Die Wirren der Zeit
Hannahs Briefenämlich der 1930er Jahre und auch der davorliegenden Epoche in Brasilien und in (Ost)Europa beeinflussen das Handeln, tangieren das Wohl und Weh jeder einzelnen Figur in diesem bewegenden, ungewöhnlichen ...
nämlich der 1930er Jahre und auch der davorliegenden Epoche in Brasilien und in (Ost)Europa beeinflussen das Handeln, tangieren das Wohl und Weh jeder einzelnen Figur in diesem bewegenden, ungewöhnlichen Roman.
Die Ausgangssituation: der Schuhmacher Max Kutner, polnischer Jude und seit einigen Jahren in Rio de Janeiro ansässig, wird vom brasilianischen Geheimdienst dazu gezwungen, Briefe aus dem Jiddischen zu übersetzen: es geht darum, eventuelle Geheimbünde bzw. (linke) politische Verschwörungen aufzudecken. Dadurch erfährt er eine ganze Menge über viele Menschen in seinem Umfeld, erhält ungewollte Einblicke in ihr Leben und vor allem in ihr Denken. Vor allem beginnt er sich für Hannah, die er über die Korrespondenz mit ihrer Schwester kennenlernt, zu interessieren ... und eines Tages steht sie bei ihm in der Werkstatt....
Ab dann wird Max so richtig in den Strudel der Ereignisse gezogen, sein Interesse für Hannah offenbart ihm - und dem Leser - eine andere Welt.
Nun, dies ist ein anspruchsvoller historischer Roman, der keine romantische Liebesgeschichte beschreibt, sondern vielmehr das Denken und Handeln von Menschen, die - warum auch immer - anders nicht können. Der Leser erhält tiefe Einblicke in die Denkweise und die Wertvorstellungen der damaligen Zeit, Ronaldo Wrobel versteht es nahezu meisterhaft, die Atmosphäre vergangener Jahre zu generieren. Und ich muss sagen, nach der Lektüre bin ich froh um die Gnade der späten Geburt!
Ein gnadenloser Roman, der den Menschen in seinem tiefsten Wesen offenbart und ihn quasi entblößt, ein Roman ohne jegliches Schamgefühl. Dabei geht es nur am Rande um Erotik, Liebe und Sex, in erster Linie geht es um Selbsterhaltung.
Wer emotional so einiges verkraften kann, wer Sprachgewalt gepaart mit philosophischen Erkenntnissen liebt - Wrobel verwöhnt den Leser mit Sätzen wie "Genau genommen waren die, die mehr hatten, als sie brauchten, auch die, die mehr brauchten, als sie hatten.", der kommt an diesem Buch nicht vorbei!