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Veröffentlicht am 30.12.2017

Afrikanisches Drama

Der Wasserdieb
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Ingenieur Nick zieht es aus England nach Afrika, wo er mit dem Bau eines Krankenhauses Gutes tun will. Dabei kommen ihm nicht nur die Umstände, sondern auch die Gefühle zu einer bereits vergebenen Frau, ...

Ingenieur Nick zieht es aus England nach Afrika, wo er mit dem Bau eines Krankenhauses Gutes tun will. Dabei kommen ihm nicht nur die Umstände, sondern auch die Gefühle zu einer bereits vergebenen Frau, die zu allem Unglück auch noch erwidert werden, in die Quere. Und so nimmt ein Drama seinen Lauf...

Mein Fazit: der Wasserdieb hat auch mich beraubt - so empfinde ich es jedenfalls und zwar hat er sich meiner Zeit habhaft gemacht. Ja, ich empfinde die Lesezeit leider als gestohlene Zeit, da ich mich ziemlich durch das Buch quälen musste und so gar keinen Lesespaß hatte! Dabei ist es nicht einmal schlecht geschrieben, doch aus meiner Sicht zieht es sich, die Geschichte entwickelt sich ausgesprochen schleppend. Daher habe ich mir auch immer wieder mal eine Lesepause "gegönnt", wodurch mir der rote Faden so ziemlich verloren ging.

Also leider Daumen runter für die Geschichte von Nick, der im Nahen Osten helfen will und dabei die Liebe entdeckt, leider eine fatale. Ich habe mich ziemlich gelangweilt und werde nach dieser Erfahrung sicher nicht mehr zu einem Roman von Claire Hajaj greifen, auch wenn es gut sein kann, dass ich dadurch mit "Ismaels Orangen", das ja wesentlich positiver bewertet wurde, etwas verpasse.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Autorin, die ja selbst durch jüdische und palästinensische Wurzeln Nahost-Erfahrung hat, hier mit Afrika (ein Land wird nicht näher angegeben) in Gegenden wildert, die ihr selbst fremd bzw. fern geblieben sind. Ich jedenfalls empfinde es so, als ob Claire Hajaj selbst nicht mit ganzem Herzen dabei war, als sie dieses Buch schrieb! Dadurch, dass die Orte, das Land, anonym bleiben, wird auch nicht richtig ein Bezug, eine Beziehung zur Region hergestellt, so empfinde ich es jedenfalls.

Es ist auch nicht nur der fehlende Bezug zum Raum, auch hinsichtlich der Zeit fehlt mir die Orientierung - ist es die Gegenwart oder liegt das Geschehen in der Vergangenheit? Ich würde auf Ersteres tippen, bin mir aber nicht sicher.

Ich finde, dieses Buch kann man sich ohne Weiteres sparen: nach der Lektüre bin ich ebenso schlau wie zuvor. Keine Leseempfehlung also von mir.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Auf die Spuren der angelsächsischen Thriller-Kultur

Nachts kommt die Angst
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begibt sich Gabriela Gwisdek mit ihrem Psychothriller "Nachts kommt die Angst". In der Zeit eines persönlichen Umbruchs zieht die Malerin Alexandra in ein einsames, verwahrlostes Haus in der Uckermark, ...

begibt sich Gabriela Gwisdek mit ihrem Psychothriller "Nachts kommt die Angst". In der Zeit eines persönlichen Umbruchs zieht die Malerin Alexandra in ein einsames, verwahrlostes Haus in der Uckermark, um endlich zur Ruhe zu kommen. Doch diese ist ihr nicht vergönnt: sie wird bald unheimlicher Gestalten in ihrem Haus gewahr und was noch viel schlimmer ist: eine Serie von Morden an jungen, rothaarigen Frauen - genau solchen, wie auch Alexandra es ist, geschieht ganz in der Nähe. Es gibt zwar eine Reihe von Verdächtigen, aber noch ist keiner gefasst, das Grauen geht also weiter.
Was läuft, wem kann Alexandra trauen - oder haben sich gar am Ende alle gegen sie verschworen?
Sie knüpft Kontakt zu Harris, dem Dorfpolizisten, der ihr als einer der wenigen offen entgegentritt, bekommt Besuch von ihrer alten Frankfurter Freundin Nina, trifft den einen oder anderen Dorfbewohner... doch wer geistert des Nachts in ihrem Hause herum? So richtig glauben mag ihr niemand, Alexandra ist ganz auf sich gestellt... und weitere rothaarige Frauen müssen ihr Leben lassen...
Gabriela Gwisdek ist mit diesem Buch ein für die deutsche Krimilandschaft sehr ungewöhnliches Werk gelungen. Weit entfernt von mehr oder weniger betulichen Regionalkrimis oder intelektuell-analytischen Whodunnits hat sie hier einen Thriller, der sich eher in die angelsächsische Tradition des knallharten, bedrohlichen einreiht, geschaffen. Wahrlich - einen recht hohen Gruselfaktor hat die Autorin in ihre Story eingebaut, die Leser sollten also gute Nerven haben - und das Ganze locker sehen, denn es gibt auch das ein oder andere Manko, das vor allem in der Beschreibung der Figuren liegt - nicht imme werden diese so lebendig, so anschaulich, wie es sich der Leser wünschen würde. Doch das sind eher Kleinigkeiten. Wer also dramatische Psychothriller im Stil von "Ich.darf. nicht.schlafen." von S.J. Watson mag, der ist mit diesem Buch bestens bedient!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Der schönste Platz ist immer auf dem Südbalkon

