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Veröffentlicht am 20.12.2017

Wenn das Damals zurückkehrt

Whiteout
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Die Wissenschaftlerin Hanna befindet sich gerade auf einer Expedition in die Antarktis, als die Vergangenheit sie einholt - in Form einer Mail ihres Bruders Jan.

"Scott ist tot" steht drin und es ist ...

Die Wissenschaftlerin Hanna befindet sich gerade auf einer Expedition in die Antarktis, als die Vergangenheit sie einholt - in Form einer Mail ihres Bruders Jan.

"Scott ist tot" steht drin und es ist natürlich nicht derjenige Scott, der Amundsen vor langer Zeit ins Eis folgte, obwohl - andererseits ist er es natürlich doch. Denn Hanna, Jan und die gemeinsame Freundin Fido haben immer die Expedition nachgespielt - und IMMER war Hanna Amundsen, Fido war Scott und Jan war Wilson.

Hanna ist diejenige, die ihren Kindheitstraum wahr gemacht hat, so sehr, dass sie die Rolle von Amundsen lebt. Sie nämlich ist es , die die aktuelle Expedition leitet. Scott und Wilson aus der Kindheit hat sie hinter sich gelassen und auch zu den Teilnehmern ihrer aktuellen Expedition ist das Verhältnis ziemlich distanziert.

Aber jetzt katapultiert sich die Vergangenheit durch einen Knopfdruck wieder in ihr Leben und sie wird von ihrer Kindheit eingeholt.

Die Autorin Anne von Canal lässt so einiges offen, dennoch ist dies ein klares Buch. Nicht, dass keine diffusen Gedanken zugelassen werden, doch es ist klar, um was es geht: um Hanna, um das was sie prägte, um das, was sie wurde und darum, wie es weitergehen wird. Ein Auszug aus der Innensicht eines Menschen, denn das ist es, wie wir die Gedanken und die Gegenwart Hannas sehen. Durch ihren Blick. Die Sichtweisen der anderen, vor allem die von Fido, können wir nur erahnen.

Ein Roman, der sich einschleicht in die Gedanken des Lesers, der Einblicke gewährt, aber auch Raum für Spekulationen lässt und auch für Übertragungen auf die eigene Situation. Ich empfehle das Buch für Leser, die nicht alles wissen wollen, sondern lieber deuten oder auch das ein oder andere einfach so stehen lassen.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Das Wandern ist des Vaters Lust

Acht Berge
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und zwar das der ganz sportlichen Art, nämlich das Bergsteigen und deswegen verschlägt es Pietro bereits in jungen Jahren regelmäßig aus dem urbanen Mailand ins ursprüngliche Monte Rosa, wo er mit seinen ...

und zwar das der ganz sportlichen Art, nämlich das Bergsteigen und deswegen verschlägt es Pietro bereits in jungen Jahren regelmäßig aus dem urbanen Mailand ins ursprüngliche Monte Rosa, wo er mit seinen Eltern den ganzen Sommer verbringt. Und bald schon Bruno kennenlernt, der ein ganz anderes Leben führt als er selbst. Nämlich eines, das sich ganz und gar in Grana, einem winzigen Dorf abspielt. Und auch die Familienverhältnisse sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können.

Italien wird hier mal ganz anders präsentiert. Gelati? Strand? Gigolos? Liebesschnulzen? Pizza?
Fehlanzeige! Wenn Sie dieses Italien suchen (und auch finden) wollen, dann ist dies definitiv der falsche Roman für Sie. Aber wenn Sie erfahren wollen, wie Italien auch sein kann sowie ganz andere Italiener als die üblicherweise bekannten kennenlernen möchten, dann sind Sie hier richtig.

Ein stiller Roman? Nein, so empfinde ich eigentlich nur, wenn ihn mit den üblichen Italien-Klischees vergleiche. Er ist nicht laut, aber er ist vor allem kraftvoll und eindringlich in seiner Darstellung des Menschen in der Natur und der gegenseitigen Bedeutung füreinander. Eine wunderbare Sprache ist es, die Paolo Cognetti für seine Schilderungen findet und die auch in der Übersetzung meiner Ansicht nach sehr stark und poetische auf eine klare Art wirkt. Dass dieses Buch 2016 des Premio Strega, des italienischen Literaturpreises für würdig befunden wurde, wundert mich nicht!

