kosmetikprodukten. Und das alles in Hamburg, das ja bekanntlich nicht gerade das günstigst Pflaster ist... Er probiert alles, um wenigstens an ein WG-Zimmer zu kommen - nichts! Bis er eine von drei Traumfrauen bewohnte Traumwohnung entert, in der er nur bleiben kann, indem er vorgibt schwul zu sein. Nach etlichen Verwicklungen löst sich dann alles doch noch in Wohlgefallen auf - oder?
Nun, die Geschichte ist aus meiner Sicht zwar charmant geschrieben, inhaltlich jedoch derart ereignis- und belanglos, dass ich mich mit dieser Rezension beeilen muss - ich werde den Inhalt schon in Kürze wieder vergessen haben. Weder passiert etwas Sensationelles noch werden besondere Erkenntnisse, Emotionen oder andere herausragende Faktoren transportiert. Es bleibt ein schönes Buch, das mit 18 Euro leider komplett überteuert ist und dessen Inhalte mich leider trotz des netten Stils im Großen und Ganzen unberührt lassen.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Die Bestie Mensch

Die Bestien von Belfast
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In diesem spannenden Krimi in der wohl zerrissensten Stadt Westeuropas
kommen zwar wilde, aus dem Belfaster Zoo entflohende Hunde und auch
Wildschweine vor - die wahre Bestie, die hier ihr (Un)Wesen offenbart,
ist ...

In diesem spannenden Krimi in der wohl zerrissensten Stadt Westeuropas
kommen zwar wilde, aus dem Belfaster Zoo entflohende Hunde und auch
Wildschweine vor - die wahre Bestie, die hier ihr (Un)Wesen offenbart,
ist jedoch der Mensch.

Leichen pflastern den Weg von Karl Kane,
einem ehemaligen Polizisten und Detektiv, der in echter Noir-Manier
daherkommt und dem neben einem Hauch von Coolness leider auch die Rolle
des Losers zunächst scheinbar unabdingbar anhaftet.

Von einem
geheimnisvollen Klienten erhält Kane, der wenig Geld und ein
durchwachsenes Privatleben hat, einen schwierigen Auftrag. Kane ist eine
Art Unglücksrabe unter den Detektiven: es mangelt ihm an Geld, er ist
getrennt von Frau und Tochter - wie wir im Laufe des Thrillers erfahren,
geschah dies unter ausgesprochen unangenehmen Umständen - und nicht
gerade erfolgreich als Detektiv - und vor allem: er wird von der Welt
nicht so recht verstanden. Andererseits wird er aber in seiner Detektei
von der jungen und hübschen Naomi unterstützt, die zudem seine Geliebte
und ihm - für ihn selbst unverständlich - aus ganzem Herzen zugetan ist.
In einigen Facetten erschien mir die Figur des Karl Kane als eine Art
männliche Claire DeWitt, Heldin der außergewöhnlichen Krimis von Sara
Gran.

Die brutale und spannende Geschichte wird kunstvoll,
eloquent und aus einer gewissen Distanz erzählt, die auch ein wenig
zartbesaitetere Leser wie mich bei der Stange hält, obwohl es gnadenlos
zur Sache geht. Karl Kanes Feldzug gegen die Bestie Mensch ist in bester
Noir-Manier, stilvoll, teilweise kühl und meist wie aus der Ferne
geschildert - für Freunde knallharter, moderner Thriller, die mittendrin
sein möchten, vielleicht ein wenig zu manieriert, für Liebhaber des
gehobenen Erzählstils, feiner literarischer Anspielungen und gekonnt
gewählter, immer passender und spitzfindiger Zitate jedoch genau das
Richtige. Zwei kleine Kritikpunkte zum Schluss - manchmal wurde es für
den Leser ein bisschen wirr und dadurch schwierig zu folgen - und der an
und für sich gut konzipierte und absolut überraschende Schluss hätte
ein wenig runder sein können. Insgesamt jedoch empfehle ich diesen
stilvollen Krimi gerne weiter - mit den genannten Einschränkungen,
versteht sich.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Gegen das Vergessen

Etta und Otto und Russell und James
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macht sich die 83jährige Etta auf zur Wanderung ihres Lebens, die sie nicht nur aus diesem einen Grunde macht. Nein, sie will auch das Meer sehen und wählt dazu nicht den kürzeren, nein, sie wählt den ...

macht sich die 83jährige Etta auf zur Wanderung ihres Lebens, die sie nicht nur aus diesem einen Grunde macht. Nein, sie will auch das Meer sehen und wählt dazu nicht den kürzeren, nein, sie wählt den langen, den mühsamen Weg - eine Wahl, die Otto, ihr daheim zurückgelassener - nicht jedoch verlassener - Ehemann durchaus verstehen kann. Daher bleibt er zu Hause und lernt, ebenfalls 83jährig, sich selbst zu bekochen und vor allem zu bebacken, denn Etta hat ihm ihre Rezeptkarten dagelassen.

Russell, ihr gemeinsamer Nachbar, langjähriger Freund und - in Ottos Fall - Konkurrent um Ettas Gunst &Liebe und selbstverständlich ebenfalls 83 - ist nicht ganz so ruhig und macht sich auf, um Etta zu finden. Ihren Wunsch, allein zu sein, respektiert jedoch auch er und hält stets gebührenden Abstand.