Südbalkon
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Und dort befindet sich Ruth Amsel nicht unbedingt: arbeitslos hängt sie viele Stunden am Tag allein in der Wohnung, die sie zusammen mit Freund Raoul - die Beziehung hat auch schon bessere Tage gesehen ...

Und dort befindet sich Ruth Amsel nicht unbedingt: arbeitslos hängt sie viele Stunden am Tag allein in der Wohnung, die sie zusammen mit Freund Raoul - die Beziehung hat auch schon bessere Tage gesehen - bewohnt, herum, hat Zweifel an der Loyalität ihrer Freundin Maja... und eben nur einen Westbalkon in einer Hochhauswohnung. Den nutzt sie allerdings voll aus, um ihre Nachbarn zu beobachten. Damit vergehen ihre Tage, unterbrochen von Putzorgien, vereinzelten Treffs mit Maja - bevorzugt in Musterwohnungen von Möbelhäusern, da es dort billiger ist als im Café und von Besuchen bei der Gesellschaft für W., nämlich für Wiedereingliederung. Ruth, eine lustlose Vertreterin der Gesellschaft, eine Parasitin? Nichts weniger als das, doch das werden Sie selbst wahrnehmen, wenn sie Isabella Straubs herrlich konstruierten Roman lesen, nein: genießen.

Gelegentliche Abstecher ins Tragikomische offenbaren Ruths wunde Stellen. Wahrhaft kein Mensch, der auf der Sonnenseite des Lebens weilt. Aber trotzdem ist dies ein helles, ein lichtes Buch, weit entfernt davon, für Frustration zu sorgen.

Die Ursache dafür ist nur durch die Lektüre desselben herauszufinden, aber glauben Sie mir - es lohnt sich, in diese von isabella Straub geschaffene Welt einzutauchen. Ihre Sätze sind treffend - auf wenigen Seiten skizziert sie eine Fülle von Charakteren, auf die man erstmal kommen muss - und die man so schnell nicht vergisst - und auch die Handlung ist nicht ohne. Hier zeigt sich, dass das Alltägliche oft die besten Geschichten birgt.

Als Kölnerin habe ich quasi mit der Muttermilch eingesogen, dass der schönste Platz immer an der Theke ist. Doch Isabella Straub hat mich eines Besseren belehrt - er ist auf dem Südbalkon, auf dem Südbalkon des Lebens nämlich, also quasi auf der Sonnenseite. Und oft sind es Kleinigkeiten, die einem dazu verhelfen, dort hinzukommen. Beispielsweise dieses Buch - satirisch, aber nie zynisch: es macht einfach gute Laune!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Zuckrig, buttrig, weich, mit einer ordentlichen Prise Salz

Solange am Himmel Sterne stehen
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... und einfach herzerwärmend - so präsentiert sich Kristin Harmels Roman "Solange am Himmel Sterne stehen" dem Rezipienten oder vielmehr der Rezipientin, denn ohne damit ein Urteil über die Qualität des ...

... und einfach herzerwärmend - so präsentiert sich Kristin Harmels Roman "Solange am Himmel Sterne stehen" dem Rezipienten oder vielmehr der Rezipientin, denn ohne damit ein Urteil über die Qualität des Buches abgeben zu wollen, würde ich es klar in die Kategorie "Frauenroman" einordnen.

Worum geht's? Hope hat es nicht leicht - frisch geschieden, mit ihrer12jährigen Tochter Annie, die nicht gerade pflegeleicht ist, hat sie auch noch mit einem Fulltime-Job - als Besitzerin und alleinige Bewirtschafterin einer Bäckerei - zu kämpfen und muss auch noch erfahren, dass sie immense finanzielle Probleme hat und kurz vor einer Pleite steht. Und obendrein obliegt ihr nach dem nicht allzu lange zurückliegenden Krebstod ihrer Mutter die Verantwortung für ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter - diese befindet sichin einem Pflegeheim, aber dennoch ist Hope als Ansprechpartnerin für Ärzte und Pflegekräfte und natürlich als familiärer Rückhalt ständig im Einsatz. Mamie, wie Hope ihre Großmutter nennt, bittet sie in einem lichten Moment um einen Gefallen - um eine Reise in ihre Heimat Frankreich, in der sie seit über 70 Jahren nicht mehr war. Mit auf den Weg bekommt sie eine Liste mit Namen, die ihr überhaupt nichts sagen. Nicht ohne gewissen Druck von Tochter Annie begibt sich Hope auf die Reise und taucht tief in die tragischen Wirren des zweiten Weltkrieges ein, erfährt Ungeahntes über ihre Vergangenheit und gewinnt Freunde und Verwandte, von deren Existenz sie nicht mal ansatzweise wusste .