Auf jeden Fall ein sehr besonderer Roman, in dem die Frage, ob man eine Wahl hat, wiederholt eine Rolle spielt. Auch Freundschaft, Verpflichtungen, die Wirkung, die Herkunft auf das weitere Leben hat, sowie familiäre Beziehungen spielen eine Rolle. Ein Buch für Freunde anspruchsvoller Literatur, die Lust auf etwas Ungewöhnliches aus Italien haben!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Das Recht, gehört zu werden

Der Frauenchor von Chilbury
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haben im englischen Örtchen Chilbury bisher nur Männer. Naja, nicht nur, aber ohne sie läuft nicht viel und als sie allesamt in den Krieg ziehen, soll sogar der lokale Kirchenchor aufgelöst werden, denn ...

haben im englischen Örtchen Chilbury bisher nur Männer. Naja, nicht nur, aber ohne sie läuft nicht viel und als sie allesamt in den Krieg ziehen, soll sogar der lokale Kirchenchor aufgelöst werden, denn nur ihre Stimmen haben dem Ganzen ein Sinn gegeben.

So heißt es jedenfalls von seiten des Pfarrers und was der sagt, das wird akzeptiert. Oder zumindest hingenommen. Bis Musikprofessorin Primrose aus London in dem Örtchen Zuflucht findet. Schließlich schreiben wir das Jahr 1940, es herrscht Krieg und in London ist es viel zu gefährlich.

Primrose gelingt es, die örtliche Damenwelt aufzuwiegeln und mit dem Frauenchor wächst auch das weibliche Selbstbewusstsein.

Es könnte so schön sein, aber irgendwie hat dieses Buch, das sich durch seinen ungewöhnlichen Stil auszeichnet - es wird aus der Perspektive verschiedener Dorfbewohnerinnen berichtet - meinen Nerv nicht so recht treffen. Irgendwie zieht es sich und dieser kurze Auszug - es geht wirklich nur um das Jahr 1940 - ist auch nicht ganz mein Fall.

Klar, originell ist das Buch und sicher für Engländer auch interessanter als für manchen, der von außen auf die Geschichte schaut. Dennoch, mir ist ziemlich schnell langweilig geworden mit dem Buch, auch wenn einige Seitenstränge durchaus Spannung versprechen - aus meiner Sicht aber nicht halten, da das Buch in vielerlei Hinsicht ein wenig überladen ist und ich nach jeder Pause ganz schön Schwierigkeiten hatte, wieder reinzukommen. So empfehle ich das Buch nur Geschichtsinteressierten mit einer Vorliebe für England!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Die heile Welt, die keine ist

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman
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zeigt uns Petra Piuk in ihrem Abriss über die heile dörfliche Welt in Österreich. Denn ein Roman, wie man sich diesen vorstellt, mit mehr oder weniger übersichtlicher Handlung, ohne störendes Chi-chi, ...

zeigt uns Petra Piuk in ihrem Abriss über die heile dörfliche Welt in Österreich. Denn ein Roman, wie man sich diesen vorstellt, mit mehr oder weniger übersichtlicher Handlung, ohne störendes Chi-chi, statt dessen mit einem oder mehreren überschaubaren Erzählsträngen und jeder Menge Empathie seitens der Autorin für ihre Protagonisten - das ist dies sicher nicht.

Vielmehr eine Entblößung, eine Zurschaustellung, eine Demaskierung. Wobei das Thema ein Klares ist: Toni und Moni wachsen gemeinsam in einem kleinen österreichischen Dorf auf und am Ende kriegen sie sich. Um sie herum ihre Familien, die sie unterstützen. Unterstützen? Hier ploppen schon die ersten Fragezeichen auf, denn vor allem die Väter sind richtige Hassfressen, hat sich die Autorin Petra Piuk da nicht vertan?

Nein, das muss wohl so sein aus ihrer Sicht! Denn dass sie es auf sich genommen hat, dieses mit Sicherheit auch für sie nicht schmerzfreie Buch zu schreiben, das zeigt, das sie wirklich etwas zu sagen, eine wichtige Botschaft zu übermitteln hat.