Denn allein ist Etta nicht, sie hat James getroffen und sich mit ihm angefreundet und wird nunmehr von ihm begleitet auf ihrer Wanderung ans Meer und ins Reich der Erinnerungen, die sie mit ihrer Aktion nicht nur bei sich, sondern auch bei Otto und Russell zu wecken weiß.

Ein Roman, in dem viele wichtige Themen angesprochen werden: Krieg, Frieden, Demenz, doch auch Einsamkeit, Respekt und Freundschaft. Es ist eine Dreiecksgeschichte der ganz besonderen Art, so wie das ganze Buch ein besonderes ist. Emma Hooper versteht es, eine ganz besondere - im Übrigen von Michaela Grabinger einfühlsam übersetzte - Sprache zu sprechen, vielmehr zu schreiben. Märchenhafter Realismus ist der Begriff, der für mich passend dafür erscheint, auch wenn er absolut unwahrscheinlich und unrealistisch klingt. Ein Buch mit vielen klugen, doch vor allem menschlichen Botschaften - ein weises Buch, ein warmherziges Buch, eines, das ohne kitschig oder wehmütig zu sein, düstere Themen anspricht und dennoch während und vor allem nach dem Lesen ein absolut wohliges Gefühl im Bauch und auch im Herzen des Rezipienten zurücklässt. Ein Buch auch gegen das Vergessen des Lesestoffs - dieser ist so besonders, das man sich dieses Buchs immer erinnern wird!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Marschbefehl in idyllischer Schärenlandschaft

Mörderische Schärennächte
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Der vierte Teil von Viveca Stens auf und um die idyllische Ferieninsel Sandhamn angesiedelten Krimi-Reihe lässt schon auf den ersten Seiten die gewohnte atmosphärische Spannung aufkommen, die ich so liebe. ...

Der vierte Teil von Viveca Stens auf und um die idyllische Ferieninsel Sandhamn angesiedelten Krimi-Reihe lässt schon auf den ersten Seiten die gewohnte atmosphärische Spannung aufkommen, die ich so liebe. Die Handlung garantiert wie immer Aufregung und Unterhaltung gleichermaßen. Diesmal entführt uns die Autorin in ein für das friedliche und friedliebende Schweden sehr ungewöhnliches Setting - in die Welt des Militärs, die auch hier existiert. Zunächst wird ein toter junger Mann, ein Psychologie-Student aufgefunden, es folgen weitere Leichen - Männer in den 50ern, alle mit einer gemeinsamen militärischen Vergangenheit in den 1970er Jahren - und zwar bei den damals in unmittelbarer Nähe zu Sandhamn stationierten Küstenjägern. Allmählich kristallisiert sich eine Verbindung zwischen allen Todesfällen heraus - denn der Junge Student hat Forschungen im militärischen Umfeld getätigt. Wie so oft bei Viveca Sten, gibt es auch hier Verbindungen zu früheren Ereignissen - diesmal zur schwedischen Armee der 1970er Jahre.

Wie immer spielt auch die Rahmenhandlung um den attraktiven Ermittler Thomas Andreasson und seine Freundin aus Kindheitstagen, die Juristin Nora, eine Rolle, wobei sich das Leben der beiden in unterschiedliche Richtungen entwickelt: während Thomas und seine Exfrau wieder zueinander gefunden haben, treibt Nora die Scheidung zum untreuen Gatten voran und versucht sich mit dem Leben als alleinerziehende Mutter zu arrangieren.

Neben der Krimihandlung legt Viveca Sten in ihren Büchern stets den Akzent auf die Vermittlung und Relevanz gewisser Werte wie Freundschaft und Treue - da dies niemals mit dem erhobenen Zeigefinger und eher beiläufig geschieht, ist dies aus meiner Sicht ein angenehmer Aspekt, auf den ich mich bei jedem neuen Sandhamn-Krimi schon freue.

Wie auch in den beiden Vorgängern beweist sich die Autorin auch diesmal als Meisterin der atmosphärischen Dichte: der treue Leser kennt Sandhamn mittlerweile (fast) wie seine Westentasche und auch das Stockholmer Umfeld des Kripo-Teams ist ihm nicht mehr fremd. So fällt es ihm nicht schwer, mit Thomas, seiner Kollegin Margit und nicht zuletzt mit der wie immer an den Ermittlungen partizipierenden Nora - die diesmal als Lieferantin extrem wichtiger Hintergrundinformationen fungiert - mitzufiebern, sie quasi dabei zu begleiten. Dieser Band beinhaltet viele besonders tragische und auch brutale Elemente - gleichwohl gelingt es der Autorin, die über der Ferieninsel schwebende Leichtigkeit und spezifische Atmosphäre aufrechtzuerhalten, wobei von Unbeschwertheit keine Rede sein kann.

Viveca Sten hat sich mit ihren Krimis bereits eine treue Fangemeinde in Deutschland geschaffen - dieser wieder einmal überaus gelungene Band wird diese sicher noch vergrößern. Für Leser, die Autoren wie Viveca Stens Landsmänninnen Helene Tursten und Camilla Läckberg oder auch die Finnin Leena Lehtolainen lieben, ein gefundenes und von mir aus ganzem Herzen empfohlenes Fressen mit der Chance zu einer weiteren skandinavischen Lieblingsserie, wenn sie es nicht schon längst ist!