Es ist schon eine kitschige Geschichte, die sich hier vor der Leserin ausbreitet, doch eine mit ordentlichen Tiefen. Die Autorin hat fleißig und mit Herz recherchiert und so erfährt man hier auch eher unbekannte Details über die Situation der Pariser Juden im 2. Weltkrieg. Auch wenn einige Windungen ein wenig glattgezogen sind, einige Hindernisse unglaubwürdig schnell gelöst werden können, ist dies ein mitreißender, empfehlenswerter Roman mit einer Botschaft: nämlich der, dass Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft über die Grenzen der Religionen hinweg Bestand haben kann, wenn man nur daran glaubt.

Und über all dem schweben die Düfte des köstlichen Backwerks aus Hopes Bäckerei, aber auch aus einigen Pariser Backstuben - die Rezepte spielen nämlich bei dem Puzzlespiel um die Zusammensetzung von Roses und Hopes Familiengeschichte eine nicht unwesentliche Rolle. Das Beste dabei - Sie können sie nachbacken und den Duft beim Lesen genießen, denn einige der Rezepte sind im Buch enthalten.

Dies ist eine richtig saftige Schmonzette mit Herz und Schmerz - und mit ordentlich Tiefgang! Wer also originelle Geschichten mit Rückblenden in die Vergangenheit und mit mehr als einer Prise Romantik liebt, der ist hier sehr gut aufgehoben und wird mit Sicherheit bald einen neuen Lieblingsroman haben!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Der eiserne Vorhang

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
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.... in seiner extremst möglichen Form existiert heute noch: nämlich zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt. Wenig dringt aus dem für uns geheimnisvollen Land durch, wenig dringt umgekehrt aus dem Westen ...

.... in seiner extremst möglichen Form existiert heute noch: nämlich zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt. Wenig dringt aus dem für uns geheimnisvollen Land durch, wenig dringt umgekehrt aus dem Westen dorthin.

Über dieses merkwürdige Land, das ich derzeit aus gegebenem Anlass durchaus als bedrohlich bezeichnen würde, hat nun der Amerikaner Adam Johnson einen Roman geschrieben, der viel Beachtung fand und gar mit dem Pulitzerpreis für Literatur prämiert wurde. Was ist so besonders daran? Zunächst vor allem, dass der amerikanische Autor die Innensicht nutzt - erzählt wird stets aus nordkoreanischer Perspektive, sei es aus der des Titelhelden Jun Do, der eines Propagandasenders oder derjenigen eines Verhörbeamten im Gefangenenlager, der ab der Mitte des Romans zeitweise als Ich-Erzähler auftritt.

Ganz schön anmaßend, sich als Außenstehender eine solche Innensicht anzueignen, könnte man meinen. Doch Adam Johnson hat gründlichst recherchiert und war selbst in Nordkorea, die Werte und Eindrücke, die er in seinem Roman vermittelt, klingen glaubhaft und nachvollziehbar. Dem Leser wird deutlich, "...dass es für den, der die Realität infrage stellte, nur eine Strafe gab, und zwar die Höchststrafe, und dass man sich in akute Lebensgefahr begab, wenn man auch nur bemerkte, dass sich die Realität verändert hatte" (S.643). Wie dies vonstatten gehen kann, dies schildert der Autor in der aberwitzigen Geschichte um Jun Do, die gleichzeitig die Geschichte der nordkoreanischen Filmschauspielerin Sun Moon, des Kommandanten Ga und eines anonymen Verhörspezialisten ist.

Der Rezipient des Romans sollte schon ein recht dickes Fell sein Eigen nennen - oder aber Meister im Überlesen prekärer Szenen sein - sowohl im Gefangenenlager als auch bei den anfänglichen Szenen in Japan geht es ganz schön zur Sache, was Folter etc. angeht: man sollte also wirklich bereit sein, sich Nordkorea in allen seinen Facetten zu stellen, wenn man diesen Roman durchstehen will, denn er ist alles andere als leichte Kost. Doch am Ende ist man reicher - vor allem um ein ungewöhnliches literarisches Werk, das bereits Literaturgeschichte geschrieben hat und dies weiter tun wird.