Und sie verfügt definitiv über das richtige Handwerkszeug: ausgefeilt die Technik, spitz und sarkastisch der Stil. Gerade auch dort, wo es nichts, aber auch wirklich nichts zu lachen gibt, drückt sie nicht etwa auf die Spaßbremse: nein, ganz im Gegenteil.

Die ganze bigotte ländliche österreichische Gesellschaft in ihrer Bandbreite wird dem Leser vorgeführt, ihr Handeln und Tun, vor allem aber auch das, was unterlassen wird. Die Autorin versäumt es nicht, fleißig den Finger auf jede, aber auch wirklich jede Wunde zu legen, auch auf die allereitrigste!

Und gerade das ist es, was manchmal zu viel wird: das Ganze wirkt teilweise wie eine überladene dadistische, expressionistische oder symbolistische Ausstellung, in der sowohl Maler wie Aussteller einfach kein Ende fanden. Scharf ist die Feder, mit der Petra Piuk ihren Roman verfaßt hat und so voller Schmerz, voller Haßliebe, dass sie mich immer wieder an ihren großen Landsmann Thomas Bernhard denken ließ, aber dennoch: hier wäre weniger manchmal mehr gewesen.

Definitiv etwas für Österreicher, die mit ihrem Land abrechnen wollen, denen es reicht, aber auch für alle anderen Leser, die es mögen, wenn Masken heruntergerissen werden - und die hart im Nehmen sind!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Ein rheinischer Entdecker in Peru

Die goldene Stadt
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ist Rudolfo Augusto Berns, ursprünglich aus Solingen, der sich in dem Andenstaat ordentlich ausgetobt hat. Er soll nämlich Machu Picchu, die Stadt der Götter oder hier: die goldene Stadt "in Echt" entdeckt ...

ist Rudolfo Augusto Berns, ursprünglich aus Solingen, der sich in dem Andenstaat ordentlich ausgetobt hat. Er soll nämlich Machu Picchu, die Stadt der Götter oder hier: die goldene Stadt "in Echt" entdeckt haben und nicht etwa der Brite Hiram Bingham. Dies jedenfalls die Theorie - eine von vielen - die Sabrina Janesch in ihrem Roman zum Leben erweckt.

Eine von vielen Theorien, muss man sagen, der sich die Autorin aber so richtig gründlich gewidmet hat. Und glaubwürdig wirkt es definitiv, wirkt all das, was sie schreibt und es ist auf jeden Fall alles sehr, sehr sorgfältig recherchiert.

Das kann ich ganz sicher behaupten, denn ich kenne Machu Picchu und einige der Geschichten um diesen sagenhaften Fund herum (wenn auch nicht die von Berns, denn 2001, als ich diese so faszinierende Stätte besucht habe, war noch nicht die Rede von ihm).

Von der Autorin kenne und liebe ich bereits "Tango für einen Hund, einen Roman, in dem Sabrina Janesch auf genialste Weise Aberwitziges auffährt und literarisch alle Register zieht. Hier ist es eher die historische Sorgfalt und Gründlichkeit, die sie walten lässt, sie schmeisst sich ganz schön rein in dieses historische Genre und beackert es so sorgfältig, dass ihre Biografie des Rudolfo Augusto Berns - denn nichts anderes ist dieses Buch im Grunde - ein paar der Umsicht und Akribie geschuldete Längen aufweist.

Dennoch habe ich es richtig gern gelesen, denn Sabrina Janesch ist eine Autorin, die ihr Handwerk definitiv versteht, in das von ihr Geschriebene kann man sich definitiv reinlegen. Und man sollte sich als Leser vor der Sorgfalt, mit der die Autorin ihres Amtes waltet, verneigen und zwar richtig tief! Hier ist wirklich an alles gedacht worden, wenngleich historische Romane nicht unbedingt das Genre sind, in dem ich ihr eine glorreiche Zukunft prophezeihe!

Trotzdem, die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall: Und die Autorin Sabrina Janesch gilt es, im Auge zu behalten - ich denke, von ihr werden wir noch Großes lesen. Und wenn nicht, dann können wir uns doch auf viel Abwechslung und hochwertige Unterhaltung freuen!